Veröffentlicht in Persönlichkeit

Verstehe dich selbst, dann verstehst du andere

In diesem Jahr kommt es mir so vor, als wären die Tage zu schnell vergangen. Was habe ich überhaupt erreicht? Ich bin so zukunfts- und zielorientiert, dass ich häufig all das Gute vergesse, das bereits geschehen ist. Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Ich beschließe am Abend einer dieser gedankenvollen Tage, die ich nur zwischen unseren vier Wänden verbracht habe, noch einen Spaziergang im Dunkeln zu machen. Ohne Handy, ohne Musik, nur mit einem Kaffee im To-Go-Becher. Sobald ich in die kalte Luft trete, fühle ich mich erfrischt und atme durch. Ein wenig Erleichterung durchdringt mich. Es ist keine schwere Krise, die in mir tobt, aber meine grübelnden Gedanken drohen so manches Mal überhand zu nehmen. Dagegen wirken die frische Luft und ein kurzer Spaziergang wie ein kleines Wunder. Ich beginne sofort, klarer zu sehen und fokussierter die Fakten festzustellen, so wie sie tatsächlich sind. Und ich werde dankbar, wenn ich zurückblicke. Ich kann besser beten, mit Gott in Kontakt treten.

Fremd

In diesen Tagen zeigt sich mein introvertiertes Wesen im Besonderen. Ich ziehe mich bewusst zurück, denke allein nach, gehe allein spazieren. Erst vor kurzem traf ich jemandem, der mir erzählte, dass ihm einsame Spaziergänge überhaupt nicht helfen würden. Das, was viele in Zeiten von Corona vermehrt machen um körperlich und mental in Bewegung zu bleiben, bringt ihn nicht weiter. Er konnte ganz klar benennen, dass er seine Gedanken nur laut im Gespräch mit anderen sortieren kann. Nachdem ich kurz stutzte, weil mir diese Aussage so fremd war, musste ich lächeln. Ich hatte es hier mit einer durch und durch extrovertierten Person zu tun. Ich hätte traurig sein können, ganz nach dem Motto: „Was, du kannst diesen stillen, entschleunigenden Spaziergängen nichts abgewinnen? Also mir helfen sie immer!“ Leicht eingeschnappt. Verständnislos. Enttäuscht. Entgegengesetzt hätte ich auch mich selbst in Frage stellen können: „Hm, du hast schon Recht, immer hilft mir das auch nicht.“ Somit hätte ich nicht mehr zu meiner eigenen Einstellung gestanden, sie relativiert, nur um mehr Gemeinsamkeit und Harmonie mit diesem Bekannten herzustellen.

Zwischen anpassen und wegstoßen

Stattdessen entschied ich, mich darüber zu freuen, dass sich in diesem kleinen Detail eine Unterschiedlichkeit zwischen uns offenbarte, die zeigt, wie unterschiedlich wir Menschen eben sind. Dieser Mensch, den ich kennenlernen durfte, ist in seinem Wesen ganz anders als ich. Aber wir verstehen uns sehr gut und ich glaube, das liegt zu einem großen Teil daran, das sowohl er als auch ich wissen wie wir jeweils ticken. Wir können es benennen und bei unserem Gegenüber akzeptieren und stehen lassen. Diese Bekanntschaft sticht für mich positiv heraus, weil ich genau das selten erlebe, erst recht nicht in der Kennenlernphase. Viele Menschen kennen sich selbst nicht gut genug, um eigene Charaktereigenschaften und typische Verhaltensweisen benennen zu können. Demzufolge wissen sie auch nicht, was sie tun können, um ihre Stärken zu stärken oder ihre Schwächen zu fördern. Und vor allem: sie wissen nicht, wie sie mit Andersartigkeit angemessen umgehen können.

Die Folgen davon sind vielfältig, aber lassen sich häufig in eine von zwei Kategorien einordnen. Entweder geschieht unbewusste oder sogar bewusste Anpassung an andere, denn „wir wollen uns ja alle gut verstehen“. Es wird gezwungene Harmonie hergestellt, Unterschiedlichkeit wird glattgebügelt. Jeder will jeden verstehen. „Im Grunde sind wir doch alle gleich“. Die zweite negative Reaktionsmöglichkeit ist, dass der andere abgewertet wird, weil die Andersartigkeit nicht eingeordnet werden kann. Sie wird als „komisch“ abgestempelt. „Wie kann der so sein? Wie kann der das machen?“ Unverständnis, Zurückweisung. Und zwischen diesen beiden Extremen gibt es jede Menge Schattierungen, leichte Neigungen in die ein oder andere Richtung.

