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Woran ich erkenne, dass ich introvertiert bin – Introvertiert #2

Wenn ich Definitionen über Introversion im Internet, in Büchern oder Zeitschriften lese, kann ich mich mit vielem identifizieren und häufig innerlich zustimmen. Andere Aspekte sind wiederum nicht so stark bei mir ausgeprägt. Ein Großteil der Beschreibungen passt zu mir, aber es ist klar, dass ich meine ganz individuelle Introversion habe, die nicht einem vorgegebenen Schema F folgen kann. Dennoch möchte ich als Einleitung in diesen zweiten Teil meiner Blogreihe zwei verschiedene Definitionen von Introversion mit euch teilen. (Falls du den ersten Teil noch nicht gelesen hast, kannst du das hier nachholen.)

Wikipedia definiert wie folgt:

„Introversion ist der Gegenpol zu Extraversion. Introvertierte Charaktere wenden ihre Aufmerksamkeit und Energie stärker auf ihr Innenleben. In Gruppen neigen sie eher zum passiven Beobachten als zum Handeln und werden häufig als still, zurückhaltend und ruhig beschrieben. Introversion ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Schüchternheit. So gibt es schüchterne Extrovertierte und nicht-schüchterne introvertierte Personen.“
(https://de.wikipedia.org/wiki/Introversion_und_Extraversion)

Debora Sommer schreibt in ihrem Buch „Die leisen Weltveränderer“ unter anderem:

„‚Introvertiert‘ bezeichnet die Art und Weise, wie ein Mensch seine Umwelt wahrnimmt und sein Leben innerlich bewältigt. Wörtlich bedeutet introvertiert ’nach innen gewandt‘ und extrovertiert ’nach außen gewandt‘.“ Introvertierte verarbeiten „Erlebtes bevorzugt im Verborgenen, ganz für sich allein. Extrovertierte hingegen verarbeiten Dinge, in dem sie sie nach außen tragen und sich mit anderen Menschen austauschen. Während Extrovertierte ihr Herz auf der Zunge tragen, halten sich Introvertierte mit ihren Gefühlen und Äußerungen oft zurück. Sie geben nur zögerlich Dinge von sich preis. Dies verleiht ihnen oft etwas Geheimnisvolles. Sie sind schwer einzuordnen und man weiß nicht so genau, was sie tief in ihrem Innersten wirklich denken.“ (Sommer, 2018: S. 29 f.)

Introversion im Alltag

Über die vergangenen Wochen habe ich in meinen Handy-Memos hin und wieder Situationen abgespeichert, in denen mir introvertiertes Verhalten an mir selbst auffiel. Darum folgt nun meine eigene, alltagsnahe, unvollständige Definition anhand von zehn Beispielen.

Mich interessiert: Worin erkennst du dich wieder? Was ist bei dir ganz anders? In meinem introvertierten Verhalten zeigen sich natürlich auch meine ganz persönlichen Interessen und Vorlieben. Vielleicht kannst du dennoch im Kern der Verhaltensweisen Ähnlichkeiten finden oder andere introvertierte Menschen dadurch besser verstehen.

1. Nach sozialen Events muss ich mich in gewisser Weise immer ausruhen.

Je nachdem wie lang es angedauert hat, wie viele Menschen beteiligt waren, wie viele Unterhaltungen ich geführt habe, um was sich diese Unterhaltungen drehten… je nachdem variiert, wie lange ich mich danach erst einmal zurückziehen muss. Ich kann mir vorstellen, dass das für den ein oder anderen negativ klingen muss – als wären Menschen für mich pure Anstrengung. Aber einerseits variiert die Anstrengung wirklich sehr stark, je nach dem von welchen und wie vielen Menschen ich umgeben bin. Und andrerseits ist etwas, das anstrengend ist, ja nicht automatisch etwas Schlechtes, oder? Ich tanke Energie in der Einsamkeit und ich verliere sie im Zusammensein mit anderen Menschen. Das ist weder gut noch schlecht, sondern schlichtweg eine Eigenschaft auf die ich Acht geben muss. Ich muss aktiv für einen gelingenden Ausgleich zwischen Gemeinschaft und Einsamkeit sorgen.

2. Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt, obwohl ich hin und wieder genau dies tue.

Manchmal begebe ich mich sogar bewusst und freiwillig in Bühnen-Situationen. Ich stelle mich für all die Dinge und Tätigkeiten vor viele Leute, von denen ich persönlich überzeugt bin und die mir Freude machen. Ich habe meine mehr oder weniger funktionierenden Techniken, um mit Aufregung umzugehen. Ein Stück weit nehme ich sie einfach in Kauf. Ich kenne Bühnen seit ich klein bin, vor allem in musikalischer Hinsicht, und habe mich an sie gewöhnt. Den Fakt, dabei im Mittelpunkt zu stehen, mag ich dennoch nicht. Als Kind musste ich es erst einmal lernen, mich nach meinen Auftritten bei Musikschulkonzerten zu verbeugen und den Applaus auszuhalten. Sehr überzeugend war ich dabei wohl eher nicht. Dieses ganze Social Media/Blogger-Spielchen fällt mir ebenso schwer – nicht das Verfassen und Veröffentlichen der Texte an sich. Aber wenn es darum geht, eigene Texte zu bewerben, fühlt sich das jedes Mal wie eine kleine Mutprobe an. Wer bin ich, andere Leute auf mich aufmerksam zu machen? Meist möchte ich einfach nicht großartig auffallen, weder in positiver noch in negativer Hinsicht.

3. Ich liebe es, andere Menschen zu beobachten.

Genau in diesem Moment sitze ich in meinem Lieblingscafé an einer strategisch günstigen Position, von der aus ich den perfekten Überblick über das Café und die Straße vor den großen Fenstern habe. Schräg vor mir unterhalten sich zwei junge Frauen über berufliche Herausforderungen und den schlechten Stand von Krankenschwestern im Krankenhaus. Es ist die perfekte Distanz, damit ich ein wenig lauschen könnte, wenn ich wollte, aber auch so tun kann, als würde ich nichts mitbekommen. Manchmal überlege ich, was die beobachteten Personen wohl für ein Leben führen und wie es ihnen geht. Interessant wird es, wenn ich mit meinem Mann außerhalb essen gehe, denn er beobachtet mindestens genauso gern wie ich. Meist steuern wir intuitiv den gleichen Tisch an. Wenn für unser Beobachtungsbedürfnis kein passender Tisch frei ist, stehen wir erst einmal unschlüssig herum und wägen ab. Und nicht zu vergessen der Kampf um den besten Beobachtungsposten am Tisch selbst! Aber keine Sorge, der geht meist friedlich aus.

4. Ich telefoniere nicht gern mit Fremden oder wenn ich nicht weiß, um was es geht.

Deshalb: Wenn du mich telefonisch einmal nicht erreichen solltest, bitte, hinterlasse mir eine Nachricht auf der Mailbox! Sonst werde ich höchstwahrscheinlich nicht zurückrufen. Prinzipiell ist das Telefon ein Gerät, zu dem ich ein ambivalentes Verhältnis habe. Natürlich gehe ich bei der Arbeit auch dann ans Telefon, wenn ich nicht weiß wer dran ist. Ich habe das gelernt und eine gewisse Neutralität dazu entwickelt. Aber ich empfinde keine Freude beim Ertönen des Klingeltons. Ich bevorzuge eine echte oder schriftliche Konversation immer gegenüber einem Telefonat. Bei einer echten Unterhaltung kann ich die Körpersprache und nonverbale Interaktion mit einbeziehen. Bei schriftlichen Nachrichten kann ich in Ruhe darüber nachdenken, was ich sagen möchte. Telefonieren ist für mich ein merkwürdiges Mittelding und somit in vielen Fällen nur ein notwendiges Übel. Pizza bestelle ich auf jeden Fall online. Danke, Internet.

5. Ich glaube, dass ich auf schriftlichem Weg am besten das ausdrücken kann, was ich ausdrücken will.

Mündlich kann ich mich unter bestimmten Umständen von anderen unter Druck gesetzt fühlen und dann fehlen mir die Worte. Mündliche Prüfungen waren ein Graus für mich und Aufsätze gehörten zu den wenigen Dingen in der Schule, die mir sogar ein bisschen Spaß gemacht haben. Heute sind es hauptsächlich E-Mails, Tagebucheinträge und Blogposts. Wenn ich schreibe, fühle ich mich unbeobachtet und kann ganz ich selbst sein. Debora Sommer schreibt dazu: „Speziell ist, dass Introvertierte zwar Meister der Beobachtung sind, aber dass viele von ihnen selber nervös werden unter Beobachtung. So können sie ihre Leistung manchmal nicht abrufen, wenn sie sich beobachtet fühlen. Introvertierte können dann am besten etwas oder jemanden beobachten, wenn niemand eine Reaktion oder Interaktion von ihnen erwarten.“(Sommer, 2018: S. 90)

6. Sobald ich einen Buchladen betrete, spüre ich ein Stück weit Ruhe und Frieden.

Das Gefühl, dass alle Menschen hier sind, nur um sich mit Büchern zu beschäftigen, lässt mich entspannen. Häufig verbringe ich sogar meine Mittagspause zwischen Büchern. Ich wünschte, ich würde noch viel mehr lesen und im Endeffekt kaufe ich auch selten etwas. Aber manchmal reicht schon das Hineinblättern und Aufschnappen weniger Zeilen eines interessanten Buches, um mich inspiriert zu fühlen.

7. Ich fühle mich recht unzulänglich, wenn es um meine Gastgeberqualitäten geht.

Gerade als Christ beschleicht einen hin und wieder das Gefühl, dass man unbedingt ein guter Gastgeber sein und eine stets offene Tür haben muss. Doch ich glaube, dass dies eine Gabe ist, die nicht jedem zu 100% gegeben ist. Mir jedenfalls nicht. Zum Beispiel: Ich glaube, dass ich eigentlich ganz gut kochen kann. Ich koche sehr gern allein, um einen Abend entspannt ausklingen zu lassen, und weitestgehend improvisiert. Beim Essen zu Improvisieren ist für mich auch eine Art und Weise, Kreativität auszuleben. Dabei habe ich Musik oder ein Hörbuch im Hintergrund laufen und vielleicht steht sogar ein Glas Rotwein bereit, an dem ich hin und wieder nippe. So könnte ein perfekter Freitagabend für mich aussehen. Und dabei entstehen die besten Gerichte! Warum? Weil ich völlig entspannt und frei von Druck bin. Sobald ich für mehr Leute kochen muss, habe ich Angst, beim Improvisieren zu versagen. Dann halte ich mich an ein Rezept und das ist okay – macht mir aber nur noch halb so viel Spaß. Wenn die Gäste da sind, mache ich mir sehr viele Gedanken darüber, ob sie sich auch wohlfühlen. Außerdem hat die Gabe der Gastgeberschaft häufig etwas mit der Gabe des Small Talks zu tun, die mir ebenso wenig natürlich gegeben ist. Nichtsdestotrotz: Ich arbeite daran. Meine Small Talk – Fähigkeiten werden besser. Und das Kochen lässt sich bei Frühstücks- und Kaffeetrinken – Einladungen ganz leicht umgehen….

8. Ich liebe kleine, süße Cafés mit Charme und Charakter…

… und ich besuche sie auch gern einmal allein – zum Lesen, Schreiben, Arbeiten, Planen. Ähnlich wie in Buchläden herrscht dort eine Atmosphäre, die meinem introvertierten Gehirn gut tut. Ich bin anonym unter anderen Menschen. Jeder macht sein Ding, aber ich hätte theoretisch immer etwas zum Beobachten. Eine meiner absoluten Leidenschaften ist es, neue Cafés auszutesten. Dabei gibt es ein kleines Problem: Ich habe ein wenig Angst davor, allein ein mir unbekanntes Terrain zu betreten. All diese Ungewissheiten! Sind die Leute nett? Kommt die Bedienung an den Tisch oder soll man sich selbst bedienen? Sind die Preise akzeptabel? Ich kann ja schließlich nicht hineinmarschieren, mir die Preistafel ewig lang anschauen und dann wieder gehen, wenn es mir zu teuer ist. Wie unhöflich! Und das Café darf auch nicht zu klein sein, damit ich nicht auf einmal die einzige Besucherin bin. Dann könnte ja jeder mich beobachten. Herzlich willkommen im Kopf einer Introvertierten. Ähnliche Probleme gibt es übrigens auch in anderen kleinen Läden, in denen ich noch nie war und die Verkäufer einen sofort bemerken. Ab und zu überwinde ich mich und schaffe es auch allein. Aber neue Cafés teste ich eigentlich nur noch in Begleitung aus. Wenn ich mich allerdings einmal wohlfühle, bleib ich treu und komme immer wieder zurück – auch allein.

