Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Der Sonntags-Blues

Es ist Sonntag. Und wie an vielen anderen Sonntagen baue ich mir auch an diesem Nachmittag mein „Sonntags-Set-up“ auf der Couch auf. Dieses Set up besteht aus Büchern, meinem Bullet Journal, Stiften, der Fernbedienung, Tee und einer Orange. (Oder Kaffee und Keksen. Oder Kakao und Schokolade.) Da es November ist, knipse ich unsere unendlich lange Lichterkette an, die sich um Fenster und Couch schlängelt. Wenn ich richtig kuschelig gestimmt bin, gesellen sich noch ein paar Kerzen dazu. Ich lege mir so viele verschiedene Dinge bereit, weil ich die Auswahl haben möchte. Ein Sonntag Nachmittag ohne Termine ist für mich Freiraum, um einfach „zu sein“. In den meisten Fällen habe ich einen bereichernden Gottesdienst hinter mir, ein leckeres Mittagessen und kann nun in vollen Zügen „nichts müssen“.

Ich bin bekennender Sonntags-Liebhaber, schon seit ich denken kann. Und seit einiger Zeit schaffe ich es auch wieder häufiger, diesen Tag zu dem Tag in der Woche zu machen, an dem ich nicht arbeite. Arbeit beinhaltet für mich persönlich all die Dinge, die jemand von mir erwartet oder die ich von mir selbst erwarte. Meine Prämisse: Alles, was in mir Druck und Anspannung verursacht macht am Sonntag Pause. Ich darf mich innerlich frei fühlen. Das Leben geht auch ohne mich weiter.

Anders als geplant

Und während ich stolz darüber bin, mir auch an diesem Sonntag wieder diese Zeit eingeräumt und meine Entspannungs-Utensilien bereitgelegt zu haben, spüre ich, dass irgendetwas anders ist. Draußen wird es dunkel und ich habe plötzlich ein Problem damit. Ja, ich predige Gemütlichkeit, Kerzen und Kakao. Ich will, dass wir die Dunkelheit akzeptieren und den November so nehmen, wie er ist. Ich will, dass wir uns mit einem Buch auf die Couch verkrümeln und entschleunigen. So darf der Sonntag sein. So darf der Herbst sein.

Doch da ist er, der Sonntags-Blues. Die Dunkelheit kriecht in mich hinein und ich kann nichts dagegen tun. Ich habe viele gute Bücher zur Auswahl, aber ich schaff nur ein paar Seiten. Ich höre meinen Comedy-Podcast, der sich dieses Mal um den Sinn des Lebens dreht. Einerseits bin ich fasziniert von den Sichtweisen der beiden Sprecherinnen, andrerseits hätte ich heute ein wenig mehr Comedy vertragen können. Also schalte ich einen öden, vorhersehbaren High-School-Film ein: Unscheinbares Mädchen verliebt sich unsterblich in den coolen Jungen mit der Gitarre, der sie nicht zu bemerken scheint. Also hilft ihr der Nachbarsjunge (den sie schon ewig kennt) bei einem Umstyling und den passenden Tipps für ein Date. Gitarrenjunge stellt sich als Blödmann heraus. Und sie landet (man hat es nicht kommen sehen) schlussendlich knutschend mit dem Nachbarsjungen beim Abschlussball.

Oh, wie hätte ich mich früher über diese Handlung aufgeregt. Sowas von unrealistisch und kitschig. Doch heute schaue ich mir diesen Film mit einer merkwürdigen Mischung aus Lethargie und Melancholie an. Ich bin einerseits gelangweilt, andrerseits muss ich an meine Jugendzeit denken. Ich habe das absurde Verlangen, zu ihr zurückzukehren. Diese Filme stellen es immer so dar, als wäre es cool, das unscheinbare Mädchen zu sein. Vielleicht hätte ich cool sein können.

Ich plane die nächste Woche in meinem Bullet Journal. Das fühlt sich gut an. Ich bereite auch die Monatsübersicht für Dezember vor. Weihnachtszeit, ich komme. Doch das war’s dann auch. Ich sitze da und bin traurig. Aber ich weiß nicht, über was. Ich lasse mir ein Bad ein und höre den Podcast zu Ende. Er ist nun doch noch witzig geworden, aber diese Stimmung überträgt sich nicht auf mich. In mir ist der Sonntags-Blues.

Traurig über alles und nichts

Und obwohl er grundlos begann, sind da auf einmal Stimmen in meinem Kopf, die sich über Zustände in meinem Leben aufregen. Die sich traurig in Selbstmitleid über etwas suhlen, mit dem ich sonst ganz gut klar komme. Themen, die im Licht betrachtet erklärbar und aushaltbar sind, doch die Dunkelheit macht sie schwer und hoffnungslos. Und da sind sie, die Tränen über alles und nichts. Ob Dunkelheit, Hormoncocktail oder tatsächliche Trauer – ich kann es nicht mehr auseinanderhalten.

Früher hätte ich mich fertig gemacht. Ich hätte so lange nach einer Erklärung gesucht, bis ich eine gefunden hätte. Ich hätte Probleme durchgekaut, nur um danach noch deprimierter zu sein. Letztendlich hätte ich ein schlechtes Gewissen wegen meiner Traurigkeit bekommen. Und ganz zum Schluss ein schlechtes Gewissen aufgrund meines schlechten Gewissens. Und nichts, was ein guter Freund oder mein Mann gesagt hätte, hätte in diesem Moment geholfen.

Doch heute kuschel ich mich in meinen weichen Bademantel und sage mir: ‚Es ist okay. Morgen wird es wieder besser sein.‘ Und sobald mir diese Erkenntnis leise über die Lippen kommt, bin ich erleichtert und beinahe überrascht über mich selbst. Ja, morgen wird es wieder besser sein! Es ist eine abgedroschene Ermutigung, aber sie ist wahr. Für einen kurzen Moment bin ich in der Lage, auf Erfahrungswerte zurückzugreifen und zu erkennen: So bin ich. Dunkelheit kann mich traurig machen und alles viel schwerer darstellen als es ist. Aber am nächsten Tag, da wird es besser sein. Das weiß ich.

Also zwinge ich mich nicht mehr, meine Stimmung zu ändern. Ich versuche auch nicht herauszufinden, ob ich wirklich ein Problem habe oder dies nur durch die herbstliche Abendstimmung verstärkt wird. Ich mache mich bettfertig, lese noch ein paar Seiten und werde müde. Schließlich schlafe ich ein, ohne eine Lösung gefunden zu haben. Und das ist okay.

Sich selbst ernst nehmen

Ich habe hauptsächlich einen Wunsch, wenn ich mit anderen über meine Probleme und Sorgen rede: Ich möchte ernst genommen werden. Ich will ein offenes Ohr und ernst gemeinte Zuwendung. Mehr nicht. Denn um ehrlich zu sein, nehme ich nur wirklich wenige Ratschläge von nur wirklich wenigen Menschen an. Und einfach ein wenig bemitleiden lassen? Oh nein. Damit kann ich nichts anzufangen.

Wenn ich in Zeiten der Traurigkeit also lediglich ernst genommen werden will: Warum sollte ich mich nicht auch selbst ernst nehmen? Das, was ich gestern Abend zu mir selbst gesagt hatte, war alles, was ich in diesem Moment hören musste: „Es ist okay. Es ist okay, dass ich so bin.“ Es war die einzige Stimme, die in dem Stimmen-Chaos Sinn ergab. Jede Beschwichtigung, jeder Ratschlag hätte Widerworte und innere Kämpfe ausgelöst. Doch so konnte ich loslassen und darauf vertrauen, dass Gott aus meinen Gefühlen irgendetwas machen würde. Ich gab die Kontrolle auf und den Zwang, etwas in Ordnung bringen zu müssen. Ich verfiel nicht in Panik, weil nicht einmal ein Vollbad meine Stimmung heben konnte. Es war einfach wie es war.

Und manchmal ist das zu akzeptieren der beste Weg, damit es wieder anders werden kann.

Gerade in diesem Moment kann ich es schon wieder nicht fassen, dass es bereits dunkel wird. Ich habe leichte Kopfschmerzen. Also trinke ich meinen Kaffee, esse einen Keks und freue mich, dass ich bald unter Menschen komme. Ich muss ein wenig seufzen und denke mir: „Okay.“

Constanze

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Herausforderung angenommen

Es ist Samstag um 5 Uhr am Morgen, ich sitze im geparkten Auto und bereite mich auf eine vierstündige Fahrt nach Augsburg zu einem Wochenendseminar meines Fernstudiums vor. Das Licht im Auto leuchtet, ich stecke das Navi in die Stromzufuhr und gebe meine Route ein. Klappt nicht. Ich versuche es mit einer Hausnummer daneben. Klappt. Warum auch immer. Ich sortiere CD’s auf dem Beifahrersitz: „Die 3 Fragezeichen“ und zwei Hörbücher von Thomas Mann. Das ist der Vorrat an Hörbüchern in CD-Format, den meine Familie zu bieten hat. Unser Auto hat keinen Handyanschluss. Plötzlich piept etwas, irgendein Kontrolllämpchen leuchtet und das Licht geht aus. ‚Scheiße‘, denke ich. ‚Das bedeutet jetzt nicht das, was ich denke, dass es bedeutet‘. Und ich habe eigentlich keine Ahnung von Autos! Ich versuche, den Motor anzulassen. Er geht nicht an. Ich könnte verzweifelt aufschreien. So ein bisschen tue ich es auch. Erst letzte Woche erzählte ich von den kleinen Herausforderungen des Alltags, den kleinen Pannen und Missgeschicken. An diesem Wochenende wurde mein Umgang mit solchen Situationen erneut auf die Probe gestellt.

Ängste

Ich glaube, dass es zwei Formen von Angst gibt. Manche Dinge muss ich einfach tun, um die Angst vor ihnen zu verlieren und somit meine Möglichkeiten und Fähigkeiten zu erweitern: die erste Zugfahrt, vor vielen Leuten singen, von zu Hause ausziehen. Und dann gibt es Dinge, vor denen ich meiner Meinung nach immer Angst haben darf, zum Beispiel Spinnen. Mit dieser Angst kann ich gut leben. Hätte ich sie nicht mehr, würde sich mein Leben auch nicht ändern. Na ja, vielleicht fällt euch auch ein besseres Beispiel ein.

Zu dieser ersten Form von Angst gehörten für mich eine ganze Weile die verschiedensten Formen von „allein Reisen“. Auf meine ersten Zugfahrten und Flugreisen bereitete ich mich akribisch vor. Ich druckte Karten und Reisepläne aus, bildete mich im Vorhinein über den Nahverkehr am Ankunftsort und verinnerlichte jegliche Gleise und Gates. Ehrlich gesagt mache ich das heute noch ganz genauso. Es gibt mir Sicherheit und lässt mich ruhiger schlafen. Auf diese Art habe ich einen Weg gefunden, meine Angst zu überwinden. Was ich bisher jedoch noch nicht getan hatte, war, eine lange Strecke allein mit dem Auto zu fahren. An diesem Wochenende wollte ich es wagen. Ich bereitete mich wie immer gut vor und obwohl ich Angst hatte, wusste ich, dass mich deren Überwindung einen Schritt weiter bringen würde. Ich war guter Dinge.

