Veröffentlicht in Persönlichkeit

Introvertiert und Introvertiert gesellt sich gern…

Vor kurzem haben mein Mann und ich uns den Dokumentar-Film „Expedition Happiness“ angeschaut. (Dass ich ständig von Dokumentar-Filmen schreibe und rede liegt wahrscheinlich daran, dass ich sie sehr mag. Sorry.) Schon als wir den Trailer im Kino gesehen haben, waren wir begeistert: Ein junges Paar geht auf Reisen, von Nord- bis Südamerika, mit einem umgebauten amerikanischen Schulbus, Hund, und weitestgehend ohne Plan. Sie Entdecken die Schönheit der Natur, kämpfen mit technischen Schwierigkeiten, kulturellen Herausforderungen, erfahren Gastfreundschaft und lernen Neues – nicht zuletzt über sich selbst. Mein Mann und ich sind fasziniert von Menschen, die einfach das machen, wovon sie begeistert sind. Die Risiken eingehen, weil sie von etwas überzeugt sind. Auch hier sind wir wieder erstaunt: Wow, die beiden ziehen das einfach durch! Sie investieren eine Menge Geld in den Bus, bauen ihn komplett selbst um und fahren einfach los – ohne zu wissen, ob sie über die Grenze kommen, ob der Hund die ganze Reisesache mitmacht und so weiter. Dann denken wir ganz unwillkürlich: „Man, wie cool! Warum machen wir sowas eigentlich nicht?“ Wir sind uns einig, dass wir dazu nicht in der Lage wären. Früher waren wir dann ein wenig traurig und dachten, dass wir schlicht nicht mutig genug sind. Heute sehen wir es ein wenig anders…

Ziemlich genau vor einem Jahr haben mein Mann und ich unseren Urlaub in Griechenland verbracht – unser luxuriösester und wohl auch der schönste bisher. Wir konnten hundertprozentig entspannen, abschalten, Sonne baden, spazieren, essen und co. Eigentlich gab es nur eine Herausforderung in diesem Urlaub: Kommunikation. Nein, keine Sorge, nicht unsere Kommunikation miteinander – sondern die mit dem Personal des Hotels. Noch nie hatten wir in einem so schicken Hotel genächtigt und gespeißt. Damit ging allerdings auch einher, dass gewisse Sitten und „Regeln“ herrschten, die uns nicht unbedingt geläufig waren. Keine Frage: Es hat Spaß gemacht, sich für jedes Abendessen schick zu machen, Rotwein zu trinken und zivilisiert mit Kerze auf dem Tisch einander gegenüber zu sitzen. Die Angestellten waren alle sehr freundlich und herzlich. Von einem „steifen“ Hotel kann nicht die Rede sein. Doch woher soll man zum Beispiel wissen, dass man den Wein erst einmal kosten muss, bevor man ein ganzes Glas eingegossen bekommt? Mein Mann bekam einfach einen Schluck eingeschenkt und der Kellner wartete ab. Zum Glück begriff er schnell!

Doch es passierte immer wieder, wenn wir beispielsweise etwas auf der Karte nicht verstanden, an der Rezeption eine Info erfragen mussten oder beim Zimmerservice anriefen, dass wir anfingen darüber zu debattierten, wer dieses Mal dran war, eine möglicherweise dumme Frage zu stellen und Sprachbarrieren zu überwinden. (Okay, im Endeffekt betraf es wohl auch unsere Kommunikation…) Wir taten solche Dinge beide ungern. Und wenn ich allgemein auf unsere Ehe zurückschaue, so ist das diese eine kleine Komplikation, der wir auf Reisen und Ausflügen immer mal wieder gegenüberstehen. Denn nein, wir diskutieren selten darüber, was wir tun wollen – sondern wer die unbeliebte Aufgabe bekommt, mit dem Unbekannten zu sprechen. Am Ende dieses Urlaubs hatten wir fast alles Unbekannte überwunden (bis auf den Spa-Bereich… im Ernst: wer blickt denn da durch, wo man hin muss und was man tun darf? Wir beschlossen, dass wir keine Spa-Menschen sind) und waren uns einige, dass wir unbedingt noch einmal in dieses Hotel fahren müssten – jetzt kannten wir uns schließlich aus! Ja, so sind wir. Und seit diesem Urlaub ist mir auch klar wieso: Wir sind beide introvertiert. Und das ist okay so. Manchmal ist uns das nicht so bewusst, dass das okay ist.