9. Ich langweile mich sehr selten, weil ich mich praktisch immer mit mir selbst beschäftigen kann.

Aufgrund des sehr komplexen Innenlebens introvertierter Menschen gibt es quasi immer etwas „zu tun“. Nur sieht das „tun“ etwas anders aus, als viele Extrovertierte sich das vielleicht vorstellen. Es ist viel mehr auf die eigene Gedankenwelt ausgerichtet. Es besteht aus Stille, Lesen, Schreiben, Recherchieren, Forschen, Analysieren, Podcasts, YouTube-Videos, sich selbst etwas neues beibringen, kreativem Schaffen, Spazieren gehen, Tagebuch schreiben, Musizieren und vielem mehr, je nach Interesse.

10. Soziale Aktivitäten müssen bei mir mit einem persönlichen Herzensanliegen verbunden sein, sonst sind sie eine sehr große Anstrengung für mich, die ich nur punktuell, aber nicht dauerhaft ertragen kann. 

Auf diesen letzten Punkt (welcher übrigens stark mit Punkt 2 zusammenhängt) möchte ich noch einmal Gewicht legen. Es ist mein persönlichster und beinhaltet eine der größten Erkenntnisse, die ich in den letzten Jahren hatte. Wenn ich dauerhaft etwas Soziales tun muss, was mir persönlich nicht am Herzen liegt, gehe ich langsam aber sicher kaputt. Je nachdem wie viel Raum diese Tätigkeit einnimmt, hat dies immensen Einfluss auf mein Wohlbefinden und meinen ganzen Alltag. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Art des „kaputt gehens“ für manche Menschen auch in eine ernsthafte Depression münden kann. Dauerhaft in einer Tätigkeit mit Menschen zu sein, die nicht meinem Wesen und meinen Überzeugungen entspricht, lässt mich eingehen wie eine Pflanze die am falschen Standort steht. Dies ist insbesondere beruflich für mich relevant, da ich soziale Arbeit zu meinem Beruf gemacht habe. Das bedeutet allerdings nicht, dass mir jede Tätigkeit in diesem Bereich am Herzen liegt. Diese Erkenntnis lässt mich ebenso vorsichtig sein in der Wahl meiner ehrenamtlichen Aktivitäten. Punktuell kann ich natürlich Dinge tun, die nicht direkt meinem Wesen entsprechen. Aber ich muss aufpassen, um wie viel Zeit es sich dabei handelt und gesunde Grenzen setzen.

Die andere Seite dieser Medaille ist folgende…

Wenn mir einmal etwas am Herzen liegt, blühe ich auf und gebe mein Bestes. Dann bin ich all-in und nehme es in Kauf, auch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Und ja, dann wirke ich oft sehr extrovertiert. Ich zeige meine erlernten extrovertierten Fähigkeiten und habe so richtig Spaß bei der Sache. Unter Umständen kann ich sogar die verrückteste, lauteste Person in einem Raum sein! Und da das genau die Tätigkeiten sind, die für andere Menschen sichtbar sind, glauben viele, dass ich in meinem Wesen tatsächlich extrovertiert bin. Dass ich immer und ständig und dauerhaft gern Kontakt mit Menschen habe. Das ist der Trugschluss, über den ich bereits im ersten Teil dieser Reihe geschrieben habe.

Es gibt noch so viel, das ich erwähnen könnte, aber hier setze ich vorerst einen Punkt. Möglicherweise klingen viele dieser Punkte für dich nach Eigenschaften, die mit Angst und Unsicherheit verbunden sind und somit lediglich nach einer Schwäche aussehen. Darauf möchte ich in den kommenden Texten noch näher eingehen. Introvertiertheit ist eine Eigenschaft, die schnell mit Schwäche assoziiert wird, doch das ist Quatsch. Sie ist gleichermaßen mit Stärken und Schwächen verbunden wie Extrovertiertheit, nur dass die Stärken manchmal unter der Oberfläche verborgen bleiben.

Seitdem ich bewusster mein introvertiertes Verhalten wahrnehme, kann ich auch bewusster damit umgehen. Wenn ich mich gestresst fühle, denke ich weniger schnell ‚Mensch, warum bin ich grad so komisch drauf…‘, sondern eher ‚Achtung, Constanze, ich glaub, du brauchst mal wieder etwas Zeit für dich.‘ Ich kann Unsicherheiten besser einordnen, ohne mich selbst fertig zu machen und sowohl introvertiertes als auch extrovertiertes Verhalten gezielter einsetzen. Fühl dich ermutigt, dich ebenso einmal genauer zu beobachten. Was fällt dir auf?

Constanze

Buchzitate: Sommer, Debora (2018): Die leisen Weltveränderer. Von der Stärke introvertierter Christen. Holzgerlingen: SCM Hänssler.

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Einfach ruhig, oder was? – Introvertiert #1

„Du bist schon eher so ne Ruhige, oder?“ sagt meine neue Arbeitskollegin. Ich kenne sie erst wenige Wochen. Einerseits schätze ich ihre direkte Art – sie beobachtet, sie fragt nach. Logisch, oder? Andrerseits ploppen mir zig verschiedene Antwortmöglichkeiten in den Kopf und ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Ich muss daran denken, wie ich mich mit engen Freunden und meiner Familie verhalte und denke „Nein, ich bin eine Quasselstrippe“. Dann plötzlich sitze ich in einem Klassenzimmer in meiner Schulzeit und melde mich nicht, obwohl ich die Antwort weiß. „Ja, doch, ich bin schon sehr zurückhaltend.“ Ich gehe noch ein Stück zurück und denke daran, wie ich als Kind beim Spazieren gehen mit zwanzig Metern Abstand den anderen hinterhergetrottet bin, um in meinen Traumwelten zu schweben. „Oh ja, ich bin sehr ruhig!“ Dann wiederum sehe ich mich albern tanzend und singend auf Hochzeiten. „Na ja, ich kann schon auch mal im Mittelpunkt stehen…“ Doch nach solchen Aktionen lande ich erschöpft auf der Couch und will erst einmal mit keiner Menschenseele etwas zu tun haben.

Ich entscheide mich für die Antwort „Joa, schon“ und belasse es dabei. Ich schiebe mich selbst in diese Schublade hinein und hoffe, dass ich dort in Ruhe gelassen werde. Schade, aber in diesem Moment hielt ich es für den einfacheren Weg.

Ruhig und schüchtern

In meiner Kindheit war ich definitiv zurückhaltend und in vielen unbekannten Situationen ruhig und schüchtern. Nur meine Familie und gute Freunde kannten die aufgedrehte Version von mir. Dann habe ich Spiele angeführt, mir Zirkusstücke ausgedacht und als Lehrerin meiner zwei Jahre jüngeren Schwester und Cousine meine Erkenntnisse aus der 1. Klasse gelehrt. Doch wenn ich in unbekannte, neue Situationen mit vielen Menschen kam, blieb ich lange auf meinem Beobachtungsposten. Fremde Menschen anzusprechen, viel mir schwer. In Gruppen äußerte ich mich nur, wenn ich mich wirklich wohlfühlte. Umso älter ich wurde, umso mehr wollte ich jedoch dazugehören. Ich hatte es leid, auf Freizeiten, im Teenkreis oder in der Klasse die leise, stille Maus zu sein, die sich nichts traut. Ich glaubte, dass die Schüchternheit ein Mangel ist, der schlicht behoben werden müsste. Nichts wollte ich verpassen und überall dazugehören. Dadurch perfektionierte ich die Fähigkeit der Anpassung, die bis heute eine meiner größten Stärken und Schwächen zugleich ist.

Introvertiert und sozial – ein Widerspruch?

In gewisser Weise war es gut, dass ich der Schüchternheit den Kampf ansagte. Heute bin ich es viel weniger und durfte an Mut und Selbstbewusstsein dazugewinnen. Doch umso mehr ich mir bewies, dass ich nicht schüchtern sein muss, umso mehr verfiel ich dem Trugschluss, dass ich nun auch eine total extrovertierte Persönlichkeit bin. Das wiederum widersprach dem Fakt, dass ich nach wie vor schlecht darin war, auf fremde Menschen zuzugehen, mich von lauten Persönlichkeiten einschüchtern ließ usw. Ich verstand mich selbst nicht mehr.

Dieses Gefühl verstärkte sich nur noch mehr, als ich einen sozialen Berufsweg einschlug. Nun kam der nächste Trugschluss dazu: Wer sozial ist, ist automatisch extrovertiert. Wer gut mit Menschen kann, kann ja schließlich nicht introvertiert sein, oder? Erst Jahre später stellte ich fest, dass ich mir viele dieser typisch extrovertierten, sozialen Fähigkeiten erarbeitet hatte. Mein Interesse für Menschen, ihre Stärken und Schwächen, ihre Probleme, Krisen und Persönlichkeiten war schon immer da gewesen. Ich habe schon immer gern meine Freundinnen beraten, mit Kindern und später Jugendlichen gearbeitet. Aber den Mut, auf Menschen zuzugehen, vor Gruppen zu sprechen, mit Fremden zu telefonieren und vieles mehr, bedurfte dem Sprung ins kalte Wasser und viel Erfahrung. Ich hatte von Natur aus eine feine Wahrnehmung für soziale Zusammenhänge, aber um damit in sozialen Berufsfeldern bestehen zu können, musste ich immer häufiger so tun, als wäre ich extrovertiert. Sozusagen für kurze Zeit eine Rolle spielen. Heute lobt mich mein Mann dafür, wie versiert ich am Telefon spreche oder Freunde beobachten, wie ich munter mit jemandem small talke. Telefoniere ich deswegen gern? Fällt mir Small talken also leicht? Ganz klar: Nein.

Raus aus der Schublade

Mir bereitet es viel Freude, mich mit Persönlichkeitsmerkmalen und den verschiedenen Charakteren von uns Menschen auseinanderzusetzen. Ich bin der Überzeugung, dass uns ein Verständnis über unsere Unterschiedlichkeit dabei helfen kann, einander besser zu verstehen, Vorurteile aufzuklären und letztendlich einander besser zu lieben. Momentan lese ich das Buch „Die leisen Weltveränderer – von der Stärke introvertierter Christen“ von Debora Sommer und setze mich verstärkt mit dem Unterschied Introvertiert/Extrovertiert auseinander. Dadurch fällt mir immer häufiger im Alltag auf, wenn sich verschiedene Verhaltensweisen meinerseits auf meine Introversion zurückführen lassen. Und doch zeigt sich jede Introversion, jede Extroversion auch auf verschiedene Weise und nicht zwingend dauerhaft.

Ich bin ein introvertierter Mensch. Nicht immer, nicht durchgehend, aber im Grunde meines Wesens schon. Darüber habe ich bereits hier oder hier geschrieben. An diesem Tag auf der Arbeit, als mich meine Arbeitskollegin mit meiner ruhigen Art konfrontierte, habe ich mich einem Klischee gefügt. Doch so sehr würde ich mir wünschen, dass wir einen differenzierteren Blick auf diese Wesenszüge haben könnten. Und noch viel mehr, als dass ich von anderen Leuten in Schubladen gesteckt werde, tue ich es mit mir selbst. Ich will mich selbst möglichst einfach verpacken, damit ich mich möglichst einfach präsentieren kann. Ich habe Angst davor, widersprüchlich zu wirken und den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen. So, jetzt hab ich’s gesagt. Und ich wage zu behaupten, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht.

Einzigartig und komplex

Die Erwartungen anderer nicht als meinen persönlichen Maßstab anzuerkennen, ist ein Prozess in meinem Leben, in dem ich mich schon jahrelang befinde. Und weil mir das Schreiben schon immer geholfen hat, möchte ich nun eine kleine Blogreihe ganz konkret der Thematik Introversion (und Extraversion) widmen. Woran erkenne ich, dass ich introvertiert bin? Warum wirke ich dennoch häufig so extrovertiert? Welche Stärken und Schwächen ergeben sich daraus? Wie gehe ich mit den Schwächen um? Wie stärke ich die Stärken? Diesen und ähnlichen Fragen bin ich in den letzten Jahren auf die Spur gegangen und möchte in den nächsten Blogposts ein paar Antworten mit euch teilen.

