Veröffentlicht in Gedanken, Persönlichkeit

Kinder, Kinder – Verheiratet, und jetzt?

Ein bisschen aufgeregt bin ich, aber ich bin mir sicher, das Gefühl der Gewohnheit schleicht sich nach und nach wieder ein – an der Tastatur sitzt heute nämlich nicht Constanze, sondern Anne. Ich habe selbst ca. 7 Jahre gebloggt (Nov. 2010 – Jan. 2018) und meinen Blog nach meiner Studentenzeit dann immer mehr zurückgestellt. Jetzt ist www.anny-thing.de nicht mehr aktiv, aber meine Freude am Schreiben ist nach wie vor da und ich habe mich nach dieser Ausdrucksform echt ein bisschen gesehnt. Die Idee, in Constanzes Blog einzusteigen, kam mir vor Kurzem, denn ich mag ihre Art zu schreiben, ihre Themen beschäftigen mich auch, wir sind beide aus dem Osten Deutschlands, im selben Alter und haben uns bei der Leipziger Buchmesse dieses Jahr kennengelernt. Da habe ich auch erfahren, dass sie diesen Blog bereits mit einer Freundin gegründet hatte und so war die Hemmschwelle für mich nicht so hoch.

Was uns ebenfalls verbindet, sind drei Jahre Eheerfahrung – bisher ohne Nachwuchs. Mein Mann und ich waren vor unserer Hochzeit schon einige Jahre ein Paar, aber noch so junge Studenten, dass wir uns erst mal selbst finden mussten. Inzwischen haben wir viel erlebt und ein Zusammenleben etabliert, das sich für mich nach Zuhause anfühlt. Wir streiten immer noch über Kleinigkeiten, wie die Unordnung des anderen oder die Frage, ob es wirklich schon wieder Schokolade geben muss; wir diskutieren über gesellschaftliche Themen und ergänzen uns nicht nur charakterlich immer besser, sondern auch, was Planung, Haushalt und Arbeit betrifft. Wenn Sätze von meinem Mann fallen wie heute nach dem Kauf neuer Möbel: „Wir haben uns heute echt gut ergänzt!“, dann geht mir still und heimlich das Herz auf. Da hat sich etwas in den Ehejahren entwickelt, das ich nicht missen möchte. Und bis es zum Vorschein kam, haben wir anhand von vielen Lektionen einiges lernen dürfen.

Im Nachhinein klingt es in meinen Ohren immer recht amüsant, welche Pannen wir bereits zusammen erlebt oder welchen Frust wir geteilt haben, den uns der jeweils andere eingebrockt hat. Angefangen bei harmlosen Dingen wie dem Blitzer zur Standesamtlichen Hochzeit (ach ja, ein Rotblitzer …), dem Geschirrbruch beim Einzug meines Liebsten, dass wir beide unsere Masterarbeiten zeitlich ziemlich überzogen und uns in dieser Zeit mit Nebenjobs über Wasser hielten, unglücklich falsch gewaschenen Wäschestücken bis zum selbstverschuldeten Wasserschaden, Beerdigungen und einem Autounfall …

Die Beerdigungen der Großeltern waren natürlich nicht selbstverschuldet, aber sie haben uns noch einmal neu gezeigt, dass in und durch all das Alltagschaos, das sich langsam sortiert und zu einem geregelten Leben wird, es nun langsam an uns liegt diese unsere Welt zu gestalten. Jede dieser Herausforderungen – vielleicht ein paar in jedem Quartal – haben uns fast unbemerkt reicher an Erfahrungen, reifer im Umgang miteinander und dankbarer Gott gegenüber gemacht. Dankbar für die Erfindung der Ehebeziehung, die bildlich gesprochen so tiefe Wurzeln schlagen kann, stabiler wird und Frucht trägt, um auch anderen ein Segen zu sein. Wie wertvoll ist es, den Glauben nicht aufzugeben und geduldig zu sein, auch wenn man merkt, dass man eigentlich unterschiedlich tickt und sich Harmonie oft erkämpfen muss. Es lohnt sich, denn wir merken, was zu unserem Charakter gehört und wobei wir uns inzwischen auch aufeinander einspielen.

Oh, ihr heiratet! Kriegt ihr dann jetzt Kinder?