Startschwierigkeiten und freundliche Helfer

An diesem Morgen um 5 Uhr musste mein Mann jedoch seine Eltern aufwecken, damit mein Schwiegerpapa mir Starthilfe geben konnte. Ich ärgerte mich so sehr. Aber mein Schwiegerpapa beruhigte mich und wir waren alle überzeugt: Ich müsste einfach eine Weile fahren und die Batterie wäre wieder aufgeladen! Ich fuhr los und hatte sogar noch eine Chance, pünktlich anzukommen, da ich (natürlich) großzügig Zeit eingeplant hatte. Nach zwei Stunden machte ich eine Pause und danach sprang das Auto auch wieder an. Puh. Ich besuchte das Seminar, fuhr am Abend zum Hotel und schaute eine Menge blödes Fernsehen. (Zu den neuen Erfahrungen des Wochenendes gesellte sich das erste mal „allein sein“ im Hotel. Ich finde es merkwürdig.) Am nächsten Morgen checkte ich aus, trat an die frische Luft und hielt inne – die Nacht war kalt gewesen. Unruhig stieg ich ins Auto und mein Verdacht bestätigte sich: Es sprang nicht an. Die nächste Verzweiflungswelle überkam mich. Mir blieb nichts anderes übrig als trotzdem erst einmal zum Ort des Seminars zu laufen, welcher zum Glück nicht weit entfernt war. Bevor der zweite Seminar-Tag losging fragte ich die anderen um Hilfe. So gern wollten sie mir helfen, aber niemand hatte Starthilfe-Kabel dabei. Mein Seminarleiter hatte jedoch bereits den netten Hausmeister der katholischen Kirchgemeinde, deren Räumlichkeiten wir nutzten, kennengelernt.

Dieser Hausmeister stellte sich als Engel heraus. Er roch nach Alkohol und Zigaretten, aber noch nie im Leben war mir das so egal. Von irgendwoher besorgte er Starthilfe-Kabel und fuhr mit mir zu meinem Auto am Hotel während die anderen systemische Aufstellungen übten. Sofort begann er, mir seine Sorgen über die Ergebnisse der bayrischen Wahlen, die genau an diesem Tag stattfanden, mitzuteilen. „Also ein bisschen Humanität muss doch wohl sein! Na ja, notfalls, da geh ich einfach nach Sizilien zurück!“ Da saß ich, mit einem italienischem Hausmeister, der sich im perfekten bayrisch über Politik ärgerte. Am Auto angekommen meinte er: „Also, Mädel, wenn’s was mit dem Anlasser ist, kann ich nichts machen. Dann musste schauen. Wenn’s mit der Starthilfe klappt, ist es die Batterie.“ In diesem Fall wollte er ein Aufladegerät besorgen, dieses den Tag über an mein Auto schließlich und am Nachmittag extra für mich noch einmal zur Kirchgemeinde kommen, um es wieder zu entfernen, wenn mein Seminar vorbei war. Alles einfach so! Immer, wenn ich mich tausendmal für seine Bemühungen bedankte, sagte er nur: „Wenn ich in deiner Lage wäre, Mädel, würde ich auch wollen, dass mir jemand hilft.“ Da wurde mir warm ums Herz.

Die Starthilfe funktionierte erneut. Wir fuhren zurück zur Kirchgemeinde, ich überließ ihm meinen Schlüssel und durfte zum Seminar zurückkehren, während er sich um das Aufladegerät kümmerte. In einer Pause kam er noch einmal zu mir: „Gib niemals einem italienischen Hausmeister deinen Autoschlüssel, das Auto ist jetzt weg!“, scherzte er, während ich ihn mit großen Augen anschaute. Daraufhin gab mir den Schlüssel und versicherte mir, dass die Batterie durch das Aufladegerät bis 17 Uhr doppelt und dreifach aufgeladen sein müsste. Und so trafen wir uns um 17 Uhr wieder und ich versuchte, das Auto zu starten. Es sprang nicht an.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Verzweiflungswellen nicht mehr ganz so hoch wie am Anfang. Langsam begann ich, mich meinem Schicksal zu fügen. Im Geiste sah ich mich schon den ADAC anrufen und Unsummen bezahlen, da ich kein ADAC-Mitglied bin. Auch der Hausmeister war bestürzt und konnte sich die Sache nicht erklären. Doch dann der Hoffnungsschimmer – das Aufladegerät hatte gar nicht funktioniert! Der Hausmeister entdeckte eine kaputte Sicherung. Das ärgerte uns natürlich, aber wir (ja, das war mittlerweile eine Gemeinschaftsprojekt) waren uns nun wieder sicher, dass sich das Problem auf die Batterie beschränkte und ich also lediglich noch einmal Starthilfe bräuchte und dann eine Weile durchfahren müsste, um die Batterie aufzuladen. Dafür musste dieses Mal mein Seminarleiter mit seinem Auto herhalten. Es funktionierte schnell und alle waren glücklich. Ich bereitete mich auf die Heimfahrt vor. Zum Glück war der Tank noch halb voll und ich war nicht gezwungen, bald eine Pause machen zu müssen. Ich legte mir Essen bereit und wollte das Navi einstellen.

„Die Route wird neu berechnet“

Das Navi funktionierte nicht. Ich ärgerte mich kaum noch und gab die Route stattdessen in mein Handy ein. Ich wusste, dass Google Maps auf meinem Handy nicht zuverlässig funktionierte, aber es würde schon irgendwie ausreichen. Es fand die Route und ich fuhr los. Nach kurzer Zeit begann allerdings das Wirr Warr. Google Maps fing immer wieder an, eine neue Route zu suchen und mich auf einmal darum zu bitten, in 100 Metern links oder rechts abzubiegen. Dann fand es plötzlich zur ursprünglichen Route zurück. Ich erkannte dieses Spielchen schnell und hielt eisern am eigentlichen Weg fest. Das bedeutete, dass ich mir diesen gut merken musste, falls auf einmal die Route wieder „neu berechnet“ werden sollte… Und so verbrachte ich die ersten zwei Stunden dieser Autofahrt damit, laut die richtigen Autobahnabfahrten und Richtungen vor mich hin zusprechen, um die falschen zu übertönen. Ein guter Orientierungssinn gehört leider nicht zu meinen Stärken. Ich habe keine innere Nadel. Ich merke mir einen Weg nicht, nachdem ich ihn einmal gefahren bin. Ich war also absolut unentspannt. Ich wollte auch keine Musik hören, aus Angst, zu viel Strom zu verbrauchen. Zwischendrin sang ich acapella ein paar Lobpreislieder und schaffte es sogar, mich über die von der Abendsonne wunderschön angestrahlten Herbstbäume am Wegesrand zu freuen. Ich konnte es nicht fassen, in was für ein Gold die Landschaft um mich herum getaucht war. Ja, das Leben konnte gleichzeitig so schön und so nervig sein. An dieser neu gefundenen Lebensweisheit hielt ich innerlich fest.

No Risk, No Fun

Nach etwa zwei Stunden hatte ich das Schwierigste geschafft. Ich befand mich auf der A9 und musste nur noch einmal die Autobahn wechseln. Doch nun kam die nächste Mission: tanken! In meinem Kopf ratterte es: ‚Kann ich es wirklich riskieren, den Motor auszumachen? Eigentlich müsste die Batterie jetzt voll sein, ich bin schon so weit gefahren…‘ Doch ich folgte meiner Intuition und beschloss, etwas Riskantes zu tun. Ich fuhr an die Zapfsäule, ließ den Motor laufen und tankte. Auch als ich bezahlen ging, ließ ich den Schlüssel stecken und der Motor lief weiter. Zusätzlich ließ ich die Fahrertür nur angelehnt, da sich unser Auto manchmal automatisch verriegelt. Jeder hätte sofort einstiegen und wegfahren können. Die Kasse war nur halbwegs im Blickfeld meines Autos und wie eine Paranoide hüpfte ich an der Schlange vor der Kasse hin und her, während ich darauf wartete, bezahlen zu können. Etwas zu überschwänglich wünschte ich dem Kassierer schließlich einen schönen Abend und eilte zurück. Ich stieg wieder ein und trat den Rest meiner Reise an. Der Motor lief und lief und ich würde alles tun, damit das auch dabei blieb. Keine weitere Pause!

Dankbar

Am Hermsdorfer Kreuz verfuhr ich mich dann doch noch, obwohl ich das richtige Navi nutzte, welches ab der Tankstelle beschlossen hatte, wieder zu funktionieren. Und so fuhr ich statt auf der Autobahn auf der dunklen Landstraße die letzten Kilometer zum Ziel. Kurz vor mir lief ein Fuchs über die Straße und mein Herz blieb fast stehen. Ich wollte einfach nur nach Hause. Unsicher durchquerte ich kleine Dörfer und versuchte, den Drängler hinter mir entspannt zu missachten.

Zu Hause angekommen parkte ich seitlich am Straßenrand ein, stellte den Motor ab und begann zu weinen. So halb vor Glück wahrscheinlich. Mein Mann kam, um mir beim Hineintragen der Sachen zu helfen (oder besser: um mich hineinzutragen) und meinte, dass das Auto zu weit weg von der Bordsteinkante stehen würde. „Ich parke nicht noch einmal um! Heute definitiv kein Auto fahren mehr!“ Also setzte sich mein Mann ins Auto, drehte den Schlüssel und –

Es sprang nicht an. Und ich war einfach nur dankbar. Dankbar, dass ich an der Tankstelle meiner Intuition gefolgt war. Dass ich meiner Angst folgend etwas total Bescheuertes getan hatte, was mich im Endeffekt ohne weitere Starthilfe nach Hause gebracht hatte.

Was ich gelernt habe

Ob ich nun nie wieder eine Reise allein im Auto antreten werde, weil die erste so nervig war? Habe ich diese Angst also nicht überwunden und in die zweite Kategorie von Angst geschoben, die ich nicht überwinden möchte? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Es ist wohl nicht so schwarz-weiß. Ich kenne nun mögliche Komplikationen. Vielleicht kann ich beim nächsten Mal ein anderes, nicht so altes Auto nutzen, welches weniger Risiken bereit hält. Aber wahrscheinlich werde ich es weiterhin vermeiden, allein weite Strecken zu fahren. Es ist so viel schöner, ein menschliches Navi an der Seite zu haben und gemeinsam den Herausforderungen der Automechanik entgegenzutreten. Vielleicht habe ich einen Teil der Angst in Respekt umgewandelt. Ich glaube, damit lässt sich arbeiten.