Du bist auch introvertiert? Dann hoffe ich, dass du dich dadurch ein wenig mehr verstanden fühlst. Du bist extrovertiert? Dann lade ich dich herzlich ein, mit mir in die Welt der Introvertierten einzutauchen und sie, zumindest aus meiner Sicht, ein wenig kennenzulernen. Du hast keine Ahnung, was davon du bist? Auch super. Vielleicht steckt von beidem ein bisschen in dir und du siehst danach etwas klarer.

Ich glaube, dass Gott jeden Menschen als sehr komplexes, einzigartiges Wesen erschaffen hat. Manche Eigenschaften lassen sich leicht erkennen und benennen, bei anderen muss ein wenig genauer hingeschaut werden. Es ist meine Leidenschaft, in diese Komplexität einzutauchen und sie ein wenig zu entwirren. Bist du dabei?

Constanze

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Wie ich mich mit der Nervosität versöhnte

Mal wieder bereite ich mich auf eine lange Autofahrt vor und mal wieder bin ich furchtbar aufgeregt. Noch lebhaft habe ich die letzte vierstündige Autofahrt im Gedächtnis. Doch ich bin dankbar: Dieses Mal muss ich nicht allein fahren. Dem Navigationsgerät gebe ich eine zweite Chance und das Auto hat mein Schwiegerpapa mit Hilfe der Werkstatt wieder auf Vordermann gebracht. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass unser Karlchen (so heißt unser Auto) nicht mehr Jahrzehnte unter uns weilen wird. Und zugleich frage ich mich, inwieweit ich es mit meinem Umweltbewusstsein vereinbaren kann, ein Auto zu besitzen, wenn ich meist andere Verkehrsmöglichkeiten nutzen könnte. Doch für dieses Wochenende sind die Reifen aufgepumpt und die Batterie ist gewechselt – es kann losgehen.

2018 – das Jahr der Aufregung

Und dennoch bin ich aufgeregt. Ich wusele durch die Wohnung und obwohl ich kaum packen muss, verbringe ich den Großteil des Tages damit. Eigentlich wollte ich auch putzen, doch das rutscht auf der Prioritätenliste nun doch nach unten. „Ich bin so aufgeregt!“, verkünde ich meinem Mann am Abend zuvor und springe hippelig durch sein Arbeitszimmer.

2018 hatte ich inoffiziell unter das Motto „umsetzen“ gestellt. In den Jahren zuvor hatte ich sehr viel über mich selbst nachgedacht und darüber, wohin mich mein Weg beruflich führen sollte. Ich hatte unkonventionelle Entscheidungen getroffen und mich geradewegs in die sogenannte „Quarterlife Crisis“ manövriert. Ich hatte Jobs begonnen und beendet und war für manch einen wohl zum lebenden Beispiel für eine junge Frau in den Zwanzigern geworden, die nichts mit ihrem Leben anzufangen weiß. Und ich gebe zu, aus reiner Erklärungsnot heraus, stellte ich es hin und wieder selbst so dar, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach. Zum Jahreswechsel 2017/18 hatte ich das Gefühl, dass sich das viele Nachdenken allmählich ins Umsetzen verwandelte. In gewisser Weise existierte ein Plan, den mein Mann und ich guten Gewissens gemeinsam angehen konnten.

Doch nun, gen Ende dieses Jahres, möchte ich dieses Wort um ein zweites ergänzen: „Aufregung“. Nervosität. Panik. Im Jahr 2018 hat mein Herz schätzungsweise so viele Schläge gezählt wie in dem Jahr, als ich meinen Mann kennen lernte. Immer wieder gab es Anlass für Nervosität. Ich weiß nicht, wie oft ich bei meinem Mann ins Zimmer platzte und verzweifelt quietschte: „Ich bin schon wieder aufgeregt! Wann hört das endlich auf?“

Verschiedene Arten der Aufregung

Es gehört zu meiner Persönlichkeit dazu. Und wenn ich von Aufregung rede, meine ich Nervosität, Angst und alles dazwischen. Ich meine die ganze Bandbreite an Gefühlen, die mich vor einem wichtigen Ereignis durchfluten könnte. Während andere das Leben nehmen, wie es kommt, spiele ich es in Gedanken prophylaktisch durch. Ich weiß, dass es wenig Sinn ergibt und ohnehin vieles anders läuft als gedacht. Ich vergegenwärtige mir auch nicht ausschließlich die negativen Möglichkeiten. Ein großer Teil meiner Aufregungs-Vorbereitung besteht darin, mich neutral jeder Situation zu wappnen. Mein Kopf ist nicht auszuschalten und ich habe begonnen, diesen Zustand zu akzeptieren. Die entscheidende Frage ist, was ich daraus mache.

Noch deutlich habe ich eines meiner Bewerbungsgespräche in den letzten Jahren vor Augen. Ich hatte zuvor furchtbare Angst. Dieser Form der Aufregung konnte ich nichts abgewinnen. Der Job, der mir möglicherweise bevorstand, rief keine Vorfreude in mir hervor. Ich hatte mich beworben, weil es das ist, was man nach dem Studium macht: Man bewirbt sich. Irgendwo. Man will einen Job. Irgendeinen. In dem Moment hatte ich funktioniert, aber mein Herz an der Garderobe abgegeben. Ich wollte beruflich voranschreiten und hatte geglaubt, dies ohne Leidenschaft tun zu können. Daraus resultierte Aufregung, in der ich keinerlei Freude finden konnte.

Diese Art der Aufregung kenne ich ebenso aus meiner Schulzeit. Einen Vortrag über die chemischen Zusammenhänge von Fetten halten, den Citratzyklus vorstellen oder eine Kurvendiskussion erklären? Heute kann ich darüber lachen, aber damals bereiteten mir solche Themen und der Druck, sie vor der Klasse präsentieren zu müssen, eine ähnliche Angst.

Dankbar für positive Aufregung

Wenn ich auf das Jahr 2018 zurückschaue (was ich unverschämterweise bereits im November tue) könnte ich nicht dankbarer für all die ängstlichen Nervositätsmomente sein. All die Momente, in denen mir das Herz aus der Brust sprang und ich unnötig viele Gedanken an bevorstehenden Aktionen, Aufgaben, Reisen oder ähnliches verschwendete. Denn sie hatten, im Gegensatz zu dem Bewerbungsgespräch oder den Vorträgen in der Schule, alle eines gemeinsam. Nachdem ich zu meinem Mann sagte „Ich bin so aufgeregt!“ fügte ich hinzu: „Aber ich freue mich.“

Jedes Mal, wenn mir das bewusst wurde, konnte ich die Aufregung ein kleines bisschen besser ertragen. Sie verwandelte sich in einen hüpfenden, bunten Flummi, der fröhlich und ein wenig unkontrolliert vor sich hin sprang und nicht zu stoppen war. Das „umsetzende“Jahr konnte nicht anders, als diese Aufregung mit sich zu bringen, da ich Dinge umsetzte, die ich liebte. Und so wurde jeder Flummi-Moment zu einem Dankbarkeits-Moment. Jedem Zweifel (‚Ich weiß nicht, ob ich das gut machen werde‘) folgte Zuversicht (‚Aber ich weiß, dass ich das machen soll.‘) Mein Herz schlug schnell, aber es sagte Ja zu all diesen aufregenden Dingen, die ich tat. Es fühlte sich berufen, hin und wieder einen großen Sprung über einen beängstigenden Graben zu wagen. Es fühlte: Gott geht mit.

Mein Ziel ist nicht, ein unentwegt tiefenentspannter Mensch zu werden. Mein Ziel ist, unruhig zu sein bei dem Gedanken an all die Dinge, die ich liebe. Und dann packe ich diese Unruhe und verwandle sie in positive Energie. Energie, die mir hilft, mutig etwas anzugehen, vor dem ich sonst zurückschrecken würde. Ja, ich möchte sogar bewusst nach dieser Unruhe suchen. Sie zu überwinden wird mir helfen, hin und wieder auch die Form von Aufregung am Kragen zu packen, die ausschließlich mit Angst verbunden ist. Denn solche Momente wie damals in der Schule wird es wohl auch weiterhin geben.

Und so fuhr ich voller Unruhe und Freude an diesem Wochenende zu einem Treffen mit anderen christlichen Bloggerinnen. Karlchen spielte mit und ich erlebte die Krönung meiner aufregenden Erlebnisse in diesem Jahr. Ich durfte mich unsicher auf den Weg machen und ermutigt zurückkommen. Ich durfte unruhig und aufgeregt sein, solang ich trotzdem in dieses Auto stieg und mich auf etwas Neues einließ. Etwas Neues, zu dem mein Herz laut und deutlich Ja sagte.

Ich wünsche auch dir, dass du diese Momente findest und vor der Aufregung nicht zurückschreckst. Sag ihr fröhlich hallo. Und dann stürze dich ins Geschehen.

Constanze

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Introvertiert und Introvertiert gesellt sich gern…

Vor kurzem haben mein Mann und ich uns den Dokumentar-Film „Expedition Happiness“ angeschaut. (Dass ich ständig von Dokumentar-Filmen schreibe und rede liegt wahrscheinlich daran, dass ich sie sehr mag. Sorry.) Schon als wir den Trailer im Kino gesehen haben, waren wir begeistert: Ein junges Paar geht auf Reisen, von Nord- bis Südamerika, mit einem umgebauten amerikanischen Schulbus, Hund, und weitestgehend ohne Plan. Sie Entdecken die Schönheit der Natur, kämpfen mit technischen Schwierigkeiten, kulturellen Herausforderungen, erfahren Gastfreundschaft und lernen Neues – nicht zuletzt über sich selbst. Mein Mann und ich sind fasziniert von Menschen, die einfach das machen, wovon sie begeistert sind. Die Risiken eingehen, weil sie von etwas überzeugt sind. Auch hier sind wir wieder erstaunt: Wow, die beiden ziehen das einfach durch! Sie investieren eine Menge Geld in den Bus, bauen ihn komplett selbst um und fahren einfach los – ohne zu wissen, ob sie über die Grenze kommen, ob der Hund die ganze Reisesache mitmacht und so weiter. Dann denken wir ganz unwillkürlich: „Man, wie cool! Warum machen wir sowas eigentlich nicht?“ Wir sind uns einig, dass wir dazu nicht in der Lage wären. Früher waren wir dann ein wenig traurig und dachten, dass wir schlicht nicht mutig genug sind. Heute sehen wir es ein wenig anders…

Ziemlich genau vor einem Jahr haben mein Mann und ich unseren Urlaub in Griechenland verbracht – unser luxuriösester und wohl auch der schönste bisher. Wir konnten hundertprozentig entspannen, abschalten, Sonne baden, spazieren, essen und co. Eigentlich gab es nur eine Herausforderung in diesem Urlaub: Kommunikation. Nein, keine Sorge, nicht unsere Kommunikation miteinander – sondern die mit dem Personal des Hotels. Noch nie hatten wir in einem so schicken Hotel genächtigt und gespeißt. Damit ging allerdings auch einher, dass gewisse Sitten und „Regeln“ herrschten, die uns nicht unbedingt geläufig waren. Keine Frage: Es hat Spaß gemacht, sich für jedes Abendessen schick zu machen, Rotwein zu trinken und zivilisiert mit Kerze auf dem Tisch einander gegenüber zu sitzen. Die Angestellten waren alle sehr freundlich und herzlich. Von einem „steifen“ Hotel kann nicht die Rede sein. Doch woher soll man zum Beispiel wissen, dass man den Wein erst einmal kosten muss, bevor man ein ganzes Glas eingegossen bekommt? Mein Mann bekam einfach einen Schluck eingeschenkt und der Kellner wartete ab. Zum Glück begriff er schnell!