Gemeinschaft

Es gibt Paare, die heiraten, weil sie Kinder bekommen wollen. Oder weil sie Kinder haben. Oder obwohl sie noch keine bekommen möchten. Möglicherweise ist unsere Generation da inzwischen anders als die Christen vor uns, denn ich merke, dass es auch in Gemeinden immer wieder Paare gibt, die sich mit diesem Thema Zeit lassen. Und ehrlich gesagt merke ich bei mir, dass ich Kinder wunderbar finde, vor allem wenn ich sie persönlich kennenlerne. (Wunderbar und anstrengend, beides.) Dass die Vorstellung von einem eigenen Baby faszinierend ist und dass ich mich immer wieder vor YouTube-Geburtsberichten wiederfinde, die von Grusel- bis Traumgeschichten alles bieten. Ich schaue mir Familien-Vlogs an, sauge die Erfahrungen meiner Mama-Freundinnen auf, beschäftige mich mit Hormonen und arbeite daran, unnötigen Ballast (körperlich und seelisch) abzuarbeiten (frei nach dem Motto: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Johannes 3,30).

Das Umfeld hat einen immensen Einfluss – das habe ich gemerkt, als gleich mehrere Freundinnen ihre Schwangerschaft verkündeten und ich ihre Babys tragen durfte. Ein großes kleines Glück war das. Jetzt sehe ich die Kinder aufwachsen und staune über die unterschiedlichen Phasen, die jedes Kind durchläuft – und dass jede einzelne Phase für sich gesehen spannend ist. Und trotzdem sind wir noch damit beschäftigt, beruflich Fuß zu fassen, unsere Wohnung in dieser und jener Ecke auszusortieren, eine Meal Planning-Routine zu entwickeln und Sport in den Alltag zu integrieren. Wir versuchen die Bibel in 2 Jahren zu lesen, all den Büchern, die seit Jahren verstauben ebenfalls endlich Aufmerksamkeit zu schenken, Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen, Freundschaften mit Singles und Ehepaaren ohne Kinder zu pflegen. Letzteres ergibt sich ganz von selbst, denn Zeit wird zu einem so kostbaren Gut, wenn man entweder Vollzeit arbeiten geht oder Eltern wird.

Die regelmäßigen Treffen mit Mama-Freundinnen waren diesen Sommer vor allem durch eine feste Routine (alle zwei Wochen und mit Kind) möglich oder durch große Spontanität von beiden Seiten für zum Beispiel Spaziergänge in der Stadt. Aber Fakt ist, wer Kinder hat ist gefühlt mehr Familie als ein Paar ohne Kind – oder erlebt ihr das vielleicht anders? Je nach Familie bleibt man offen für Gemeinschaft mit anderen oder man zieht sich in die kostbare Drei-, Vier-, Fünfsamkeit zurück, weil man da etwas Neues geschaffen hat, das sich so schnelllebig verändert und Zeit und Aufmerksamkeit braucht. Singlefreunde und Paare ohne Kinder sind dann eine wertvolle Ergänzung der eigenen Paar-Familie. Denn wie ich heute in einem Podcast (Dear Daughters) gehört habe, ist ein Paar bereits eine vollwertige Familie. Ich mag diese Ansicht, denn so können wir schon eine Familienkultur schaffen, auch wenn wir uns noch nicht für Kinder bereit fühlen. Wir können den langsamen Prozess annehmen, den wir für Veränderung benötigen – nicht mit herumsitzen und abwarten, sondern mit echten Menschen, ihren Erfahrungen, mit Kindern, die wir mit Zeit und Liebe beschenken dürfen, mit Ideen, die wir anpacken, mit Wertesystemen und Routinen, die wir festigen.

Ich bin mir sicher, es gibt da draußen viele, viele Paare, die ungeplant wundervolle Kinder bekommen, die ihr Leben chaotisch machen und gleichzeitig unfassbar bereichern. Paare, die gerade daran wachsen und die herausfinden, wie viel in ihnen steckt, wie sehr Gott die schwere Arbeit übernimmt und ihnen die Kraft für jeden einzelnen Tag verleiht. Ich möchte euch ehren für die tolle Arbeit, die ihr macht! Und gleichzeitig möchte ich Paare wie uns und die ungewollt Kinderlosen stehenlassen, wie sie sind und nicht geringer schätzen, denn auch sie sind Familie und haben Aufgaben, sich entfaltendes Potential und Gemeinschaft. Und solltet ihr euch, als Familie mit oder ohne Kindern nach der Gemeindefamilie sehnen, weil ihr sie vermisst, dann schaut euch um nach den Menschen, die für euch ein Teil der Familie werden können und wollen. Nicht nur Kinder brauchen ein Dorf, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt, auch Erwachsene wünschen sich eine Heimat. Ergänzung, Fürsorge, Humor, Herausforderung und Ermutigung. Das ist ein Boden, der uns vorbereitet auf Menschen, die Gott durch uns neu ins Leben ruft, auf die Kinder der Zukunft und auf Projekte und Ideen, die die Welt oder unseren Ort ein bisschen verändern und Gottes Gegenwart auf die Erde bringen.