Doch noch viel mehr habe ich etwas über Menschen gelernt. Heute hinterließ mir bei der Arbeit ein Kunde ein kleines Geschenk für meinen Kollegen. Ich erkannte den Kunden. Mein Kollege hatte ihm eine Kaffeemühle richtig eingestellt. Ich las den kurzen Gruß auf der Rückseite seiner Visitenkarte: „Weil nur dann Gutes in der Welt geschieht, wenn Menschen mehr tun als sie müssen – Vielen Dank.“ Ich musste schmunzeln und dachte an mein Wochenende. Da waren viele Menschen gewesen, die mehr getan hatten als sie müssten. Einerseits mein Mann und mein Schwiegerpapa, mein Seminarleiter und natürlich vor allem der Hausmeister. Menschen hatten mir geholfen, weil sie wussten, wie es ist, Hilfe zu brauchen. Sie wollten kein Geld, keine Gegenleistung. Sie wollten, dass es mir gut geht. Davon kann ich lernen. Das möchte ich weitergeben. Gott schenkte mir kleine Lichtblicke in den Herausforderungen meines Wochenendes. Das Entscheidende ist, diese auch wahrzunehmen. Denn wenn ich das Gute und Schöne wahrnehmen kann, gebe ich den Ängsten und schlechten Gedanken weniger Raum. Dann kann ich Herausforderungen besser durchstehen.

Mach die gewappnet, nächste Herausforderung! Du wirst mich sicherlich so richtig fertig machen, aber vielleicht sehe ich dabei einen schönen Sonnenuntergang oder begegne einem lieben Menschen. Das wird meine Probleme wohl nicht beheben, aber möglicherweise lässt es sich so ein wenig besser ertragen. Ich hoffe, dass ich auch dann wieder sagen kann: Herausforderung angenommen.

Constanze

(Photo by Karsten Würth)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Vom Pech verfolgt? Eine Frage der Perspektive…

Bevor ich mich heute früh gemütlich mit Kaffee in meinen Sessel setzen und Tagebuch schreiben konnte, geschah mir ein Malheur. Ich wollte ein wenig kuscheliges, indirektes Licht und klipste statt der Deckenlampe meine Schreibtischlampe an. Auf meinem Schreibtisch stand das Geburtstagsgeschenk für meinen Papa bereit: unter anderem eine gute Flasche Rotwein. Es kam wie es kommen musste. Mein Arm stieß gegen die Flasche und ich konnte ihr, zeitlupenartig natürlich, beim Fall gen Boden zuschauen. Sie zerbarst – komplett. Mein Schreibtisch war umgeben von einem wohlriechenden, roten See und ich war zum ersten Mal dankbar über meine billigen Möbel aus Studentenzeiten, die ich eigentlich gern ersetzen wollte. Auch der billige Boden machte mich auf einmal glücklich. Ein teures Parkett hätte sich sicherlich nicht so gut mit der Flüssigkeit vertragen. Und am dankbarsten war ich für meinen Mann. Der hätte nämlich verdientermaßen noch ein paar Stunden im Bett liegen bleiben können. Doch als ich ihn weckte und um Hilfe bat, stand er sofort auf, machte mir keine Vorwürfe und packte an.

Für gewöhnlich fahre ich seit etwa einem halben Jahr mit dem Fahrrad zur Arbeit. Mit Fahrrädern an sich kenne mich jedoch nicht besonders gut aus. Zum Beispiel habe ich nicht wirklich ein Gefühl dafür, wie fest die Reifen sein müssen und wann es mal wieder Zeit ist, sie aufzupumpen. Doch einer inneren Eingebung folgend, testete ich, bevor ich heute von der Arbeit nach Hause fahren wollte, den hinteren Reifen. Er war platt. Völlig platt. Ja, das konnte auch ich fühlen! Flickzeug hatte ich natürlich nicht dabei und selbst wenn ich es gehabt hätte, hätte es mich nicht weitergebracht. Mir blieb nichts weiter übrig als mit dem Fahrrad in die Straßenbahn zu steigen, ein Ticket je für mich und das Fahrrad zu kaufen und so nach Hause zu fahren. Mal wieder war ich dankbar für meinen Mann, der zu Hause Flickzeug hat und dies auch benutzen kann.

Heute war so ein Tag, den manche wohl als „vom Pech verfolgt“ beschreiben würden. Ich kenne solche Tage aus der Vergangenheit: Handy verloren. Ausgesperrt. Laptop kaputt. Eine unerwartete Nachzahlung. Irgendetwas geht zu Bruch, vorzugsweise aus Glas (das geschieht bei mir wirklich häufig und es ärgert mich wirklich sehr). Manche Menschen glauben tatsächlich, dass sie vom Pech verfolgt sind – dass es wie ein Fluch ist, der auf ihnen liegt und ihnen den Tag, die Woche, das Jahr, das Leben verderben will.

Auch mich können solche Tage zur Verzweiflung bringen. Ja, mir kamen sogar die Tränen, als ich heute früh die Weinflasche in Scherben am Boden liegen sah. Aber ehrlich gesagt musste ich beim nächsten Malheur des Tages innerlich bereits schmunzeln. ‚Was für ein Tag‘, dachte ich, ‚Wie im Film!‘ Es amüsierte mich ein klein wenig. Als ich vor ein paar Jahren mal einen schlechten Tag an der Uni hatte und dann zu allem Überfluss auch noch meinen Schlüssel verlor, regte ich mich richtig auf. Doch irgendwo in meinem Kopf war auch eine kleine Drama Queen, die es insgeheim ganz aufregend fand, hektisch und aufgeregt nach einem Schlüssel zu suchen. ‚Endlich mal Spannung im Leben!‘ Ja, ein bisschen schräg ist das schon.

Doch heute wurde mir bewusst, warum mich diese „Pech-Tage“ nicht wirklich emotional belasten: Ich weiß, wie es ist, ganz andere Probleme zu haben. Probleme, die tief gehen, die mein Inneres betreffen oder enge Freunde, die mit Trauer und Wut zusammenhängen, mit fehlendem Selbstbewusstsein oder Zweifeln. Das sind die Probleme, die mich nachts nicht einschlafen lassen, die mich langfristiger quälen. Und irgendwie bin ich bei solchen pecherfüllten Momenten eher dankbar darüber, dass es eben doch nur die Weinflasche ist. Doch nur der Fahrradschlauch. Materielle Dinge. Ja, die können ordentlich nerven. Doch wenn ich es aus einer anderen Perspektive betrachte, sind sie eher wie kleine Challenges in einem Computerspiel, die nacheinander abgearbeitet werden müssen. Wie mehrere kleine Endgegner, die früher oder später eben doch zu Fall gebracht werden. Die muss ich nicht emotional an mich heran lassen, sondern einfach nur erledigen. Und die restliche Energie spare ich mir lieber für wirklich wichtige Dinge.

Das Positive ist: wir sind uns nun ziemlich sicher, dass es ein guter Rotwein war, denn mein Zimmer roch außerordentlich gut. Ich werde also den gleichen noch einmal kaufen. Wenn er dann doch nicht schmeckt, bin ich aber wirklich sauer. Was für eine Geldverschwendung! Oder ich schmunzel einfach und schüttel innerlich den Kopf über die Probleme, die wir Menschen uns so machen…

Constanze

(photo by chuttersnap)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Glauben

Darf ich sauer sein? – Von Gefühlen, alten Zeiten und Rockmusik…

Heute war ich frustriert über etwas. Ich habe mich nicht direkt aufgeregt, ich war auch nicht furchtbar wütend. Einfach nur ein wenig frustriert, weil ein Projekt nicht so voran ging, wie ich mir das wünschte. So, dass man innerlich angespannt ist und denkt „Oooch mennooo“ oder „Hrmpf, das nervt“. Nach ein paar Bemühungen konnte ich erst einmal nichts daran ändern und beschloss, die Wäsche abzunehmen. Praktische Arbeit gleicht mich aus, wenn gedankliche Arbeit ins Stocken gerät. Einfach nur Wäsche abhängen gibt es bei mir jedoch eher selten – Musik musste her. Musik, die meinem Frust ein wenig Ausdruck verleihen würde. Instinktiv, als wären die letzten zehn Jahre niemals vergangen, gab ich Avril Lavigne in mein Handy ein. Die „alte“ Avril Lavigne natürlich, die mit „Let go“ und „Under your Skin“. Ein wenig rockig, hier und da leicht aggressiv und doch unglaublich gefühlvoll. (Ich vermisse solche Musik im Radio.) Während ich also aus voller Kehle mitsinge und die Wäsche abhänge, frage ich mich: Muss ich mich schlecht fühlen? Schlecht, weil ich meine Gefühle nicht einfach beiseiteschiebe und in tiefenentspanntes Vertrauen übergehe? Schlecht, weil ich weltliche Rockmusik eingelegt habe statt christliche Worship-Musik?

Unwillkürlich muss ich noch einmal an die Zeit vor zehn Jahren denken. Damals war es eines meiner größten Hobbys, Lieder zu schreiben. Das mache ich heute immer noch gelegentlich, aber damals war das definitiv etwas anderes. Ich schrieb über jeden Herzschmerz, jede Trauer, jede Wut, jeden Jungen, in den ich nur ansatzweise verliebt war und jeden philosophischen Gedankengang. Und ich erinnere mich, wie einmal jemand zu mir sagte, dass meine Lieder häufig so verbittert klingen würden. Das stimmte mich nachdenklich. Ja, derjenige hatte nicht ganz Unrecht. Aber merkwürdigerweise empfand ich das überhaupt nicht als etwas Negatives. Ich empfand es als Ausdruck meiner Emotionen und als Verarbeitung von bestimmten Situationen. Dass man das Negative stärker verarbeiten muss als das Positive erschien mir nur logisch. Dass meine Texte manchmal ein wenig verbittert klangen hieß nicht, dass ich verbittert durchs Leben ging. Ich hatte nur einen gut ausgeprägten melancholischen Charakterzug…

Ich glaube, dass unter Christen manchmal das Missverständnis herrscht, dass wir keine negativen Emotionen zeigen dürfen. Wir sollen doch all unsere Sorgen auf Gott werfen! Wir dürfen ihn um Hilfe bitten! Und Gott wird genau das bewirken, was wir brauchen, auch wenn wir es auf den ersten Blick nicht erkennen! Ja. All das glaube ich von ganzem Herzen. Aber wo genau steht, dass ich all meine Gefühle herunterschlucken muss, sodass sie wie ein Kloß im Hals stecken bleiben?

Der durchaus berechtigte Gedanke hinter dieser Sorge ist wohl, dass es ungesund ist, dauerhaft mit Bitterkeit im Herzen zu leben. So, dass diese Bitterkeit an anderen Menschen ausgelassen wird und immer mehr die Liebe wegspült, mit der wir eigentlich ans Leben herangehen möchten. So, dass wir uns selbst im Weg stehen. Doch meiner Ansicht nach sind Gefühle erst einmal weder negativ noch positiv. Sollte ich nicht auch wütend und sauer über Ungerechtigkeit in der Welt sein? Die Frage ist viel mehr: Was mache ich mit den Emotionen? Schlucke ich sie herunter, lasse sie nicht zu und platze fast? – spätestens dann, wenn die tagesschau von der nächsten Katastrophe berichtet, ich den aktuellen Kontostand sehe, der Ehepartner etwas Unsensibles sagt oder die Kinder zu laut schreien… Oder verarbeite ich sie lieber gleich?