Doch es passierte immer wieder, wenn wir beispielsweise etwas auf der Karte nicht verstanden, an der Rezeption eine Info erfragen mussten oder beim Zimmerservice anriefen, dass wir anfingen darüber zu debattierten, wer dieses Mal dran war, eine möglicherweise dumme Frage zu stellen und Sprachbarrieren zu überwinden. (Okay, im Endeffekt betraf es wohl auch unsere Kommunikation…) Wir taten solche Dinge beide ungern. Und wenn ich allgemein auf unsere Ehe zurückschaue, so ist das diese eine kleine Komplikation, der wir auf Reisen und Ausflügen immer mal wieder gegenüberstehen. Denn nein, wir diskutieren selten darüber, was wir tun wollen – sondern wer die unbeliebte Aufgabe bekommt, mit dem Unbekannten zu sprechen. Am Ende dieses Urlaubs hatten wir fast alles Unbekannte überwunden (bis auf den Spa-Bereich… im Ernst: wer blickt denn da durch, wo man hin muss und was man tun darf? Wir beschlossen, dass wir keine Spa-Menschen sind) und waren uns einige, dass wir unbedingt noch einmal in dieses Hotel fahren müssten – jetzt kannten wir uns schließlich aus! Ja, so sind wir. Und seit diesem Urlaub ist mir auch klar wieso: Wir sind beide introvertiert. Und das ist okay so. Manchmal ist uns das nicht so bewusst, dass das okay ist.

Bereits hier habe ich darüber geschrieben, was es für mich bedeutet, introvertiert zu sein. Und noch immer wundere ich mich manchmal über mich selbst und mein Verhalten. Hin und wieder bin ich versucht zu glauben, dass das extrovertierte Verhalten das „Normale“ wäre, das, was eigentlich alle tun. Dass es normal ist, einfach irgendwo anzurufen ohne Angst zu haben. Dass es normal ist, den Kellner darum zu bitten, ein Gericht auf der Karte zu erklären, auch wenn notfalls dabei Hände und Füße eingesetzt werden müssen. Sich bei einer Veranstaltung mitten ins Geschehen zu schmeißen statt erst einmal beobachtend am Rand zu stehen. Wenn man die Wahl hat, doch immer lieber Zeit mit Freunden und Familie verbringen zu wollen statt mit Kaffee und Buch auf einer Couch. Für viele Menschen ist das normal. Aber für einen introvertierten nicht unbedingt.

Ja, manchmal erweist es sich als kleine Komplikation, dass mein Mann und ich beide so ticken. („Ich dachte, wir hatten eine Vereinbarung: Ich schreibe die E-Mails und Postkarten und du tätigst dafür die Anrufe!“ „Nein, die Vereinbarung beinhaltete nur, dass du die E-Mails und Postkarten schreibst…“) Aber oft ist es auch ein Segen. Denn was wir dadurch besonders gut können ist das sogenannte „Co-Existieren“. So nenne ich es, wenn ich zwar mit jemandem zusammen bin – in der gleichen Wohnung, oder sogar im gleichen Raum – aber jeder sein Ding macht, egal ob arbeiten oder entspannen. Zusammen allein sein, sozusagen. Meinem Mann und mir fällt es nicht schwer, uns gegenseitig den Freiraum zu geben, den wir brauchen. Manchmal kommen wir von einer aufwühlenden Veranstaltung nach Hause und sind uns schnell einig: erst einmal Allein-Zeit. Manchmal entspannen wir dann gemeinsam auf dem Sofa, manchmal schaut der eine aber auch Fernsehen während der andere im Nebenraum ein Buch liest oder (seien wir realistisch) auf dem Handy herumscrollt. Deswegen ist Urlaub machen mit meinem Mann auch so schön. (Co-Existieren funktioniert aber übrigens auch super mit Freunden, Geschwistern, …)

Doch dann sind sie da wieder: die Vergleiche. Dieses Pärchen ist immer auf Achse! Wie machen die das – die Welt bereisen und bei fremden Menschen übernachten? Und nicht nur als Paar überkommen uns ab und zu die Zweifel. Bin ich nicht widersprüchlich, wenn ich mich immer wieder auch bewusst zurückziehe, irgendwo heraushalte und auf der anderen Seite im sozialen Bereich sehr aktiv bin und ab und zu auch mal vorn oder im Mittelpunkt stehe? Diesem Trugschluss bin ich eine gewisse Zeit lang erlegen. Ich glaubte, dass eine der beiden Seiten wohl künstlich aufgesetzt sein müssten. Dass es nicht „echt“ ist, wenn ich (mal ausnahmsweise) guten Small Talk führe und mich offen und lustig in Gruppengesprächen einbringe. Mein Mann lobt mich immer mal wieder dafür, wie gut und versiert ich am Telefon sprechen würde. Doch ich denke mir: Neeein, dafür will ich nicht gelobt werden… denn es kostet auch Anstrengung.

Doch da ist der feine, aber bedeutende Unterschied: Sozial ist nicht gleich extrovertiert. Sozial kann jeder sein. Dem einen schenkt es zusätzliche Energie, den anderen kostet es ein wenig – und er muss in der Einsamkeit wieder auftanken. Beide können Freude daran haben. Doch wenn es eher niemandem Freude bereitet (wie zum Beispiel unliebsame Behördentelefonate) dann bedeutet es für den Introvertierten trotzdem mehr Überwindung.

Dieser Verwechslung von sozial und extrovertiert begegnen wir auch als Paar immer einmal wieder. Wir haben viele Kontakte, die wir pflegen möchten. Doch unsere persönlichen Grenzen zeigen uns immer wieder, dass Qualität vor Quantität geht. Wir mögen spontane, intensive eins zu eins Gespräche. Wir mögen länger geplante Verabredungen, auf die wir uns einstellen können. Doch ständige Treffen nur um des Treffens willens – weil es „komisch“ wäre, wenn man sich nicht so oft sehen würde – hinterfragen wir manchmal. Wir achten darauf, dass sie nicht dann stattfinden, wenn unsere Energietanks schon fast leer sind, denn dann hätte niemand einen Gewinn davon.

Mir ist erneut bewusst geworden, wie sinnlos es ist sich zu vergleichen. Sowohl als Paar als auch als Individuum. Gott hat uns so unterschiedlich gemacht und das fasziniert mich. Es macht keinen Sinn, wenn mein Mann und ich unbedingt so sein wollen wie das Paar in „Expedition Happiness“ (oder ein Paar im Freundes- und Bekanntenkreis). Denn wenn wir ein wenig tiefer in uns hineinhorchen merken wir schnell, dass wir das eigentlich gar nicht wollen und unsere Berufung eine ganz andere ist. Verschiedene Persönlichkeitsstrukturen sind spannend und ermöglichen so viele verschiedene Talente und Wege!

Und um keine Verwirrung zu stiften: Introvertiert und extrovertiert gesellt sich natürlich auch sehr gern. Genauso wie extrovertiert und extrovertiert. Und ich möchte auch nicht ausschließen, dass Introvertierte auf Weltreise gehen… Wichtig ist, dass wir wissen wie wir selbst, unsere Partner, Familie und Freunde ticken. Denn dann können wir unsere und ihre Bedürfnisse erkennen, auf sie eingehen und Enttäuschungen vorbeugen. Und vor allem: aufhören mit dem Vergleichen.

Constanze

(photo by ranjatm)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Persönlichkeit

Was geschieht, wenn ich einfach schaue, was passiert?

Es ist Ostermontag. Um ehrlich zu sein, stehe ich diesem Tag ein wenig skeptisch gegenüber – denn ich habe nichts geplant. Das gibt mir einerseits das Gefühl von großer Freiheit und ist gleichzeitig ein wenig beängstigend. Ich kenne mich. Ich brauche diesen perfekten Grad an Beschäftigung: nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch im Urlaub und an Feiertagen liege ich nicht gern den ganzen Tag auf der Couch. Ein halber Tag geht gut. Danach springe ich urplötzlich auf und verkünde: „So, jetzt muss ich aber mal was machen.“ Und damit meine ich nicht unbedingt Schwerstarbeit. Ich will nur in irgendeiner Form etwas Produktives, Sinnvolles vollbringen.

Die Feiertage sind so eine Sache. Eigentlich sind sie ja zum Feiern und Gedenken da. Aber ehrlich gesagt habe ich das schon die letzten Tage getan. Und nicht nur das – ich habe in der vergangenen Woche sogar Ausflüge mit meinem Mann unternommen, obwohl ich nicht einmal Urlaub hatte. (Eine schwierige Sachen, wenn man zu unterschiedlichen Zeiten frei hat und dennoch einen Teil der Arbeitszeit selbstständig einteilen kann.) Ich sehe demnach nicht wirklich einen Grund, heute noch einmal „Urlaub zu machen“. Also so richtig studiumsmäßig durchstarten? Das fühlt sich am Ostermontag irgendwie auch falsch an.

Und dann kommt mir die genialste, und doch simpelste, Idee: Was ist, wenn ich einfach mal schaue, was passiert? Der ein oder andere wird nun lachen.: „Das mach ich jeden Tag!“ „Was anderes bleibt einem doch gar nicht übrig!“ Doch für mich ist es etwas Besonderes und ich bin aufs Neue dabei zu lernen, was genau es bedeutet. Denn ich habe eine Vorstellung davon, wie meine Tage aussehen, meist sogar eine relativ genaue. Und wenn ich keine hab, dann habe ich mir das vorgenommen, dass ich keine Vorstellung habe.

Doch was ist, wenn ich mir einmal gar nichts vornehme? So rein gar nichts. Weder Arbeits- noch Entspannungphasen. Und dann schaue ich einfach, was passiert. Mich fasziniert dieser Gedanke. Denn sonst nehme ich mir entweder vor, super produktiv zu sein oder komplett zu entspannen und aufzutanken. Etwas dazwischen gibt es eher selten. Ich glaube schon, dass das alles in allem gut für mich ist. Entweder richtig arbeiten oder richtig ausruhen ist eine meiner Devisen, die sich für mich als sinnvoll erwiesen haben, vor allem, was mein Eigenstudium betrifft.

Doch es entwickelt sich ebenso die Gefahr, dass die Arbeitszeiten dadurch zu verbissen werden. Dass ich zu verbissen versuche, um jeden Preis effektiv zu sein, denn ich habe es mir ja vorgenommen. Vor kurzem bemerkte ich eine konkrete Auswirkung davon: To do-Listen, die nicht mehr ihren Zweck erfüllten. Nicht falsch verstehen: Ich bin ein Freund von To do-Listen! Bevor ich gedanklich explodiere und mir tausend Dinge einfallen, die ich nicht vergessen darf, ist das Aufschreiben eine der besten Methoden, um genau dem vorzubeugen. Und ich glaube, dass solche Listen auch genau dafür nur da sind: Um Dinge aufzuschreiben, die man sonst vergessen würde. Und nicht, um alles Mögliche aufzuschreiben, dass man theoretisch gern schaffen würde.

Ja, so sahen meine To do-Listen mittlerweile aus. Ich hatte mir angewöhnt, mein ganzes Tagespensum aufzuschreiben, Sachen wie „Nächstes Fernstudiums-Kapitel beginnen“ oder „Blog-Artikel schreiben“. Doch die Sache war die: Das waren überhaupt nicht Dinge, die ich vergessen würde! Das sind ganz normale Tätigkeiten, die meinen Alltag ausmachen. Tätigkeiten, die so fest in mein Leben integriert sind, dass ich sie nicht aus dem Kopf verliere. Das Fernstudium etwa hat momentan eine sehr hohe Priorität in meinem Leben. Wieso sollte ich es vergessen?

Ja, manchmal vergisst man auch die eigenen Prioritäten. Doch solange das nicht der Fall ist, halte ich es nicht für notwendig, sie sich konkret vorzunehmen und aufzuschreiben.  Ich bemerkte zunehmend, dass ich mich durch das schriftliche Vornehmen selbst unter Druck setzte. Wieso? Andere Leute können sich auch einfach ihr Tagespensum aufschreiben, ja brauchen das vielleicht sogar, damit sie in Gang kommen. Eine Art positiver Druck sozusagen.

