Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Gedanken

Gedanken nach einem Autowerkstattbesuch

Heute habe ich unser Auto nach viel zu langer Zeit mal wieder zur Inspektion gebracht – und es sogleich bereut. Nicht, dass ich das Auto zur Inspektion gebracht habe, aber das ich es war, die es getan hat. Dies war eine rational richtige Entscheidung gewesen, da ich zeitlich flexibler als mein Mann bin. Innerlich hat es mich jedoch so sehr aufgewühlt, wie ein Gegenstand es definitiv nicht sollte. Es ist so: Ich fahre gern Auto. Das habe ich irgendwann gemerkt, als ich die Fahrschule und deren Druck hinter mir gelassen habe und ein paar Jahre stressfreie Erfahrung sammeln durfte. Nun finde ich es praktisch und fühle mich auf der Autobahn zugegebenermaßen auch manchmal wie in einem Computerspiel (nur ohne das Rasen und Anrempeln versteht sich). Ich fahre nicht jeden Tag, aber hin und wieder ist es für Arbeit und Freizeit ein Luxus, den ich sehr zu schätzen weiß.

Typisch Frau?

Und mehr ist es nicht. Es ist keine Liebe für diesen Nutzgegenstand, kein Hegen und Pflegen und auf Glanz polieren. Es ist kein mechanisches oder technisches Wissen. Ich weiß, wie man tankt, Reifen aufpumpt und den Ölstand könnte ich mit ein wenig Nachdenken wahrscheinlich auch checken. Wisst ihr, was mich daran ärgert? Dass ich damit als „typisch Frau“ abgestempelt werden könnte. Und noch mehr als das: dass ich mich selbst als „typisch Frau“ abstemple. So kommt es, als mir der Werkstattmitarbeiter eine Frage nach der anderen stellt, ich mich schrittweise immer dümmer fühle und schließlich selbst sage: „Ja, da bin ich wohl typisch Frau…“ – „Tut mir Leid, das weiß ich ehrlich gesagt nicht.“ – „Vielleicht weiß das mein Mann.“ – „Hmm, kann sein…“ Und schließlich: „Ich bringe das Auto nie wieder in die Werkstatt.“

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob mein Mann viel mehr wüsste als ich. Wahrscheinlich ein bisschen, da er allgemein ein besseres technisches Verständnis hat. Aber Fakt ist, dass wir uns beide nicht über die Maßen für den Gegenstand Auto interessieren. Wieso also tue ich mich selbst als „typisch Frau“ ab? Ich stecke mich selbst in eine Schublade, um es dem Werkstattmitarbeiter leichter zu machen. Somit kann er mich aus dieser Schublade herausnehmen und mit dem arbeiten, was man üblicherweise darin vorfindet: fehlendes Wissen, Naivität, weiblichen Charme. Es wäre ja viel zu kompliziert, zu diesem fehlenden Wissen zu stehen ohne eine Erklärung anzubieten. Die Erklärung „Ich bin eine Frau“ dient in diesem Fall als Entschuldigung. Eigentlich unnötig, oder?

Besonders deshalb, weil ich mir fest vorgenommen hatte, einfach dazuzustehen, dass wir unser Auto zu spät zur Inspektion gebracht haben und jegliche Wartungsempfehlung hinzunehmen, die er mir unterbreiten würde. Ich wollte „Ja“ sagen und nicken, mehr nicht. Ich war nicht darauf eingestellt, so viele Fragen gestellt zu bekommen. Ich war überfordert und griff deswegen auf altbekannte Muster zurück, auf ein Schubladendenken, dass sich scheinbar bewährt hat.

Es mag ja sein, dass es tendenziell eher typisch Frau ist, sich nicht für Autos zu interessieren (wenn mich jemand mit einer empirischen Studie hierzu erleuchten kann, gern her damit). Bei mir mangelt es jedoch schlicht an einem detaillierten Interesse an Gegenständen, die zur praktischen Nutzung gedacht sind. Ich möchte sie benutzen, sonst nichts. Meine gedanklichen Ressourcen fließen in andere Bereiche: sozial, geistig, künstlerisch. Hier setze ich sie ein, hier merke ich mir Dinge, hier brauche ich sie auf. Ich mag sie nicht verschwenden für unseren roten kleinen Blechkasten, genauso wenig wie für unsere Waschmaschine oder den Toaster.

Weg vom Schubladendenken und anderen Ausreden

Auf dem Rückweg zu unserer Wohnung, die glücklicherweise in Laufweite liegt, merke ich selbst, dass ich nicht konsequent bin und mir Ausreden zurechtlege. Wenn ich etwas benutzen will, muss ich auch wissen, wie ich es benutzen kann. Dazu gehört eine gewissen Pflege. Dazu gehört, dass ich mir Hilfe suche, wenn ich etwas selbst nicht reparieren kann oder möchte. Sobald ich etwas besitzen möchte, muss ich Verantwortung dafür übernehmen. Genau das ist der Grund, weswegen mich minimalistische Ansätze ansprechen. Wenn ich weniger besitze, muss ich mich um weniger kümmern, mir um weniger Sorgen machen. Aber wenn ich mich eben doch dafür entscheide, einen Nutzgegenstand in mein Leben zu lassen, muss ich mit den Konsequenzen leben.

Ich wünschte, die Moral von der Geschicht wäre, dass ich mich ab sofort genauer mit unserem Auto auseinandersetzen werde. Wahrscheinlich werde ich aber auch beim nächsten Mal nicht besonders gut informiert sein. Möglicherweise ein kleines bisschen mehr. Sicherlich werde ich pünktlicher zur Inspektion gehen. Aber vor allem werde ich zu meinem Nichtwissen stehen, mich dafür entschuldigen, aber keine Erklärung anbieten. Denn die einzige Erklärung wäre, dass ich nicht genügend Verantwortung übernommen habe.

Und das ist die wahre Moral der Geschicht: Mit Ende 20 ist man erwachsen – nicht. (Aber vielleicht auf einem ganz guten Weg.)

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Eine schwammig beschriebene Winterliebe

„Ich habe wirklich Frieden mit dem Winter geschlossen“, verkünde ich in einer Sprachnachricht an meine beste Freundin. Innerlich habe ich die Jahreszeiten für mich endgültig sortiert. Der Herbst steht nach wie vor unangefochten an erster Stelle, gefolgt vom Frühling. Es ist der Zauber und die Melancholie der Übergangsjahreszeiten, die mich jedes Jahr aufs Neue begeistern. Und wenn ihr euch fragt, inwiefern man die Jahreszeiten an solch schwammigen Faktoren wie „Zauber“ und „Melancholie“ messen sollte oder könnte, sage ich: So ist es. Das sind meine Messkriterien. Ja, hin und wieder schwebe ich in unkonkreten, schwer beschreibbaren Welten. Sorry, faktischer wird’s nicht.

Lieber Winter, du hast es auf Platz drei geschafft. Ich höre schon die empörten Rufe der Sommerliebhaber. Sommer auf Platz vier? Unser geliebter, warmer, Tage-draußen-verbringender Sommer? Ich versteh es ja. Der Sommer hat viele Vorteile. Es ist lange hell, man verbringt keine Stunden damit, ausgefeilte Konzepte für ein ideales Zwiebel-Outfit zu erarbeiten und fährt noch am späten Abend bei lauen Temperaten gut gelaunt mit dem Fahrrad nach Hause. Der Sommer hat tatsächlich einige praktische Vorzüge. Aufgrund der Faktenlage kann ich nichts dagegensetzen. Wenn wir auf analytischer Ebene eine Diskussion darüber führen würden, könntest du mich in Grund und Boden stampfen.

Aber, lieber Sommer, wo ist das zauberhafte in der knallig heißen Sonne? Wo sind deine metaphorischen Gedankenblasen, die mit Erinnerungen und Visionen gefüllt werden wollen? Manchmal, wenn ich abends lange mit jemandem draußen sitze und die Sterne betrachte. Wenn wir einen der Sommergeburtstage am Lagerfeuer feiern und frisch gepflückte Erdbeeren verputzen. Dann weiß ich, dass ich auch dich unglaublich schätze, lieber Sommer. Aber ansonsten bringst du mich zu viel zum Schwitzen und zu wenig zum Nachdenken und Träumen und Spinnen.

Im Endeffekt bin ich ein bekennender Jahreszeitenliebhaber. Ich liebe den Wechsel und die Veränderung, saisonales Wetter und saisonales Essen. Doch wenn ich heute unseren bereits geschmückten Weihnachtsbaum betrachte, dabei ein kleines bisschen friere, weil ich die Heizung noch nicht eingeschaltet habe und nebenher „I’ll be home for christmas“ höre, dann sind sie hier: Zauber und Melancholie. Sie sitzen mit mir auf der Couch, während ich das schreibe. Ich hoffe, dass sie mich auch in den Januar begleiten werden, wenn die Weihnachtsfreude nicht mehr so sehr im Zentrum stehen wird. Ich bin optimistisch. Bereits den November habe ich so sehr genossen wie selten zuvor – dieser armer, von vielen weggestoßene Monat. Ich habe ihn umarmt in seiner Grauheit. Er durfte mich zum Nachdenken und Grübeln bringen. Er durfte mir dabei helfen, das nächste Jahr auszumalen und nach Möglichkeiten in meiner Zukunft zu forschen.

