Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Glauben, Persönlichkeit

Gedankenkreise…

Ich sitze mit meiner Schwester in unserem Wohnzimmer. Wir arbeiten. Da die Universitätsbibliothek ein paar Tage geschlossen hat, sind wir auf Home Office umgestiegen. Das hat auch einige Vorteile: ganz Streber, wie wir sind, können wir uns so schon vor 9 Uhr treffen. Wir können nebenher Kaffee trinken und bis zum Bad müssen wir nur einmal durch den Flur laufen. Und wenn ich meine Karteikarten vergessen habe, ist keine erneute Wanderung zum Schließfach nötig. Im Hintergrund laufen „sphärische Lernklänge“ oder melodische Klavier- und Gitarrenmusik. Irgendetwas, was man bei YouTube unter „Study Music“ findet.

Gestern konnte ich diese Vormittagsstunden wunderbar produktiv nutzen. Doch heute passiert es, ganz plötzlich, nach etwa ein bis zwei Stunden: Meine Gedanken fangen an zu kreisen. Und sie sind nicht mehr zu stoppen. Urplötzlich fällt mir alles ein, was mein Mann und ich in den Osterferien vorhaben und dass es eigentlich viel zu viel ist. Und kaum etwas hat schon einen festen Termin! Es sind schöne Dinge, aber auch viele, die einfach endlich erledigt werden müssen. Umso länger ich darüber nachdenke, umso mehr fällt mir ein. Ich kann nicht weiterlernen. Ich starre nach wie vor gebannt auf mein Buch, aber in meinem Kopf kommen keine ganzen Sätze mehr an.

Ich bin schon immer jemand gewesen, der sich in Gedanken verlieren kann. Schon als Kind – da waren es irgendwelche schrägen Fantasiewelten (die ich bis heute bildlich vor Augen habe…). Später ein schlechtes Gewissen, das ich einfach nicht loswurde, bis ich ein schlechtes Gewissen wegen meines schlechten Gewissens hatte (das passiert mir manchmal immer noch). Heute sind es oft Sorgen über die Gegenwart oder Zukunft oder Fragen nach Sinnhaftigkeit. Es sind Ängste, dass ich etwas nicht schaffe. Unsicherheiten, wenn es keinen konkreten Plan gibt. Und manchmal denke ich eben so sehr über etwas nach, dass ich mich ganz darin verliere und irgendwann gar nicht mehr weiß, worin genau das ursprüngliche Problem bestand. Es kommt vor, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon völlig verzweifelt und durchgedreht bin. Du kennst das? Herzlich willkommen, du bist nicht allein.

Nun, das war heute in unserer Home-Office-Zeit nicht ganz so dramatisch. Und auch allgemein habe ich mit der Zeit meine Mittel und Wege gefunden, damit umzugehen. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Menschen, die mir am nächsten stehen, mir sagen „Constanze, du verlierst dich da wieder“ und mich auf andere Gedanken bringen. Denn meist liegt genau da das Problem: Ich glaube, irgendeine Lösung finden oder die Sache so lange durchdenken zu müssen, bis ich auf deren Grund angekommen bin. Ja, sehr oft ist das meine Stärke und ich schaffe es tatsächlich, Lösungen zu finden. Ich gehe Dingen gern auf den Grund. Ich analysiere Situationen ins Detail. Doch es passiert, dass ich es tue, obwohl es unnötig ist und zu nichts führen würde. Denn nein, ich rede hier nicht von den Problemen und Gedanken, die auf jeden Fall Beachtung und Bearbeitung benötigen. Ich rede von diesem Grübeln, das zu nichts führt. Von den Sorgen, die sich gegenseitig hochschaukeln. Von Ängsten über Dinge, die eigentlich nicht real sind. Von einem Vergessen der Realität und einem Verlieren im Kopf.

Sich selbst nicht schlecht machen

Wenn es dir so geht wie mir, dann ist das der Faktor, der alles nur noch schlimmer macht: „Oh nein, ich darf nicht so viel nachdenken, das ist dumm“. Sobald ich das denke, habe ich genau das Gegenteil bewirkt. Ich ziehe mich selbst herunter, und verliere mich umso mehr in negativen Kreisen. Viel eher hilft es mir, das Problem zwar zu erkennen, aber erst einmal zu akzeptieren. Ich benenne es, („Ah, da sind sie wieder, die Gedankenkreise“), aber ich lasse es nicht zu, dass sie eine zu hohe Priorität erhalten. Zumindest versuche ich es… Die folgenden Punkte helfen mir dabei:

Mit anderen darüber reden

Erst einmal raus damit! Das löst nicht unbedingt alle meine Sorgen und Ängste, aber manche Dinge können sehr schnell relativiert werden, sobald sie ausgesprochen sind. In diesem Fall war meine Schwester zum Beispiel gern bereit, eine Arbeitspause einzulegen, damit ich ihr alle meine Sorgen über die Osterferien herunterrattern konnte. Die ein oder andere Sache konnten wir gleich praktisch klären. Aber vor allem nimmt es den Gedankenkreisen die Bedrohlichkeit, wenn sie ausgesprochen sind. Es nimmt ihnen die Wichtigkeit, die sie im Kopf einnehmen. Ausgesprochen wirken manche Dinge nämlich viel banaler als im Kopf – eben die Dinge, die eigentlich gar nicht so wichtig sind oder gar keinen Sinn ergeben. Ausgesprochen merke ich „Hm, das klingt eigentlich gar nicht so dramatisch“. Manchmal muss ich dann auch ein bisschen lachen und mein Mann sagt „Merkst du selbst, dass das keinen Sinn ergibt, oder?“

Aufschreiben

Manchmal reicht mir das Reden allerdings nicht. Und da kommt je nach Art der Gedanken das Schreiben ins Spiel. Ich mache mir Sorgen über Terminplanung und Organisatorisches? Kalender. Mir fallen alle möglichen To do’s ein? Listen. Ich fühle mich schlecht, habe Angst oder bin von mir selbst enttäuscht? Tagebuch. Lied schreiben. Nachricht an eine Freundin…

Ab ins „wahre Leben“

Doch noch viel wichtiger ist nach meiner Erfahrung folgendes: Raus aus dem Kopf und ab ins wahre Leben. Wenn die Gedanken so sehr kreisen, dass dabei nichts Produktives mehr herauskommt und ich immer weiter eine Spirale herunterrutsche, dann nichts wie weg aus dem Kopf. Viel zu oft vergesse ich es, aber das Beste, was ich in diesen Momenten tun kann, sind Tätigkeiten wie Kochen, Sport, Aufräumen… Irgendetwas Praktisches, das schnell positiven Erfolg nach sich zieht. Irgendetwas mit einem sichtbaren Ergebnis, das nicht viel Denkarbeit erfordert.

Es kommt vor, dass genau dann ein Treffen mit einem Freund oder einer Gruppe ansteht, wenn ich gerade so richtig an einer Sache verzweifle. Der Gedanke liegt nahe, dieses Treffen abzusagen. Doch häufig ist genau das am allerbesten: Zeit mit Menschen zu verbringen, die von meinem Problem nichts wissen. Denn dann bin ich gezwungen, ja ich kann gar nicht anders, als die Gedankenkreise beiseite zu schieben und mich mit diesen Menschen zu beschäftigen. Und danach, wenn ich nach Hause komme, sieht die Welt schon ganz anders aus. Prioritäten haben sich verschoben. Neuer Input hat meine Gedanken relativiert. Die gute Laune anderer hat angesteckt.

Loslassen.

Das ist ein Wort, das in solchen Situationen immer wieder neue Relevanz für mich erhält. Loslassen von der Idealvorstellung, alles durchblicken zu können. Von der Vorstellung, dass ich nur lange genug über etwas nachdenken, lange genug grübeln muss und dann habe ich die perfekte Lösung. Davon loszulassen ist gar nicht so leicht. Meist ahne ich, dass es Sinn machen würde, einfach Gott zu vertrauen – ihm all diese Grübelei hinzuhalten und bei ihm loszulassen. Doch oft geschieht etwas Schräges, wenn ich dann anfange zu beten: Ich erzähle Gott von all meinen Sorgen und auf einmal denke ich schon wieder über mögliche Lösungen nach. Ich fange an, mit Gott darüber zu debattieren, wie man diese oder jene Sache klären oder wie ich meinen Zeitplan ich den Osterferien in den Griff kriegen könnte. Und irgendwann merke ich – Stopp: Ich rede gar nicht mehr mit Gott! Ich rede schon wieder nur mit mir selbst. Ich versuche schon wieder irgendetwas zu lösen, was ich nicht lösen kann.

Loslassen. Was heißt das also? Wahrscheinlich, einfach vor Gott zu treten und zu sagen „Hier bin ich.“ Und sobald ich erkannt habe, dass ich ihm gegenüber weiter nichts leisten kann und muss, spüre ich, wie mich seine bedingungslose Liebe durchflutet. Diese Liebe, die bereits da ist, bevor ich meinen Alltag gut organisiert habe. Bevor ich mein Leben beisammen habe. Bevor ich all meine Ängst und Zweifel abgebaut habe. Bevor ich nicht mehr deprimiert bin. Bevor ich einen guten Plan habe. Bevor ich meine Gedankenkreise und Grübeleien in den Griff bekommen habe. Bereits davor bin ich genug.  

Und dann kann ich weitergehen. Schritt für Schritt in der Gegenwart leben und das tun, was mir möglich ist. Hier, im wahren Leben, nicht in irgendwelchen Gedankenkreisen in meinem Kopf. Mehr geht nicht und mehr muss nicht gehen.