Sich selbst kennenlernen

Der ganze, große Themenkomplex der Charaktereigenschaften, Typenlehre und Persönlichkeitspsychologie, welcher die Thematik Introviert-Extrovertiert beinhaltet, ist deswegen eines meiner großen Herzensanliegen. Häufig wird er belächelnd abgetan mit den unterschiedlichsten Argumenten: Willst du Menschen etwa in Schubladen stecken? Was genau soll denn der Nutzen davon sein, Menschen in Kategorien einzuteilen? Was bringt es mir, dass mir jemand sagt, wie ich bin? Ich möchte mich nicht festlegen, ich kann beides sein!

Es geht nicht darum, Klischees in Schubladen zu verstauen oder dir von anderen sagen zu lassen, wie du bist. Es geht auch nicht darum, nur auf eine Art und Weise agieren zu können. Es geht darum, mich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen, sodass ich gesund und selbstbewusst auftreten und wiederum andere besser verstehen kann. Es geht darum, die eigene Persönlichkeit zu akzeptieren und zu fördern, um dadurch andere akzeptieren und fördern zu können. Dies ist kein eigennütziger Prozess. Es bringt uns alle weiter, wenn jeder sich ein Stück weit mit sich selbst beschäftigt. Ich vermute, dass wir gerade heutzutage immer weniger wahrnehmen, wer wir selbst sind, da die Einflüsse von außen immer stärker, präsenter und lauter werden. Es ist auch kein eindimensionaler Prozess, es geht nicht darum, nur schwarz oder weiß zu sein. Es sind natürliche Präferenzen und Neigungen, die uns angeboren sind, auch wenn wir in der Lage sind, hin und wieder auf genau entgegengesetzte Art und Weise zu handeln. Auch das kann ich besser erlernen, wenn ich weiß, was meine natürlichen Denk- und Verhaltensmuster wären.

Mut zum Festlegen

In den letzten Monaten bin ich mehrfach Menschen begegnet, die überlegten, ob sie nicht doch introvertiert sind, obwohl sie sich eigentlich als extrovertiert beschreiben würden. Ich hörte Sätze wie „Na ja, ich kann halt beides sein“ oder „Auch ich muss mich manchmal von anderen zurückziehen“. Es wurde ersichtlich, dass sie sich nicht festlegen wollten, obwohl sie ganz eindeutig eine Neigung in die eine Richtung hatten. Ich möchte die steile These aufstellen, dass es manchmal gut ist, sich festzulegen. Sag, dass du extrovertiert bist, auch wenn du dich manchmal introvertiert verhältst. Sag, dass du introvertiert bist, auch wenn du dich manchmal extrovertiert verhältst. (Das bin ich – ständig!) Sag, dass du Künstlerin bist, auch wenn du manchmal inspirationslos vor einem leeren Blatt Papier sitzt. Sag, dass du Mutter bist, auch wenn du heute keine glorreichen Erziehungswunder vollbracht hast. Die Quintessenz ist: Erkenne wer du bist und nutze es. Auf einer Skala von 0 bis 100 bist du nicht immer die 50, du bist nicht immer ausgeglichen. Du musst nicht immer in der Mitte liegen. Du musst nicht alles können. Du musst nicht alles wollen, nicht alles sein. Du darfst Neigungen und Präferenzen haben.

Selbstlosigkeit nicht ohne Selbstbewusstsein

Um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: Nur weil ich die Andersartigkeit dieser einen Person gut akzeptieren konnte, bedeutet es nicht, dass mir das immer gelingt. Auch ich lasse mich aus Harmoniebedürftigkeit glattbügeln oder stoße von mir, womit ich mich nicht identifizieren kann. Aber es fällt mir tatsächlich leichter, mich diesen Mustern zu entziehen, umso besser ich mich selbst verstehe. Es scheint paradox und manch einem Christen, der sich in Selbstlosigkeit üben will, vielleicht auch falsch. Aber wir können erst dann selbstlos sein, wenn wir selbst-bewusst sind: uns selbst bewusst. Wenn du weißt, wer du bist, kannst du von dir selbst loslassen, dich selbst nicht immer zu wichtig nehmen, über dich selbst lachen.

Fang an zu puzzeln!