In meinem Leben bin ich schon oft damit angestoßen, dass ich nicht besonders viel mit Fakten und Daten anfangen kann. Ich suche nach dem Unaussprechlichen, schwer Beschreibbaren, nach den Dingen, die man nicht sehen kann. Dort liegen so viele Möglichkeiten und Wahrheit. Und so passiert es, wenn mich jemand fragt, warum ich den Winter mag, ich lediglich entgegne: „Zauber und Melancholie“. Vermutlich wird mich ungefähr die Hälfte aller Gesprächspartner daraufhin verdutzt anschauen und sagen „Ahhh… okay.“ Während die andere Hälfte wissend nickt und genau versteht, was ich meine. So unterschiedlich die Jahreszeiten sind, so unterschiedlich sind eben auch wir Menschen und unsere Vorlieben.

Und das liebe ich sogar noch mehr als jegliche schwammig beschriebene Melancholie irgendeiner Wetterlage.

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Musikgeschmack #CoronaTagebuch

Was ist eigentlich mit meinem Musikgeschmack geschehen? Als diese ganze Corona-Sache losging überkam mich urplötzlich das Bedürfnis nach Party-Musik aus den Anfang 2000ern. Ich schätze ich wollte in alten Zeiten schwelgen. Denn auch wenn meine Party-Karriere nicht lange anhielt, so habe ich doch immer gern die Lieder gehört, zu denen wir im Club getanzt haben. Schon wenn ich „im Club tanzen“ schreiben, muss ich innerlich kichern. Das klingt so komisch aus meine Mund – äh, aus meiner in die Tastatur tippenden Hand. Es klingt als würde ich probieren, cool zu sein. Bin ich nicht und war ich nicht. Zumindest nicht auf eine „im Club tanzende“ Art.

Jedenfalls habe ich bei Spotify irgendetwas mit „Party“ und „2000“ eingegeben. Dies führte mich zu einer Playlist, die mittlerweile mein täglicher Begleiter geworden ist: „Party hits circa early 2000’s“. Ich liebe diese Beschreibung. So ganz genau muss man es mit den Jahrzehnten ja nicht nehmen. Hauptsache nicht zu aktuell, aber auch nicht so alt, dass ich mich nicht mehr daran erinnern könnte. Ich höre in die ersten Lieder hinein und fühle mich sofort abgeholt. Der einzige Nachteil ist, dass ich schlechte Texte heutzutage weniger gnädig überhören kann. Hin und wieder wird geskipped. Aber alles in allem ist dies eine Playlist, die meine Jugend widerspiegelt. Besonders erfreut bin ich, als die ersten Hannah Montana – Lieder durch die Lautsprecher dröhnen. Der Begriff „Party Hits“ wurde hier sehr weit ausgedehnt – ganz nach meinem Geschmack!

Doch es endet nicht bei Party-Hits aus den 2000ern. Als ich beim Tomaten schneiden lauthals und vollends begeistert das Einsing-Lied „Tomatensalat“ aus Kinderchorzeiten zu schmettern beginne (und zwar bis zum Schluss! Wer es kennt, weiß, wie lang und nervtötend es ist) muss ich mich doch ein wenig über mich selbst wundern. Ich frage meinen Mann schließlich, ob ich schon verrückt geworden bin. Er bejaht natürlich. Ich wundere mich nicht. Gut nur, dass er mich das auch regelmäßig fragt. So sind wir zusammen verrückt.

Also alles wie immer.

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Einkaufverhalten #CoronaTagebuch

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal an der Kasse für einen Spontan-Süßigkeiten-Kauf entschieden habe. Ihr wisst schon – eine Kinderschokolade oder ein Bounty, so etwas in der Art. Diese Dinge, die strategisch günstig positioniert sind, damit die Kinder noch einmal richtig nerven können. Nirgendwo werden verschiedenen Erziehungsstile so sichtbar wie an diesem Ort.

Fakt ist: Heute war ich das Kind. (Ohne Elternteil natürlich.) Und ich hab’s mir einfach genommen, ohne tiefgreifend über die 29 Cent nachzudenken, die das Kindercountry gekostet hat. Kindercountry! Hach. Ein Geschmack, der mich zwanzig Jahre zurückversetzt. Und heute habe ich ihn wieder gebraucht. In diesem Moment an der Kasse. Als ich den Supermarkt verlasse merke ich, wie wenig diese Entscheidung heutzutage noch zu mir passt. Aber ich bereue sie nicht. Was ich mich jedoch ernsthaft frage, ist, ob diese Riegel in den letzten zwanzig Jahren geschrumpft sind…

Ich muss sagen, alles in allem bin ich bereits eine versierte Corona-Einkäuferin. Ich schnappe mir sofort einen Einkaufswagen, auch wenn ich nur die beim letzten Einkauf vergessenen Kaffeefilter und Salzstangen hole. Mit größter Vorsicht umkurve ich die anderen Kunden und halte sogar Abstand zu meiner Freundin oder Schwiegermutter, die ich zufällig treffe – widerwillig natürlich. Ich weiß genau, dass ich nur noch die teuren Haferflocken bekomme und werfe lediglich einen kurzen Blick in die Mehlabteilung. Aufregen bringt ja nichts. Von Klopapier wollen wir gar nicht anfangen. An der Kasse warte ich geduldig und rücke niemandem auf die Pelle. Grenzen werden akzeptiert – wieder so eine gute Sache, die die Krise mit sich bringt. Ich spitze die Ohren, wenn die Kassiererin durch ihre Mundschutzmaske mit mir spricht – hier liegt das einzige Problem, das ich wahrhaft habe: meine schlechten Ohren.

Was nun noch fehlt ist meine eigene Mundschutzmaske. Doch in 2020 gilt: Beste Freunde sind die, die dir eine Mundschutzmaske nähen können! Dann hat man Glück gehabt. Und ich habe sogar mehrere Freundinnen mit dieser Fähigkeit. Eine davon wird mich bald versorgen. Sogar mit schönem Muster. Ich liebe es, wenn Schönes aus Nervigem gemacht wird.

Dann ist mein Corona-Einkaufsverhalten wirklich on fleek! Nur das mit dem Kindercountry sollte ich dauerhaft überdenken.

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Tempolimit #CoronaTagebuch

Es ist Samstagabend nach 21 Uhr. Ein Samstagabend, wie er für mich recht gewöhnlich ist: Ich sitze auf der Couch, trinke ein Glas Wein, snacke die ein oder andere ungesunde Sache und denke über’s Leben nach. Es gab ein Leben vor Corona und es gibt ein Leben nach Corona, hat Thüringers Ministerpräsident Bodo Ramelow gesagt. Dieser Samstagabend ist ein Abend vor, in und nach Corona für mich. Herzlichen willkommen in meinem introvertierten Leben.

Und doch ist so gar nichts normal. Es ist als hätte mein Leben eine Vollbremsung hingelegt – und nur ganz langsam kommt das Auto wieder ins Rollen. Vorsichtig tuckert es die 20er-Zone entlang, langsam vorantastend. Eine Autobahnauffahrt ist vorerst nicht in Sicht. Ich gewöhne mich daran und gleichzeitig fehlen mir die Überholspuren des Lebens. Der Blick in den Rückspiegel, um dann volle Kraft voraus das nächste Ziel in den Blick zunehmen. Nein. Jetzt bleibe ich im Wohngebiet und drehe meine Runden.

Mein Leben ist langsamer geworden. Ich langweile mich nicht, tüftle aber auch nicht an krassen Projekten. Die Decke ist mir noch nicht auf den Kopf gefallen, aber es fehlt der Drive. Ich verbringe meinen Samstagabend wie häufig zuvor, aber vermisse meine Freunde. Ich kann allein sein, aber ich liebe Menschen. Die Arbeit geht auch irgendwie digital, aber eigentlich lebt sie von Beziehungen. Ich freue mich über die Errungenschaften des 21. Jahrhunderts, aber nach einer halbstündigen Konversation der Art „Hört ihr mich?“ „Ich hör dich nicht!“ „Irgendein Mikro rauscht“ „Was war das für ein Knacksen?“ „Dein Bild ist stehen geblieben“ brummt mir schon mal der Schädel.

Ich stelle positiv fest, dass ich entschleunige. Das sagen doch alle, dass wir das heutzutage brauchen, oder? Diese Entschleunigung. Einfach mal langsamer machen. Nicht tausend Dinge gleichzeitig. Ich kann mich glücklich schätzen. Viele Menschen haben gerade jetzt besonders viel Stress.