Nun, natürlich gibt es unterschiedliche Wege der Verarbeitung. Hätte ich die Jungs, die mir damals das Herz gebrochen haben, angeschrien und beleidigt, wäre das sicherlich nicht sonderlich hilfreich gewesen. Ein Lied über die Emotionen zu schreiben, die in mir vorgingen, war für mich der perfekte Weg, ohne Hass und Bitterkeit im Herzen loszulassen und weiterzugehen. Und da war auch eine andere Person, die zu mir sagte: „Das ist doch nicht komisch – die erfolgreichsten Lieder wurden über Herzschmerz geschrieben!“ Erfolgreich bin ich zwar nicht geworden, aber ermutigt hat es mich trotzdem. Meine Emotionen sind okay. Ich muss den Berg überwinden statt so zu tun, als wäre er nicht da. Und wenn ich dafür Lieder verwende, ist das gut.

Und so fühle ich mich auch heute nicht schlecht, als ich meinen Gefühlen mittels altmodischer Rockmusik Raum verleihe. Danach geht es mir besser und ich habe niemandem wehgetan, auch nicht mir selbst. Aus vollem Herzen kann ich Gott nun meine Situation anvertrauen. Zu ihm darf ich so kommen, wie ich bin. Und ich glaube weiterhin, dass er den roten Faden durch mein Leben spinnt – so wie immer.

Finde deinen Weg, um Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ist es ein Boxsack? Gedichte? Stundenlange Gespräche mit einer Freundin? Ein ausgedehnter Spaziergang?

In Erinnerung an Avril Lavigne läuft während ich dies schreibe übrigens ihr aktuelles Album im Hintergrund – ich war neugierig. Und mich beschleicht das Gefühl, dass auch die liebe Avril schon viele emotionale Zustände durchgemacht hat…

Constanze

(Photo by Haley Powers)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Lifestyle

Mein Problem mit Kundenkarten und anderen Rabattmöglichkeiten

Widerwillig fahre ich zur Tankstelle. Die Preise sind derzeit einfach unterirdisch, aber wer den Luxus des Autofahrens genießen möchte, muss eben die Zähne zusammen beißen. Also tanke ich wieder nur zehn Liter, nach wie vor in der Hoffnung, dass sich die Preise bald ändern. An der Kasse werde ich gefragt, ob ich die Kundenkarte der Tankstellen-Kette hätte. „Ne“, antworte ich wie immer knapp und hoffe, dass ich nun schnell bezahlen und weiterfahren kann. Meist klappt das ganz gut. Aber heute ist mal wieder einer der Tage, an denen ich gefragt werde, ob ich denn gern eine hätte. „Dann bekommen Sie Rabatte… Diese und jene Vorteile…“ „Nein danke, ich bin auch gar nicht so oft hier“, antworte ich und das ist nicht einmal gelogen. Ich bezahle meine Benzinkosten. Bevor sie mir den Kassenzettel überreicht, wirft sie einen Blick darauf und meint: „Schauen Sie, hier hätten Sie jetzt zum Beispiel diesen Rabatt bekommen…“ Ich lächle nur freundlich und gehe. Ist es nicht paradox? Einerseits jammer ich über die teuren Benzinpreise, andrerseits kann ich nicht einmal dankbar eine kostenlose Kundenkarte annehmen, die mir Punkte und Rabatte bescheren würde. Ich weiß, dass es ihr Job ist, aber bei mir stoßen die Verkäufer auf taube Ohren.

Als Jugendliche hatte ich noch die ein oder andere Kundenkarte – und gleichzeitig ein riesen Chaos im Portemonnaie. Entweder dachte ich gar nicht an die Karte oder ich fand sie nicht. Ich weiß nicht, ob ich jemals einen guten Deal abstaubte. Es schien mir zu reichen, die Möglichkeit auf Rabatte zu haben. Theoretisch wäre es sicher möglich gewesen, mehr daraus zu machen. Theoretisch würde mir wohl auch eine Kundenkarte bei der Tankstelle meines Vertrauens etwas nützen…

Ja, theoretisch. Wenn ich darin Zeit und Gedanken investieren würde. Doch vor einiger Zeit bemerkte ich, dass es genau die Zeit und Menge an Gedanken ist, die ich nicht übrig habe. Damals versuchte ich, die Kundenkarte einer großen Drogerie-Kette mal wieder bewusst zu nutzen. Ich sammelte Punkte und wollte sie schließlich einlösen. Dafür war es nötig, die Postleitzahl einzugeben. Puh! Ich war in den letzten Jahren mehrfach umgezogen und wusste nicht mehr, welche Postleitzahl dem aktuellen Stand dieser Karte entsprach. Ich probierte alle Möglichkeiten aus, nichts funktionierte. Ich fragte an der Kasse nach, doch es fand sich keine Lösung. Online könnte ich irgendetwas versuchen, erklärte man mir, doch ich hatte bereits keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen. Da hatte ich schon fleißig Punkte gesammelt und nun war die Einlösung so kompliziert! Halbherzig nahm ich mir vor, das Problem zu lösen, aber das geschah nie. Wenige Jahre später heiratete ich und mein Mann schaffte sich besagte Kundenkarte an. Dazu gab es eine Partnerkarte, sodass wir gemeinsam Punkte sammeln konnten. Okay – ein letzter Versuch! Er hatte ja recht, wir nutzten häufig die entsprechenden Läden. Wir könnten wirklich eine Menge Punkte sammeln, dachte ich. Doch auch diese Karte verschwand irgendwo, ich dachte nur jedes dritte Mal daran, und ach, so groß war der Vorteil auch wieder nicht…

Es waren genau diese vielen kleinen, sich ansammelnden Umständlichkeiten die mich irgendwann einen Cut machen ließen: Schluss mit Kundenkarten! Und nicht nur das. Auf einmal war ich immun gegen vieles, das „Rabatt!“ schrie und mit „10%-auf-den-nächsten-Einkauf“ versehen war. Immun gegen Werbezettel im Briefkasten und Gutscheinheftchen, die sie dir an der Kasse mitgeben. Dieser Cut geschah nicht bewusst. Doch das alles war mir zu viel und ich vermied es von nun an automatisch. Heute verstehe ich ein bisschen besser, warum ich auch kürzlich bei der Tankstelle wieder eine Kundenkarte ausgeschlagen habe:

Reizüberflutung!

Wir realisieren es nicht, aber wir treffen den Tag über tausend kleine Entscheidungen. Im Zeitalter von Social Media kommen zu Reizen der Kategorie Klamotten- und Frühstücksauswahl, dem Stress auf Arbeit und Streit in der Familie auch noch der fortwährende Input über Smartphone, Laptop und Co. hinzu. Wir nehmen auf, wir wählen aus. Ständig. Das ist okay, wenn wir uns entsprechende Auszeiten schaffen und für guten Ausgleich sorgen. Doch wenn ich dann auch noch Unmengen an Coupons in den Tiefen meiner Handtasche finde und deren Gültigkeit überprüfen muss, sich in meinem Portemonnaie die Kundenkarten stapeln und ich bloß nicht den Tag verpassen darf, an dem das Putenfleisch im Angebot ist… dann bringt das mein Reiz-Fass zum überlaufen. Für den ein oder anderen mag es übertrieben klingen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade die kleinen Dinge sind, die in der Summe Einfluss auf mich haben. Deswegen bin ich guten Gewissens Möchtegern-Minimalist. Und ich befördere ohne zu Zögern den Flyer mit Angeboten vom Lieferservice direkt in den Müll, statt ihn, wie vor ein paar Jahren noch, mittels Magnet am Kühlschrank zu befestigen, wo er gemeinsam mit seinen Artgenossen langsam aber sicher zur zweiten Haut des Kühlschranks wird.

Die Angst, etwas zu verpassen

Hin und wieder beschleicht mich das Gefühl, dass Kundenkarten und Rabattangebote uns Angst machen wollen, etwas zu verpassen, wenn wir sie nicht in Anspruch nehmen. Ja, das ist wohl nicht nur mein Gefühl, sondern ganz bewusste Werbestrategie. Werbung will uns das Gefühl von Dummheit vermitteln, wenn wir uns ein unschlagbares Angebot durch die Lappen gehen lassen. ‚Das kriegst du niemals günstiger! Wenn du jetzt nicht zuschlägst, wann dann!‘ Aber möchte ich mich wirklich von Angst motivieren lassen? Von der Angst, etwas zu verpassen? Meist sind Entscheidungen, die ich aus Angst treffe nicht die klügsten und die Chancen stehen gut, dass ich sie später bereue.

Stattdessen versuche ich als völlig eigenmächtiger Mensch einkaufen zu gehen. Ich kaufe das, was ich brauche und/oder mir wirklich Freude bereitet und sonst nichts. Die Entscheidung ist also nicht von Angst abhängig, sondern von meiner Überzeugtheit von einem Produkt. Ich bin bereit, den tatsächlichen Wert eines Produktes zu bezahlen. Wenn das, was ich brauche im Angebot ist: super. Doch wenn stattdessen etwas reduziert ist, was ich normalerweise nicht kaufen würde, entscheide ich mich nicht um. Vielleicht würde ich ein paar Euro sparen – aber wiegen die das Gefühl auf – zu Hause erst einmal angekommen – mit dem Gekauften eigentlich nichts anfangen zu können? Durch diese Vorgehensweise vermeide ich schlicht unnötige Spontaneinkäufe. (und spare vielleicht sogar doch?)

Vor kurzem gab es einen Ausverkauf in der Drogerie. Ich schlenderte durch die Reihen und hatte bereits meine zwei Produkte in der Hand, die ich kaufen wollte. Dann traf ich auf dieses halbleere Schmink-Regal einer Marke, die aufgelöst werden sollte. Alles zum halben Preis! Das ist ja der Hammer, dachte ich und trat näher. Dann kam ich ins Grübeln: Was brauche ich eigentlich? Schminke auf Vorrat zu kaufen kann ja nicht schaden… Doch umso länger ich darüber nachdachte und die mir unbekannten Produkte ansah, umso mehr bemerkte ich: Eigentlich brauche ich nichts. Klar, meine aktuelle Mascara wird früher oder später leer werden, aber dann kaufe ich lieber wieder die, die ich kenne und mag. Und ich mag es sowieso nicht, wenn sich die Schminkprodukte im Badregal stapeln. Also ging ich und fühlte mich mit dieser Entscheidung viel besser.

Alles in allem: Stress

Ich empfinde es als Stress, bei jedem Einkauf nach einer Karte gefragt zu werden und ehrlich gesagt tun mir auch die Verkäufer Leid, die jeden nach dieser Karte fragen müssen. Und dann habe ich gleich noch einmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich nein sage. Natürlich interessiert die Verkäufer das nicht, aber sie haben sicherlich eine Auflage, gelegentlich ein „Nein“ mit „Möchten Sie gern eine haben?“ zu beantworten. Außerdem stresst es mich, daran zu denken, die Punkte einzulösen. Mich stresst der Umgang mit dem Automaten und die Broschüren, die ich mitnehmen muss, damit ich zehnfach Punkte auf meinen Einkauf bekomme. Die ich ja dann eh vergesse.

Natürlich verstehe ich es, wenn jemand, der knapp bei Kasse ist, sich über das Sammeln von Punkten ein paar Rabatte einstreichen möchte. Sicherlich gibt es Leute, die das gewissenhaft tun, sich mit der technischen Vorgehensweise auskennen, ihre Karte stets dabei haben und somit tatsächlich sparen. Doch solange es geht, lebe ich gern mit ein paar Euros weniger und dafür mit einem klareren Kopf. Natürlich freue ich mich, wenn Zucchinis im Angebot sind – weil ich gern mit Zucchinis koche. Aber ich werde weiterhin nicht die reduzierten Pfifferlinge kaufen, denn mit denen kann ich nichts anfangen.