Bei mir wird es leider schnell zum negativen Druck und ich glaube nun zu wissen, wieso: Ich handle normalerweise sehr intuitiv und kann meinem Gefühl dafür, was wichtig ist und Vorrang hat, meist vertrauen. Und doch kam ich zu der verdrehten Annahme, dass ich faul auf der Couch landen würde, wenn ich mir nicht alles konkret vornahm. Ich hatte sozusagen Angst vor mir selbst! Ich vertraute meiner Intution nicht, der ich sonst ganz gut vertrauen konnte. Ich vertraute nicht darauf, dass all diese wichtigen Tätigkeiten im genau richtigen Tempo zur genau richtig Zeit erledigt werden würden. Ich stresste mich und glaubte, dass ich dadurch schneller sein würde. Doch wenn es dann mal nicht klappte, wurde ich frustriert und hinterfragte gleich alles: Ob ich das jemals schaffen werde? Ist es wirklich gut, dass ich dieser Sache gerade diese Priorität einräume? (siehe auch „Gedankenkreise…“)

Deswegen habe ich beschlossen, meine Vorgehensweise ein wenig auf den Kopf zu stellen. Der Ostermontag ist dafür der perfekte Start-Tag. Heute nehme ich mir wirklich gar nichts vor. Ich schaue einfach, wonach mir ist. Entspannen und lesen? Gut. Ein Kapitel im Fernkursordner bearbeiten? Gut. Super produktiv gleich drei Kapitel bearbeiten? Gut. Spazieren gehen? Gut. Nichts von alledem? Auch gut. Natürlich kann man nicht jeden Tag so angehen. Doch dieser Ostermontag – ein Feiertag, der schon allmählich in den Alltag überleitet – eignet sich perfekt.

Wie lief der Tag also ab? Ich wachte ein wenig später auf als gewohnt und begann den Morgen entspannt mit Kaffee, Frühstück und Lesen auf der Couch. Mir war danach, diese Zeit ein wenig länger auszudehnen, also tat ich es einfach. Die Sonne schien durch die Fenster. Schließlich hatte ich Lust, ein wenig zu arbeiten. Ich schaltete die „Akustischer Frühling“-Spotifyplaylist ein und nahm mir entspannt das nächste Kapitel vor. Eigentlich wollte ich auch ein paar Lernkarten durchgehen, aber danach war mir dann doch nicht. Nebenher verzehrte ich ein kleines, zweites Frühstück. Später kochte ich für meinen Mann und mich und beschloss, dass ich nun ein wenig Aktivität brauchte. Also fuhr ich mit dem Fahrrad in die Innenstadt und setzte mich in eins der wenigen Cafés, die offen hatten. Mit einem Matcha Lattee (erster Versuch – noch nicht hunderprozent überzeugt…) verkrümelte ich mich in eine Sitzecke und packte meine Lernkarten aus. Dieses mal hatte ich Lust, sie durchzugehen. Außerdem begann ich in einem Notizbuch, an diesem Blogartikel zu schreiben. Ich ließ mir viel Zeit. Abends fuhr ich zurück, machte Sport und schaute ein paar Folgen einer Serie. Ehrlich gesagt: Dieser Tag erschien mir ziemlich perfekt.

Ich muss an einen anderen Tag zurückdenken, an dem ich ganz ähnlich vorgegangen war. Das war in einer Zeit voller Umbrüche, in der ich wichtige Entscheidungen treffen musste. Mit viel Nachdenken fand ich jedoch nicht zur Lösung meiner Probleme. Also lebte ich genauso wie an diesem Tag: einfach der Nase nach. Die guten Gedanken kamen dann von ganz allein. Damals wie heute merke ich, dass das bei mir funktioniert. Ich lande nicht faul auf der Couch und wenn ja, dann weil ich eine kleine Ruhephase brauche. Ich habe Ziele und Prioritäten und die sind mir so wichtig, dass ich sie nicht so einfach aus dem Blick verliere. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich im genau richtigen Tempo die genau richtigen Schritte gehen lässt.

Eine Sache nehme ich mir ab sofort vor: Es kommen nur noch Dinge auf die Tages-Agenda, die ich ansonsten vergessen würde. Bei mir sind das Punkte wie „E-Mail an xy schreiben“, „Dies und jenes einkaufen“, „Blumen gießen“. Dinge, die tatsächlich gemacht werden müssen, aber mir leider nicht wichtig genug sind, dass ich sie mir auch so merken würde. (Warum können Pflanzen nicht einfach so wachsen und gut aussehen?) Und wenn der Tag ansonsten durch wenige Termine strukturiert ist, schaue ich einfach, was passiert. Klar, ich kann nicht immer früh lange lesen oder nachmittags im Café sitzen wie an einem Ostermontag. Und ja, gewisse Routinen und Vorhaben tun mir nach wie vor gut. Aber ich werde merken, was wichtig ist. Ich brauche mich dafür nicht selbst unter Druck setzen, denn dadurch geht es auch nicht schneller. Ich darf akzeptieren, dass ich ein intuitiver Mensch bin. Ich glaube, genau das macht es mir manchmal so schwer: gleichzeitig sehr intuitiv und ein absoluter Organisations-Typ zu sein. Es klingt widersprüchlich – aber wenn ich beide Eigenschaften zulasse und richtig einsetze, kann ich das Beste herausholen. (Vielleicht bald mal ein eigener Blog-Beitrag dazu?)

Ich wünsche dir, dass du genau den richtigen Weg findest, um deinen Alltag anzugehen. Vielleicht kannst du ein wenig positiven Druck gebrauchen und es schadet nicht, den Tag komplett durchzuplanen. Aber vielleicht geht es dir auch so wie mir und du brauchst hauptsächlich Freiraum, um produktiv sein zu können. Ich bin gespannt von deinem Umgang mit To do-Listen, Vorhaben und Co. zu hören!

Constanze

Veröffentlicht in Persönlichkeit

Gegensätze… Wirklich?

Heute trage ich mal wieder meine Stiefeletten mit Absätzen. Das klackert schön, aber eigentlich sind sie ziemlich abgenutzt und vorn löst sich die Sohle. Ich fühle mich schick, aber irgendwie auch nicht. An meinem Finger bewundere ich meinen neuen fair gehandelten Ring, den ich mir von einem Weihnachtsgutschein gekauft habe. Er glänzt in silber und gold. Doch auf meinem Kopf sitzen abgewetzte große Kopfhörer, durch die laute Bässe schallen. Am liebsten wäre ich zum Rhythmus der Musik die Straße entlang gehüpft.

Gegensätze. 

edf

Ich liebe es, selbst Musik zu machen. Am liebsten singe ich in jeglich denkbarer Situation: unter der Dusche, beim Staubsaugen (Ganz nach dem Motto: Wer ist hier lauter, der Staubsauger oder ich?), im Auto, am Klavier… Und hin und wieder auch in einer Lobpreisband im Gottesdienst. Dann stehe ich vorn und versuche, die Gemeinde in den Liedern anzuleiten. Doch ein anderes Mal sitze ich selbst im Saal, irgendwo zwischen anderen versteckt, und habe keine Lust zum Singen. Dann erscheinen mir die Lieder zu hoch, zu tief oder die Texte zu banal. Ich habe das Gefühl, dass manche Gottesdienstbesucher mich dann verwundert aus den Augenwickeln betrachten und sich fragen, warum die sonst so musikalische Constanze nicht mitsingt.

Gegensätze.

edf

In Seminaren halte ich mich zurück. Ich sitze in einer der hinteren Reihe, beobachte und mache mir viele Gedanken bevor ich mich traue, etwas zu sagen. Wenn ich in Gegenwart ruhiger, ernsthafter Menschen bin, bin auch ich ruhig und bedacht. Ich höre zu, versuche einzuschätzen und reagiere zurückhaltend. Doch wenn ich nach etwas längerer Zeit auf meine beste Freundin treffe, plapper ich los – und steige von 0 auf 100 mit den tiefsten Themen ein. Wer uns dabei beobachtet, hält uns manchmal für verrückt. Und ganz sicher nicht für schüchtern!

Gegensätze. 

cof

Vor kurzem hatte ich das feste Vorhaben, jeden Tag halb sieben aufzustehen und irgendwie versuche ich das immer noch. Gestern dachte ich allerdings wieder, wie schön ein entspannter Abend mit Laptop und Musik im Hintergrund auch mal bis zwölf Uhr Nachts laufen kann – also nichts mit halb sieben aufstehen. Manchmal habe ich ambitionierte Sport- und Ernährungs-Ziele. Ein anderes Mal denke ich, dass ich nun wirklich nicht alles machen kann und gönne mir eine ungesunde Pizza. Eine Zeit lang begeistert mich Minimalismus, dann die Zero Waste – Bewegung… Ich probiere aus. Und immer wieder komme ich an den Punkt zurück, festzustellen, dass ich nicht dauerhaft der Mensch für Extreme bin.

Gegensätze.

edf

…Wirklich?

Ich kleide mich sehr gern schick, aber es ist mir nicht wichtig genug, um meine Absatzschuhe gegen neue zu tauschen oder die abgefetzten Kopfhörer gegen neue unscheinbare Knöpfe zu ersetzen. Lieber behalte ich die großen, durch die ich die Musik auch ordentlich höre.

Ich liebe Musik jederzeit, aber genauso bin ich jederzeit ein freiheitsliebender Mensch. Wenn mir aus welchen emotionalen oder körperlichen Gründen auch immer nicht nach Singen zumute ist, dann werde ich es nicht tun, weil es indirekt von mir erwartet wird.

Ich bin introvertiert und liebe es, zu beobachten. Doch eine tiefsinnige, lebhafte Konversation mit einem Menschen, den ich gut kenne ist eine der höchsten Prioritäten für mich. Dann blühe ich auf, bin leidenschaftlich und begeistert. Das kann ich sein, wenn ich anderen vertraue.

Ich begeistere mich schnell für Ideen, vor allem wenn sie etwas mit Produktivität, Kreativität oder „Weltverbesserung“ zu tun haben. Aber genau da ist auch der Haken: Ich begeistere mich schnell und stelle schnell auch wieder fest, dass ich nicht jeder Idee folgen kann. Ich habe einen differenzierten Blick auf solche Dinge und erkenne die Tücken der Extreme. Ich nehme mir das Beste aus ihnen mit.

Schau genau hin! Gegensätze sind nicht immer so gegensätzlich. Ich habe mich lange Zeit als sehr widersprüchlich empfunden. Ich habe nicht verstanden, warum ich manchmal so und manchmal so handle: Wie kann es sein, dass ich zeitweise „all in“ bin und im nächsten Moment etwas für völlig unrealistisch halte? Wie kann ich mich hin und wieder gern mit Freundinnen schminken und hübsch machen und im nächsten Moment solche Dinge als völlig irrelevant für mein Leben bewerten? Menschen sind doch entweder schick oder lässig. Extreme Weltverbesserer oder gedankenlose In-den-Tag-hinein-Lebende. Gern im Mittelpunkt stehend oder lieber immer im Hintergrund. Dauerhaft plappernd oder sehr stille Wasser.

Nein. Tag für Tag bin ich überrascht von mir selbst und den Menschen um mich herum. Wir wollen unsere Mitmenschen verstehen und einordnen, aber wir können und vor allem müssen es nicht immer. Wenn ich genauer hinschaue, kann ich scheinbare Widersprüche in mir und anderen nachvollziehen. Aber hier ist der Punkt: Wir schauen nicht immer genauer hin. Aber wie schnell sind wir dennoch dabei, zu bewerten?

Halte Spannungen aus, wenn du sie nicht verstehst. Und gehe ihnen auf den Grund, wenn du sie verstehen möchtest! Denn es macht Spaß. Es ist spannend.

Erlebst du dich selbst auch manchmal als widersprüchlich? Wie geht es dir, wenn Menschen in deiner Umgebung sich gegensätzlich verhalten? Ich freue mich, von deinen Erfahrungen zu hören!

Constanze 

 

 

Veröffentlicht in Gedanken, Motivierendes, Persönlichkeit

Absagen erlaubt! – Wie Grenzen aktiv gestaltet werden können

Manchmal reiht sich alles aneinander: Erst sage ich einer Gruppe Freundinnen für eine gemütliche Mädelsrunde ab, dann cancel ich eine Geburtstagsfeier, lasse einen Kinobesuch ausfallen… Ich bin scheinbar nur dabei, Absagen zu erteilen und nach und nach scheint mir das jeder übel zu nehmen. Aber irgendwie ist es einfach zu viel… Treffen mit Freunden, Projekte in meiner Gemeinde, spontane Besuche, Partys, usw. Es gibt Zeiten, in denen soziale Aktivitäten kein Ende zu nehmen scheinen und aus der Sicht der anderen tun meine Absagen dies gleichermaßen, obwohl ich selbst das Gefühl habe, dauerhaft auf Achse zu sein. Kennst du das?