Vielleicht bis zum nächsten Mal, wenn ihr wollt –

Anne

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Introvertiert und Introvertiert gesellt sich gern…

Vor kurzem haben mein Mann und ich uns den Dokumentar-Film „Expedition Happiness“ angeschaut. (Dass ich ständig von Dokumentar-Filmen schreibe und rede liegt wahrscheinlich daran, dass ich sie sehr mag. Sorry.) Schon als wir den Trailer im Kino gesehen haben, waren wir begeistert: Ein junges Paar geht auf Reisen, von Nord- bis Südamerika, mit einem umgebauten amerikanischen Schulbus, Hund, und weitestgehend ohne Plan. Sie Entdecken die Schönheit der Natur, kämpfen mit technischen Schwierigkeiten, kulturellen Herausforderungen, erfahren Gastfreundschaft und lernen Neues – nicht zuletzt über sich selbst. Mein Mann und ich sind fasziniert von Menschen, die einfach das machen, wovon sie begeistert sind. Die Risiken eingehen, weil sie von etwas überzeugt sind. Auch hier sind wir wieder erstaunt: Wow, die beiden ziehen das einfach durch! Sie investieren eine Menge Geld in den Bus, bauen ihn komplett selbst um und fahren einfach los – ohne zu wissen, ob sie über die Grenze kommen, ob der Hund die ganze Reisesache mitmacht und so weiter. Dann denken wir ganz unwillkürlich: „Man, wie cool! Warum machen wir sowas eigentlich nicht?“ Wir sind uns einig, dass wir dazu nicht in der Lage wären. Früher waren wir dann ein wenig traurig und dachten, dass wir schlicht nicht mutig genug sind. Heute sehen wir es ein wenig anders…

Ziemlich genau vor einem Jahr haben mein Mann und ich unseren Urlaub in Griechenland verbracht – unser luxuriösester und wohl auch der schönste bisher. Wir konnten hundertprozentig entspannen, abschalten, Sonne baden, spazieren, essen und co. Eigentlich gab es nur eine Herausforderung in diesem Urlaub: Kommunikation. Nein, keine Sorge, nicht unsere Kommunikation miteinander – sondern die mit dem Personal des Hotels. Noch nie hatten wir in einem so schicken Hotel genächtigt und gespeißt. Damit ging allerdings auch einher, dass gewisse Sitten und „Regeln“ herrschten, die uns nicht unbedingt geläufig waren. Keine Frage: Es hat Spaß gemacht, sich für jedes Abendessen schick zu machen, Rotwein zu trinken und zivilisiert mit Kerze auf dem Tisch einander gegenüber zu sitzen. Die Angestellten waren alle sehr freundlich und herzlich. Von einem „steifen“ Hotel kann nicht die Rede sein. Doch woher soll man zum Beispiel wissen, dass man den Wein erst einmal kosten muss, bevor man ein ganzes Glas eingegossen bekommt? Mein Mann bekam einfach einen Schluck eingeschenkt und der Kellner wartete ab. Zum Glück begriff er schnell!