P.S.: Gerade wollte ich diesen Blog-Artikel veröffentlichen, als mir plötzlich einfällt, dass ich doch eine Kundenkarte besitze – nämlich die eines schwedischen Möbelgeschäfts. Der Grund: kostenloser Kaffee. Ich glaube, dass kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren…

Constanze

(photo by itkannan4u)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Lifestyle

Privileg Putzen

Ich bin froh, dass ich mich momentan in einer Lebenssituation befinde, in der ich es schaffe, regelmäßig zu putzen.

Nein, ich bin nicht gerade ein Sauberkeitsfanatiker und in meinen Schränken sieht es meist eher kunterbunt aus. Wenn ich bei jemandem zu Besuch bin, ist es mir egal wie ordentlich es ist oder ob das Geschirr schon ein wenig länger neben der Spüle steht. Dennoch mag ich bei mir selbst eine gewisse, zumindest oberflächliche, Ordnung – weil es mir hilft, mich innerlich geordnet zu fühlen. Dies war auch einer der Gründe, warum ich mich mit der Thematik Minimalismus auseinandergesetzt oder mich mit Dingen wie „Reizüberflutung“ beschäftigt habe. Äußere und innere Ordnung hängen für mich zusammen.

In Zeiten, in denen ich weniger zu Hause war, habe ich den Haushalt schleifen gelassen. Entspannen und Auftanken war dann wichtiger, da habe ich klare Prioritäten. Und doch ließ mich die Unordnung zunehmend unzufrieden werden. Ich fühlte mich unsortiert und durcheinander. Dass ich es nun meist schaffe, einmal in der Woche zu saugen, das Bad zu putzen und die Küche halbwegs in Ordnung zu bringen ist für mich persönlich deshalb ein Gewinn. Doch ich muss zugeben: oft genug läuft diese wöchentliche Putzaktion sehr hektisch ab. Ich weiß, dass ich sie für ein gutes Gefühl brauche und doch quetsche ich sie in ein straffes Zeitfenster und erwarte von mir selbst Höchstleistungen, die mich ganz schön ins Schwitzen bringen können. Ich möchte Sauberkeit eben doch nicht zu wichtig nehmen. Es bleibt eine Notwendigkeit, die schnell erledigt sein soll. Es soll ordentlich aussehen, ja, aber die ein oder anderen Staubkörner dürfen ruhig auch einmal länger verweilen…

Am vergangenen Samstag lag allerdings mal wieder ein terminloser Tag mit lediglich zwei Vorhaben vor mir: Putzen und Fernstudium. Ich hätte sicherlich wieder einen Putzsprint einlegen können, um dafür mehr Freizeit zu haben. Stattdessen entschied ich mich, die Sache einmal anders anzugehen und mir bewusst Zeit für unsere Wohnung zu nehmen. Kennt ihr diese Dinge, die merkwürdigerweise immer liegen bleiben? Der Tischläufer, der zwar schon längst gewaschen ist, aber immer noch nicht gebügelt. Die Besteckfächer, in denen sich die Krümel bereits häuslich fühlen. Der Wasserkocher, der mal wieder entkalkt werden müsste. Diese kleinen Dinge, die einfach nicht wichtig genug erscheinen, um sie im alltäglichen Stress unterzubringen. Doch manchmal mache ich mir sogar dann Stress, wenn ich eigentlich gar keinen haben müsste. Lege einen Putzsprint ein, obwohl mich niemand antreibt. Gehe an diesen liegengebliebenen Aufgaben vorbei, nur weil irgendeine Stimme in meinem Kopf sagt, dass etwas anderes immer wichtiger ist. Klar, wenn ich mir mehr Zeit fürs Aufräumen nehme habe ich weniger Zeit für andere Aktivitäten. Aber ob ich diese Zeit sinnvoll nutzen würde? Ob ich mich nicht vielleicht sogar entspannter fühle, wenn ich ungeliebte Aufgaben etwas weniger hektisch angehe?

Dieses mal ging ich also entspannt durch die Wohnung und erledigte nacheinander die Baustellen, die mir ins Auge fielen und die ich sonst gern beiseite schob. Ich wischte zum Beispiel nicht nur über das Badregal, sondern warf auch einen Blick in die Behälter, die sich in diesem Regal befinden. Leere Zahnpastatuben, angefangene Schminke, die ich eh nicht benutze – Warum nicht einfach weg damit? Da bemerkte ich wieder, was mich so sehr am Minimalismus-Gedanken begeisterte. Was für ein befreiendes Gefühl war es, nach kurzer Entmüllungs-Aktion, diese halbleeren Behälter zu sehen, in denen nun nur Sachen enthalten sind, die ich auch verwenden kann! Wie schön ist es, zu einer Zahnpastatube zu greifen und zu wissen, dass aus ihr auch etwas herauskommt. Es sind diese wenigen Handgriffe weniger, diese kleinen positiven Veränderungen, die in der Masse einen Unterschied machen. Ein Wasserkocher, der entkalkt ist? Da fühlt sich das Tee zubereiten doch viel schöner an. Ein sauberer Küchenschrank? Da schau ich viel lieber hinein.

Ich habe bei Weitem nicht alles sauber gemacht, was sauber gemacht werden müsste. Doch ich habe ein paar dieser Dinge erledigt, die mich unbewusst die ganze Zeit gestört haben. Meist erscheinen sie mir so klein und unbedeutend. Und doch belastet es, wenn ich jedes Mal beim Öffnen der Besteckschublade denke: „Mensch, diese Krümel! Die müssten eigentlich auch mal weg!“ (Apropos… Wo kommen die eigentlich her?)

Ich habe erkannt, dass es ein Privileg ist, sich Zeit zu nehmen. Eben auch fürs Putzen. Dieses Privileg werde ich vielleicht nicht immer haben und es wird wieder Phasen geben, in denen die Besteckkrümel das Unwichtigste auf der Welt sein werden. Aber wenn ich heute die Zeit geschenkt bekomme, meinen Kopf durch Aufräumen zu entlasten, damit er freier für anderes sein kann – warum dann nicht aufräumen?

Denn im Endeffekt geht es gar nicht darum, wie wichtig Putzen ist oder welche Priorität wir der Ordnung in unserer Wohnung einräumen. Es geht darum, angemessen auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Manchmal bedeutet es, dass Ordnung eine hohe Priorität hat, manchmal weniger (In Zeiten von Umzügen beispielsweise muss ich meine Ansprüche diesbezüglich deutlich herunterschrauben und meine Auftank-Oasen lieber außerhalb der Wohnung suchen). Doch wenn du etwas tun kannst, um dir mehr Freiheit im Kopf zu verschaffen, dann mach es! Sich Zeit für scheinbar Banales zu nehmen zahlt sich in Lebensbereichen aus, die wiederum höchste Konzentration verlangen. Sich Zeit zu nehmen für Dinge, die unwichtig erscheinen – das ist Luxus. Es entspannt, entschleunigt und gibt als Bonus auch noch Raum zum Nachdenken.

Nachdem ich meine Ordnungs-Aktion beendet hatte, setzte ich mich entspannt vor meine Studiums-Materialien. Hätte ich mir weniger Zeit für meine Wohnung genommen hätte ich womöglich nur mehr Youtube-Videos geschaut oder auf Instagram herumgescrollt statt produktiv etwas anderes zu machen. Nun war ich entspannt und produktiv zugleich gewesen. Und das nur, weil ich erkannt habe, dass auch „Unwichtiges“ mal wichtig sein darf und dass ich mich, so oft es geht, nicht selbst zur Hektik antreiben sollte.

Constanze

(Photo by Caroline Attwood on Unsplash)

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Veröffentlicht in Allgemein, Aus dem Alltag, Motivierendes

Dazuzulernen ist nicht immer leicht

Wenn ich Großstädte besuche, habe ich plötzlich das Gefühl, vom Land zu kommen, obwohl das überhaupt nicht stimmt. Es ist für mich so, als würde ich eine ganz eigene Welt und Kultur kennenlernen, auch wenn ich mich nach wie vor in Deutschland befinde. Ist das nicht wunderbar? Um Neues zu entdecken, ist eine weite Reise also gar nicht nötig.

Kurze Städtereisen sind meiner Meinung nach etwas anderes als ein gewöhnlicher Erholungsurlaub am Strand oder in den Bergen. Und so habe ich auch bei unserem Besuch in Hamburg über das Himmelfahrtswochenende wieder einiges über mich gelernt – unter anderem, dass meine Neugier, Neues zu entdecken viel größer ist als ich manchmal denke. Ich möchte das Typische und Untypische einer Stadt kennenlernen. Ich will alte Gebäude sehen und wissen, wie es um der nächsten Ecke aussieht. Ich will erfahren, wer die berühmten Menschen waren, die einen Ort geprägt haben. Und seit ein paar Jahren gehe ich erstaunlicherweise auch ab und zu gern in ein Museum. (Oh Schreck, ich werde wohl erwachsen.) Ich gestehe, ich mag es, mich nach dem Besuch gebildet zu fühlen – als hätte ich auf einmal Allgemeinwissen. Es erstaunt mich zu sehen, wie Leute in anderen Zeiten gelebt haben, was sie bewegte und was das mit uns heute zu tun hat. (Liebe Grüße an meine Geschichtslehrerin.)

Doch was ist, wenn das Interesse fehlt?

Ich habe festgestellt, dass es nicht immer so leicht ist mit dem „Dazulernen“. Dass meine Wissbegier ihre Grenzen hat – nämlich dort, wo es mich überhaupt nicht interessiert. Neues dazuzulernen bereitet (was für eine Überraschung) nicht immer Freude und mein Kopf macht unter Umständen schon im Vorhinein „dicht“. So wie zum Beispiel damals im Mathematik-Unterricht. Ja, ich hatte kein Naturtalent fürs Rechnen, aber das größerere Problem war, dass ich mich mit zunehmender Klassenstufe der ganzen Sache verschloss. Sie interessierte mich nicht und ich wollte mich vor allem nicht dafür interessieren. Unter solchen Voraussetzungen offen für neue Rechenregeln zu sein ist schwierig. In gewisser Weise nahm ich meine etwas schlechteren Leistungen einfach in Kauf. Da ich ansonsten gut in der Schule war, konnte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren. Aber geht das immer so? Man muss doch schließlich nicht alles können… oder?

Klar, ich muss tatsächlich nicht alles können und es ist sicherlich okay, dass ich kein Mathegenie geworden bin. Ich bin ein großer Verfechter von gabenorientiertem Arbeiten. Es begeistert mich zu sehen, was Teams vollbringen können, wenn sich jeder auf seine persönlichen Talente konzentriert. Ich finde es wichtig, Aufgaben sinnvoll zu verteilen und Gaben gezielt einzusetzen. So kann vieles effektiver, erfolgreicher und mit mehr Freude funktionieren.

Doch was ist, wenn es auch ohne Interesse funktionieren muss?