Constanze

Veröffentlicht in Gedanken

Ein Spaziergang durchs Einkaufszentrum

Ich liebe die Natur. Ich liebe Wälder und das Meer und große grüne Wiesen, die in einen hellblauen Himmel münden.

Aber ich habe auch eine merkwürdige Affinität zu Einkaufszentren. Und das hat nichts mit Shoppen zu tun. Lasst es mich erklären:

Auch ich verfiel als Teenager irgendwann dem „Shopping-Wahn“, zumindest ein bisschen. Ich hätte es wahrscheinlich nicht zugegeben, aber unbewusst brauchte auch ich immer mal wieder ein neues T-Shirt, auch wenn ich es nicht wirklich brauchte – einfach um nicht völlig vom Pfad des aktuellen Trends abzukommen. Dazu hat sich meine Einstellung mittlerweile ein wenig geändert, aber das soll nicht Thema dieses Blog-Eintrags sein.

Was mich nämlich schon damals wunderte, war meine Haltung zu Einkaufszentren. Eine Zeit lang lebte ich in einer Großstadt, die gleich mehrere Hünen von diesen Einkaufszentren besaß. Die Leute rieten mir immer, diese am Samstag unbedingt zu meiden, da es da einfach nicht zu ertragen wäre ob der Fülle der Menschenmassen. Aber irgendwie störte mich das nie sonderlich. Sicher – wenn man einige Erledigungen hinter sich bringen und eine Liste abarbeiten muss, ist es stressig. Man will es möglichst schnell erledigt haben und dabei sind die vielen Leute einfach nur im Weg. Doch wenn man Zeit hat und nicht unbedingt ein klares Ziel, dann ist es für mich vor allem eines – faszinierend. Ja, beinahe inspirierend.

In meinem ersten Blogeintrag habe ich erwähnt, dass ich ein Mensch bin, der immer wieder seine Allein-Zeiten benötigt und man könnte meinen, dass das mit meiner Faszination von Einkaufshäusern nicht zusammenpasst. Aber genau das tut es!

Vor kurzem musste ich über einiges nachdenken. Ich war zu Hause, wollte aber nicht den restlichen Tag auf der Couch verbringen. Die meisten Menschen würden dann wahrscheinlich einen Spaziergang im Park machen, um den Kopf frei zu bekommen und auch ich tue das manchmal. Aber dieses Mal wusste ich, dass mich mein Weg in unser Einkaufszentrum führen würde. Wir haben nur ein großes und auch das ist nicht all zu groß. Ich wollte nichts kaufen. „Window-shopping“, wenn man so will, aber eigentlich auch nicht wirklich.

Vielleicht kennt ihr das – ihr seid allein mit euren Gedanken und sie fangen an zu kreisen. Ihr braucht Ruhe, ihr müsst Entscheidungen fällen, gut abwägen. Aber wenn ihr einfach nur allein seid, kommt ihr nicht weiter. Ihr bleibt in eurem Kopf stecken und an einer Stelle stehen. Und das ist genau der Grund, warum ich die Gesellschaft anderer Menschen suche ohne jedoch mit ihnen sprechen zu müssen.

Wenn ich ein Einkaufszentrum, oder einfach nur einen belebten Marktplatz oder Supermarkt, betrete, betrete ich die normale reale Welt. Es bringt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Es zeigt mir, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der Probleme hat. Alle Menschen, die an mir vorbeigehen haben höchstwahrscheinlich auch  Probleme. Ich fange an, darüber nachzudenken, wie es der gelangweilt aussehenden Frau am Zeitungskiosk wohl geht oder freue mich über die lachenden Kinder, die die Rolltreppe hinunter rennen. Stück für Stück gelingt es mir, aus meinem Kopf herauszutreten und zu erkennen, dass ich ein Mensch in dieser großen Welt bin genau wie all die anderen hier. Ich schaue mir vielleicht ein Buch im Buchladen an, was spannend klingt oder beobachte, welche Klamotten grad so im Trend liegen (ja, immer noch). Und wenn ich nach Hause gehe, fühlt sich mein Problem merkwürdiger Weise gar nicht mehr so fundamental an. Die vielen Menschen und Eindrücke haben mich inspiriert ohne es zu wissen.

Manchmal müssen wir ein paar Schritte aus uns heraustreten, um einen objektiveren Blick auf unsere Probleme zu bekommen, wenn wir dann wieder in unseren Kopf hineintreten.

Probier es aus! Vielleicht ist es ja auch etwas für dich. Wickel dich in deinen Wintermantel ein, setz vielleicht auch deine Kapuze auf um unerkannt zu bleiben, und dann geh einfach los und beobachte ganz anonym die Welt um dich herum. Sie ist bunt und vielseitig. Und so vielseitig können vielleicht auch die Perspektiven auf die Herausforderungen in deinem Leben sein.

Constanze

(photo by TuendeBede)