Es begeistert mich. Das Wissen, dass wir Menschen verschiedene Neigungen und Herangehensweisen haben, viele von Geburt an. Mit manchen Mitmenschen werden wir einige Gemeinsamkeiten finden, mit anderen weniger. Auch wenn jeder individuell ist – ist es nicht faszinierend, dass sich manche Eigenschaften in Kategorien zusammenfassen lassen und somit nur noch ersichtlicher wird, wie sehr wir zur gegenseitigen Ergänzung geschaffen wurden? Gott hat so viele Gegensätze und Unterschiede in dieser Welt geschaffen, die sich wie ein Puzzle zusammenfügen lassen. Aber das Puzzeln überlässt er häufig uns selbst.

Also geh in das Jahr 2021, erkenne die Form deines eigenen Puzzleteils, finde andere passende Teile und fang an zu puzzeln. Erkenne, wer du bist und mach das Beste draus.

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Der Sonntags-Blues

Es ist Sonntag. Und wie an vielen anderen Sonntagen baue ich mir auch an diesem Nachmittag mein „Sonntags-Set-up“ auf der Couch auf. Dieses Set up besteht aus Büchern, meinem Bullet Journal, Stiften, der Fernbedienung, Tee und einer Orange. (Oder Kaffee und Keksen. Oder Kakao und Schokolade.) Da es November ist, knipse ich unsere unendlich lange Lichterkette an, die sich um Fenster und Couch schlängelt. Wenn ich richtig kuschelig gestimmt bin, gesellen sich noch ein paar Kerzen dazu. Ich lege mir so viele verschiedene Dinge bereit, weil ich die Auswahl haben möchte. Ein Sonntag Nachmittag ohne Termine ist für mich Freiraum, um einfach „zu sein“. In den meisten Fällen habe ich einen bereichernden Gottesdienst hinter mir, ein leckeres Mittagessen und kann nun in vollen Zügen „nichts müssen“.

Ich bin bekennender Sonntags-Liebhaber, schon seit ich denken kann. Und seit einiger Zeit schaffe ich es auch wieder häufiger, diesen Tag zu dem Tag in der Woche zu machen, an dem ich nicht arbeite. Arbeit beinhaltet für mich persönlich all die Dinge, die jemand von mir erwartet oder die ich von mir selbst erwarte. Meine Prämisse: Alles, was in mir Druck und Anspannung verursacht macht am Sonntag Pause. Ich darf mich innerlich frei fühlen. Das Leben geht auch ohne mich weiter.

Anders als geplant

Und während ich stolz darüber bin, mir auch an diesem Sonntag wieder diese Zeit eingeräumt und meine Entspannungs-Utensilien bereitgelegt zu haben, spüre ich, dass irgendetwas anders ist. Draußen wird es dunkel und ich habe plötzlich ein Problem damit. Ja, ich predige Gemütlichkeit, Kerzen und Kakao. Ich will, dass wir die Dunkelheit akzeptieren und den November so nehmen, wie er ist. Ich will, dass wir uns mit einem Buch auf die Couch verkrümeln und entschleunigen. So darf der Sonntag sein. So darf der Herbst sein.

Doch da ist er, der Sonntags-Blues. Die Dunkelheit kriecht in mich hinein und ich kann nichts dagegen tun. Ich habe viele gute Bücher zur Auswahl, aber ich schaff nur ein paar Seiten. Ich höre meinen Comedy-Podcast, der sich dieses Mal um den Sinn des Lebens dreht. Einerseits bin ich fasziniert von den Sichtweisen der beiden Sprecherinnen, andrerseits hätte ich heute ein wenig mehr Comedy vertragen können. Also schalte ich einen öden, vorhersehbaren High-School-Film ein: Unscheinbares Mädchen verliebt sich unsterblich in den coolen Jungen mit der Gitarre, der sie nicht zu bemerken scheint. Also hilft ihr der Nachbarsjunge (den sie schon ewig kennt) bei einem Umstyling und den passenden Tipps für ein Date. Gitarrenjunge stellt sich als Blödmann heraus. Und sie landet (man hat es nicht kommen sehen) schlussendlich knutschend mit dem Nachbarsjungen beim Abschlussball.

Oh, wie hätte ich mich früher über diese Handlung aufgeregt. Sowas von unrealistisch und kitschig. Doch heute schaue ich mir diesen Film mit einer merkwürdigen Mischung aus Lethargie und Melancholie an. Ich bin einerseits gelangweilt, andrerseits muss ich an meine Jugendzeit denken. Ich habe das absurde Verlangen, zu ihr zurückzukehren. Diese Filme stellen es immer so dar, als wäre es cool, das unscheinbare Mädchen zu sein. Vielleicht hätte ich cool sein können.