Da habe ich mich mal wieder auf frischer Tat ertappt… Diese Einstellung – Ich will ja nur gabenorientiert sein! – kann auch Faulheit in mir hervorrufen. Manchmal ruhe ich mich tatsächlich darauf aus. „Das ist nicht mein Ding, ich muss das nicht können. Damit beschäftige ich mich gar nicht erst.“ So leicht ist es nicht immer. Und oh wie gern gehe ich solchen Situationen aus dem Weg… Versuche, sie beiseite zu schieben. Hoffe, dass es irgendwie so funktioniert ohne dass ich mich mit dieser lästigen Sache beschäftigen muss, die mich null Prozent interessiert. Insgeheim sehne ich mir jemanden herbei, der es einfach für mich klärt…

Wenn du selbst Blogger oder Website-Betreiber bist dann weißt du wahrscheinlich schon, auf welches Beispiel ich nun hinaus möchte… Jap, die DSGVO. Das neue Datenschutzgesetz. Auch bei mir. Leider habe ich den schwerwiegenden Fehler begangen und diese ganze Sache lange Zeit nicht ernst genommen. „Ich bin doch nur ein kleiner, unwichtiger Blogger. Kann ja nicht sein, dass ich mich auf einmal mit irgendwelchem technischen, datenschutzrechtlichen Kram auseinandersetzen muss.“ Doch ich durfte nun feststellen, dass es nicht so leicht ist.

Technischen Angelegenheiten gehören zu genau jenen Dingen, für die ich nur schwer Interesse aufbringen kann. Ich verstehe außerdem kein Wort Internet-Jargon. Und ebenso wie damals im Matheunterricht wollte ich es bisher auch überhaupt nicht verstehen. Ich glaubte, dass ich das nicht müsste. Ich war froh, mein kostenfreie WordPress-Seite erstellt zu haben und wollte mich nur auf das Schreiben konzentrieren. Gabenorientiertes Arbeiten eben, oder? Folgender Wahrheit wollte ich nicht ins Auge sehen: Wer einen Blog betreiben will, muss sich mit mehr auseinandersetzen als nur mit dem Schreiben. Und an aktuelle Datenschutzgesetze muss ich mich eben auch halten.

Was ich jetzt schon dazugelernt habe…

Wenn ich etwas möchte, dann muss ich mich allumfassend damit beschäftigen. auch wenn das nicht immer Spaß macht. (Klingt wie eine Lektion aus der Kindheit, oder?) Da kann ich noch so oft davon reden, dass es nicht zu meinen Fähigkeiten gehört: Ich muss mich für neue Welten öffnen. Kann ja versuchen, es mir so vorzustellen wie den Besuch einer neuen Großstadt…

Und: Es ist möglich! Ich kann mir Dinge aneignen, für die ich mich nicht interessiere. Schritt für Schritt, ohne in Panik zu verfallen. Ich werde anfangen, die Internetsprache zu verstehen, herausfinden was genau „https“ bedeutet, was eine Datenschutzerklärung beinhalten muss und so weiter. Dabei muss ich ganz unten anfangen, meinen Schweinehund überwinden und die ersten kleinen Schritte wagen. Aber das ist okay.

Was sich hier verändern wird…

Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht ganz genau, was sich nun verändern wird, da ich mich eben noch nicht allumfassend damit auseinandergesetzt habe. Ich werde dies so bald wie möglich tun. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass ich es bis zum Inkrafttreten des Gesetzes am 25.05. nicht schaffen werde. Es ist somit möglich, dass ich meinen Blog für kurze Zeit der Öffentlichkeit nicht zugänglich machen kann. Keine Sorge: Ich werde zurückkommen! Bitte gebt mich nicht auf. 🙂 Ich werde mein Bestes geben, um die nötigen Maßnahmen so schnell und gut wie möglich umzusetzen. Hinweisen kann ich bereits darauf, dass ich höchstwahrscheinlich die Kommentarfunktion und das Kontaktformular schließen muss und es in Zukunft nicht möglich sein wird, meinem Blog per E-Mail zu folgen. Das ärgert mich sehr… Es ist jedoch notwendig, da ich eine kostenfreie WordPress-Version nutze, bei der bestimmte notwendige Anpassungen für die neuen Datenschutzregelungen nicht umsetzbar sind. (Von dieser kostenfreien WordPress-Version auf eine andere umzusteigen ist ebenso eine Möglichkeit für mich. Aber ihr müsst mir Zeit geben, denn ihr wisst ja: Noch bin ich ein frisch angekommener Tourist in dieser Welt.)

Deshalb möchte ich euch noch einmal verstärkt auf meine facebook- und Instagram-Seite hinweisen. Unter folgenden Namen bin ich zu finden:

  •  facebook: Life Untangled
  •  Instagram: Life_Untangled

Dort könnt ihr mir nach wie vor Kommentare hinterlassen, mit mir in Kontakt treten und mich auch dann verfolgen, wenn ich für eine Zeit lang nicht auf meinem Blog zu finden bin. Eine E-Mail könnt ihr mir außerdem weiterhin an: untangledforyou@gmail.com schreiben.

Ich freue mich, wenn ihre diese Möglichkeiten nutzt!

An dieser Stelle einen großen Dank an alle Blogger, durch die ich auf diese notwendigen Maßnahmen aufmerksam geworden bin und die mich mit reichlich Informationen versorgen.

Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt und möchte lernen, mich meinen Unsicherheiten gegenüber bestimmten Gebieten zu stellen. Mir Wissen auch in solchen Bereichen anzueignen, denen ich früher nicht über den Weg getraut hätte. Welchen Bereich gibt es in deinem Leben, den du lieber ausklammerst? Lass dich ermutigen, den ersten kleinen Schritt zu wagen. Es ist möglich!

Constanze

 

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Lifestyle

Achtung, ich kommeee…

Vor kurzem bin ich unter die Fahrrad-Fahrer gegangen. Das war eigentlich nie mein Ding, trotz wiederholter Versuche. Zuletzt hat es mir glaub ich Spaß gemacht, als ich mit meinen Mädels am Freitag Nachmittag zum Teenager-Treff unserer Gemeinde gefahren bin. Aber das war wohl was anderes. (Und auf dem Weg gab es Brombeer-Sträucher, hmm.)

In meinem Freiwilligen Sozialen Jahr legte ich mir ein gebrauchtes Fahrrad zu – überzeugt davon, dass ich mehr Sport machen müsste. (Joggen hatte ich zu diesem Zeitpunkt mal wieder abgewählt. Von meinem geliebten Pop Pilates hatte ich damals noch kein Ahnung.) Klappernd und ohne Licht suchte ich mir die verworrenen Wege durch die Großstadt Dresden. Ich hatte kein Händchen dafür, die besten Fahrrad-Pfade ausfindig zu machen. Eher fuhr ich konsequent über unbequemen Schotter. Orientierung ist leider nicht mein Ding. Genau das hat mich immer abgeschreckt: Ich musste mir vorher einen genauen Plan über meine Route machen, sonst ging ich verloren. Das waren noch Zeiten, als mir dabei eine echte Karte behilflich war statt Google Maps… Und erst als ich gemeinsam mit anderen auf dem Fahrrad unterwegs war, stellte ich fest, dass ich nur dann wirklich schnell vorankam, wenn ich durchgängig in die Pedale trat. Wie, was? Durchgängig treten? Das war ja wirklich Sport!

Doch der größte „Abturner“ war wohl immer das Hervorholen aus dem Keller. Puh. Man erkläre mir bitte das Geheimnis des „Gleichzeitig Tür aufhalten und Fahrrad durchschieben“’s… Ach und dann noch dreimal um die Ecke und die Treppe hoch natürlich. Das gleicht einer Tanz-Routine, die man vielleicht nach langer Übung meistert und dann nicht einmal mehr weiß, wie genau man das eigentlich anstellt.

Und zum Schluss: das verschwitzte Ankommen und die Helm-Frisur. Herzlichen Glückwunsch.

Und doch habe ich es nun getan. Ich habe mir ein Fahrrad angeschafft. (Das alte 50-Euro-Gestell wurde mir geklaut, als ich vergaß, es in der Innenstadt anzuschließen und aus dem Geschenkten danach sprang regelmäßig die Kette heraus.) Jetzt habe ich ein wirklich Funktionierendes. Um ehrlich zu sein: Die Motivation für den erneuten Versuch, Fahrrad zu fahren, war rein finanziell. Doch wir haben mehr als 50 Euro investiert, damit es auch Spaß machen würde. Denn ja, ich habe Lust darauf, Spaß daran zu haben! Dieses mal will ich es richtig machen. Ich will zur richtigen Fahrrad-Fahrerin werden. So eine, die ohne Schwitzen lässig den Berg hochkommt und schneller ist als die Straßenbahn. (Mal wieder übermotiviert? Ein wenig vielleicht.) Ich fahre nun seit etwa drei Wochen regelmäßig und wisst ihr was? Es hat funktioniert. Ich habe Spaß!

Das durchgängige Treten…

… funktioniert jetzt wahrscheinlich deswegen besser, weil ich seit Anfang des Jahres bereits mehr Sport mache. Meine Beine sind sozusagen ready. Ach und die Berge gehen auch irgendwie. Bloß nicht ohne Schwitzen und auch nicht unbedingt lässig…

Die Orientierung…

… ist in der Heimatstadt zum Glück leichter als im großen Dresden. Und mein Mann als erfahrener Fahrrad-Fahrer hat außerdem den einen oder anderen Tipp für die optimale Route.

Der Weg aus dem Keller…

… ist glaub ich tatsächlich erlernbar. Ich bin noch dabei. Die Tanz-Routine sitzt noch nicht so ganz. Und ich gebe zu: Oftmals parkt das Fahrrad auch im Wohnungsflur, der eine ideale Größe dafür hat. So oder so denke ich einfach nicht mehr so viel darüber nach. Denn folgendes stimmt jetzt:

Die Motivation…

Ja, ich fühle es – dieses Freiheits-Gefühl beim Fahrrad fahren. Die Motivation ist nicht rein finanziell geblieben. (Aber es hilft: „Wie oft muss ich fahren, bis ich durch die eingesparten Straßenbahnfahrten die Kosten für das Fahrrad wieder drin hab?“) Doch da ist auch der Fahrtwind, wenn ich den Hügel herunterrausche, der aus unserem Neubaugebiet in das Stadtinnere überleitet. Die Herausforderung, wenn ich diesen Berg auf dem Rückweg wieder hoch muss. Die Überzeugung, dass ich nicht schieben werde. Die Freiheit, losfahren zu können, wann ich möchte und nicht auf Straßenbahnzeiten angewiesen zu sein. Das Gefühl, dass ich mich selbst von A nach B transportiere und nicht einfach nur aufs Gaspedal trete. Ganz ohne Umweltverschmutzung und gleichzeitig gesund. Genial, oder?