Bereits hier habe ich darüber geschrieben, was es für mich bedeutet, introvertiert zu sein. Und noch immer wundere ich mich manchmal über mich selbst und mein Verhalten. Hin und wieder bin ich versucht zu glauben, dass das extrovertierte Verhalten das „Normale“ wäre, das, was eigentlich alle tun. Dass es normal ist, einfach irgendwo anzurufen ohne Angst zu haben. Dass es normal ist, den Kellner darum zu bitten, ein Gericht auf der Karte zu erklären, auch wenn notfalls dabei Hände und Füße eingesetzt werden müssen. Sich bei einer Veranstaltung mitten ins Geschehen zu schmeißen statt erst einmal beobachtend am Rand zu stehen. Wenn man die Wahl hat, doch immer lieber Zeit mit Freunden und Familie verbringen zu wollen statt mit Kaffee und Buch auf einer Couch. Für viele Menschen ist das normal. Aber für einen introvertierten nicht unbedingt.

Ja, manchmal erweist es sich als kleine Komplikation, dass mein Mann und ich beide so ticken. („Ich dachte, wir hatten eine Vereinbarung: Ich schreibe die E-Mails und Postkarten und du tätigst dafür die Anrufe!“ „Nein, die Vereinbarung beinhaltete nur, dass du die E-Mails und Postkarten schreibst…“) Aber oft ist es auch ein Segen. Denn was wir dadurch besonders gut können ist das sogenannte „Co-Existieren“. So nenne ich es, wenn ich zwar mit jemandem zusammen bin – in der gleichen Wohnung, oder sogar im gleichen Raum – aber jeder sein Ding macht, egal ob arbeiten oder entspannen. Zusammen allein sein, sozusagen. Meinem Mann und mir fällt es nicht schwer, uns gegenseitig den Freiraum zu geben, den wir brauchen. Manchmal kommen wir von einer aufwühlenden Veranstaltung nach Hause und sind uns schnell einig: erst einmal Allein-Zeit. Manchmal entspannen wir dann gemeinsam auf dem Sofa, manchmal schaut der eine aber auch Fernsehen während der andere im Nebenraum ein Buch liest oder (seien wir realistisch) auf dem Handy herumscrollt. Deswegen ist Urlaub machen mit meinem Mann auch so schön. (Co-Existieren funktioniert aber übrigens auch super mit Freunden, Geschwistern, …)

Doch dann sind sie da wieder: die Vergleiche. Dieses Pärchen ist immer auf Achse! Wie machen die das – die Welt bereisen und bei fremden Menschen übernachten? Und nicht nur als Paar überkommen uns ab und zu die Zweifel. Bin ich nicht widersprüchlich, wenn ich mich immer wieder auch bewusst zurückziehe, irgendwo heraushalte und auf der anderen Seite im sozialen Bereich sehr aktiv bin und ab und zu auch mal vorn oder im Mittelpunkt stehe? Diesem Trugschluss bin ich eine gewisse Zeit lang erlegen. Ich glaubte, dass eine der beiden Seiten wohl künstlich aufgesetzt sein müssten. Dass es nicht „echt“ ist, wenn ich (mal ausnahmsweise) guten Small Talk führe und mich offen und lustig in Gruppengesprächen einbringe. Mein Mann lobt mich immer mal wieder dafür, wie gut und versiert ich am Telefon sprechen würde. Doch ich denke mir: Neeein, dafür will ich nicht gelobt werden… denn es kostet auch Anstrengung.

Doch da ist der feine, aber bedeutende Unterschied: Sozial ist nicht gleich extrovertiert. Sozial kann jeder sein. Dem einen schenkt es zusätzliche Energie, den anderen kostet es ein wenig – und er muss in der Einsamkeit wieder auftanken. Beide können Freude daran haben. Doch wenn es eher niemandem Freude bereitet (wie zum Beispiel unliebsame Behördentelefonate) dann bedeutet es für den Introvertierten trotzdem mehr Überwindung.

Dieser Verwechslung von sozial und extrovertiert begegnen wir auch als Paar immer einmal wieder. Wir haben viele Kontakte, die wir pflegen möchten. Doch unsere persönlichen Grenzen zeigen uns immer wieder, dass Qualität vor Quantität geht. Wir mögen spontane, intensive eins zu eins Gespräche. Wir mögen länger geplante Verabredungen, auf die wir uns einstellen können. Doch ständige Treffen nur um des Treffens willens – weil es „komisch“ wäre, wenn man sich nicht so oft sehen würde – hinterfragen wir manchmal. Wir achten darauf, dass sie nicht dann stattfinden, wenn unsere Energietanks schon fast leer sind, denn dann hätte niemand einen Gewinn davon.