Und so fahre ich unschlüssig bis zur nächsten Kreuzung, lehne mich über das Lenkrad und schaue nach rechts. Rechts vor links beachten, das kann ich jetzt. Regeln einhalten, alles klar.

Aber das Ziel fehlt irgendwie doch.

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Woran ich erkenne, dass ich introvertiert bin – Introvertiert #2

Wenn ich Definitionen über Introversion im Internet, in Büchern oder Zeitschriften lese, kann ich mich mit vielem identifizieren und häufig innerlich zustimmen. Andere Aspekte sind wiederum nicht so stark bei mir ausgeprägt. Ein Großteil der Beschreibungen passt zu mir, aber es ist klar, dass ich meine ganz individuelle Introversion habe, die nicht einem vorgegebenen Schema F folgen kann. Dennoch möchte ich als Einleitung in diesen zweiten Teil meiner Blogreihe zwei verschiedene Definitionen von Introversion mit euch teilen. (Falls du den ersten Teil noch nicht gelesen hast, kannst du das hier nachholen.)

Wikipedia definiert wie folgt:

„Introversion ist der Gegenpol zu Extraversion. Introvertierte Charaktere wenden ihre Aufmerksamkeit und Energie stärker auf ihr Innenleben. In Gruppen neigen sie eher zum passiven Beobachten als zum Handeln und werden häufig als still, zurückhaltend und ruhig beschrieben. Introversion ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Schüchternheit. So gibt es schüchterne Extrovertierte und nicht-schüchterne introvertierte Personen.“
(https://de.wikipedia.org/wiki/Introversion_und_Extraversion)

Debora Sommer schreibt in ihrem Buch „Die leisen Weltveränderer“ unter anderem:

„‚Introvertiert‘ bezeichnet die Art und Weise, wie ein Mensch seine Umwelt wahrnimmt und sein Leben innerlich bewältigt. Wörtlich bedeutet introvertiert ’nach innen gewandt‘ und extrovertiert ’nach außen gewandt‘.“ Introvertierte verarbeiten „Erlebtes bevorzugt im Verborgenen, ganz für sich allein. Extrovertierte hingegen verarbeiten Dinge, in dem sie sie nach außen tragen und sich mit anderen Menschen austauschen. Während Extrovertierte ihr Herz auf der Zunge tragen, halten sich Introvertierte mit ihren Gefühlen und Äußerungen oft zurück. Sie geben nur zögerlich Dinge von sich preis. Dies verleiht ihnen oft etwas Geheimnisvolles. Sie sind schwer einzuordnen und man weiß nicht so genau, was sie tief in ihrem Innersten wirklich denken.“ (Sommer, 2018: S. 29 f.)

Introversion im Alltag

Über die vergangenen Wochen habe ich in meinen Handy-Memos hin und wieder Situationen abgespeichert, in denen mir introvertiertes Verhalten an mir selbst auffiel. Darum folgt nun meine eigene, alltagsnahe, unvollständige Definition anhand von zehn Beispielen.

Mich interessiert: Worin erkennst du dich wieder? Was ist bei dir ganz anders? In meinem introvertierten Verhalten zeigen sich natürlich auch meine ganz persönlichen Interessen und Vorlieben. Vielleicht kannst du dennoch im Kern der Verhaltensweisen Ähnlichkeiten finden oder andere introvertierte Menschen dadurch besser verstehen.

1. Nach sozialen Events muss ich mich in gewisser Weise immer ausruhen.

Je nachdem wie lang es angedauert hat, wie viele Menschen beteiligt waren, wie viele Unterhaltungen ich geführt habe, um was sich diese Unterhaltungen drehten… je nachdem variiert, wie lange ich mich danach erst einmal zurückziehen muss. Ich kann mir vorstellen, dass das für den ein oder anderen negativ klingen muss – als wären Menschen für mich pure Anstrengung. Aber einerseits variiert die Anstrengung wirklich sehr stark, je nach dem von welchen und wie vielen Menschen ich umgeben bin. Und andrerseits ist etwas, das anstrengend ist, ja nicht automatisch etwas Schlechtes, oder? Ich tanke Energie in der Einsamkeit und ich verliere sie im Zusammensein mit anderen Menschen. Das ist weder gut noch schlecht, sondern schlichtweg eine Eigenschaft auf die ich Acht geben muss. Ich muss aktiv für einen gelingenden Ausgleich zwischen Gemeinschaft und Einsamkeit sorgen.

2. Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt, obwohl ich hin und wieder genau dies tue.

Manchmal begebe ich mich sogar bewusst und freiwillig in Bühnen-Situationen. Ich stelle mich für all die Dinge und Tätigkeiten vor viele Leute, von denen ich persönlich überzeugt bin und die mir Freude machen. Ich habe meine mehr oder weniger funktionierenden Techniken, um mit Aufregung umzugehen. Ein Stück weit nehme ich sie einfach in Kauf. Ich kenne Bühnen seit ich klein bin, vor allem in musikalischer Hinsicht, und habe mich an sie gewöhnt. Den Fakt, dabei im Mittelpunkt zu stehen, mag ich dennoch nicht. Als Kind musste ich es erst einmal lernen, mich nach meinen Auftritten bei Musikschulkonzerten zu verbeugen und den Applaus auszuhalten. Sehr überzeugend war ich dabei wohl eher nicht. Dieses ganze Social Media/Blogger-Spielchen fällt mir ebenso schwer – nicht das Verfassen und Veröffentlichen der Texte an sich. Aber wenn es darum geht, eigene Texte zu bewerben, fühlt sich das jedes Mal wie eine kleine Mutprobe an. Wer bin ich, andere Leute auf mich aufmerksam zu machen? Meist möchte ich einfach nicht großartig auffallen, weder in positiver noch in negativer Hinsicht.

3. Ich liebe es, andere Menschen zu beobachten.

Genau in diesem Moment sitze ich in meinem Lieblingscafé an einer strategisch günstigen Position, von der aus ich den perfekten Überblick über das Café und die Straße vor den großen Fenstern habe. Schräg vor mir unterhalten sich zwei junge Frauen über berufliche Herausforderungen und den schlechten Stand von Krankenschwestern im Krankenhaus. Es ist die perfekte Distanz, damit ich ein wenig lauschen könnte, wenn ich wollte, aber auch so tun kann, als würde ich nichts mitbekommen. Manchmal überlege ich, was die beobachteten Personen wohl für ein Leben führen und wie es ihnen geht. Interessant wird es, wenn ich mit meinem Mann außerhalb essen gehe, denn er beobachtet mindestens genauso gern wie ich. Meist steuern wir intuitiv den gleichen Tisch an. Wenn für unser Beobachtungsbedürfnis kein passender Tisch frei ist, stehen wir erst einmal unschlüssig herum und wägen ab. Und nicht zu vergessen der Kampf um den besten Beobachtungsposten am Tisch selbst! Aber keine Sorge, der geht meist friedlich aus.

4. Ich telefoniere nicht gern mit Fremden oder wenn ich nicht weiß, um was es geht.

Deshalb: Wenn du mich telefonisch einmal nicht erreichen solltest, bitte, hinterlasse mir eine Nachricht auf der Mailbox! Sonst werde ich höchstwahrscheinlich nicht zurückrufen. Prinzipiell ist das Telefon ein Gerät, zu dem ich ein ambivalentes Verhältnis habe. Natürlich gehe ich bei der Arbeit auch dann ans Telefon, wenn ich nicht weiß wer dran ist. Ich habe das gelernt und eine gewisse Neutralität dazu entwickelt. Aber ich empfinde keine Freude beim Ertönen des Klingeltons. Ich bevorzuge eine echte oder schriftliche Konversation immer gegenüber einem Telefonat. Bei einer echten Unterhaltung kann ich die Körpersprache und nonverbale Interaktion mit einbeziehen. Bei schriftlichen Nachrichten kann ich in Ruhe darüber nachdenken, was ich sagen möchte. Telefonieren ist für mich ein merkwürdiges Mittelding und somit in vielen Fällen nur ein notwendiges Übel. Pizza bestelle ich auf jeden Fall online. Danke, Internet.

5. Ich glaube, dass ich auf schriftlichem Weg am besten das ausdrücken kann, was ich ausdrücken will.

Mündlich kann ich mich unter bestimmten Umständen von anderen unter Druck gesetzt fühlen und dann fehlen mir die Worte. Mündliche Prüfungen waren ein Graus für mich und Aufsätze gehörten zu den wenigen Dingen in der Schule, die mir sogar ein bisschen Spaß gemacht haben. Heute sind es hauptsächlich E-Mails, Tagebucheinträge und Blogposts. Wenn ich schreibe, fühle ich mich unbeobachtet und kann ganz ich selbst sein. Debora Sommer schreibt dazu: „Speziell ist, dass Introvertierte zwar Meister der Beobachtung sind, aber dass viele von ihnen selber nervös werden unter Beobachtung. So können sie ihre Leistung manchmal nicht abrufen, wenn sie sich beobachtet fühlen. Introvertierte können dann am besten etwas oder jemanden beobachten, wenn niemand eine Reaktion oder Interaktion von ihnen erwarten.“(Sommer, 2018: S. 90)

6. Sobald ich einen Buchladen betrete, spüre ich ein Stück weit Ruhe und Frieden.

Das Gefühl, dass alle Menschen hier sind, nur um sich mit Büchern zu beschäftigen, lässt mich entspannen. Häufig verbringe ich sogar meine Mittagspause zwischen Büchern. Ich wünschte, ich würde noch viel mehr lesen und im Endeffekt kaufe ich auch selten etwas. Aber manchmal reicht schon das Hineinblättern und Aufschnappen weniger Zeilen eines interessanten Buches, um mich inspiriert zu fühlen.