Dieser Gesundheitsaspekt ist mir noch einmal besonders bewusst geworden, nachdem ich mir vor ein paar Tagen den Dokumentar-Film „Embrace“ angeschaut habe. Fotographin Tayrin Brummfitt macht sich darin auf den Weg herauszufinden, warum so viele Frauen ihren Körper hassen und nicht so akzeptieren können, wie er ist – egal ob dünn, dick oder dazwischen. Sie ermutigt, zu Falten, Fettpölsterchen und Schwangerschaftsstreifen zu stehen. Sie möchte dem verdrehten Schönheitsideal unserer westlichen Welt etwas entgegensetzen. Was das mit Fahrrad fahren zu tun hat?

Mich fasziniert es, wie Tayrin darauf aufmerksam macht, gesund zu leben – und dass das nichts mit der Körperform zu tun. Sie selbst hat keine „typische Model-Figur“ und doch kann sie einen Marathon laufen. Darum geht es! Wenn ich Fahrrad fahre, wird mir das bewusst. Bewegung tut gut. Frische Luft tut gut. Das wird mich positiv verändern, auf meine ganz eigene Art und Weise. Ich hab das Gefühl, dass manche Leute mich manchmal schräg anschauen, wenn ich davon erzähle, Sport zu machen: Ich sei doch total schlank, ich könne doch machen, was ich will. Doch das ist überhaupt nicht der Punkt! (Und nebenbei: Genauso wie viele Frauen unbedingt abnehmen wollen gibt es einige, die unbedingt zunehmen wollen… Menschen sind einfach nie zufrieden). Viel mehr geht es um dieses gesunde Gefühl, wie zum Beispiel beim Fahrrad fahren. Darum, wie das Blut zirkuliert, der Kreislauf in Schwung kommt und ich von mal zu mal stärker und ausdauernder werde.

Was vermittelt dir dieses Gefühl? Was hält dich in Schwung? Nein, nicht jeder muss Fahrrad fahren. Bewegung kann so vielfältig sein und ich freue mich, das zu entdecken. Ich lerne Spaziergänge mehr zu schätzen. Eine kurze Pilates-Übung zwischendurch, wenn ich mich eingerostet fühle. Dehnungen. Und gerade freue ich mich darauf, nachher mit dem Fahhrrad durch die strahlende Sonne zur Arbeit zu düsen. Was ich gegen Schweiß und Helmfrisur beim Ankommen mache? Deo und Bürste. Fertig.

Und im Hochsommer? Mal sehen…

Constanze

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Persönlichkeit

Was geschieht, wenn ich einfach schaue, was passiert?

Es ist Ostermontag. Um ehrlich zu sein, stehe ich diesem Tag ein wenig skeptisch gegenüber – denn ich habe nichts geplant. Das gibt mir einerseits das Gefühl von großer Freiheit und ist gleichzeitig ein wenig beängstigend. Ich kenne mich. Ich brauche diesen perfekten Grad an Beschäftigung: nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch im Urlaub und an Feiertagen liege ich nicht gern den ganzen Tag auf der Couch. Ein halber Tag geht gut. Danach springe ich urplötzlich auf und verkünde: „So, jetzt muss ich aber mal was machen.“ Und damit meine ich nicht unbedingt Schwerstarbeit. Ich will nur in irgendeiner Form etwas Produktives, Sinnvolles vollbringen.

Die Feiertage sind so eine Sache. Eigentlich sind sie ja zum Feiern und Gedenken da. Aber ehrlich gesagt habe ich das schon die letzten Tage getan. Und nicht nur das – ich habe in der vergangenen Woche sogar Ausflüge mit meinem Mann unternommen, obwohl ich nicht einmal Urlaub hatte. (Eine schwierige Sachen, wenn man zu unterschiedlichen Zeiten frei hat und dennoch einen Teil der Arbeitszeit selbstständig einteilen kann.) Ich sehe demnach nicht wirklich einen Grund, heute noch einmal „Urlaub zu machen“. Also so richtig studiumsmäßig durchstarten? Das fühlt sich am Ostermontag irgendwie auch falsch an.

Und dann kommt mir die genialste, und doch simpelste, Idee: Was ist, wenn ich einfach mal schaue, was passiert? Der ein oder andere wird nun lachen.: „Das mach ich jeden Tag!“ „Was anderes bleibt einem doch gar nicht übrig!“ Doch für mich ist es etwas Besonderes und ich bin aufs Neue dabei zu lernen, was genau es bedeutet. Denn ich habe eine Vorstellung davon, wie meine Tage aussehen, meist sogar eine relativ genaue. Und wenn ich keine hab, dann habe ich mir das vorgenommen, dass ich keine Vorstellung habe.

Doch was ist, wenn ich mir einmal gar nichts vornehme? So rein gar nichts. Weder Arbeits- noch Entspannungphasen. Und dann schaue ich einfach, was passiert. Mich fasziniert dieser Gedanke. Denn sonst nehme ich mir entweder vor, super produktiv zu sein oder komplett zu entspannen und aufzutanken. Etwas dazwischen gibt es eher selten. Ich glaube schon, dass das alles in allem gut für mich ist. Entweder richtig arbeiten oder richtig ausruhen ist eine meiner Devisen, die sich für mich als sinnvoll erwiesen haben, vor allem, was mein Eigenstudium betrifft.

Doch es entwickelt sich ebenso die Gefahr, dass die Arbeitszeiten dadurch zu verbissen werden. Dass ich zu verbissen versuche, um jeden Preis effektiv zu sein, denn ich habe es mir ja vorgenommen. Vor kurzem bemerkte ich eine konkrete Auswirkung davon: To do-Listen, die nicht mehr ihren Zweck erfüllten. Nicht falsch verstehen: Ich bin ein Freund von To do-Listen! Bevor ich gedanklich explodiere und mir tausend Dinge einfallen, die ich nicht vergessen darf, ist das Aufschreiben eine der besten Methoden, um genau dem vorzubeugen. Und ich glaube, dass solche Listen auch genau dafür nur da sind: Um Dinge aufzuschreiben, die man sonst vergessen würde. Und nicht, um alles Mögliche aufzuschreiben, dass man theoretisch gern schaffen würde.

Ja, so sahen meine To do-Listen mittlerweile aus. Ich hatte mir angewöhnt, mein ganzes Tagespensum aufzuschreiben, Sachen wie „Nächstes Fernstudiums-Kapitel beginnen“ oder „Blog-Artikel schreiben“. Doch die Sache war die: Das waren überhaupt nicht Dinge, die ich vergessen würde! Das sind ganz normale Tätigkeiten, die meinen Alltag ausmachen. Tätigkeiten, die so fest in mein Leben integriert sind, dass ich sie nicht aus dem Kopf verliere. Das Fernstudium etwa hat momentan eine sehr hohe Priorität in meinem Leben. Wieso sollte ich es vergessen?

Ja, manchmal vergisst man auch die eigenen Prioritäten. Doch solange das nicht der Fall ist, halte ich es nicht für notwendig, sie sich konkret vorzunehmen und aufzuschreiben.  Ich bemerkte zunehmend, dass ich mich durch das schriftliche Vornehmen selbst unter Druck setzte. Wieso? Andere Leute können sich auch einfach ihr Tagespensum aufschreiben, ja brauchen das vielleicht sogar, damit sie in Gang kommen. Eine Art positiver Druck sozusagen.

Bei mir wird es leider schnell zum negativen Druck und ich glaube nun zu wissen, wieso: Ich handle normalerweise sehr intuitiv und kann meinem Gefühl dafür, was wichtig ist und Vorrang hat, meist vertrauen. Und doch kam ich zu der verdrehten Annahme, dass ich faul auf der Couch landen würde, wenn ich mir nicht alles konkret vornahm. Ich hatte sozusagen Angst vor mir selbst! Ich vertraute meiner Intution nicht, der ich sonst ganz gut vertrauen konnte. Ich vertraute nicht darauf, dass all diese wichtigen Tätigkeiten im genau richtigen Tempo zur genau richtig Zeit erledigt werden würden. Ich stresste mich und glaubte, dass ich dadurch schneller sein würde. Doch wenn es dann mal nicht klappte, wurde ich frustriert und hinterfragte gleich alles: Ob ich das jemals schaffen werde? Ist es wirklich gut, dass ich dieser Sache gerade diese Priorität einräume? (siehe auch „Gedankenkreise…“)

Deswegen habe ich beschlossen, meine Vorgehensweise ein wenig auf den Kopf zu stellen. Der Ostermontag ist dafür der perfekte Start-Tag. Heute nehme ich mir wirklich gar nichts vor. Ich schaue einfach, wonach mir ist. Entspannen und lesen? Gut. Ein Kapitel im Fernkursordner bearbeiten? Gut. Super produktiv gleich drei Kapitel bearbeiten? Gut. Spazieren gehen? Gut. Nichts von alledem? Auch gut. Natürlich kann man nicht jeden Tag so angehen. Doch dieser Ostermontag – ein Feiertag, der schon allmählich in den Alltag überleitet – eignet sich perfekt.

Wie lief der Tag also ab? Ich wachte ein wenig später auf als gewohnt und begann den Morgen entspannt mit Kaffee, Frühstück und Lesen auf der Couch. Mir war danach, diese Zeit ein wenig länger auszudehnen, also tat ich es einfach. Die Sonne schien durch die Fenster. Schließlich hatte ich Lust, ein wenig zu arbeiten. Ich schaltete die „Akustischer Frühling“-Spotifyplaylist ein und nahm mir entspannt das nächste Kapitel vor. Eigentlich wollte ich auch ein paar Lernkarten durchgehen, aber danach war mir dann doch nicht. Nebenher verzehrte ich ein kleines, zweites Frühstück. Später kochte ich für meinen Mann und mich und beschloss, dass ich nun ein wenig Aktivität brauchte. Also fuhr ich mit dem Fahrrad in die Innenstadt und setzte mich in eins der wenigen Cafés, die offen hatten. Mit einem Matcha Lattee (erster Versuch – noch nicht hunderprozent überzeugt…) verkrümelte ich mich in eine Sitzecke und packte meine Lernkarten aus. Dieses mal hatte ich Lust, sie durchzugehen. Außerdem begann ich in einem Notizbuch, an diesem Blogartikel zu schreiben. Ich ließ mir viel Zeit. Abends fuhr ich zurück, machte Sport und schaute ein paar Folgen einer Serie. Ehrlich gesagt: Dieser Tag erschien mir ziemlich perfekt.

Ich muss an einen anderen Tag zurückdenken, an dem ich ganz ähnlich vorgegangen war. Das war in einer Zeit voller Umbrüche, in der ich wichtige Entscheidungen treffen musste. Mit viel Nachdenken fand ich jedoch nicht zur Lösung meiner Probleme. Also lebte ich genauso wie an diesem Tag: einfach der Nase nach. Die guten Gedanken kamen dann von ganz allein. Damals wie heute merke ich, dass das bei mir funktioniert. Ich lande nicht faul auf der Couch und wenn ja, dann weil ich eine kleine Ruhephase brauche. Ich habe Ziele und Prioritäten und die sind mir so wichtig, dass ich sie nicht so einfach aus dem Blick verliere. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich im genau richtigen Tempo die genau richtigen Schritte gehen lässt.

