Veröffentlicht in Persönlichkeit

Einfach ruhig, oder was? – Introvertiert #1

„Du bist schon eher so ne Ruhige, oder?“ sagt meine neue Arbeitskollegin. Ich kenne sie erst wenige Wochen. Einerseits schätze ich ihre direkte Art – sie beobachtet, sie fragt nach. Logisch, oder? Andrerseits ploppen mir zig verschiedene Antwortmöglichkeiten in den Kopf und ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Ich muss daran denken, wie ich mich mit engen Freunden und meiner Familie verhalte und denke „Nein, ich bin eine Quasselstrippe“. Dann plötzlich sitze ich in einem Klassenzimmer in meiner Schulzeit und melde mich nicht, obwohl ich die Antwort weiß. „Ja, doch, ich bin schon sehr zurückhaltend.“ Ich gehe noch ein Stück zurück und denke daran, wie ich als Kind beim Spazieren gehen mit zwanzig Metern Abstand den anderen hinterhergetrottet bin, um in meinen Traumwelten zu schweben. „Oh ja, ich bin sehr ruhig!“ Dann wiederum sehe ich mich albern tanzend und singend auf Hochzeiten. „Na ja, ich kann schon auch mal im Mittelpunkt stehen…“ Doch nach solchen Aktionen lande ich erschöpft auf der Couch und will erst einmal mit keiner Menschenseele etwas zu tun haben.

Ich entscheide mich für die Antwort „Joa, schon“ und belasse es dabei. Ich schiebe mich selbst in diese Schublade hinein und hoffe, dass ich dort in Ruhe gelassen werde. Schade, aber in diesem Moment hielt ich es für den einfacheren Weg.

Ruhig und schüchtern

In meiner Kindheit war ich definitiv zurückhaltend und in vielen unbekannten Situationen ruhig und schüchtern. Nur meine Familie und gute Freunde kannten die aufgedrehte Version von mir. Dann habe ich Spiele angeführt, mir Zirkusstücke ausgedacht und als Lehrerin meiner zwei Jahre jüngeren Schwester und Cousine meine Erkenntnisse aus der 1. Klasse gelehrt. Doch wenn ich in unbekannte, neue Situationen mit vielen Menschen kam, blieb ich lange auf meinem Beobachtungsposten. Fremde Menschen anzusprechen, viel mir schwer. In Gruppen äußerte ich mich nur, wenn ich mich wirklich wohlfühlte. Umso älter ich wurde, umso mehr wollte ich jedoch dazugehören. Ich hatte es leid, auf Freizeiten, im Teenkreis oder in der Klasse die leise, stille Maus zu sein, die sich nichts traut. Ich glaubte, dass die Schüchternheit ein Mangel ist, der schlicht behoben werden müsste. Nichts wollte ich verpassen und überall dazugehören. Dadurch perfektionierte ich die Fähigkeit der Anpassung, die bis heute eine meiner größten Stärken und Schwächen zugleich ist.

Introvertiert und sozial – ein Widerspruch?

In gewisser Weise war es gut, dass ich der Schüchternheit den Kampf ansagte. Heute bin ich es viel weniger und durfte an Mut und Selbstbewusstsein dazugewinnen. Doch umso mehr ich mir bewies, dass ich nicht schüchtern sein muss, umso mehr verfiel ich dem Trugschluss, dass ich nun auch eine total extrovertierte Persönlichkeit bin. Das wiederum widersprach dem Fakt, dass ich nach wie vor schlecht darin war, auf fremde Menschen zuzugehen, mich von lauten Persönlichkeiten einschüchtern ließ usw. Ich verstand mich selbst nicht mehr.

Dieses Gefühl verstärkte sich nur noch mehr, als ich einen sozialen Berufsweg einschlug. Nun kam der nächste Trugschluss dazu: Wer sozial ist, ist automatisch extrovertiert. Wer gut mit Menschen kann, kann ja schließlich nicht introvertiert sein, oder? Erst Jahre später stellte ich fest, dass ich mir viele dieser typisch extrovertierten, sozialen Fähigkeiten erarbeitet hatte. Mein Interesse für Menschen, ihre Stärken und Schwächen, ihre Probleme, Krisen und Persönlichkeiten war schon immer da gewesen. Ich habe schon immer gern meine Freundinnen beraten, mit Kindern und später Jugendlichen gearbeitet. Aber den Mut, auf Menschen zuzugehen, vor Gruppen zu sprechen, mit Fremden zu telefonieren und vieles mehr, bedurfte dem Sprung ins kalte Wasser und viel Erfahrung. Ich hatte von Natur aus eine feine Wahrnehmung für soziale Zusammenhänge, aber um damit in sozialen Berufsfeldern bestehen zu können, musste ich immer häufiger so tun, als wäre ich extrovertiert. Sozusagen für kurze Zeit eine Rolle spielen. Heute lobt mich mein Mann dafür, wie versiert ich am Telefon spreche oder Freunde beobachten, wie ich munter mit jemandem small talke. Telefoniere ich deswegen gern? Fällt mir Small talken also leicht? Ganz klar: Nein.