Doch es passierte immer wieder, wenn wir beispielsweise etwas auf der Karte nicht verstanden, an der Rezeption eine Info erfragen mussten oder beim Zimmerservice anriefen, dass wir anfingen darüber zu debattierten, wer dieses Mal dran war, eine möglicherweise dumme Frage zu stellen und Sprachbarrieren zu überwinden. (Okay, im Endeffekt betraf es wohl auch unsere Kommunikation…) Wir taten solche Dinge beide ungern. Und wenn ich allgemein auf unsere Ehe zurückschaue, so ist das diese eine kleine Komplikation, der wir auf Reisen und Ausflügen immer mal wieder gegenüberstehen. Denn nein, wir diskutieren selten darüber, was wir tun wollen – sondern wer die unbeliebte Aufgabe bekommt, mit dem Unbekannten zu sprechen. Am Ende dieses Urlaubs hatten wir fast alles Unbekannte überwunden (bis auf den Spa-Bereich… im Ernst: wer blickt denn da durch, wo man hin muss und was man tun darf? Wir beschlossen, dass wir keine Spa-Menschen sind) und waren uns einige, dass wir unbedingt noch einmal in dieses Hotel fahren müssten – jetzt kannten wir uns schließlich aus! Ja, so sind wir. Und seit diesem Urlaub ist mir auch klar wieso: Wir sind beide introvertiert. Und das ist okay so. Manchmal ist uns das nicht so bewusst, dass das okay ist.

Bereits hier habe ich darüber geschrieben, was es für mich bedeutet, introvertiert zu sein. Und noch immer wundere ich mich manchmal über mich selbst und mein Verhalten. Hin und wieder bin ich versucht zu glauben, dass das extrovertierte Verhalten das „Normale“ wäre, das, was eigentlich alle tun. Dass es normal ist, einfach irgendwo anzurufen ohne Angst zu haben. Dass es normal ist, den Kellner darum zu bitten, ein Gericht auf der Karte zu erklären, auch wenn notfalls dabei Hände und Füße eingesetzt werden müssen. Sich bei einer Veranstaltung mitten ins Geschehen zu schmeißen statt erst einmal beobachtend am Rand zu stehen. Wenn man die Wahl hat, doch immer lieber Zeit mit Freunden und Familie verbringen zu wollen statt mit Kaffee und Buch auf einer Couch. Für viele Menschen ist das normal. Aber für einen introvertierten nicht unbedingt.

Ja, manchmal erweist es sich als kleine Komplikation, dass mein Mann und ich beide so ticken. („Ich dachte, wir hatten eine Vereinbarung: Ich schreibe die E-Mails und Postkarten und du tätigst dafür die Anrufe!“ „Nein, die Vereinbarung beinhaltete nur, dass du die E-Mails und Postkarten schreibst…“) Aber oft ist es auch ein Segen. Denn was wir dadurch besonders gut können ist das sogenannte „Co-Existieren“. So nenne ich es, wenn ich zwar mit jemandem zusammen bin – in der gleichen Wohnung, oder sogar im gleichen Raum – aber jeder sein Ding macht, egal ob arbeiten oder entspannen. Zusammen allein sein, sozusagen. Meinem Mann und mir fällt es nicht schwer, uns gegenseitig den Freiraum zu geben, den wir brauchen. Manchmal kommen wir von einer aufwühlenden Veranstaltung nach Hause und sind uns schnell einig: erst einmal Allein-Zeit. Manchmal entspannen wir dann gemeinsam auf dem Sofa, manchmal schaut der eine aber auch Fernsehen während der andere im Nebenraum ein Buch liest oder (seien wir realistisch) auf dem Handy herumscrollt. Deswegen ist Urlaub machen mit meinem Mann auch so schön. (Co-Existieren funktioniert aber übrigens auch super mit Freunden, Geschwistern, …)

Doch dann sind sie da wieder: die Vergleiche. Dieses Pärchen ist immer auf Achse! Wie machen die das – die Welt bereisen und bei fremden Menschen übernachten? Und nicht nur als Paar überkommen uns ab und zu die Zweifel. Bin ich nicht widersprüchlich, wenn ich mich immer wieder auch bewusst zurückziehe, irgendwo heraushalte und auf der anderen Seite im sozialen Bereich sehr aktiv bin und ab und zu auch mal vorn oder im Mittelpunkt stehe? Diesem Trugschluss bin ich eine gewisse Zeit lang erlegen. Ich glaubte, dass eine der beiden Seiten wohl künstlich aufgesetzt sein müssten. Dass es nicht „echt“ ist, wenn ich (mal ausnahmsweise) guten Small Talk führe und mich offen und lustig in Gruppengesprächen einbringe. Mein Mann lobt mich immer mal wieder dafür, wie gut und versiert ich am Telefon sprechen würde. Doch ich denke mir: Neeein, dafür will ich nicht gelobt werden… denn es kostet auch Anstrengung.