Mir ist erneut bewusst geworden, wie sinnlos es ist sich zu vergleichen. Sowohl als Paar als auch als Individuum. Gott hat uns so unterschiedlich gemacht und das fasziniert mich. Es macht keinen Sinn, wenn mein Mann und ich unbedingt so sein wollen wie das Paar in „Expedition Happiness“ (oder ein Paar im Freundes- und Bekanntenkreis). Denn wenn wir ein wenig tiefer in uns hineinhorchen merken wir schnell, dass wir das eigentlich gar nicht wollen und unsere Berufung eine ganz andere ist. Verschiedene Persönlichkeitsstrukturen sind spannend und ermöglichen so viele verschiedene Talente und Wege!

Und um keine Verwirrung zu stiften: Introvertiert und extrovertiert gesellt sich natürlich auch sehr gern. Genauso wie extrovertiert und extrovertiert. Und ich möchte auch nicht ausschließen, dass Introvertierte auf Weltreise gehen… Wichtig ist, dass wir wissen wie wir selbst, unsere Partner, Familie und Freunde ticken. Denn dann können wir unsere und ihre Bedürfnisse erkennen, auf sie eingehen und Enttäuschungen vorbeugen. Und vor allem: aufhören mit dem Vergleichen.

Constanze

(photo by ranjatm)

5 Kommentare zu „Introvertiert und Introvertiert gesellt sich gern…

  1. Hallo liebe Constanze, ich finde deine sehr persönlichen Gedanken zu diesem Thema sehr spannend… Obwohl mich andere Menschen – glaube ich – nicht so einschätzen würden, sehe ich mich eher als introvertiert. Schon aus dem Grund, dass ich auftanke, indem ich allein bin, Zeit und Ruhe habe. Ich liebe das Kontaktepflegen, aber ich brauche danach immer wieder einen Ausgleich. Nach einem Gespräch geht mir oft noch einiges nach und ich kann z.B. nicht nach einem Treffen nach Hause kommen und gleich schlafen gehen. Was den Urlaub angeht: Mein Mann ist ganz anders gestrickt als ich. Er liebt es, Neues zu entdecken, während ich das Bekannte mag. Im Laufe der Jahre haben wir uns aufeinander zu bewegt und schaffen es in der Regel, Urlaub zu „stricken“, die für uns beide passen. Etwas Bekanntes, etwas Neues… Und die Kinder haben auch ihre Bedürfnisse. Beim Lesen habe ich mich an eine Situation erinnert, als wir damals nur als Paar unterwegs in Kroatien waren. Wir wollten ein Boot leihen und ich sollte das klar machen. Während ich in der Schule Englisch-LK gehabt hatte, hat mein Mann in der Schule Russisch als einzige Fremdsprache gehabt und sich selbst noch drei Brocken Englisch beigebracht. Für ihn wäre es kein Problem gewesen, mit diesen drei Brocken dort hinzugehen und loszulegen, während ich erstmal 10 Minunten überlegte, wie ich mein Anliegen jetzt formuliere und es hat mich echt Überwindung gekostet, zu sprechen. Wenn ich es mir recht überlege, ist es ganz gut, wenn mein Mann manchmal sagt: „Das kannst du doch regeln,“, denn hinter einem Extrovertierten kann man sich super in seiner Komfortzone verstecken und ihn immer vorschicken 🙂 Etwas zu wagen tut mir gut und inzwischen sage ich auch manchmal bewusst: „Das regel ich jetzt allein.“ Dadurch hab ich einiges gelernt und bin heute viel weniger unsicher z.B. in Telefonaten oder anderen Gesprächen. Jede Beziehung hat ihre Herausforderungen 🙂 Insgesamt glaube ich auch, dass es viel mehr gibt als nur „introvertiert“ oder „extrovertiert“, ich stelle mir das eher als die beiden Enden einer Skala vor und jeder Mensch hat seinen Bereich, indem er sich bewegt. Und jeder hat seine eigenen und ganz unterschiedlichen Herausforderungen… Liebe Grüße, Martha