Raus aus der Schublade

Mir bereitet es viel Freude, mich mit Persönlichkeitsmerkmalen und den verschiedenen Charakteren von uns Menschen auseinanderzusetzen. Ich bin der Überzeugung, dass uns ein Verständnis über unsere Unterschiedlichkeit dabei helfen kann, einander besser zu verstehen, Vorurteile aufzuklären und letztendlich einander besser zu lieben. Momentan lese ich das Buch „Die leisen Weltveränderer – von der Stärke introvertierter Christen“ von Debora Sommer und setze mich verstärkt mit dem Unterschied Introvertiert/Extrovertiert auseinander. Dadurch fällt mir immer häufiger im Alltag auf, wenn sich verschiedene Verhaltensweisen meinerseits auf meine Introversion zurückführen lassen. Und doch zeigt sich jede Introversion, jede Extroversion auch auf verschiedene Weise und nicht zwingend dauerhaft.

Ich bin ein introvertierter Mensch. Nicht immer, nicht durchgehend, aber im Grunde meines Wesens schon. Darüber habe ich bereits hier oder hier geschrieben. An diesem Tag auf der Arbeit, als mich meine Arbeitskollegin mit meiner ruhigen Art konfrontierte, habe ich mich einem Klischee gefügt. Doch so sehr würde ich mir wünschen, dass wir einen differenzierteren Blick auf diese Wesenszüge haben könnten. Und noch viel mehr, als dass ich von anderen Leuten in Schubladen gesteckt werde, tue ich es mit mir selbst. Ich will mich selbst möglichst einfach verpacken, damit ich mich möglichst einfach präsentieren kann. Ich habe Angst davor, widersprüchlich zu wirken und den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen. So, jetzt hab ich’s gesagt. Und ich wage zu behaupten, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht.

Einzigartig und komplex

Die Erwartungen anderer nicht als meinen persönlichen Maßstab anzuerkennen, ist ein Prozess in meinem Leben, in dem ich mich schon jahrelang befinde. Und weil mir das Schreiben schon immer geholfen hat, möchte ich nun eine kleine Blogreihe ganz konkret der Thematik Introversion (und Extraversion) widmen. Woran erkenne ich, dass ich introvertiert bin? Warum wirke ich dennoch häufig so extrovertiert? Welche Stärken und Schwächen ergeben sich daraus? Wie gehe ich mit den Schwächen um? Wie stärke ich die Stärken? Diesen und ähnlichen Fragen bin ich in den letzten Jahren auf die Spur gegangen und möchte in den nächsten Blogposts ein paar Antworten mit euch teilen.

Du bist auch introvertiert? Dann hoffe ich, dass du dich dadurch ein wenig mehr verstanden fühlst. Du bist extrovertiert? Dann lade ich dich herzlich ein, mit mir in die Welt der Introvertierten einzutauchen und sie, zumindest aus meiner Sicht, ein wenig kennenzulernen. Du hast keine Ahnung, was davon du bist? Auch super. Vielleicht steckt von beidem ein bisschen in dir und du siehst danach etwas klarer.

Ich glaube, dass Gott jeden Menschen als sehr komplexes, einzigartiges Wesen erschaffen hat. Manche Eigenschaften lassen sich leicht erkennen und benennen, bei anderen muss ein wenig genauer hingeschaut werden. Es ist meine Leidenschaft, in diese Komplexität einzutauchen und sie ein wenig zu entwirren. Bist du dabei?

Constanze

Veröffentlicht in Motivierendes

„Herzlich willkommen – Neuanfang!“

Als ich heute im Supermarkt an die Kasse ging, saß dort eine Frau, die offensichtlich frisch eingearbeitet wurde. Eine mir bekannte Verkäuferin stand hinter ihr und beobachtete jeden ihrer Schritte. Der Kassiervorgang lief, wie das dann eben so ist, ein wenig langsamer. Ich probiere in solchen Situationen, ein so „unkomplizierter“ Kunde wie möglich zu sein. Meistens kann man es den Neulingen in ihren angespannten Gesichtern ja bereits ansehen, dass sie Angst haben, zu langsam zu sein. Ich kann förmlich spüren, wie sie leicht in Panik geraten, wenn sie die Nummer von der Aubergine nicht sofort finden und hektisch hin und her blättern. Dieses Gefühl kann ich gut nachempfinden. Ich habe zwar nie an der Kasse gearbeitet und kann also nicht wirklich einschätzen, welche Schwierigkeiten dieser Job mit sich bringt. Doch wenn ich solche Situationen beobachte, muss ich unwillkürlich an meinen eigenen Neuanfänge denken und daran, welche Herausforderungen diese jedes Mal mit sich bringen. Besonders dann, wenn alle ersten Schritte beobachtet werden. Die gestandene Kassiererin hinter der neuen schaute durchweg kritisch und beantwortete Fragen kurz und ohne ein Lächeln. Die neue Kollegin versuchte, selbstbewusst zu bleiben. Doch wie sie sich wohl innerlich fühlte?