Ich plane die nächste Woche in meinem Bullet Journal. Das fühlt sich gut an. Ich bereite auch die Monatsübersicht für Dezember vor. Weihnachtszeit, ich komme. Doch das war’s dann auch. Ich sitze da und bin traurig. Aber ich weiß nicht, über was. Ich lasse mir ein Bad ein und höre den Podcast zu Ende. Er ist nun doch noch witzig geworden, aber diese Stimmung überträgt sich nicht auf mich. In mir ist der Sonntags-Blues.

Traurig über alles und nichts

Und obwohl er grundlos begann, sind da auf einmal Stimmen in meinem Kopf, die sich über Zustände in meinem Leben aufregen. Die sich traurig in Selbstmitleid über etwas suhlen, mit dem ich sonst ganz gut klar komme. Themen, die im Licht betrachtet erklärbar und aushaltbar sind, doch die Dunkelheit macht sie schwer und hoffnungslos. Und da sind sie, die Tränen über alles und nichts. Ob Dunkelheit, Hormoncocktail oder tatsächliche Trauer – ich kann es nicht mehr auseinanderhalten.

Früher hätte ich mich fertig gemacht. Ich hätte so lange nach einer Erklärung gesucht, bis ich eine gefunden hätte. Ich hätte Probleme durchgekaut, nur um danach noch deprimierter zu sein. Letztendlich hätte ich ein schlechtes Gewissen wegen meiner Traurigkeit bekommen. Und ganz zum Schluss ein schlechtes Gewissen aufgrund meines schlechten Gewissens. Und nichts, was ein guter Freund oder mein Mann gesagt hätte, hätte in diesem Moment geholfen.

Doch heute kuschel ich mich in meinen weichen Bademantel und sage mir: ‚Es ist okay. Morgen wird es wieder besser sein.‘ Und sobald mir diese Erkenntnis leise über die Lippen kommt, bin ich erleichtert und beinahe überrascht über mich selbst. Ja, morgen wird es wieder besser sein! Es ist eine abgedroschene Ermutigung, aber sie ist wahr. Für einen kurzen Moment bin ich in der Lage, auf Erfahrungswerte zurückzugreifen und zu erkennen: So bin ich. Dunkelheit kann mich traurig machen und alles viel schwerer darstellen als es ist. Aber am nächsten Tag, da wird es besser sein. Das weiß ich.

Also zwinge ich mich nicht mehr, meine Stimmung zu ändern. Ich versuche auch nicht herauszufinden, ob ich wirklich ein Problem habe oder dies nur durch die herbstliche Abendstimmung verstärkt wird. Ich mache mich bettfertig, lese noch ein paar Seiten und werde müde. Schließlich schlafe ich ein, ohne eine Lösung gefunden zu haben. Und das ist okay.

Sich selbst ernst nehmen

Ich habe hauptsächlich einen Wunsch, wenn ich mit anderen über meine Probleme und Sorgen rede: Ich möchte ernst genommen werden. Ich will ein offenes Ohr und ernst gemeinte Zuwendung. Mehr nicht. Denn um ehrlich zu sein, nehme ich nur wirklich wenige Ratschläge von nur wirklich wenigen Menschen an. Und einfach ein wenig bemitleiden lassen? Oh nein. Damit kann ich nichts anzufangen.

Wenn ich in Zeiten der Traurigkeit also lediglich ernst genommen werden will: Warum sollte ich mich nicht auch selbst ernst nehmen? Das, was ich gestern Abend zu mir selbst gesagt hatte, war alles, was ich in diesem Moment hören musste: „Es ist okay. Es ist okay, dass ich so bin.“ Es war die einzige Stimme, die in dem Stimmen-Chaos Sinn ergab. Jede Beschwichtigung, jeder Ratschlag hätte Widerworte und innere Kämpfe ausgelöst. Doch so konnte ich loslassen und darauf vertrauen, dass Gott aus meinen Gefühlen irgendetwas machen würde. Ich gab die Kontrolle auf und den Zwang, etwas in Ordnung bringen zu müssen. Ich verfiel nicht in Panik, weil nicht einmal ein Vollbad meine Stimmung heben konnte. Es war einfach wie es war.

Und manchmal ist das zu akzeptieren der beste Weg, damit es wieder anders werden kann.

Gerade in diesem Moment kann ich es schon wieder nicht fassen, dass es bereits dunkel wird. Ich habe leichte Kopfschmerzen. Also trinke ich meinen Kaffee, esse einen Keks und freue mich, dass ich bald unter Menschen komme. Ich muss ein wenig seufzen und denke mir: „Okay.“

Constanze