    1. Danke, Martha, fur deine Gedanken!! Schön, auch von deinen persönlichen Erfahrungen zu lesen. 🙂
      Die beiden Enden einer Skala finde ich ein gutes Bild, ich glaube auch, dass das eher nur zwei Wörter sind hinter denen noch viel mehr, differenziertes steckt.
      Mit dem Verstecken geb ich dir absolut Recht! Diese Gefahr sehe ich bei mir auch. Meine beste Freundin zum Beispiel ist eher extrovertiert und wenn wir zusammen unterwegs sind überlasse ich ihr auch immer gern das Reden. 😉 Ich denke aber auch, das Telefonate und Co. „Erlernbar“ sind. Ich fühle mich immer echt gut, wenn ich erst ewig lang ein Telefonat aufgeschoben habe und mir dann plötzlich sage: „So, jetzt machst dus einfach. Ohne denken.“ 😉 und dann einfach machen. Und klappt ja dann auch meistens ganz gut…
      Ach ja und das mit dem Englisch sprechen kenn ich auch nur zu gut… Offiziell kann ich das nämlich eigentlich auch ganz gut, aber irgendwie muss ich mich dennoch immer erst einmal überwinden und reinkommen.
      Ganz liebe Grüße! Constanze

  2. Hi Constanze,
    so gut! Das Thema finde ich auch sehr spannend. Weil es mich immer wieder beschäftigt, dass ich mich mit anderen vergleiche und mich selbst analysiere, um ja auch authentisch zu bleiben. Was mir inzwischen aber nicht mehr so wichtig ist. Von anderen lerne ich gern, wie man seine Introversion herausfordern kann, aber auch, dass es okay ist, sich darin zurückzuziehen, wenn man dadurch nicht jeden Kontakt zur Außenwelt verliert. Muss ich meinem Mann z B zugestehen, dass er introvertierter ist als ich dachte und sich lange Phasen, in denen er lieber allein ist, mit kurzen „cool, was Neues erleben!“-Momenten abwechseln. Die greif ich dann gern beim Schopf, wie zum Beispiel heute bei unserer Radtour mit Freunden. Sich und sich als Paar anzunehmen, wie man da tickt, entlastet irgendwann einfach. Besser als Konflikte immer neu auszutragen 🙂 das Telefonproblem haben wir übrigens auch – weil mein Mann ein bisschen stottert. Ich war lange so aufgeregt vor Telefonaten. Aber durch sein Problem trau ich mich jetzt doch und mag es sogar schon fast. Muss ja auch mit Kunden telefonieren und finde das inzwischen sogar recht spannend. 🙂 So ne Entwicklung zu sehen ist voll schön!
    Liebe Grüße!

    1. Hey Anne! Vielen Dank für deine persönlichen Gedanken dazu! 🙂 Ich finde das wirklich spannend, auch die Erfahrungen anderer Paare dazu zu hören. Total cool, wie du da schon dazu lernen und dich weiterentwickeln konntest. Ich merke auch, wie ich in meinem Leben beruflich schon sehr gepusht, ja sozusagen „gezwungen“ wurde, mich in dieser Hinsicht weiterzuentwickeln, auch was zum Beispiel Telefonate angeht. Und das finde ich total befreiend zu wissen, dass man eben nicht gezwungen ist, nur „in der eigenen Suppe“ zu schwimmen, sondern eben auch daraus ausbrechen kann. 🙂 Und genau, es gleichzeitig zu akzeptieren wenn man aber doch Rückzugszeiten braucht.
      Ganz liebe Grüße! Constanze

  3. Liebe Conny, das hast du wieder sehr schön geschrieben. Ich habe letztens auch so einen Film geschaut wo ein Pärchen um die Welt gereist ist und sogar noch ein Kind bekommen hat zwischendurch, das hat mich total fasziniert. Ich könnte das ebenso wenig und bin schon froh meine zwei Fremdsprachenassistenzen in Belgien gut hinbekommen zu haben. Ich reise auch unheimlich gern und entdecke Neues aber so etwas ganz Ungewisses wäre glaube ich auch nichts für mich. Und das Thema vergleichen ist bei mir auch immer aktuell…so viele meiner Freunde haben entweder Work and travel in Australien/Neuseeland oder sonstwo gemacht oder sind ein Jahr in eine kulturell ganz andere Gegend gegangen. Dann fühlt man sich manchmal so spießig oder unwissend, wenn man selbst noch nie auf einem anderen Kontinent war. Aber man kann ja auch nicht immer alles gleichzeitig machen und ich hoffe, dass ich später auch noch ganz viele tolle Länder kennen lerne 🙂 Ich finde es auf jeden Fall toll dass du mit deinem Mann so gut Zeit verbringen kannst und ihr euch da sehr einig seid.
    Liebste Grüße, Elisa

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