Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Gedanken

Gedanken nach einem Autowerkstattbesuch

Heute habe ich unser Auto nach viel zu langer Zeit mal wieder zur Inspektion gebracht – und es sogleich bereut. Nicht, dass ich das Auto zur Inspektion gebracht habe, aber das ich es war, die es getan hat. Dies war eine rational richtige Entscheidung gewesen, da ich zeitlich flexibler als mein Mann bin. Innerlich hat es mich jedoch so sehr aufgewühlt, wie ein Gegenstand es definitiv nicht sollte. Es ist so: Ich fahre gern Auto. Das habe ich irgendwann gemerkt, als ich die Fahrschule und deren Druck hinter mir gelassen habe und ein paar Jahre stressfreie Erfahrung sammeln durfte. Nun finde ich es praktisch und fühle mich auf der Autobahn zugegebenermaßen auch manchmal wie in einem Computerspiel (nur ohne das Rasen und Anrempeln versteht sich). Ich fahre nicht jeden Tag, aber hin und wieder ist es für Arbeit und Freizeit ein Luxus, den ich sehr zu schätzen weiß.

Typisch Frau?

Und mehr ist es nicht. Es ist keine Liebe für diesen Nutzgegenstand, kein Hegen und Pflegen und auf Glanz polieren. Es ist kein mechanisches oder technisches Wissen. Ich weiß, wie man tankt, Reifen aufpumpt und den Ölstand könnte ich mit ein wenig Nachdenken wahrscheinlich auch checken. Wisst ihr, was mich daran ärgert? Dass ich damit als „typisch Frau“ abgestempelt werden könnte. Und noch mehr als das: dass ich mich selbst als „typisch Frau“ abstemple. So kommt es, als mir der Werkstattmitarbeiter eine Frage nach der anderen stellt, ich mich schrittweise immer dümmer fühle und schließlich selbst sage: „Ja, da bin ich wohl typisch Frau…“ – „Tut mir Leid, das weiß ich ehrlich gesagt nicht.“ – „Vielleicht weiß das mein Mann.“ – „Hmm, kann sein…“ Und schließlich: „Ich bringe das Auto nie wieder in die Werkstatt.“

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob mein Mann viel mehr wüsste als ich. Wahrscheinlich ein bisschen, da er allgemein ein besseres technisches Verständnis hat. Aber Fakt ist, dass wir uns beide nicht über die Maßen für den Gegenstand Auto interessieren. Wieso also tue ich mich selbst als „typisch Frau“ ab? Ich stecke mich selbst in eine Schublade, um es dem Werkstattmitarbeiter leichter zu machen. Somit kann er mich aus dieser Schublade herausnehmen und mit dem arbeiten, was man üblicherweise darin vorfindet: fehlendes Wissen, Naivität, weiblichen Charme. Es wäre ja viel zu kompliziert, zu diesem fehlenden Wissen zu stehen ohne eine Erklärung anzubieten. Die Erklärung „Ich bin eine Frau“ dient in diesem Fall als Entschuldigung. Eigentlich unnötig, oder?

Besonders deshalb, weil ich mir fest vorgenommen hatte, einfach dazuzustehen, dass wir unser Auto zu spät zur Inspektion gebracht haben und jegliche Wartungsempfehlung hinzunehmen, die er mir unterbreiten würde. Ich wollte „Ja“ sagen und nicken, mehr nicht. Ich war nicht darauf eingestellt, so viele Fragen gestellt zu bekommen. Ich war überfordert und griff deswegen auf altbekannte Muster zurück, auf ein Schubladendenken, dass sich scheinbar bewährt hat.

Es mag ja sein, dass es tendenziell eher typisch Frau ist, sich nicht für Autos zu interessieren (wenn mich jemand mit einer empirischen Studie hierzu erleuchten kann, gern her damit). Bei mir mangelt es jedoch schlicht an einem detaillierten Interesse an Gegenständen, die zur praktischen Nutzung gedacht sind. Ich möchte sie benutzen, sonst nichts. Meine gedanklichen Ressourcen fließen in andere Bereiche: sozial, geistig, künstlerisch. Hier setze ich sie ein, hier merke ich mir Dinge, hier brauche ich sie auf. Ich mag sie nicht verschwenden für unseren roten kleinen Blechkasten, genauso wenig wie für unsere Waschmaschine oder den Toaster.

Weg vom Schubladendenken und anderen Ausreden

Auf dem Rückweg zu unserer Wohnung, die glücklicherweise in Laufweite liegt, merke ich selbst, dass ich nicht konsequent bin und mir Ausreden zurechtlege. Wenn ich etwas benutzen will, muss ich auch wissen, wie ich es benutzen kann. Dazu gehört eine gewissen Pflege. Dazu gehört, dass ich mir Hilfe suche, wenn ich etwas selbst nicht reparieren kann oder möchte. Sobald ich etwas besitzen möchte, muss ich Verantwortung dafür übernehmen. Genau das ist der Grund, weswegen mich minimalistische Ansätze ansprechen. Wenn ich weniger besitze, muss ich mich um weniger kümmern, mir um weniger Sorgen machen. Aber wenn ich mich eben doch dafür entscheide, einen Nutzgegenstand in mein Leben zu lassen, muss ich mit den Konsequenzen leben.