Ich kann noch keine lange Laufbahn im Arbeitsleben verzeichnen, aber in den letzten Jahren gab es dennoch einige Neuanfänge für mich. Und nicht nur im Beruf – als ich weiter darüber nachdachte, musste ich beispielsweise auch an meine Fahrschulzeit denken. Auch so eine Zeit, in der man ziemlich lange von der Seite beäugt wird. Ich persönlich wurde deshalb erst richtig sicher im Auto fahren, als ich den Führerschein schon in der Tasche hatte und allein die Straßen „unsicher“ machen durfte.

Kennt du das? Du willst irgendetwas Neues anfangen – und du bist motiviert! Du weißt, dass nicht alles sofort funktionieren wird und es viel zu lernen gibt, aber du bist bereit, alles zu geben. Schritt für Schritt wird das schon. Doch dann ist da jemand (oder vielleicht sogar mehrere), die genau beobachten, ob du auch alles richtig machst. Ich gehöre leider nicht zu den besonders selbstbewussten Menschen, die das einfach ignorieren könnten. Falls es dir auch so geht, helfen dir vielleicht diese vier Tipps (an die ich mich auch selbst immer wieder erinnern muss) für deinen nächsten Neuanfang:

1. Bleib dran.

Das mag simpel klingen – doch wie schnell sind wir versucht, etwas aufzugeben, nur weil uns jemand anderes das Gefühl vermittelt, dass wir noch nicht gut genug sind. Und in vielen dieser Fälle beabsichtigt der andere das nicht einmal! Deswegen bleib einfach dran, egal wie unsicher du dich fühlst. Meist wird es besser.

2. Rechtfertige dich nicht ständig für das, was du tust.

Es ist natürlich möglich, dass du beispielsweise vor deinem Chef hin und wieder Rechenschaft ablegen musst. Doch es ist sicherlich nicht nötig, dass du dich jederzeit für jeden Schritt rechtfertigst! Ich neige oft dazu, stammelnd erklären zu wollen, warum ich etwas getan habe – vor allem, wenn mir jemand einen Tipp gibt, wie ich etwas anders tun könnte. Nur weil mir jemand einen Tipp gibt, bedeutet das allerdings nicht, dass es schlimm war, wie ich es bisher gemacht habe. Steh zu dem, was du tust! Dadurch trittst du selbstbewusst auf und wirst ernster genommen.

3. Hab keine Angst, es möglichst bald allein zu versuchen.

Was auch immer dein Neuanfang beinhaltet: wenn du ähnlich tickst wie ich, wirst du immer ein wenig blockiert sein, solange dir jemand über die Schulter schaut. Ich habe mich lange Zeit nicht getraut, etwas allein zu versuchen, solange ich mich noch nicht sicher gefühlt habe. Doch es ist nicht immer notwendig, sich komplett sicher zu fühlen, um etwas allein zu wagen. Ich persönliche benötige meinen Freiraum, um selbst Fehler zu machen, aus ihnen zu lernen und herauszufinden, wie es für mich am besten funktioniert. Solange mich jemand beobachtet, werde ich mich immer an dieser anderen Person orientieren und daran, wie sie es macht. Ein wenig ist das natürlich nötig: beispielsweise um Abläufe kennenzulernen, feststehende Regeln oder ähnliches. Doch wenn du mit diesen halbwegs vertraut bist, stürze dich ruhig allein ins Abenteuer. Ich habe die Erfahrung gemacht, dadurch unglaublich viel Sicherheit und Selbstbewusstsein zu erlangen solange ich weiß, dass im Hintergrund immer noch Menschen da sind, die ich ab und zu um Hilfe bitten kann.

4. Frag nach.

Nachzufragen ist keine Schande. Es bedeutet nicht, dass du dumm bist. Fragen signalisieren Interesse und zeigen, dass du dir Wissen aneignen möchtest, um deine Aufgaben möglichst gut zu erledigen. Durch Fragen findest du heraus, was wichtig ist und was nicht. Du erkennst nach und nach besser, wo die Schwierigkeiten liegen und worüber du dir gar keine Sorgen machen musst. Nicht alle mögen immer offen für Fragen sein, aber irgendjemand ist es meist! Häufig ergeben sich daraus gute Gespräche und du kannst von der Erfahrung der anderen profitieren.

Was war dein letzter Neuanfang oder steht dir einer kurz bevor? Wodurch fällt es dir leichter, in einem neuen Umfeld zu starten? Hast du schon einmal besonders gute oder schlechte Erfahrungen gemacht? Erzähl mir gern davon in den Kommentaren!

Constanze

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(photo by Olu Eletu)