Eine Sache nehme ich mir ab sofort vor: Es kommen nur noch Dinge auf die Tages-Agenda, die ich ansonsten vergessen würde. Bei mir sind das Punkte wie „E-Mail an xy schreiben“, „Dies und jenes einkaufen“, „Blumen gießen“. Dinge, die tatsächlich gemacht werden müssen, aber mir leider nicht wichtig genug sind, dass ich sie mir auch so merken würde. (Warum können Pflanzen nicht einfach so wachsen und gut aussehen?) Und wenn der Tag ansonsten durch wenige Termine strukturiert ist, schaue ich einfach, was passiert. Klar, ich kann nicht immer früh lange lesen oder nachmittags im Café sitzen wie an einem Ostermontag. Und ja, gewisse Routinen und Vorhaben tun mir nach wie vor gut. Aber ich werde merken, was wichtig ist. Ich brauche mich dafür nicht selbst unter Druck setzen, denn dadurch geht es auch nicht schneller. Ich darf akzeptieren, dass ich ein intuitiver Mensch bin. Ich glaube, genau das macht es mir manchmal so schwer: gleichzeitig sehr intuitiv und ein absoluter Organisations-Typ zu sein. Es klingt widersprüchlich – aber wenn ich beide Eigenschaften zulasse und richtig einsetze, kann ich das Beste herausholen. (Vielleicht bald mal ein eigener Blog-Beitrag dazu?)

Ich wünsche dir, dass du genau den richtigen Weg findest, um deinen Alltag anzugehen. Vielleicht kannst du ein wenig positiven Druck gebrauchen und es schadet nicht, den Tag komplett durchzuplanen. Aber vielleicht geht es dir auch so wie mir und du brauchst hauptsächlich Freiraum, um produktiv sein zu können. Ich bin gespannt von deinem Umgang mit To do-Listen, Vorhaben und Co. zu hören!

Constanze

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Glauben, Persönlichkeit

Gedankenkreise…

Ich sitze mit meiner Schwester in unserem Wohnzimmer. Wir arbeiten. Da die Universitätsbibliothek ein paar Tage geschlossen hat, sind wir auf Home Office umgestiegen. Das hat auch einige Vorteile: ganz Streber, wie wir sind, können wir uns so schon vor 9 Uhr treffen. Wir können nebenher Kaffee trinken und bis zum Bad müssen wir nur einmal durch den Flur laufen. Und wenn ich meine Karteikarten vergessen habe, ist keine erneute Wanderung zum Schließfach nötig. Im Hintergrund laufen „sphärische Lernklänge“ oder melodische Klavier- und Gitarrenmusik. Irgendetwas, was man bei YouTube unter „Study Music“ findet.

Gestern konnte ich diese Vormittagsstunden wunderbar produktiv nutzen. Doch heute passiert es, ganz plötzlich, nach etwa ein bis zwei Stunden: Meine Gedanken fangen an zu kreisen. Und sie sind nicht mehr zu stoppen. Urplötzlich fällt mir alles ein, was mein Mann und ich in den Osterferien vorhaben und dass es eigentlich viel zu viel ist. Und kaum etwas hat schon einen festen Termin! Es sind schöne Dinge, aber auch viele, die einfach endlich erledigt werden müssen. Umso länger ich darüber nachdenke, umso mehr fällt mir ein. Ich kann nicht weiterlernen. Ich starre nach wie vor gebannt auf mein Buch, aber in meinem Kopf kommen keine ganzen Sätze mehr an.

Ich bin schon immer jemand gewesen, der sich in Gedanken verlieren kann. Schon als Kind – da waren es irgendwelche schrägen Fantasiewelten (die ich bis heute bildlich vor Augen habe…). Später ein schlechtes Gewissen, das ich einfach nicht loswurde, bis ich ein schlechtes Gewissen wegen meines schlechten Gewissens hatte (das passiert mir manchmal immer noch). Heute sind es oft Sorgen über die Gegenwart oder Zukunft oder Fragen nach Sinnhaftigkeit. Es sind Ängste, dass ich etwas nicht schaffe. Unsicherheiten, wenn es keinen konkreten Plan gibt. Und manchmal denke ich eben so sehr über etwas nach, dass ich mich ganz darin verliere und irgendwann gar nicht mehr weiß, worin genau das ursprüngliche Problem bestand. Es kommt vor, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon völlig verzweifelt und durchgedreht bin. Du kennst das? Herzlich willkommen, du bist nicht allein.

Nun, das war heute in unserer Home-Office-Zeit nicht ganz so dramatisch. Und auch allgemein habe ich mit der Zeit meine Mittel und Wege gefunden, damit umzugehen. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Menschen, die mir am nächsten stehen, mir sagen „Constanze, du verlierst dich da wieder“ und mich auf andere Gedanken bringen. Denn meist liegt genau da das Problem: Ich glaube, irgendeine Lösung finden oder die Sache so lange durchdenken zu müssen, bis ich auf deren Grund angekommen bin. Ja, sehr oft ist das meine Stärke und ich schaffe es tatsächlich, Lösungen zu finden. Ich gehe Dingen gern auf den Grund. Ich analysiere Situationen ins Detail. Doch es passiert, dass ich es tue, obwohl es unnötig ist und zu nichts führen würde. Denn nein, ich rede hier nicht von den Problemen und Gedanken, die auf jeden Fall Beachtung und Bearbeitung benötigen. Ich rede von diesem Grübeln, das zu nichts führt. Von den Sorgen, die sich gegenseitig hochschaukeln. Von Ängsten über Dinge, die eigentlich nicht real sind. Von einem Vergessen der Realität und einem Verlieren im Kopf.

Sich selbst nicht schlecht machen

Wenn es dir so geht wie mir, dann ist das der Faktor, der alles nur noch schlimmer macht: „Oh nein, ich darf nicht so viel nachdenken, das ist dumm“. Sobald ich das denke, habe ich genau das Gegenteil bewirkt. Ich ziehe mich selbst herunter, und verliere mich umso mehr in negativen Kreisen. Viel eher hilft es mir, das Problem zwar zu erkennen, aber erst einmal zu akzeptieren. Ich benenne es, („Ah, da sind sie wieder, die Gedankenkreise“), aber ich lasse es nicht zu, dass sie eine zu hohe Priorität erhalten. Zumindest versuche ich es… Die folgenden Punkte helfen mir dabei:

Mit anderen darüber reden

Erst einmal raus damit! Das löst nicht unbedingt alle meine Sorgen und Ängste, aber manche Dinge können sehr schnell relativiert werden, sobald sie ausgesprochen sind. In diesem Fall war meine Schwester zum Beispiel gern bereit, eine Arbeitspause einzulegen, damit ich ihr alle meine Sorgen über die Osterferien herunterrattern konnte. Die ein oder andere Sache konnten wir gleich praktisch klären. Aber vor allem nimmt es den Gedankenkreisen die Bedrohlichkeit, wenn sie ausgesprochen sind. Es nimmt ihnen die Wichtigkeit, die sie im Kopf einnehmen. Ausgesprochen wirken manche Dinge nämlich viel banaler als im Kopf – eben die Dinge, die eigentlich gar nicht so wichtig sind oder gar keinen Sinn ergeben. Ausgesprochen merke ich „Hm, das klingt eigentlich gar nicht so dramatisch“. Manchmal muss ich dann auch ein bisschen lachen und mein Mann sagt „Merkst du selbst, dass das keinen Sinn ergibt, oder?“

Aufschreiben

Manchmal reicht mir das Reden allerdings nicht. Und da kommt je nach Art der Gedanken das Schreiben ins Spiel. Ich mache mir Sorgen über Terminplanung und Organisatorisches? Kalender. Mir fallen alle möglichen To do’s ein? Listen. Ich fühle mich schlecht, habe Angst oder bin von mir selbst enttäuscht? Tagebuch. Lied schreiben. Nachricht an eine Freundin…

Ab ins „wahre Leben“

Doch noch viel wichtiger ist nach meiner Erfahrung folgendes: Raus aus dem Kopf und ab ins wahre Leben. Wenn die Gedanken so sehr kreisen, dass dabei nichts Produktives mehr herauskommt und ich immer weiter eine Spirale herunterrutsche, dann nichts wie weg aus dem Kopf. Viel zu oft vergesse ich es, aber das Beste, was ich in diesen Momenten tun kann, sind Tätigkeiten wie Kochen, Sport, Aufräumen… Irgendetwas Praktisches, das schnell positiven Erfolg nach sich zieht. Irgendetwas mit einem sichtbaren Ergebnis, das nicht viel Denkarbeit erfordert.

Es kommt vor, dass genau dann ein Treffen mit einem Freund oder einer Gruppe ansteht, wenn ich gerade so richtig an einer Sache verzweifle. Der Gedanke liegt nahe, dieses Treffen abzusagen. Doch häufig ist genau das am allerbesten: Zeit mit Menschen zu verbringen, die von meinem Problem nichts wissen. Denn dann bin ich gezwungen, ja ich kann gar nicht anders, als die Gedankenkreise beiseite zu schieben und mich mit diesen Menschen zu beschäftigen. Und danach, wenn ich nach Hause komme, sieht die Welt schon ganz anders aus. Prioritäten haben sich verschoben. Neuer Input hat meine Gedanken relativiert. Die gute Laune anderer hat angesteckt.

Loslassen.

Das ist ein Wort, das in solchen Situationen immer wieder neue Relevanz für mich erhält. Loslassen von der Idealvorstellung, alles durchblicken zu können. Von der Vorstellung, dass ich nur lange genug über etwas nachdenken, lange genug grübeln muss und dann habe ich die perfekte Lösung. Davon loszulassen ist gar nicht so leicht. Meist ahne ich, dass es Sinn machen würde, einfach Gott zu vertrauen – ihm all diese Grübelei hinzuhalten und bei ihm loszulassen. Doch oft geschieht etwas Schräges, wenn ich dann anfange zu beten: Ich erzähle Gott von all meinen Sorgen und auf einmal denke ich schon wieder über mögliche Lösungen nach. Ich fange an, mit Gott darüber zu debattieren, wie man diese oder jene Sache klären oder wie ich meinen Zeitplan ich den Osterferien in den Griff kriegen könnte. Und irgendwann merke ich – Stopp: Ich rede gar nicht mehr mit Gott! Ich rede schon wieder nur mit mir selbst. Ich versuche schon wieder irgendetwas zu lösen, was ich nicht lösen kann.

Loslassen. Was heißt das also? Wahrscheinlich, einfach vor Gott zu treten und zu sagen „Hier bin ich.“ Und sobald ich erkannt habe, dass ich ihm gegenüber weiter nichts leisten kann und muss, spüre ich, wie mich seine bedingungslose Liebe durchflutet. Diese Liebe, die bereits da ist, bevor ich meinen Alltag gut organisiert habe. Bevor ich mein Leben beisammen habe. Bevor ich all meine Ängst und Zweifel abgebaut habe. Bevor ich nicht mehr deprimiert bin. Bevor ich einen guten Plan habe. Bevor ich meine Gedankenkreise und Grübeleien in den Griff bekommen habe. Bereits davor bin ich genug.  

Und dann kann ich weitergehen. Schritt für Schritt in der Gegenwart leben und das tun, was mir möglich ist. Hier, im wahren Leben, nicht in irgendwelchen Gedankenkreisen in meinem Kopf. Mehr geht nicht und mehr muss nicht gehen.

Constanze