Geläufigerweise werden Freundes- und Bekanntenkreise doch gern in folgende zwei Kategorien eingeteilt: auf der einen Seite die, die überall mitmischen und auf der anderen die, die nie Zeit zu haben scheinen. Das sind natürlich die Blöden! Die Spaßverderber, Langweiler, Spießer. Da gehör ich jetzt also auch dazu? Komisch, so fühl ich mich aber eigentlich gar nicht.

Und ich behaupte, das liegt daran, dass bei dieser Thematik eine Menge Vorurteile und Missverständnisse im Spiel sind. Vielleicht geht es dir so wie mir und dir ist einfach nicht ständig nach Action. Ein Abend auf der Coach scheint dir heute eben viel verlockender als eine Party, die erst um Mitternacht so richtig losgeht. Vielleicht stehst du aber auch auf der anderen Seite – ganz nach dem Motto „Man lebt nur einmal!“ nimmst du jedes soziale Event mit und engagierst dich nebenbei am besten in drei Projekten auf einmal.

Ich glaube, dass diese verschiedenen Lebenseinstellungen mit unseren ganz persönlichen Grenzen zu tun haben. Inspiriert dazu wurde ich unter anderem durch das Buch „Bis hierher und nicht weiter – Wie Sie sich zentrieren, Grenzen setzen und gut für sich sorgen“ von Rolf Sellin, in dem ich vor kurzem bei einer Freundin gestöbert habe (noch nicht komplett gelesen!). Doch bevor ich näher auf diese Grenzen-Sache zu sprechen komme, möchte ich erst einmal diese Missverständnisse aus meinem Eingangsbeispiel näher betrachten:

Missverständnis Nr. 1 – die Verwechslung von Zeit und Energie

„Sorry, ich kann heute leider nicht mehr vorbeikommen – ich muss lernen, und eigentlich auch endlich mal wieder putzen, das Geschirr abwaschen… Ich hab einfach keine Zeit.“ Wer hört das schon gern? Putzen, das ist doch nun wirklich nicht lebenswichtig! Und solange die Klausur nicht zwei Tage entfernt ist, ist Lernen doch auch nicht so dringend, oder?

Meine These ist, dass solche und ähnliche Aussagen meist jedoch gar nicht so viel mit fehlender Zeit zu tun haben, obwohl das die Wortwahl der Betreffenden vermuten lässt. Häufig ist der wahre Grund für diese Absagen etwas, das ein wenig schwerer greifbar ist: Energie – und in diesem Fall: fehlende. Hast du schon einmal jemanden sagen hören: „Sorry, ich kann heute Abend leider nicht kommen, ich habe nicht genügend Energie“? Aus meiner Erfahrung liegt die Seltenheit solcher Aussagen darin begründet, dass fehlende Energie einfach kein allgemein anerkannter Grund für eine Absage ist. Denn Aussagen wie „Ich bin schon ziemlich müde“ oder „Ich hatte einen langen Tag und muss erst einmal ausruhen“, welche auf fehlende Energie hinweisen, werden schnell abgestempelt als Spaßverderberei oder gar fehlendes Interesse. Wir trauen uns also nicht, so etwas zu sagen und gerade als junger Mensch ist es manchmal schwer, sich in solch einem Fall zu rechtfertigen. Der lahme Spruch „Schlafen kannst du, wenn du tot bist“ wird beispielsweise gern als Totschlagargument in der Kneipe gebraucht, wenn man kurz davor ist, sich vom Acker zu machen. Stattdessen sagen wir also lieber, dass wir keine Zeit haben, in der Hoffnung, dass dies keine Vorwürfe zur Folge hat – denn gegen fehlende Zeit kann man schließlich nichts machen, oder? Nach meiner Erfahrung durchblicken die meisten jedoch, dass es sich dabei um Ausreden handelt. Und dann geht das Spekulieren los: „Der hat doch einfach keine Lust auf uns!“ Wäre ehrlich sein also vielleicht doch besser?

Es ist unglaublich wichtig, dass wir endlich anerkennen, dass fehlende Energie durchaus ein berechtigter Grund ist, um eine Absage zu erteilen. Wenn wir uns ausgelaugt fühlen – und sei es nur geistig! – sind wir weniger in der Lage, gute Unterhaltungen zu führen und sozial zu interagieren. Und hier kommt der Clou: Diesen Zustand erreicht jeder Mensch unterschiedlich schnell. Jeder hat seine ganz eigene Grenze, bis zu der er soziale Interaktionen genießen kann, bevor er innerlich auslaugt ist. Nur weil ich nach einem langen Arbeitstag keine Lust mehr auf einen Kneipenabend habe, muss das für einen anderen nicht genauso sein. Eine völlig falsche Interpretation wäre es jedoch, zu behaupten, dass mir meine Freunde demzufolge weniger wichtig wären. In den meisten Fällen liegt es lediglich an meinem leeren Energie-Tank. Und das führt mich zu…

Missverständnis Nr. 2 – Extrovertiert vs. Introvertiert

Dieses Thema habe ich schon einmal in meinem ersten Blog-Beitrag thematisiert. Seitdem ich mich genauer damit beschäftigt habe, was Extro- und Introvertiertheit bedeutet, wurden meine Augen entscheidend für ganz alltägliche Missverständnisse geöffnet, die häufig darauf zurückzuführen sind, dass Menschen ihre Unterschiedlichkeit in diesem Bereich nicht anerkennen.

Viele glauben, dass Extrovertierte per se sozialere, redegewandtere, „lautere“ Menschen sind – Introvertierte dagegen die Schüchternen, Ruhigen, weniger sozial Kompetenten. Dies stimmt so nicht! Extro- und Introvertiertheit sagt nämlich lediglich etwas darüber aus, wo und wie wir Energie auftanken, wodurch wir uns also wieder belebt, aktiv und gut fühlen. Und dies ist der entscheidende, zu selten berücksichtigte Unterschied: Extrovertierte tanken Energie durch das Zusammensein mit anderen Menschen und Introvertierte durch Zeiten mit sich selbst. Sicherlich geht das häufig damit einher, dass Extrovertierte selbstbewusster auftreten und Introvertierte eher schüchtern wirken. Oft ist das jedoch nur der äußere Schein!

Ich erfahre dieses Klischee-Denken häufig selbst. In manchen Kreisen trete ich sehr ruhig und zurückhaltend auf, woraus geschlussfolgert wird, dass ich schüchtern bin oder einfach nicht so viel zu sagen habe. Vielmehr hat es jedoch damit zu tun, dass ich gern erst einmal beobachte und mir eine Meinung bilde. Menschen, die mich gut kennen und Kreise, in denen ich mich wohl fühle, erleben mich dagegen ganz anders: denen fällt es eher schwer zu glauben, dass ich introvertiert bin. Denn ehrliche, offene soziale Interaktion macht mir unglaublich viel Spaß! Und dennoch – ich tanke Energie in der Einsamkeit. Nach einer langen Feier bin ich ausgelaugt und habe viele Eindrücke zu verarbeiten. Dafür muss ich allein sein. Extrovertierte Menschen sind dagegen umso energiegeladener, nachdem sie gute Gespräche geführt und das Zusammensein mit Freunden genossen haben. Sie können dann häufig umso motivierter die nächste Herausforderung anpacken.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch in eine der beiden Richtungen tendiert. Und selbst, wenn du dich in verschiedenen Bereichen unterschiedlich erlebst – wünschst du dir nicht, dass andere Menschen deine persönliche Art und Weise, Energie zu tanken, anerkennen? Es ist wichtig, zu erkennen dass Verschiedenheit manchmal nicht so schnell und einfach nachzuvollziehen und dennoch okay ist, ja sogar bereichernd. Und manchmal liegt sie eben auch in etwas so negativ Klingendem wie „Grenzen“.

Was sind deine persönlichen Grenzen?

Das Bedürfnis abzusagen, und es doch nicht zu tun, ein leerer Energietank, ein zu langer Kneipenabend… Das sind nur Beispiele dafür, dass wir manchmal Schwierigkeiten haben, uns erfolgreich von anderen abzugrenzen und zu uns selbst zu stehen. Denn leider nehmen wir es häufig als etwas Negatives war, auch einmal „nein“ zu anderen zu sagen.

Versuch einmal, dir folgende oder ähnliche Fragen zu stellen: Wie viel Zeit kannst du mit anderen Menschen verbringen, bevor es dir zu viel wird? Wie oft willst du allein sein? Wie durchgehend möchtest du erreichbar sein? Bleibst du manchmal länger bei einer Feier, als dir lieb ist, nur um nicht als Spaßverderber da zustehen oder den Gastgeber zu kränken?

Für mich waren solche Fragen sehr wertvoll, um zu erkennen, dass ich manchmal überhaupt nicht auf meine persönlichen Grenzen achte. Oft weiß ich zwar, was ich will und was mir gut tut, setze es jedoch nicht um. Und was sind die Folgen davon? Wenn ich irgendwo hingehe, obwohl ich gar keine Energie mehr habe oder irgendwo länger bleibe, obwohl ich fast einschlafe, hat das meist nur negative Auswirkungen. Ich bekomme nach und nach schlechte Laune, fühle mich ausgelaugt und überhaupt nicht mehr gesellig – und Geselligkeit sollte doch eigentlich der Sinn der Sache sein. Es nützt also niemandem etwas, wenn wir unsere eigenen Grenzen nicht respektieren.

Andersherum geht es jedoch auch nicht darum, die eigenen Grenzen lediglich abzustecken und sich dann im sicheren Umfeld zu isolieren. Vielmehr hilft es, die eigenen Grenzen ganz bewusst gestalten.

Was es bedeutet, Grenzen aktiv zu gestalten

Zuerst einmal sollten wir nicht davon ausgehen, dass andere Menschen automatisch verstehen, wo unsere Grenzen liegen. Es kann beispielsweise nicht jeder sofort sehen, ob du extro- oder introvertiert bist. Deswegen müssen wir klar kommunizieren, wenn eine Grenze überschritten wird. In meinem oben genannten Beispiel der Absagen würde das also bedeuten, dass wir bewusst zu unserer fehlenden Energie stehen (natürlich auch zu unserer fehlenden Zeit, wenn das tatsächlich der Fall ist). Es ist okay, wenn wir sagen: „Ich hätte zwar theoretisch Zeit, aber ich brauche mal wieder ein wenig Zeit nur für mich.“ Sicherlich, viele werden erst einmal verdutzt sein, wenn du so etwas sagst und nicht einmal versuchst, dich zu rechtfertigen. Aber du wirst dadurch automatisch greifbarer für andere! Vielleicht verstehen deine Freunde es nicht beim ersten Mal, aber nach und nach werden sie begreifen, wie du tickst und können besser mit deinen persönlichen Grenzen umgehen. Außerdem steigerst du dadurch dein Selbstbewusstsein und wirst höchstwahrscheinlich auch als selbstbewusster wahrgenommen.

Doch es geht nicht nur darum, immer „nein“ zu sagen (obwohl es manchmal auch nötig sein kann, erst einmal in diese Richtung zu „trainieren“, um ein Gefühl für dieses Wort zu bekommen). Wenn wir in der Lage sind, zu erkennen, wann uns etwas zu weit geht und wissen, wo unsere Grenzen liegen, können wir auch den Spielraum innerhalb dieser Grenzen besser ausnutzen und sogar erweitern! Dies müssen wir jedoch selbst aktiv tun. Wenn wir unsere Grenzen nämlich nur passiv von anderen einrennen lassen, verlieren wir nach und nach das Gefühl der Selbstwirksamkeit und werden im schlimmsten Fall schlecht gelaunt und aggressiv.

Rolf Sellin zeigt in seinem Buch auf, dass wir dann am erfolgreichsten unsere Grenzen erweitern können, wenn wir uns kurz vor deren Überschreitung bewegen, wenn wir also bis „an unsere Grenzen“ gehen. Stell dir beispielsweise vor, du hast einen Freund, der sich ständig mit dir treffen möchte. Du hast jedoch oft keine Lust, weil du weißt, dass dieser Freund zwar sehr nett, aber eine ziemliche Plappertasche ist und du bist dagegen eher der ruhige Typ. Ein Treffen mit ihm raubt dir immer sehr viel Energie, weswegen du dir Ausreden einfallen lässt, um ihn abzusagen. Auf Dauer wird das jedoch sehr frustrierend, weil du die ganze Zeit das Gefühl hast, dass dir jemand deine Grenzen einrennt. Auch dein Freund wird wahrscheinlich irgendwann traurig sein, weil er früher oder später durchschaut, dass du nur Ausreden parat hast. Was könntest du stattdessen tun?