7. Ich fühle mich recht unzulänglich, wenn es um meine Gastgeberqualitäten geht.

Gerade als Christ beschleicht einen hin und wieder das Gefühl, dass man unbedingt ein guter Gastgeber sein und eine stets offene Tür haben muss. Doch ich glaube, dass dies eine Gabe ist, die nicht jedem zu 100% gegeben ist. Mir jedenfalls nicht. Zum Beispiel: Ich glaube, dass ich eigentlich ganz gut kochen kann. Ich koche sehr gern allein, um einen Abend entspannt ausklingen zu lassen, und weitestgehend improvisiert. Beim Essen zu Improvisieren ist für mich auch eine Art und Weise, Kreativität auszuleben. Dabei habe ich Musik oder ein Hörbuch im Hintergrund laufen und vielleicht steht sogar ein Glas Rotwein bereit, an dem ich hin und wieder nippe. So könnte ein perfekter Freitagabend für mich aussehen. Und dabei entstehen die besten Gerichte! Warum? Weil ich völlig entspannt und frei von Druck bin. Sobald ich für mehr Leute kochen muss, habe ich Angst, beim Improvisieren zu versagen. Dann halte ich mich an ein Rezept und das ist okay – macht mir aber nur noch halb so viel Spaß. Wenn die Gäste da sind, mache ich mir sehr viele Gedanken darüber, ob sie sich auch wohlfühlen. Außerdem hat die Gabe der Gastgeberschaft häufig etwas mit der Gabe des Small Talks zu tun, die mir ebenso wenig natürlich gegeben ist. Nichtsdestotrotz: Ich arbeite daran. Meine Small Talk – Fähigkeiten werden besser. Und das Kochen lässt sich bei Frühstücks- und Kaffeetrinken – Einladungen ganz leicht umgehen….

8. Ich liebe kleine, süße Cafés mit Charme und Charakter…

… und ich besuche sie auch gern einmal allein – zum Lesen, Schreiben, Arbeiten, Planen. Ähnlich wie in Buchläden herrscht dort eine Atmosphäre, die meinem introvertierten Gehirn gut tut. Ich bin anonym unter anderen Menschen. Jeder macht sein Ding, aber ich hätte theoretisch immer etwas zum Beobachten. Eine meiner absoluten Leidenschaften ist es, neue Cafés auszutesten. Dabei gibt es ein kleines Problem: Ich habe ein wenig Angst davor, allein ein mir unbekanntes Terrain zu betreten. All diese Ungewissheiten! Sind die Leute nett? Kommt die Bedienung an den Tisch oder soll man sich selbst bedienen? Sind die Preise akzeptabel? Ich kann ja schließlich nicht hineinmarschieren, mir die Preistafel ewig lang anschauen und dann wieder gehen, wenn es mir zu teuer ist. Wie unhöflich! Und das Café darf auch nicht zu klein sein, damit ich nicht auf einmal die einzige Besucherin bin. Dann könnte ja jeder mich beobachten. Herzlich willkommen im Kopf einer Introvertierten. Ähnliche Probleme gibt es übrigens auch in anderen kleinen Läden, in denen ich noch nie war und die Verkäufer einen sofort bemerken. Ab und zu überwinde ich mich und schaffe es auch allein. Aber neue Cafés teste ich eigentlich nur noch in Begleitung aus. Wenn ich mich allerdings einmal wohlfühle, bleib ich treu und komme immer wieder zurück – auch allein.

9. Ich langweile mich sehr selten, weil ich mich praktisch immer mit mir selbst beschäftigen kann.

Aufgrund des sehr komplexen Innenlebens introvertierter Menschen gibt es quasi immer etwas „zu tun“. Nur sieht das „tun“ etwas anders aus, als viele Extrovertierte sich das vielleicht vorstellen. Es ist viel mehr auf die eigene Gedankenwelt ausgerichtet. Es besteht aus Stille, Lesen, Schreiben, Recherchieren, Forschen, Analysieren, Podcasts, YouTube-Videos, sich selbst etwas neues beibringen, kreativem Schaffen, Spazieren gehen, Tagebuch schreiben, Musizieren und vielem mehr, je nach Interesse.

10. Soziale Aktivitäten müssen bei mir mit einem persönlichen Herzensanliegen verbunden sein, sonst sind sie eine sehr große Anstrengung für mich, die ich nur punktuell, aber nicht dauerhaft ertragen kann. 

Auf diesen letzten Punkt (welcher übrigens stark mit Punkt 2 zusammenhängt) möchte ich noch einmal Gewicht legen. Es ist mein persönlichster und beinhaltet eine der größten Erkenntnisse, die ich in den letzten Jahren hatte. Wenn ich dauerhaft etwas Soziales tun muss, was mir persönlich nicht am Herzen liegt, gehe ich langsam aber sicher kaputt. Je nachdem wie viel Raum diese Tätigkeit einnimmt, hat dies immensen Einfluss auf mein Wohlbefinden und meinen ganzen Alltag. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Art des „kaputt gehens“ für manche Menschen auch in eine ernsthafte Depression münden kann. Dauerhaft in einer Tätigkeit mit Menschen zu sein, die nicht meinem Wesen und meinen Überzeugungen entspricht, lässt mich eingehen wie eine Pflanze die am falschen Standort steht. Dies ist insbesondere beruflich für mich relevant, da ich soziale Arbeit zu meinem Beruf gemacht habe. Das bedeutet allerdings nicht, dass mir jede Tätigkeit in diesem Bereich am Herzen liegt. Diese Erkenntnis lässt mich ebenso vorsichtig sein in der Wahl meiner ehrenamtlichen Aktivitäten. Punktuell kann ich natürlich Dinge tun, die nicht direkt meinem Wesen entsprechen. Aber ich muss aufpassen, um wie viel Zeit es sich dabei handelt und gesunde Grenzen setzen.

Die andere Seite dieser Medaille ist folgende…

Wenn mir einmal etwas am Herzen liegt, blühe ich auf und gebe mein Bestes. Dann bin ich all-in und nehme es in Kauf, auch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Und ja, dann wirke ich oft sehr extrovertiert. Ich zeige meine erlernten extrovertierten Fähigkeiten und habe so richtig Spaß bei der Sache. Unter Umständen kann ich sogar die verrückteste, lauteste Person in einem Raum sein! Und da das genau die Tätigkeiten sind, die für andere Menschen sichtbar sind, glauben viele, dass ich in meinem Wesen tatsächlich extrovertiert bin. Dass ich immer und ständig und dauerhaft gern Kontakt mit Menschen habe. Das ist der Trugschluss, über den ich bereits im ersten Teil dieser Reihe geschrieben habe.

Es gibt noch so viel, das ich erwähnen könnte, aber hier setze ich vorerst einen Punkt. Möglicherweise klingen viele dieser Punkte für dich nach Eigenschaften, die mit Angst und Unsicherheit verbunden sind und somit lediglich nach einer Schwäche aussehen. Darauf möchte ich in den kommenden Texten noch näher eingehen. Introvertiertheit ist eine Eigenschaft, die schnell mit Schwäche assoziiert wird, doch das ist Quatsch. Sie ist gleichermaßen mit Stärken und Schwächen verbunden wie Extrovertiertheit, nur dass die Stärken manchmal unter der Oberfläche verborgen bleiben.

Seitdem ich bewusster mein introvertiertes Verhalten wahrnehme, kann ich auch bewusster damit umgehen. Wenn ich mich gestresst fühle, denke ich weniger schnell ‚Mensch, warum bin ich grad so komisch drauf…‘, sondern eher ‚Achtung, Constanze, ich glaub, du brauchst mal wieder etwas Zeit für dich.‘ Ich kann Unsicherheiten besser einordnen, ohne mich selbst fertig zu machen und sowohl introvertiertes als auch extrovertiertes Verhalten gezielter einsetzen. Fühl dich ermutigt, dich ebenso einmal genauer zu beobachten. Was fällt dir auf?

Constanze

Buchzitate: Sommer, Debora (2018): Die leisen Weltveränderer. Von der Stärke introvertierter Christen. Holzgerlingen: SCM Hänssler.