Doch da ist der feine, aber bedeutende Unterschied: Sozial ist nicht gleich extrovertiert. Sozial kann jeder sein. Dem einen schenkt es zusätzliche Energie, den anderen kostet es ein wenig – und er muss in der Einsamkeit wieder auftanken. Beide können Freude daran haben. Doch wenn es eher niemandem Freude bereitet (wie zum Beispiel unliebsame Behördentelefonate) dann bedeutet es für den Introvertierten trotzdem mehr Überwindung.

Dieser Verwechslung von sozial und extrovertiert begegnen wir auch als Paar immer einmal wieder. Wir haben viele Kontakte, die wir pflegen möchten. Doch unsere persönlichen Grenzen zeigen uns immer wieder, dass Qualität vor Quantität geht. Wir mögen spontane, intensive eins zu eins Gespräche. Wir mögen länger geplante Verabredungen, auf die wir uns einstellen können. Doch ständige Treffen nur um des Treffens willens – weil es „komisch“ wäre, wenn man sich nicht so oft sehen würde – hinterfragen wir manchmal. Wir achten darauf, dass sie nicht dann stattfinden, wenn unsere Energietanks schon fast leer sind, denn dann hätte niemand einen Gewinn davon.

Mir ist erneut bewusst geworden, wie sinnlos es ist sich zu vergleichen. Sowohl als Paar als auch als Individuum. Gott hat uns so unterschiedlich gemacht und das fasziniert mich. Es macht keinen Sinn, wenn mein Mann und ich unbedingt so sein wollen wie das Paar in „Expedition Happiness“ (oder ein Paar im Freundes- und Bekanntenkreis). Denn wenn wir ein wenig tiefer in uns hineinhorchen merken wir schnell, dass wir das eigentlich gar nicht wollen und unsere Berufung eine ganz andere ist. Verschiedene Persönlichkeitsstrukturen sind spannend und ermöglichen so viele verschiedene Talente und Wege!

Und um keine Verwirrung zu stiften: Introvertiert und extrovertiert gesellt sich natürlich auch sehr gern. Genauso wie extrovertiert und extrovertiert. Und ich möchte auch nicht ausschließen, dass Introvertierte auf Weltreise gehen… Wichtig ist, dass wir wissen wie wir selbst, unsere Partner, Familie und Freunde ticken. Denn dann können wir unsere und ihre Bedürfnisse erkennen, auf sie eingehen und Enttäuschungen vorbeugen. Und vor allem: aufhören mit dem Vergleichen.

Constanze

(photo by ranjatm)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Ein Konzertbesuch

Ich sitze in der Rathausdiele im Rathaus meiner Heimatstadt. Der Chor meines Mannes gibt heute ein Konzert. Es ist ein Ort, an dem ich schon selbst bei Musikschulvorspielen am Flügel gesessen habe. Das waren immer die wichtigen Konzerte, vor denen ich besonders viel Respekt hatte. Hier habe ich am ehesten mal ein schickes Oberteil getragen, gegen das ich mich als Kind sonst eher gewehrt habe.  „Aber nächstes mal ziehst du etwas Schickes an!“ hat meine Klavierlehrerin immer gesagt. Irgendwann sind meine Mama und ich mal shoppen gegangen. Ich erinnere mich an ein langes weißes, blumenbesticktes Shirt mit  breiter werdenden Ärmeln. Im Endeffekt hat es ihr aber glaub ich gereicht, wenn ich gut gespielt habe.

Ich habe meine Wurzeln in der klassischen Musik. Mein Mann auch. Es erscheint mir oberflächlich betrachtet eine unwichtige Gemeinsamkeit, aber irgendwie verbindet sie doch. Während ich heute der Popmusik emotional zugewandter bin und mein Mann immer noch klassischer Musik nachgeht, haben wir doch ein musikalisches Verständnis füreinander. Mein Mann ist in der Lage, sinnvolles feedback zu geben, wenn es um die Lobpreismusik im Gottesdienst geht und ich ebenso für die klassische Chormusik. Viel wichtiger jedoch – wir wissen es zu schätzen, was der andere macht und unterstützen uns gegenseitig. Feedback und Kritik sind dabei nur zweitrangig.