Wenn du wirklich keine Kraft für ein Treffen mit deinem Freund hast, dann sag ihm ab und sei ehrlich. Doch es wird sicherlich auch wieder eine Zeit kommen, in der du Energie übrig hast. Und dann nutze diese Zeit! Auch wenn du weißt, dass es anstrengend sein könnte, lade deinen Freund ganz bewusst dann ein, wenn du dich energiegeladen genug fühlst, dich auf das Treffen einzulassen – wann auch immer das für dich ist. Vielleicht wird es dich an deine Grenzen bringen, aber du hast im Vorhinein selbst einen Zeitpunkt gewählt, an dem dich diese Grenzerfahrung nicht „ausknockt“. Du hast sie selbst bewusst gestaltet und konntest dich so besser auf deinen Freund einlassen. Vielleicht wird es dadurch beim nächsten Mal schon viel leichter, weil du ihm ohne verdeckte Frustration begegnen konntest. Und vielleicht auch ein wenig mehr plappern konntest?

Grenzen zu ziehen ist für viele, und ich bin darin absolut eingeschlossen, jedoch keine leichte Sache. Oft ist es nämlich schon schwer genug, erst einmal selbst zu erkennen, wo das persönliche „bis hierher und nicht weiter“ überhaupt liegt und zu akzeptieren, dass das nicht komisch ist, auch wenn viele anders ticken.

Kennst du solche Grenzerfahrungen? Fühlst du dich auch manchmal im Freundeskreis unverstanden – oder werden deine Grenzen eher in anderen Bereichen überschritten? Dies ist ein sehr weites, komplexes Thema und ich würde mich freuen, von deinen Erfahrungen zu lesen!

Constanze

 

Veröffentlicht in Gedanken, Motivierendes

Nutze deine Stimme! (Wie mich eine Modelleisenbahn inspirierte…)

Hast du auch manchmal dieses innerliche Verlangen, die Welt verbessern zu wollen? Jetzt, sofort, mit einem Fingerschnippen? Doch wie schnell holt dich die Realität wieder ein und schupst den kleinen Träumer in deinem Kopf wieder hinaus: ‚Das ist ja nur was für Charismatiker, die große Reden schwingen können oder für so ganz Mutige, die Revolutionen anführen.‘ Doch ich glaube: Es funktioniert auch mit einer Modelleisenbahn.

Vor einiger Zeit habe ich mir mit meinem Mann eine Dokumentation über das Miniatur Wunderland in Hamburg angesehen – die größte Modelleisenbahnanlage der Welt. Wieso mich das interessieren sollte? Gute Frage. Ich stehe weder auf Modelleisenbahnen noch auf normale Eisenbahnen. Ich habe weder ein Faible für die Technik, die hierfür benötigt wird, noch für all die anderen handwerklichen Prozesse. Theoretisch dürfte mich das also gar nicht interessieren, doch ich wurde eines Besseren belehrt.

Mein Mann ist durch eine Aktion der Besitzer des Miniatur Wunderlandes (zwei Brüder) auf die Dokumentation aufmerksam geworden: An bestimmten Tagen im vergangenen Januar war der Eintritt in das Wunderland kostenlos, um diesen für Bedürftige zu ermöglichen. Die Aktion beruhte auf Vertrauen. Die Brüder schrieben dazu auf facebook:
„Wir möchten die Menschen nicht in Kategorien einteilen, sondern machen das ganz simpel: Jeder der wirklich der Meinung ist, dass er sich einen Wunderland-Besuch nicht leisten kann, braucht an den genannten Terminen im Januar nur an der Kasse in beliebiger Sprache ‚Ich kann mir das nicht leisten‘ sagen und kommt umsonst ins Wunderland.“ (siehe hier)

Diese Aktion faszinierte uns und so kam es dazu, dass wir mehr über das Wunderland erfahren wollten. Dabei stieg meine Faszination weiter – nicht nur wegen der unglaublichen Technik, die hinter dieser großen Modelleisenbahn-Welt steckt und den kleinen süßen Menschlein und Szenen, die man dort überall finden kann. Sondern vor allem wegen der Liebe, der Leidenschaft und der Weitsicht, mit der diese zwei Brüder an ihre Arbeit heranzugehen scheinen. Sie hatten ihre Leidenschaft, ja ihren Kindheitstraum, zum Beruf gemacht, aber nicht allein das. Durch ihre Arbeit machten sie anscheinend nicht nur sich selbst glücklich, sondern auch viele andere Menschen (und vielleicht erst dadurch sich selbst?). Damit meine ich nicht nur die Kunden, die jeden Tag das Miniatur Wunderland bestaunen. Die Dokumentation zeigt auch einen Einblick in die Arbeit der Angestellten. Dabei wird deutlich: Diese dürfen sich, ihre Fähigkeiten und ihre Ideen einbringen. Da sitzt niemand, der zu seiner Arbeit gezwungen werden muss und diese jeden Tag nur schnell hinter sich bringen möchte. Die zwei Brüder geben ihren Angestellten Freiraum, sich zu entfalten und neue Technologien sowie kreative Ideen in das Miniatur Wunderland einzubringen. Die gezeigten Mitarbeiter wirken motiviert und zufrieden. Eine große Liebe zu handgemachten Details scheint sie voran zu treiben. Und das hat Wirkung. Man sieht, wie die Kunden wirklich glücklich gemacht werden sollen anstatt nur als Geldeinnahmequelle betrachtet zu werden. Und es ist finanziell scheinbar sogar machbar, einigen Leuten den Eintritt auch einmal kostenlos zu ermöglichen.

Nachdem wir die Dokumentation zu Ende geschaut haben fühlen wir uns beide ziemlich inspiriert. Erst versteh ich das gar nicht so richtig – eine Dokumentation über die Geschäftsidee zweier Menschen, die sich als erfolgreich erwies? Das gibt es doch ständig. Doch schnell erkenne ich: Menschen können mich inspirieren, egal was sie tun. Denn es geht allein darum, mit welcher Motivation sie es tun und was sie letztendlich damit erreichen wollen. Auch wenn das Mittel dazu eine Miniatureisenbahn ist. Diese zwei Brüder haben mich inspiriert durch ihre Leidenschaft und ihre Herangehensweise an ihre Arbeit. Sie tun es voller Liebe – für die Modelleisenbahn und für die Menschen, die darin involviert sind. Das mag kitschig klingen, aber im Prinzip ist es der entscheidende Faktor für mich. Die Brüder nutzen ihr Talent.

Mir wurde wieder bewusst, dass wir alle eine Stimme haben, die wir nutzen können – eben nicht nur der große Charismatiker, der wirklich gut reden kann. Du hast auch eine Stimme, wenn du nicht gut reden kannst. Denn vielleicht kannst du stattdessen schreiben, handwerken, basteln, singen, tippen, sortieren, umarmen, zuhören, organisieren, anpacken… Im Grunde ist es völlig egal. Das einzige was du wirklich tun musst, ist deine persönliche Stimme auch wirklich als eine Stimme anzuerkennen, mit der du etwas bewegen kannst. Ja, mit der du sogar die Welt verändern kannst! Denn wenn niemand seine Fähigkeiten ernst nimmt, wer verändert dann überhaupt noch etwas? Und andersherum: Stell dir vor, alle Menschen würden ihre Fähigkeiten erkennen und für etwas Gutes einsetzen – was würden wir alles verändern!

Es kommt auf die Motivation an, mit der wie etwas tun. Eins meiner persönlichen Ziele im Leben ist es zum Beispiel, irgendwie dazu beitragen zu können, dass andere Menschen ihr Leben glücklicher und zufriedener gestalten können. Ein großes Ziel, dass ich niemals komplett erreichen werde. Und doch hat Gott mir meine persönlichen Talente geschenkt, um es auf vielfältige Weise zumindest ein Stück weit umzusetzen. Handwerklich und technisch bin ich leider nicht so begabt, also bau ich lieber keine große Modelleisenbahn. Aber ich kann Menschen im persönlichen Gespräch ermutigen. Ich kann durch Musik anderen eine Freude machen. Ich kann Blog-Beiträge schreiben. Ich kann meine kreativen Ideen für etwas einsetzen, was meinem Ziel nutzt. Und solange ich dieses im Hinterkopf behalte, werde ich ganz automatisch die Welt ein wenig positiv verändern. Entscheidend ist, wie ich meine Fähigkeiten einsetze und welche Einstellung dahinter steht.

Wenn es also eigentlich egal ist, was du tust – warum tust du nicht einfach das, wofür du sowieso brennst und was du schon immer irgendwie gut konntest?

Ich höre Menschen häufig sagen: „Ich kann nichts wirklich richtig, ich bin in nichts wirklich gut.“ Das ist quatsch. Das glaubt man nur, weil das, was man kann, noch nicht wirklich benannt wurde oder weil man es noch nicht entdeckt hat. Weil man glaubt, dass alle Fähigkeiten dieser Welt klar benennbar sein müssen im Stil von: „Ich kann gut singen“, „Ich kann gut Fußball spielen“, „Ich kann gut Veranstaltungen organisieren.“ Es ist möglich, dass deine Fähigkeiten leicht zu erkennen und demzufolge leicht umzusetzen sind. Doch es ist nicht schlimm oder komisch, wenn das nicht so ist. Trau dich, ein wenig tiefer zu graben, um sie zu entdecken. Folgende Fragen können dir dabei helfen: In welchen Situationen fühlst du dich so richtig wohl und lebendig? Woran liegt es? Was genau setzt du dabei ein? Welche Umstände müssen dafür erfüllt sein? Aus den Antworten zu solchen Fragen wird sich nach und nach ein Bild von deiner persönlichen Stimme ergeben.

Und dann nutze deine Stimme! Ich möchte gar nicht weiter aufzählen und vorschlagen, wie das praktisch aussehen könnte, denn es wäre alles nur meine beschränkte Sicht auf die Möglichkeiten. Aus deiner persönlichen Stimme folgt nämlich auch deine persönliche Umsetzung. Deine persönliche Weltverbesserung.

Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir von deiner Entdeckungsreise zu deinen Talenten und Zielen erzählst! Fällt es dir leicht, deine Fähigkeiten einzusetzen oder weißt du noch gar nicht so genau, wie du das anstellen sollst? Ich bin überzeugt, dass Gott jedem Menschen eine „Stimme“ gegeben hat – eine Stimme, mit der wir dazu beitragen können, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Frage ist nur, ob wir uns darauf einlassen. Hinterlasse mir gern einen Kommentar zu deinen Erfahrungen oder schreib mir in einer E-Mail davon. 🙂

Constanze

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(photo by Darren Bockman)

Veröffentlicht in Persönlichkeit

Wer sagt mir, wie ich bin?

Kennt du das: diese Situationen, in denen andere Leute behaupten, dich besser zu kennen als du dich selbst? Oder zumindest scheint es so. Dieser Moment, wenn jemand etwas über dich sagt – einfach so, aus dem nichts: „Du bist ja so ruhig!“ oder „Du bist wohl immer so aufgedreht?“ oder „Du bist ganz schön frech“ oder…

Ich habe viele Erinnerungen an solche Gespräche und Situationen, in denen Menschen versucht haben, mich einzuschätzen. Interessanterweise sind diese Erinnerungen ziemlich lebendig. Ich glaube zu wissen, warum. Ich bin lange Zeit ein wenig verwirrt gewesen, wenn es darum ging, die Frage „Wer bin ich?“ zu beantworten oder genauer zu beschreiben, woraus sich meine Persönlichkeit zusammensetzt. Wo liegen meine Stärken und meine Schwächen? Was macht mich grundsätzlich aus? Es war interessant und oft erstaunlicher, zu hören, wie andere mich einschätzten:

Ich dachte eigentlich immer, dass ich ziemlich brav bin – bis jemand sagte, ich sei frech. Ich dachte, dass ich zurückhaltend bin – bis jemand sagte, ich sei direkt. Ich glaubte, dass ich schlecht einzuschätzen bin – bis jemand behauptete, ich sei durchschaubar. Also wer bin ich jetzt eigentlich?