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Einfach ruhig, oder was? – Introvertiert #1

„Du bist schon eher so ne Ruhige, oder?“ sagt meine neue Arbeitskollegin. Ich kenne sie erst wenige Wochen. Einerseits schätze ich ihre direkte Art – sie beobachtet, sie fragt nach. Logisch, oder? Andrerseits ploppen mir zig verschiedene Antwortmöglichkeiten in den Kopf und ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Ich muss daran denken, wie ich mich mit engen Freunden und meiner Familie verhalte und denke „Nein, ich bin eine Quasselstrippe“. Dann plötzlich sitze ich in einem Klassenzimmer in meiner Schulzeit und melde mich nicht, obwohl ich die Antwort weiß. „Ja, doch, ich bin schon sehr zurückhaltend.“ Ich gehe noch ein Stück zurück und denke daran, wie ich als Kind beim Spazieren gehen mit zwanzig Metern Abstand den anderen hinterhergetrottet bin, um in meinen Traumwelten zu schweben. „Oh ja, ich bin sehr ruhig!“ Dann wiederum sehe ich mich albern tanzend und singend auf Hochzeiten. „Na ja, ich kann schon auch mal im Mittelpunkt stehen…“ Doch nach solchen Aktionen lande ich erschöpft auf der Couch und will erst einmal mit keiner Menschenseele etwas zu tun haben.

Ich entscheide mich für die Antwort „Joa, schon“ und belasse es dabei. Ich schiebe mich selbst in diese Schublade hinein und hoffe, dass ich dort in Ruhe gelassen werde. Schade, aber in diesem Moment hielt ich es für den einfacheren Weg.

Ruhig und schüchtern

In meiner Kindheit war ich definitiv zurückhaltend und in vielen unbekannten Situationen ruhig und schüchtern. Nur meine Familie und gute Freunde kannten die aufgedrehte Version von mir. Dann habe ich Spiele angeführt, mir Zirkusstücke ausgedacht und als Lehrerin meiner zwei Jahre jüngeren Schwester und Cousine meine Erkenntnisse aus der 1. Klasse gelehrt. Doch wenn ich in unbekannte, neue Situationen mit vielen Menschen kam, blieb ich lange auf meinem Beobachtungsposten. Fremde Menschen anzusprechen, viel mir schwer. In Gruppen äußerte ich mich nur, wenn ich mich wirklich wohlfühlte. Umso älter ich wurde, umso mehr wollte ich jedoch dazugehören. Ich hatte es leid, auf Freizeiten, im Teenkreis oder in der Klasse die leise, stille Maus zu sein, die sich nichts traut. Ich glaubte, dass die Schüchternheit ein Mangel ist, der schlicht behoben werden müsste. Nichts wollte ich verpassen und überall dazugehören. Dadurch perfektionierte ich die Fähigkeit der Anpassung, die bis heute eine meiner größten Stärken und Schwächen zugleich ist.

Introvertiert und sozial – ein Widerspruch?

In gewisser Weise war es gut, dass ich der Schüchternheit den Kampf ansagte. Heute bin ich es viel weniger und durfte an Mut und Selbstbewusstsein dazugewinnen. Doch umso mehr ich mir bewies, dass ich nicht schüchtern sein muss, umso mehr verfiel ich dem Trugschluss, dass ich nun auch eine total extrovertierte Persönlichkeit bin. Das wiederum widersprach dem Fakt, dass ich nach wie vor schlecht darin war, auf fremde Menschen zuzugehen, mich von lauten Persönlichkeiten einschüchtern ließ usw. Ich verstand mich selbst nicht mehr.

Dieses Gefühl verstärkte sich nur noch mehr, als ich einen sozialen Berufsweg einschlug. Nun kam der nächste Trugschluss dazu: Wer sozial ist, ist automatisch extrovertiert. Wer gut mit Menschen kann, kann ja schließlich nicht introvertiert sein, oder? Erst Jahre später stellte ich fest, dass ich mir viele dieser typisch extrovertierten, sozialen Fähigkeiten erarbeitet hatte. Mein Interesse für Menschen, ihre Stärken und Schwächen, ihre Probleme, Krisen und Persönlichkeiten war schon immer da gewesen. Ich habe schon immer gern meine Freundinnen beraten, mit Kindern und später Jugendlichen gearbeitet. Aber den Mut, auf Menschen zuzugehen, vor Gruppen zu sprechen, mit Fremden zu telefonieren und vieles mehr, bedurfte dem Sprung ins kalte Wasser und viel Erfahrung. Ich hatte von Natur aus eine feine Wahrnehmung für soziale Zusammenhänge, aber um damit in sozialen Berufsfeldern bestehen zu können, musste ich immer häufiger so tun, als wäre ich extrovertiert. Sozusagen für kurze Zeit eine Rolle spielen. Heute lobt mich mein Mann dafür, wie versiert ich am Telefon spreche oder Freunde beobachten, wie ich munter mit jemandem small talke. Telefoniere ich deswegen gern? Fällt mir Small talken also leicht? Ganz klar: Nein.

Raus aus der Schublade

Mir bereitet es viel Freude, mich mit Persönlichkeitsmerkmalen und den verschiedenen Charakteren von uns Menschen auseinanderzusetzen. Ich bin der Überzeugung, dass uns ein Verständnis über unsere Unterschiedlichkeit dabei helfen kann, einander besser zu verstehen, Vorurteile aufzuklären und letztendlich einander besser zu lieben. Momentan lese ich das Buch „Die leisen Weltveränderer – von der Stärke introvertierter Christen“ von Debora Sommer und setze mich verstärkt mit dem Unterschied Introvertiert/Extrovertiert auseinander. Dadurch fällt mir immer häufiger im Alltag auf, wenn sich verschiedene Verhaltensweisen meinerseits auf meine Introversion zurückführen lassen. Und doch zeigt sich jede Introversion, jede Extroversion auch auf verschiedene Weise und nicht zwingend dauerhaft.

Ich bin ein introvertierter Mensch. Nicht immer, nicht durchgehend, aber im Grunde meines Wesens schon. Darüber habe ich bereits hier oder hier geschrieben. An diesem Tag auf der Arbeit, als mich meine Arbeitskollegin mit meiner ruhigen Art konfrontierte, habe ich mich einem Klischee gefügt. Doch so sehr würde ich mir wünschen, dass wir einen differenzierteren Blick auf diese Wesenszüge haben könnten. Und noch viel mehr, als dass ich von anderen Leuten in Schubladen gesteckt werde, tue ich es mit mir selbst. Ich will mich selbst möglichst einfach verpacken, damit ich mich möglichst einfach präsentieren kann. Ich habe Angst davor, widersprüchlich zu wirken und den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen. So, jetzt hab ich’s gesagt. Und ich wage zu behaupten, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht.

Einzigartig und komplex

Die Erwartungen anderer nicht als meinen persönlichen Maßstab anzuerkennen, ist ein Prozess in meinem Leben, in dem ich mich schon jahrelang befinde. Und weil mir das Schreiben schon immer geholfen hat, möchte ich nun eine kleine Blogreihe ganz konkret der Thematik Introversion (und Extraversion) widmen. Woran erkenne ich, dass ich introvertiert bin? Warum wirke ich dennoch häufig so extrovertiert? Welche Stärken und Schwächen ergeben sich daraus? Wie gehe ich mit den Schwächen um? Wie stärke ich die Stärken? Diesen und ähnlichen Fragen bin ich in den letzten Jahren auf die Spur gegangen und möchte in den nächsten Blogposts ein paar Antworten mit euch teilen.

Du bist auch introvertiert? Dann hoffe ich, dass du dich dadurch ein wenig mehr verstanden fühlst. Du bist extrovertiert? Dann lade ich dich herzlich ein, mit mir in die Welt der Introvertierten einzutauchen und sie, zumindest aus meiner Sicht, ein wenig kennenzulernen. Du hast keine Ahnung, was davon du bist? Auch super. Vielleicht steckt von beidem ein bisschen in dir und du siehst danach etwas klarer.

Ich glaube, dass Gott jeden Menschen als sehr komplexes, einzigartiges Wesen erschaffen hat. Manche Eigenschaften lassen sich leicht erkennen und benennen, bei anderen muss ein wenig genauer hingeschaut werden. Es ist meine Leidenschaft, in diese Komplexität einzutauchen und sie ein wenig zu entwirren. Bist du dabei?

Constanze

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Genug

Ich sitze auf einer Bank in einem kleinen Innenhof vor unserem Wohnblock und genieße die Sonne. Zugegeben – es gäbe wahrlich schönere Orte, um die bisher so kostbaren Sonnenstrahlen des Frühlings aufzufangen. Schließlich bin ich umgeben von mehreren fünfstöckigen Neubauten. Vor mir ist ein kleiner Sandkasten, neben mir ein Mülleimer und hinter mir – tja, da standen mal ein paar schöne Bäume. Es schien irgendeinen Grund gegeben zu haben, sie abzusägen und so sind es nur noch kahle Stämme. Doch mir bleibt noch rund eine Stunde, bevor der Schatten des Nachbarblocks hier angekommen ist und die möchte ich nutzen. Ich habe keine Kraft für einen langen Spaziergang an einen hübscheren Platz und nach vier hauptsächlich auf der Couch verbrachten Tagen ist das hier bereits eine signifikante Verbesserung.