Als ich meinen Mann heute seit längerer Zeit mal wieder im Anzug mit Fliege sehe, muss ich lächeln. Sein Zeitplan lässt es erst seit kurzem wieder zu, dass er Teil eines Chores sein kann (obwohl: Geht es dabei wirklich um Zeit?), aber ich sehe sofort, dass er in seinem Element ist. Ich schaue mich um und sehe hauptsächlich ältere Leute im Publikum. Aber das ist nichts Ungewöhnliches für mich. Ganz im Gegenteil, ich genieße es. Habt ihr schon einmal beobachtet, wie klassische Musik Menschen glücklich machen kann? Es gibt kaum etwas Schöneres, als das Lächeln auf dem Gesicht meiner Nachbarin zu sehen und das geflüsterte „Toll“ zu hören, nachdem ein Lied ausgeklungen ist. Klassische Konzerte sind ein Ort, an dem ich Generationenverbundenheit spüre.

Heute bin auch ich wieder sehr begeistert. Die Qualität ist top. Besonders die lauten Lieder mag ich. Das war schon immer so. Wenn das Orchester so richtig reinhaut, der Chor so richtig abgeht, dann krieg ich Gänsehaut. Der Dirigentin nehme ich jede Handbewegung ab – sie ist mit Herz und Seele dabei. Sogar die Soli eines professionellen Tenors kann ich genießen. Viel mehr begeistert mich jedoch (natürlich) der Pianist, der ihn begleitet. Flinke Finger mit so viel Präzision. Soweit habe ich es nie geschafft, aber das kann ich heute neidfrei feststellen. Doch wisst ihr, wer mich sogar noch mehr begeistert? Die junge Frau, die neben ihm sitzt und die Noten umblättert. Gerader Rücken, voll konzentriert. Im letzten Moment steht sie auf und blättert flink die Seite um, genau zur richtigen Zeit. Diesen Job habe ich immer geliebt. Das mag merkwürdig klingen, scheint er doch so irrelevant und hintergründig. Doch meiner Ansicht nach verrät er viel Können und ist eine unglaublich wichtige Zuarbeit. Konzentriert die Noten zu verfolgen ist nicht immer leicht. Und dann auch noch genau so aufzustehen und genau so die Seiten umzublättern, dass der Pianist dadurch nicht belästigt wird – ein Vorgang, für den ich nur ganz bestimmte Leute anfrage, wenn ich selbst Klavier spiele.

Diagonal vor mir sitzt ein junges Mädchen, womöglich das einzige im Saal. Ich schätze, es ist acht oder neun Jahre alt. Das heutige Konzert besteht unter anderem aus längeren informativen Moderationsanteilen. Da kann ich es dem Mädchen nicht übel nehmen, dass es ihren Kopf auf die Schulter ihrer Oma legt. Doch während der Lieder tut sie manchmal mit ihren Fingern so, als würde sie selbst Klavier spielen. Sie ist aufmerksam. Es ist schön, das zu beobachten. Und wahrscheinlich erinnert sie mich mit ihrem imaginären Klavier auch ein wenig an mich selbst.

So viel verknüpfe ich nun schon mit diesem Ort. Eigene Klaviervorspiele in der Kindheit, standesamtliche Hochzeiten (inklusive meiner eigenen), Konzerte, eine Podiumsdiskussion, eine Ausstellung… In letzter Zeit fallen mir immer mal wieder Orte in der Stadt auf, die für mich in gewisser Weise „geschichtsträchtig“ sind. Und ich muss darüber schmunzeln, wie sie immer wieder neu geprägt werden. Denn hätte ich jemals als Kind bei einem meiner Klaviervorspiele in der Rathausdiele gedacht, das ich dort auch einmal im weißen Kleid stehen würde, um zu heiraten? Dass ich meinen Mann bei einem Konzert beobachten würde?

Wenn ich an solche Orte komme, kommen all diese Erinnerungen zurück – ich kann gar nichts dagegen tun. Ich erinnere mich daran, wie aufgeregt ich war, während ich darauf gewartet habe, dass ich mit dem Vorspielen dran bin. Ich erinnere mich an andere Schüler, mit denen ich mich verglichen habe. Die vor dem Losspielen gefühlte zehn Minuten still und andächtig vor den Tasten saßen und sich auf ihr Stück konzentriert haben. Ich erinnere mich daran, dass ich es als unangenehm empfand, mich zu verbeugen. Und dann auf einmal – wie ein unerwarteter Schnitt im Film – die Erinnerung an das Vorgespräch für die standesamtlichen Hochzeit hinter der Tür, die nur ein paar Meter von meinem jetzigen Sitzplatz entfernt ist. Die Erinnerung, wie mein Mann und ich schmerzhaft künstlich probieren, ernst und erwachsen zu wirken, während die Standesbeamtin uns Löcher in den Bauch fragt und mal wieder die Frage aufkommt, ob „evangelisch-freikirchlich“ eine amtlich zu erfassende Konfession ist (laut Standesbeamtin ja, laut Bürgeramt nein).