Zurzeit befasse ich mich gern mit persönlichkeitspsychologischen Themen und bin dabei in einer Zeitschrift (PSYCHOLOGIE HEUTE compact, Heft 48) auf folgende Aussage in einem Artikel von Heiko Ernst gestoßen: „Wir leiten und lesen aus unserem Verhalten ab, welche Eigenschaften wir haben: Ich bin das, was ich tue, und ich bin so, wie ich es tue.“ Genau das hatte ich immer versucht. Doch wenn unser Verhalten nicht immer so gleich ist, kann uns das durcheinander bringen. So erklärt der Artikel auch weiter: „Diese Theorien sind nicht falsch, aber unvollständig.“ Es reicht also nicht aus, lediglich das eigene Verhalten zu betrachten. Da kommen noch die anderen ins Spiel. Denn oft  ziehen wir nicht nur durch unsere eigene Einschätzung Rückschlüsse über uns selbst. „Wir beobachten, wie andere auf uns reagieren – und schließen daraus, wie wir sind.“ Doch die anderen reagieren nicht nur. Sie ziehen auch Rückschlüsse über uns.

Nach Heiko Ernst gibt es vier Zugänge, aus denen sich unser Selbstbild zusammensetzt: Es gibt die offensichtlichen Dinge – die, die jeder sieht. Wir sind zum Beispiel ängstlich oder lebhaft, haben Meinungen und Vorlieben, die wir offen zu Schau tragen und die uns bewusst sind. Dann gibt es Dinge, die nur wir selbst über uns wissen – Gefühle und Gedanken, die nur uns zugänglich sind. Dies ist also unser Innenleben. Außerdem besitzen wir Eigenschaften, die andere an uns sehen, wir jedoch nicht erkennen, wie zum Beispiel Geschwätzigkeit. Und letztendlich sind da noch Impulse und Motive unserer Persönlichkeit, die weder uns selbst noch anderen bewusst sind.

So viel zur Theorie. Was bringt uns das ganz praktisch? Mir persönlich hat es ein wenig dabei geholfen, zu verstehen, wie ich all die Jahre an die Frage „Wer bin ich?“ herangegangen bin. Es hat mir deutlich gemacht, dass ich mich ziemlich lange in einem Ungleichgewicht zwischen diesen vier Zugängen befunden habe und einige gar nicht als entscheidende Wege, mich selbst zu verstehen, erkannt habe. Lange Zeit habe ich nämlich dem Offensichtlichen – dem, was andere Leute sehen konnten – zu viel Bedeutung beigemessen. Ich habe lediglich mein Verhalten und wie ich auf andere wirke beobachtet. Doch das allein hat mich in die ein oder andere Sackgasse geführt. Wenn ich zum Beispiel in einer Gruppe eher schüchtern auftrat und dementsprechend weniger wahrgenommen wurde, dadurch also eher nicht zu den “Coolen” gehörte, zog ich die Schlussfolgerung, dass das eine Tatsache war. “Cool” war also etwas, was ich niemals sein würde. Dabei vergaß ich jedoch, dass es bestimmte Eigenschaften an mir gibt, die für die Außenwelt schwerer zu sehen sind.

Und doch erklärt Heiko Ernst, dass so mancher durchschaubarer sein kann als ein anderer. Dies liegt an verschiedenen Eigenschaften, die schlicht schneller hervorstechen. So sind es “vor allem extravertierte, emotional stabile, warmherzige und in ihrem Verhalten konsistente Charaktere”, die durchschaubarer sind. Diese Merkmale würden als eine Art Verstärker dienen, da sie andere Persönlichkeitsmerkmale sichtbarer machen.

Es ist wichtig zu erkennen, dass andere Menschen uns meist nicht zu Genüge einschätzen können und wir somit von diesen Wertungen nicht abhängig sind. Jedoch kann es auch naiv sein, dieses Fremdbild völlig zu ignorieren, nur weil es mit dem Selbstbild nicht zusammenpasst. Die Erklärung “Der kennt mich einfach nicht gut genug!” liegt nahe. Aber was, wenn diese Fremdeinschätzung etwas über uns sagt, was wir selbst noch nicht wussten (dritter Zugang)? Wir sollten nicht zu schnell sein, diese Einschätzungen abzutun. So sagt Ernst zum Beispiel, dass Ehepartner die genauen Grade an Angst, Ärger, Dominanzstreben, Selbstisolation und Rückzug viel genauer einschätzen können als Betroffene selbst. Sie seien dadurch sogar eher geeignet, ein Herzinfaktrisiko vorherzusagen!

Nachdem ich den Artikel von Heiko Ernst komplett gelesen habe, frage ich mich, was er nun konkret für mein Leben bedeutet. Mir persönlich wird deutlich, dass ich mich weniger stressen muss, um die Frage “Wer bin ich?” zu beantworten. Denn wenn andere mich falsch einschätzen, kann ich entspannt wissen, dass ich es selbst oft besser weiß. Und doch kann ich mir Feedback bei meinen Mitmenschen einholen, wenn ich mir selbst unsicher bin, wie ich auf andere wirke. Denn wir können eben doch manchmal überraschend anders sein, als wir selbst denken. Die Frage “Wer bin ich?” wird dadurch für mich eher zu einem “Wie bin ich?” – denn meine Persönlichkeit ist wandelbar und muss gar nicht immer so gleich sein. Letztendlich definiert sie mich nie endgültig. Und um noch einmal Heiko Ernst zu zitieren: “Wir vergessen nämlich, dass jeder selbst Schauspieler auf einer Bühne und viel zu sehr mit der eigenen performance beschäftigt ist.” Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir uns ständig gegenseitig genauestens beobachten und einschätzen, denn wir konzentrieren uns meist viel zu sehr darauf, wie wir selbst rüberkommen. Da komme ich nicht umhin, mein “Ich” ein wenig zu belächeln. Als Schauspieler sollten wir uns vielleicht nicht immer all zu ernst nehmen.

Constanze

(photo by TeroVesalainen)

Veröffentlicht in Motivierendes, Persönlichkeit

Wie viel Anpassung ist zu viel Anpassung?

In meinen letzten Blog-Beiträgen habe ich viel darüber geschrieben, begeistert von etwas zu sein. Ich habe geschrieben, dass ich begeistert von der Begeisterung bin – von Menschen, die eine Leidenschaft für etwas haben und sich wagen, zu träumen. Und dass ich selbst wieder angefangen habe, zu träumen.

Dabei habe ich jedoch sorgfältig verschwiegen, wie schwer es mir fällt, dies nach außen zu tragen und tatsächlich auch zu zeigen. Sogar meine beste Freundin war erstaunt, als ich ihr offenbarte, dass ich innerlich vor Begeisterung für etwas manchmal fast platze. Als ich bemerkte, dass nicht einmal ihr – die mich doch sonst so gut kennt – diese Seite an mir bewusst war, wusste ich, dass irgendwo ein Stückchen meiner Authentizität verloren gegangen war.

Ich dachte darüber nach, wieso so viele Menschen meine Begeisterung für etwas nicht sehen können und kam relativ schnell zu einer plausiblen Antwort: Ich passe mich an. Egal, wo ich bin und welche Menschen mich umgeben, bin ich ganz gut in der Lage, mich in das Umfeld einzufügen. Ich erkenne, was die Menschen um mich herum beschäftigt und kann mich gedanklich dann in diese Themen hineinbegeben. Das habe ich bisher als Stärke betrachtet und das ist es sicherlich auch. Anpassung ist wichtig. Doch nun sehe ich, dass es ein wirklich schmaler Pfad zwischen Empathie und zu viel Anpassung ist. Wie viel Anpassung ist also zu viel?

Manchmal blicke ich auf meine Schulzeit zurück und frage mich, was da geschehen ist. Viele können entweder sagen, dass sie generell gern zur Schule gegangen sind oder überhaupt nicht. Für mich ist es keines von beidem. Aber eines weiß ich: Am Tag der Abiturzeugnis-Übergabe habe ich mich tatsächlich ganz klischeehaft frei gefühlt und war froh, diesen Abschnitt hinter mich gebracht zu haben. In der Gesamtheit bewertete ich die Schulzeit deswegen oft nicht so gut – aber das ist schade, denn es gab auch wirklich schöne Erlebnisse.

Deswegen habe ich eine neue Theorie aufgestellt: Die Schulzeit war für mich eine Zeit der Anpassung und deshalb war es so anstrengend – und so befreiend, als es vorbei war. Denn aus meiner Sicht gehörte ich weder zu den „Coolen“ noch zu den „Uncoolen“, ich war nicht klar einsortierbar als „langweilig“, „Party-Girl“, „Streber“ oder ähnliches (okay, vielleicht ein bisschen „Streber“). Ich bewegte mich zwischen den Extremen und schwankte immer mal wieder von einer zur anderen Seite. Was war das für ein Balance-Akt! Es war der verzweifelte Versuch, nirgendwo ausgestoßen zu werden. Heute weiß ich, dass diese Anpassung zu weit ging. Sicherlich war mein „wahres Ich“ immer mal wieder zu sehen, aber ich habe nicht konsequent zu meinen Einstellungen, Interessen und Werten gestanden. Besonders Lehrer hatten oft ein völlig falsches Bild von mir, weil ich in ihrem Unterricht verschiedene Rollen annahm, um mein Inneres abzugrenzen. Ich war zum Beispiel die „Zurückhaltende, Emotionslose“, wenn ich wusste, dass man mich eh nicht verstehen würde oder die „Aufmüpfige, Freche“, wenn man mich unterschwellig provozierte. Es waren Schutzmechanismen und es gab leider wenige Lehrer, die diese durchbrechen konnten.

Was bewirkte diese Abgrenzung – dieser scheinbare Schutzmechanismus? Denn der Schutz-Effekt war rein oberflächlich. Er ließ mich etwas aushalten, aber er brachte mich nicht weiter. Er ließ mich vergessen, wo meine wahren Interessen lagen und wofür ich mich wirklich begeisterte. Fächer, die ich von der Sache her eigentlich mochte, wurden dadurch zu einem „Augen zu und durch“.

Ich musste also noch ganz schön viel zum Thema „Ich selbst sein“ lernen, als ich die Schule verließ. Es ist sehr schade, dass ich meine Begeisterung für verschiedene Themen nicht zeigte, nur weil ich Angst hatte, dass andere davon gar nicht begeistert sein oder kein Interesse zeigen könnten. Denn mittlerweile weiß ich, dass Begeisterung davon lebt, dass man sie teilt. Nicht, weil andere Menschen sich für dasselbe begeistern müssen, aber weil es uns lebendig werden lässt und nicht zuletzt, weil wir dadurch für andere greifbar werden. Wenn wir nicht zeigen, was uns begeistert (und was nicht), dann wissen unsere Mitmenschen nicht, woran sie an uns sind. Eine meiner wichtigsten Lebenslektionen ist deshalb: Es ist besser, wenn Menschen wissen, wovon du überzeugt bist und dem nicht zustimmen, als dass sie nichts wissen. In meinem Fall gilt dies sowohl für meinen Glauben als auch für meine Interessen, Hobbys und beruflichen Vorstellungen. In der Schule wussten viele im Grunde nichts über mich und wussten deswegen auch nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. Meine jetzige Erfahrung zeigt: Die meisten werden dich nicht wegstoßen, wenn du ehrlich zu dir stehst. Und die, die es tun, müssen nicht unbedingt zu deinen Freunden werden.

Nachdem ich meinen Mann heute mit den Details dieser Erkenntnis wasserfallmäßig zugetextet hatte, sagte er zu mir „Manchmal ist es einfach faszinierend, dir zuzuhören, wenn du so begeistert und schnell von etwas redest.“ In dem Moment wurde mir bewusst, dass es genau das ist, was ich nicht aufgeben darf. Diese Begeisterung, die es aus mir sprudeln lässt. Bei meinem Mann habe ich keine Angst, dass er mich wegstößt und das ist gut so. Aber ich sollte nicht nur zu Hause ich selbst sein können.

Deine Überzeugungen, deine Ideen und deine Begeisterung machen dich interessant. Deshalb versteck sie nicht – deine Mitmenschen können dich besser verstehen, wenn du sie zeigst und manche wirst du sogar anstecken und inspirieren. Und es nutzt nicht nur anderen, sondern vor allem dir selbst. Wir sind viel motivierter, etwas in die Tat umzusetzen, wenn wir es aussprechen und mit anderen teilen.

Anpassung ist also dann zu viel Anpassung, wenn wir gar nicht mehr so genau wissen, wer wir sind und was uns ausmacht. Zeige anderen, wer du bist! Dann wirst du es auch selbst nicht vergessen.

Constanze

(photo bei José Martín)