Vor fünf Tagen hatte ich meine erste und letzte Weisheitszahn-OP und habe den Heilungsprozess bis jetzt fast nur vor dem Fernseher, mit Hörspielen und Youtube-Videos verbracht. Irgendwie schrecklich, aber ich habe auch kein schlechtes Gewissen deswegen, denn etwas anderes war schlicht nicht möglich. Trotz einer unaussprechlichen Dosis von Schmerztabletten, waren die Schmerzen nicht wirklich klein zu kriegen und wechselnde Kühlakkus mein ständiger Begleiter. Alles was ich brauchte waren Ablenkung und eine Menge sinnloser Shows, Serien und Filme. Das kommt wohl davon, wenn zwei von drei Weisheitszähnen nur sehr widerwillig ihre wohlige Heimat im Zahnfleisch aufgeben wollen. Drücken, ziehen, halbieren, herausdrehen… Willkommen, Hamsterbacken. Nach der OP hielt mir mein Zahnchirurg eine Hälfte des zuletzt entnommenen, blutigen Zahns vor die Nase. „Ihh“, war meine erste Reaktion. Gleichzeitig sah ich das Blut auf dem Tablett mit den chirurgischen Instrumenten vor mir und dachte: Okay. Jetzt kann ich vielleicht doch Horrorfilme anschauen.

Während der Zeit meines Couch-Aufenthalts brachte mir mein Mann – neben einer Menge Fertigsuppen, Apfelmus, Kamillentee und Co. – eine Zeitschrift vom Einkaufen mit. Einfach, damit ich mich freute, auch wenn er wusste, das mein dröhnender Kopf es noch nicht zuließ, sich auf Buchstaben zu konzentrieren. Nun sitze ich hier, und während es in meinem Zahnfleisch weiterhin leise pocht und ich die Erschöpfung der letzten Tage noch in den Gliedern spüre, freue ich mich sehr, nun wieder lesen zu können. Das Handy liegt in der Wohnung, ganz bewusst. Viel zu viel habe ich die letzten Tage darauf gestarrt.

Ein bisschen sitze ich auch einfach nur da und lasse die Sonne auf mich strahlen. Dabei höre ich es hinter mir zwitschern. Trotz kahler Bäume sind da einige Amseln und Meisen, die im Boden picken und einander verscheuchen. Immer mal wieder läuft ein Elternteil mit Kind vorbei, welches vom nahe gelegenem Kindergarten abgeholt wurde. Hundebesitzer führen ihre Vierbeiner aus. Irgendeine Frau unterhält sich vom Balkon aus mit ihrer Nachbarin. Am schönsten wäre es gewesen, wenn nun noch ein paar Hasen vorbeigehoppelt wären – kein Scherz! Die sind hier tatsächlich regelmäßig unterwegs. Ein ulkiges Phänomen, welches ich an anderen Tagen aus nächster Nähe beobachten kann.

Doch ich denke mir: das reicht mir schon. Ich bin absolut zufrieden. Hier, allein auf dieser Bank, von der aus ich ein wenig beobachten und lesen und Vitamin D tanken kann. Hier, neben kahlen Blocks und abgesägten Bäumen. Denn endlich – endlich, endlich – kann ich meine Gedanken einmal wieder schweifen lassen. Einfach da sein und über irgendetwas nachdenken. Neue, kleine Gedankenblitze bekommen. Sich beim Lesen inspirieren lassen. Hier in dieser realen Welt sein, statt im Bildschirm meines Handys. Ich hab es vermisst.

Ist es nicht schön, wie uns Krankheitszeiten die allereinfachsten Dinge wieder wertschätzen lassen? Während ich das hier schreibe, nehme ich einen Schluck aus meiner Kaffeetasse. Ja, den habe ich auch vermisst. Ich krame online in einem Bilderportal nach einem passenden Bankfoto für diesen Text. Ich stelle fest: Sie sind alle viel zu perfekt. Also gehe ich noch einmal raus und fange die Realität ein. Denn so schön ich instagramwürdige Umgebungen auch finde – heute ist die Realität für mich genug.

Constanze

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Eine Ode an die frische Luft

Es gibt so einige merkwürdige Regeln für mein Leben (die ich mir selbst aufstelle, natürlich.) Eine von ihnen lautet: Ein Tag ohne frische Luft ist ein verlorener Tag. Das ich das hier so schreibe, ist bereits ein kleines Wunder, denn ich erinnere mich noch bestens an Tage in meiner Kindheit, in denen ich Spaziergänge langweilig fand. Doch umso älter ich wurde, umso mehr wurde mir bewusst, dass sie absolut meiner Natur entsprechen. Und meine selbsterstellte Regel ist eigentlich einfach, denn im Prinzip hält man sie im Alltag automatisch ein (außer man arbeitet ausschließlich von zu Hause aus – oder man geht durchs Haus in die Garage, steigt ins Auto, steigt in der Tiefgarage eines Bürokomplexes wieder aus, geht ins Büro und das Gleiche zurück).

Eine Runde um den Block

Nur an freien oder Home-Office-Tagen muss ich der Regel ein wenig Aufmerksamkeit widmen. Mein Mann macht sich gern einmal lustig über mich, wenn ich an einem Samstagnachmittag verzweifelt verkünde, dass wir heute noch gar nicht draußen waren. Dann erfinde ich etwas, das wir dringend noch einkaufen müssen. Oder einen Brief, der zur Post gebracht werden muss. Irgendetwas ist doch immer. Und so gut ich im Urlaub stundenlang lesend auf einer Couch verbringen kann, so müssen sich meine Beine doch mindestens einmal bewegen. Zu Hause reicht mir auch eine kleine „Runde um den Block“, wie wir Neubau-Bewohner das nennen. (Wahlweise auch zur Autobahnbrücke. Ich bin überzeugt, es ist ähnlich beruhigend auf eine Autobahn hinabzuschauen wie auf eine weite Wiese – na, fast jedenfalls.)

Danke, liebe Eltern, an dieser Stelle, denn im Prinzip wurde mir das Bedürfnis nach frischer Luft in die Wiege gelegt. Heute finde ich Wanderungen auch gar nicht mehr so schrecklich. Und während ich früher bei Familienfeiern nach dem überaus üppigen Mittaggessen zur Fraktion „Drin bleiben und faulenzen“ gehört habe, findet man mich heute immer häufiger in der Fraktion „Hier ist es eng und stickig, Leute, lasst uns mal rausgehen!“ wieder.

Kein falsches Wetter

Eine zweite, recht neue und dies ergänzende Regel lautet: Es gibt kein zu kaltes Wetter fürs Fahrrad fahren. Und ja, ich fühle mich dabei etwas mütterlich à la: Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Klamotten! Aber stimmt doch irgendwie, oder? Zumindest hier in unseren deutschen, meist moderaten Wetterverhältnissen. Und so habe ich es in den vergangen Wochen und Monaten als etwas unglaublich Befreiendes erlebt, mich Tag für Tag aufs Fahrrad zu schwingen und durch die Eiseskälte zu brausen. Eine gute Winterjacke ist natürlich Voraussetzung, passende Handschuhe, Thermo-Strumpfhose und so weiter. Besonders ich als Frostbeule übertreibe dabei lieber ein bisschen. Matschiger Schnee und Glätte hielt mich an ein paar Tagen dann doch auf, aber Kälte allein nicht. Ihr sagte ich den Kampf an.

Früher hätte ich das als sehr anstrengend empfunden, aber ich stelle fest, dass es nur eine Frage der Gewöhnung und Routine ist. (Genauso übrigens wie mit der „Fahrrad-aus-dem-Keller-holen“-Sache, siehe hier.) Ich darf mich außerdem glücklich schätzen, dass ich nur selten in Kälte und Dunkelheit früh das Haus verlassen muss. Dennoch gab es ein paar Tage, an denen meine Finger- und Fußspitzen fast erfroren sind und ich die Klamottensituation noch einmal überdenken musste. Dann bin ich mit nur einer Hand am Lenker gefahren, während die andere sich in der Jackentasche aufwärmte, aller paar Minuten wechselnd. Und ja, natürlich war ich nicht immer hochmotiviert, mich spät am Abend noch aufs Fahrrad zu schwingen, um nach Hause zu kommen. Aber – und es ist mir egal, wenn ihr hierbei wie ein Fitness- und Gesundheitsguru klinge – ich blieb in Schwung! Ich fühlte mich fit und wach und gesund.