Manche Menschen gehen gern weg. Auch ich mache das hin und wieder. Nach der Schule dachte ich, dass ich „so richtig langfristig“ weggehen müsste – so wie das eben alle gemacht haben. Dabei habe ich wohl mehr auf irgendeinen Zeitgeist gehört als auf mich. Denn mittlerweile weiß ich: Ich komme gern zurück. Zurück zu alten Orten, die ich neu gestalten kann. Vertraute Umgebungen geben mir Mut, Neues auszuprobieren. Kennst du diese berühmte Komfort-Zone? Ob du es glaubst oder nicht: Du kannst sie auch dann verlassen, wenn du am selben Ort bleibst. Das habe ich lange Zeit nicht begriffen. Ich dachte, dass nur neue Orte Neues mit sich bringen könnten. Ich sah all die Weltenbummler und „in die Großstadt Ziehenden“ und wie dieser Lebensstil sie belebte.

Aber mich belebt das hier. Genau hier. Verschiedene Erinnerungen, aus denen ich Verschiedenes gelernt habe. Mich belebt meine Heimatgemeinde, in der ich aufgewachsen bin und die doch so viel mehr für mich ist als nur „meine Heimatgemeinde“. Sie ist ein Ort, an dem ich immer wieder neu auftanken und neu mitarbeiten kann. Mich belebt die Uni-Mensa, ich der ich bereits als Schüler, als Student und nun als „Pseudo-Student“ gegessen und die witzigsten Unterhaltungen am Nachbartisch belauscht habe (im Ernst: die Mensa ist der beste Ort, um Stoff für Fernsehsoaps zu sammeln).

Ich sage nicht, dass jeder zurückkehren oder immer am gleichen Ort bleiben muss – das wäre auch nicht gut. Aber im Endeffekt geht es gar nicht um die Orte an sich, sondern darum, was du aus ihnen machst, wie du sie füllst, wie du sie prägst.

Ich bin froh, dass ich zum Konzert gegangen bin, denn das war eigentlich gar nicht geplant. Es hat einen alt bekannten Ort mal wieder neu geprägt. Es hat mir bewiesen, das Altbekanntes immer wieder aufs Neue Relevanz haben kann. Und somit ist das Rathaus zu einem Bild für mich geworden. Ein Bild dafür, dass ich momentan genau hier genau richtig bin.

Constanze 

Veröffentlicht in Gedanken

Entscheide dich – oder lieber nicht?

Ich glaube, das Leben besteht zu einem großen Teil aus Entscheidungen.

Nein, ich meine nicht die Entscheidungen, denen wir uns täglich vorm Kleiderschrank oder hin und wieder an der Eisdiele aussetzen. Ich meine die, die unser Leben prägen und uns in bestimmte Richtungen lenken. Und ich glaube, dass wir viel zu oft vor diesen Entscheidungen zurückschrecken und dadurch Chancen verpassen.

Ja, das sagt sich leicht – oft weiß ich nicht einmal selbst, wo hinten und vorn ist. Im heutigen Zeitalter der Flexiblität und Ungebundenheit scheint es auch kein Trend mehr zu sein, sich bewusst für etwas zu entscheiden. Denn damit legt man sich schließlich auf etwas fest – und das könnte unweigerlich nachhaltige Auswirkungen auf unser Leben haben. Das erscheint beängstigend und widerspricht oft unserem Zeitgeist der Spontanität. Wie ich darauf komme? Für heutige Verhältnisse war ich noch sehr jung, als mein Mann und ich vor anderthalb Jahren geheiratet haben. Auch kannten wir uns „erst“ zwei Jahre lang und selbst heute werde ich dafür manchmal noch mit großen Augen angeschaut. Das macht mir im Prinzip nichts aus. Im Gegenteil, ich freue mich, wenn Leute ihr Erstaunen ausdrücken und im besten Fall auch verbalisieren, anstatt mit einem dezenten „oh – okay“ und einem vielsagenden Blick das Thema abtun.