Sport für Introvertierte

Seit April vergangenes Jahres habe ich das Fahrrad fahren schätzen und lieben gelernt. Es ist nicht der Sportaspekt, der mich dabei primär motiviert. Es ist zum einen der Fakt, dass ich mich dabei selbst transportiere, wann ich will und wie schnell ich will, und zum anderen meine neue Liebe, die frische Luft. Nicht nur der Körper bleibt durch diese Form des Transports in Schwung, auch die Psyche wird jedes Mal ordentlich durchgepustet und erfrischt.

Mein introvertiertes Gehirn hat während einer durchschnittlichen Fahrt von 20-25 Minuten genügend Zeit, Probleme zu durchdenken, in Traumwelten zu versinken oder das Abendessen zu planen. Und all die Beobachtungen! Natur und Mensch, sie bleiben Phänomene für mich. Die Sportler, die ich mehrmals in der Woche bei Wind und Wetter ihre Bälle ins Tor schießen sehe und deren Durchhaltevermögen ich bewundere. Zwei Schwäne, die einsam und still auf der Saale entlangschwimmen bevor sie majestätisch abheben und hinter den Bäumen verschwinden. Senioren, die auf ihren E-Bikes verblüffend schnell an mir vorbeidüsen. (Neid? Bloß nicht!) Rennradfahrer, die mich eher als Hindernis statt als menschliches Wesen betrachten. Schüler, die erleichtert das Schulgebäude verlassen. Laut klingelnde Straßenbahnfahrer – ja, doch, ich bleibe an der roten Ampel stehen! Und mein ultimativer Tipp für steile Berge: Einfach ein paar Meter vorher ganz tief in Gedanken versinken, zum Beispiel hochkonzentriert über ein anstehendes Projekt nachdenken oder dir dein ideales Leben in fünf Jahren in allen Details ausmalen. Kaum hast du mit der Wimper gezuckt, schon bist du oben angekommen!

Frische Luft macht gesund?

Ich möchte glauben, dass es an der Bewegung und der frischen Luft liegt, dass ich im ganzen Winter bisher nicht krank geworden bin. Natürlich hängt die Gesundheit auch mit vielen anderen Faktoren zusammen, aber lasst es mich mir einfach einreden. Andere schwören auf Vitaminpräparate oder Yoga. Brauchen wir nicht alle unser persönliches Mittelchen, durch das wir uns fit und gut fühlen? Ich sage ja zur frischen Luft und Bewegung, auch im Winter. Und so sehr ich den Frühling liebe und die ersten Sonnenstrahlen in mir aufsauge, so sehr möchte ich auch aus den ungeliebten Jahreszeiten das Beste machen.

Es bleibt weiterhin ein Zwispalt – mein Bedürfnis nach frischer Luft und mein Hang zum Frieren im Winter. Gehörte ich doch früher auf jeden Fall zu dem Teil der Klasse, der lieber ersticken als erfrieren wollten, wenn ein Lehrer das Klassenzimmer betrat und sich über den Luftzustand im Raum entrüstete. Heute halte ich es aus, beiße die Zähne zusammen und lasse das Stoßlüften über mich ergehen.

Geh raus! Bleib in Bewegung! Zieh dich warm an! Denn vielleicht komme ich unerwartet um die Ecke gedüst, versunken in irgendeiner Traumwelt…

Constanze

Veröffentlicht in Lifestyle, Motivierendes

Optimieren erlaubt – aber wie?

Ich schätze, ich bin immer ein wenig spät dran. Während andere das vergangene Jahr längst abgeschlossen, Neujahresvorsätze beschlossen und die Weihnachtsdeko beiseite geräumt haben, denke ich immer noch darüber nach, was 2019 wohl für mich bringen wird und der Weihnachtsbaum steht weiterhin geschmückt im Wohnzimmer – zugegeben, mit hängenden Ästen. Ich finde es zu traurig, einen Tannenbaum kurz vor Heilig Abend aufzustellen und ihn ein paar Tage später schon wieder zu entsorgen. Bei uns hat er eine Daseins-Berechtigung von circa zwei Monaten: Anfang Dezember bis Ende Januar. Er ist nun einmal mehr als ein Baum, er ist Teil unserer Einrichtung. Er erleuchtet dunkle Zeiten und füllt nebenbei perfekt diese leere Ecke neben dem Sofa aus. Sorry not sorry.

Reflektion statt Vorsätze

Auf facebook habe ich bereits kurz darüber geschrieben, dass es bei mir keine typischen Jahresvorsätze gibt. Mehr dazu kannst du auch in meinem Blog-Beitrag vom letzten Jahr lesen. Was ich allerdings regelmäßig praktiziere, nicht nur (aber auch) zum Jahreswechsel, ist eine Zurück- und Vorausschau. Ich reflektiere und ziehe Schlüsse für die Zukunft. Ich überdenke Angewohnheiten, prüfe, ob sie noch Sinn für mein Leben ergeben und passe sie gegebenenfalls an. Manchmal stelle ich einen Bereich meines Lebens regelrecht auf den Kopf. Ich habe Spaß an kleinen Selbstexperimenten. Meist geht es jedoch um kleine Schritte, behutsame Anpassungen, Veränderungen, mit denen ich mich nicht selbst überfordere.

‚Ja, ja, dieser Optimierungswahn!‘, wird der ein oder andere jetzt denken. Heutzutage geht es ja ständig darum, die beste Version seiner selbst zu sein und jeden Bereich von Fitness bis Schlafrhythmus zur Perfektion zu treiben. Sobald es um Perfektion geht, kann auch ich nur den Kopf schütteln. Doch ich behaupte, dass uns der Verruf der Selbstoptimierung nicht davon abhalten sollte, weiterhin zu reflektieren und das Leben bewusst zu gestalten. Für mich ist das zu einem ganz natürlichen Prozess geworden, der individuell an die verschiedenen Phasen meines Lebens angepasst geschieht.

Für 2019 habe ich kurz gecheckt, ob meine bisherigen Angewohnheiten nach wie vor Sinn ergeben. In 2018 hatte ich das ein oder andere geändert, was ich im Grunde genommen einfach beibehalten möchte. Hier ein paar Gedanken dazu…

Sport

Als ich die Schule beendete musste ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber machen, wie ich auch weiterhin in Bewegung bleiben würde. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich es nicht verstehen, wenn jemand außerhalb des aufgezwungenen Sportunterrichts freiwillig joggen gehen würde oder Ähnliches. Doch allmählich sah ich ein, dass Bewegung gesund ist und ich irgendeine Form für mich finden musste. Joggen war mein erster und sich immer wiederholender Versuch. Irgendwie funkte es nicht. Vor zwei Jahren stieg ich auf Pilates um. Ich fing außerdem an, mich über meinen Körpertyp zu belesen und erkannte, dass ich aus gutem Grund ganz intuitiv den Ausdauer/Cardio-Sportarten nicht zugewandt bin. Sie verbrennen ordentlich Kalorien, was für viele attraktiv ist. Doch der Stoffwechsel meines Körpers (dünn von Natur aus ohne eigenen Verdienst) arbeitet ineffizient und verbrennt bereits ohne Sport recht schnell Kalorien (weshalb ich häufig auch mehr Hunger habe als die durchschnittliche Frau).

Deshalb entdeckte ich im vergangenen Jahr Krafttraining für mich. Das macht mir nicht nur Spaß, sondern konzentriert sich außerdem mehr auf Muskelaufbau statt auf Fettverbrennung. Nun ergibt drei bis vier mal in der Woche Krafttraining, ab und zu gemixt mit Pilates, mehr Sinn für mich als sechs mal die Woche Pilates – wie ich es vor einem halben Jahr noch gemacht habe. Und ja, ich weiß, man sieht mir dennoch keinen Muckis an. Aber ich fühle mich gut, gesund und habe das Gefühl, stärker zu werden. Das soll meine Motivation sein.

Früh aufstehen

Im letzten Jahr habe ich außerdem ein für alle mal gemerkt, dass ich ein Vormittags-Mensch bin. Voraussetzung: Ich darf meinen Morgen nach eigenen Wünschen gestalten. (Deshalb war 8 Uhr in der Schule sein auch überhaupt nicht mein Ding. Urgh.) Wenn ich früher aufstehe ist die Wahscheinlichkeit höher, dass ich meinen Morgen in Ruhe gestalten kann. Anfang 2018 begann ich deshalb, meinen Wecker so oft es ging auf 6:30 zu stellen. Da ich in meiner jetzigen Lebenssituation selten vor 9:30 Uhr irgendwo sein muss, erwies sich das als sehr gute Zeit, um in Ruhe in den Tag zu starten, manchmal Sport und häufiger Zeit mit Gott einzubauen. Doch irgendetwas in mir war noch nicht herausgefordert genug. Manchmal wurde die Zeit knapp, wenn die Sport-Session etwas länger dauerte oder ich ein wenig zu entspannt mit Kaffee in der Küche saß. Ich schaute mir all die faszinierenden Youtube-Videos von produktiven Menschen an, die sich jeden Tag bereits 5 Uhr aus dem Bett schwingen. „My mindful 5 a.m. morning routine“ und dergleichen. Zugegeben – das sind die Leute, die ich bewundere. 6 Uhr, das muss doch zu schaffen sein!, forderte ich mich selbst heraus.

Aber es blieb bei frühestens 6:30 und ich denke, dass dies auch weiterhin mein Ziel bleiben wird. Ich kann realistisch betrachten, dass ich eine gewisse Menge an Schlaf brauche und es bereits eine Herausforderung ist, bis 22 Uhr im Bett zu sein. Mein momentaner Lebensstil lässt es nicht zu, dass ich 21 Uhr oder früher ins Bett gehen könnte. Dafür finden zu viele Aktivitäten am Abend statt. Und wenn ich die Prioritäten abwäge, siegen diese Aktivitäten gegen das Bedürfnis, ein „5 a.m.-Power-Mensch“ zu sein.

Social Media – Konsum

Ich bin Bloggerin, aber wenn ich ehrlich bin, ist Social Media nicht wahrhaft meine Welt. Dafür hinterfrage ich zu viel, zerdenke alles und bin sowieso bereits überwältigt vom Leben an sich. Ich habe das Gefühl, dass die Social Media – Welt für die gemacht ist, die in der Lage sind, sich selbstbewusst darzustellen und den Austausch, der dadurch entsteht, wirklich genießen. Die all den Input als Bereicherung aufsaugen, der ihnen Energie für eigenes Schaffen liefert. Und ja, auch ich sehe die Bereicherung, stelle mich selbst dar und kann stundenlang durch Instagram und Co. scrollen. Doch aus oben genannten Gründen muss ich meinen Konsum begrenzen. Social Media hat seine Berechtigung in meinem Leben, aber statt dass es mein ganzes Leben einnimmt, darf es genau einen Raum haben, den ich ab und zu einmal betrete und dann auch wieder bewusst verschließe. So stelle ich es mir zumindest vor.

Zu meiner Morgenroutine wird deshalb auch weiterhin gehören, dass ich mein Handy frühestens eine Stunde nach dem Aufstehen anschalte. Wenn es mir dann beim Frühstücken doch etwas zu still ist, darf stattdessen das Radio herhalten. So starte ich fokussierter und entspannter in den Tag. Am Abend würde ich es gern erreichen, dass Handy bereits eine Stunde vor dem zu Bett gehen auszuschalten – klappt leider noch nicht oft. Aber immer häufiger tausche ich es gegen folgendes ein:

Bücher

Ich habe es schon mein ganzes Leben lang genossen, zu lesen. In den letzten Jahren ist dieses Hobby ein wenig eingeschlafen, denn 1.: Ich habe mir keine Zeit dafür genommen und 2.: Ich hatte keine guten Bücher. An Punkt 2 musste ich wirklich arbeiten. Mein Geschmack hatte sich verändert und ich musste herausfinden, welche Genres mir mittlerweile gefielen. Seitdem ich das etwas besser weiß, ist es wieder zu meinem Ritual geworden, vor dem Schlafen im Bett zu lesen – so, wie ich es als Kind bereits gemacht habe. (Manchmal sind die Angewohnheiten aus der Kindheit die besten.) Es handelt sich hierbei nur um 10-30 Minuten am Tag! Ja, tatsächlich reichen mir manchmal bereits zwei Doppelseiten eines Buches, um mich zur Ruhe kommen und mir die Augen zufallen zu lassen. Ich schlafe besser ein, ich grüble weniger. So einfach ist es.

Häufig bin ich zu faul, ein Buch aufzuschlagen, obwohl ich weiß wie gut es mir tut. Dann höre ich doch lieber einen Podcast auf meinem Handy (was nicht zwingend schlecht ist). Aber wahre Ruhe vor dem Schlafen verschafft mir eigentlich nur ein gutes Buch. Deswegen habe ich das auch als Schlüssel identifiziert: Ich brauche gute Bücher, die mir wirklich gefallen.

Bullet Journal

Ein – zugegeben etwas anderes – Buch, dass mich nun schon fast zwei Jahre lang begleitet ist mein Bullet Journal. Ich kann euch nicht sagen, wie essentiell dieses Notizbuch für mein Leben geworden ist. Es ist ein sehr gutes Beispiel für eine Angewohnheit, die sich etabliert hat, weil sie schlicht und ergreifend Sinn für mich ergibt. Mein Leben besteht aus vielen verschiedenen Bereichen und dieses Buch hält alles zusammen. Früher wurde mir immer nur gesagt, dass ich to do’s aufschreiben solle, wenn ich mich gestresst fühlte oder mir alles zu viel im Kopf wurde. Aber es brachte mir nichts, alles irgendwo hin zu schreiben – eine Sache auf einen Notizzettel, die andere in den Kalender, das nächste in die Handymemos. Ich hatte zig verschiedene Notizbücher für nicht mehr identifizierbare Zwecke.

Nun habe ich mein Bullet Journal, dass (fast) alles zusammenhält: Kalender, Notizen, Listen, Ideen. Ich besitze nur ein weiteres Notizbuch, welches ich als Tagebuch und für andere längere Texte verwende. Das Bullet Journal ist für einen Menschen wie mich, dessen Kopf immer mal wieder überall und nirgendwo ist, ein Lebensretter.

Also was jetzt?

Dies sind nur ein paar Beispiele aus meinem Leben, über die ich hin und wieder gern schreibe. Was möchte ich damit erreichen? Dass jeder, der es liest, die gleichen Angewohnheiten in sein Leben aufnimmt? Möchte ich euch von meinem Lebensstil überzeugen? Überreden, all das einmal auszuprobieren? Gut, ich geb’s zu, zu einem Bullet Journal würde ich gern jeden überreden… (Meins sieht übrigens auch nicht so schön aus wie auf Pinterest oder Instagram!)

Erst Prioritäten – dann Vorhaben

Ich glaube, dass ich im letzten Jahr gelernt habe, dass es nicht um Vorhaben an sich geht, sondern um Prioritäten. Ich wäge ab, was in meinem Leben Bedeutung hat und Bedeutung haben soll. Danach gestalten sich dann wiederum meine Angewohnheiten und Routinen. Vor kurzem habe ich gehört, wie jemand gesagt hat, dass der Satz „Ich habe keine Zeit für…“ eigentlich Quatsch ist. Wir benutzen ihn gern, um nicht weiter erklären oder uns rechtfertigen zu müssen. Aber im Prinzip ist es doch so: Was wir zur Priorität machen, dafür nehmen wir uns auch Zeit. Wenn ich sage, dass ich keine Zeit für etwas habe, dann will ich es schlicht nicht zu einer Priorität machen. Diese Aussage hat ihre Berechtigung! Ein „Ja“ zu einer Sache wird immer ein „Nein“ zu einer anderen nach sich ziehen und diese Nein’s sind notwendig. Mein „Ja“ zum Frühaufstehen bedeutet zum Beispiel mein „Nein“ zum Party machen bis in die Morgenstunden (in aller Regel zumindest). Jemand anderes pflegt vielleicht wichtige Beziehungen gerade in diesen nächtlichen Stunden. Hier sehen die Prioritäten und Angewohnheiten ganz anders aus.

Bewusst Alltag gestalten

Gestalte deinen Alltag bewusst nach deinen Ja’s und Nein’s. Mein Alltag ist immer dann am stressigsten und verwirrendsten, wenn ich nicht weiß, was gerade wahrhaft Priorität für mich hat. Deswegen muss ich mir von Zeit zu Zeit vergegenwärtigen, was mir wirklich wichtig ist und diesen Dingen die Zeit einräumen, die sie brauchen.

Wir könnten ewig darüber streiten, wie wichtig es ist, drei mal in der Woche Sport zu machen und ich wette, du hast genügend Argumente, um meine außer Gefecht zu setzen. Wir könnten auch das Prinzip der Eulen und Lerchen diskutieren und ich könnte dir all die Vorteile aufzählen, die das Frühaufstehen bereit hält. Oder wir machen einfach das, was zu unserem Leben passt und einen Mehrwert bereit hält.

Mein 2019

Wenn ich ein Vorhaben für 2019 (und allgemein im Leben) haben müsste, dann folgendes: mutiger sein. Mutiger handeln, mutiger reden, mutiger schreiben. Nicht darauf warten, dass die Angst weicht, sondern anderes drüber setzen. Und auch hier geht es um Prioritäten! Wenn ich Liebe zur Priorität mache und mich von ihr motivieren lasse, macht das mutig – und ich sage dabei „nein“ zur Angst. Sie ist vielleicht immer irgendwie da, aber ich möchte ihr weniger Wichtigkeit einräumen.

Also: Was ist dir heute wichtig? Was im Jahr 2019? Welche Angewohnheiten zieht das nach sich? Manchmal sind es die kleinen Tätigkeiten und Routinen, die uns dazu verhelfen, Größeres zu erreichen. Was wird dein nächster, kleiner Schritt sein?

Constanze

(Photo by Mikito Tateisi)