Solch ein ehrliches Gespräch führte ich vor kurzem mal wieder und es brachte mich zum Nachdenken darüber, wie sehr Entscheidungen mein Leben beeinflussen – vor allem eben die, die wir bewusst treffen müssen und die dadurch etwas beängstigend sein können. Denn unser Leben ist auch voll von unbewussten Entscheidungen, die häufig darauf zurückzuführen sind, wie wir geprägt wurden. Ich glaube beispielsweise prinzipiell, dass mir ein Mensch nichts Böses antun möchte, wenn ich ihn kennenlerne. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mir selten jemand etwas wirklich Schlimmes angetan hat. Ich entscheide also unbewusst, an das Gute im Menschen zu glauben. Aber auf diese Entscheidung hatte ich nicht wirklich einen Einfluss.

Es sind die bewussten, oft nachhaltig prägenden Entscheidungen, auf die wir Einfluss haben und mit denen wir unser Leben konkret gestalten können. Sie bieten somit wunderbare Möglichkeiten! Welche könnten das bei dir sein?

Für mich war das zum Beispiel der Entschluss, mein Leben mit Gott zu leben oder eben der, zu heiraten. Entschlüsse, die große Auswirkungen haben und mit denen man oft auch aneckt. Denn viele Menschen glauben zum Beispiel, dass eine Ehe im jungen Alter gefährlich ist, da man sich noch viel verändern und den Schritt später bereuen könnte. Eine so wichtige Entscheidung schon so früh und so schnell zu treffen, scheint unreif. Doch ich möchte behaupten, dass es in vielen Fällen genau das Gegenteil ist. Dadurch, dass es eine gut überlegte Entscheidung war, zu heiraten, hat diese auch eine Macht, welche oft unterschätzt wird. Ich habe mich aus freien Stücken und aus eigenen Überlegungen heraus auf etwas festgelegt. Dies hat positive Auswirkungen: Es schenkt mir Sicherheit und Klarheit und die Möglichkeit, mich auf diesem eingeschlagenen Weg frei zu entfalten. Denn eine getroffene Entscheidung gibt mir Selbstbewusstsein und macht mich weniger anfällig dafür, lediglich Trends und aktuellen Lifestyles zu folgen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht für frühe Ehen „werben“. Es ist viel mehr nur ein Beispiel aus meinem eigenen Leben, wie positiv sich Entscheidungen auswirken können. Oft haben wir Angst, dass eine große Entscheidung uns quasi kontrollieren und zu etwas drängen könnte, was wir nicht wollen. Vielmehr ist es jedoch so, dass, wenn wir Entscheidungen aus eigenen Überzeugen fällen, wir auch diejenigen sind, die den eingeschlagenen Weg bewusst beschreiten und gestalten.

Vor kurzem habe ich wieder einen solchen Entschluss getroffen, der bei einigen Menschen auf Unverständnis traf. Er war eben nicht so ganz konventionell und üblich. Ich hatte lange darüber nachgedacht, abgewogen, mit Leuten gesprochen, Alternativen in Betracht gezogen. Aber im Endeffekt wusste ich, dass es der richtige Weg für mich war, also setzte ich ihn in die Tat um. Dabei habe ich nicht unbedingt den leichtesten Weg gewählt, auch nicht den rational betrachtet Sinnvollsten. Aber es war die Entscheidung, die am besten zur mir passte. Hätte ich es nicht getan, hätte mich diese Unentschlossenheit und das ständige Für und Wider, der ständige Wechsel von positiven und negativen Gefühlen, noch lange geplagt. Doch die Entscheidung hat mich frei für neue Wege gemacht.

Ich glaube, dass wir keine Angst davor haben sollten, große Entscheidungen zu treffen. Nicht immer bedeutet das, dass wir sofort einen riesen Sprung wagen müssen, aber dass wir anfangen, viele kleine Schritte auf ein konkretes Ziel zuzugehen. Zeiten der Ungewissheit und Unklarheit gibt es immer, doch ich persönlich höre immer wieder diese innere Stimme, die mir sagt, wenn es so weit ist, einen Weg bewusst einzuschlagen.

Ich möchte auch dich dazu ermutigen, vor solchen Entscheidungen nicht zurückzuschrecken. Sie engen nicht ein – sie bringen uns voran! Oft bedarf das einer großen Portion Mut, aber meistens fühlt es sich danach ziemlich gut an.

Constanze

(photo by Clem Onojeghuo)