Ich wünschte, die Moral von der Geschicht wäre, dass ich mich ab sofort genauer mit unserem Auto auseinandersetzen werde. Wahrscheinlich werde ich aber auch beim nächsten Mal nicht besonders gut informiert sein. Möglicherweise ein kleines bisschen mehr. Sicherlich werde ich pünktlicher zur Inspektion gehen. Aber vor allem werde ich zu meinem Nichtwissen stehen, mich dafür entschuldigen, aber keine Erklärung anbieten. Denn die einzige Erklärung wäre, dass ich nicht genügend Verantwortung übernommen habe.

Und das ist die wahre Moral der Geschicht: Mit Ende 20 ist man erwachsen – nicht. (Aber vielleicht auf einem ganz guten Weg.)

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Was, wenn doch #2 – Das innere Kind

Dies ist der zweite Teil meiner Blog-Reihe „Was, wenn doch“, welche von dem Lied „Das falsche Pferd (Was, wenn doch?)“ von Bodo Wartke inspiriert wurde. Falls du das Lied noch nicht kennst, schau es dir hier an und lies hier meinen ersten Beitrag.

Auf der DVD seines aktuellen Programms gibt es außerdem ein sogenanntes Filmessay zu dem Lied. In diesem erzählt ein Mann von dem Phänomen des nicht enden wollenden Antriebs von Kindern. Nach seiner Beobachtung sind diese niemals faul. Wenn man auf einen Spielplatz geht, sieht man kein Kind tatenlos in der Ecke sitzen. Sie probieren aus, toben herum, bauen Burgen. Meine These ist, dass wir uns davon etwas für unser ganz eigenes „Was, wenn doch – Vorhaben“ abschauen können. Lasst uns deswegen ein Stück zurückgehen:

Habt ihr schon einmal die „Evolution“ eures Berufswunsches betrachtet? Habt ihr schon einmal genauer darüber nachgedacht, welchen Beruf ihr wann erlernen wolltet und warum? Und was im Vergleich zu euren Überlegungen in der Vergangenheit letztendlich daraus geworden ist?

Mein erster Berufswunsch, an den ich mich bewusst erinnern kann, ist Köchin. Das lag schlicht daran, dass ich es cool fand, wie meine Mutter kochte und das Ergebnis immer gut war. Das wollte ich auch. Im Endeffekt hat sich herausgestellt, dass es noch über ein Jahrzehnt dauern musste, bis sich eine gewisse Affinität zum Kochen bei mir einstellte. Deswegen war erst der Folgende mein wahrer erster Berufswunsch: Im Alter von neun Jahren wollte ich Schriftstellerin werden. Ich hatte begonnen, Geschichten zu schreiben und es hörte nicht auf. Es war ein Hobby, dass ich ganz allein entdeckt hatte und was nicht enden wollende Möglichkeiten bot.

Meine Geschichten waren absurd und eine merkwürdige Mischung aus Verarbeitung eigener Erlebnisse und Wunschfantasien. Die Grammatik hat sicherlich nicht gestimmt, der Aufbau war konfus und der Ausdruck verbesserungswürdig – aber es „floss“. Und im Nachhinein weiß ich, dass es das war, worauf es ankam. Irgendwann verwandelten sich die kindlichen Geschichten in versuchte Romane, schlechtgereimte Gedichte und teenagerhaftes Philosophieren über Herschmerz und Persönlichkeitskrisen. Mein Berufswunsch erfuhr eine Transformation über Schauspielerin, Lektorin, Singer-Songwriterin, Synchronsprecherin oder doch lieber Schriftstellerin? Germanistik studieren, das schien eine Überlegung wert. Doch dann der Einbruch: Die Realität. Das war doch eh nicht umsetzbar. Ich hatte vielleicht die Leidenschaft dafür, aber gewiss nicht genug Talent und – seien wir doch ehrlich – Geld würde ich wahrscheinlich auch nie wirklich verdienen.

Es mag absurd klingen, aber mein nächster Berufswunsch war deshalb: Bürokauffrau. „Lasst mich doch einfach acht Stunden an einem Computer absitzen und danach kann ich frei mein Leben leben.“ Gut, so ganz abwegig war es nicht. Tippen konnte ich schließlich wie ein Weltmeister. Dennoch hatte ich ein ganz falsches Bild von diesem Beruf.

An dieser Stelle muss ich wieder an den Entdeckungsdrang von Kindern denken. Dass dieser meist größer ist, als er bei uns Erwachsenen je sein könnte, ist bekannt. Im Laufe der Zeit stellt er sich leider oft ein, umso mehr wir mit der Realität konfrontiert werden. Wir müssen Leistung erbringen, einen vernünftigen Job wählen, wir stehen unter Druck. Ich selbst habe mich nie von anderen Menschen gedrängt gefühlt, meinen Entdeckungsdrang aufgeben zu müssen, aber es passierte ganz automatisch immer ein Stückchen mehr.

Die reale „Erwachsenen-Welt“ kann und wird von Zeit zu Zeit sehr enttäuschend sein. Hierbei kann ich noch nicht aus langjähriger Erfahrung sprechen, aber auch als junge Erwachsene wurde ich schon einige mal ordentlich desillusioniert. Ganz nach dem Motto: „So ist nun mal das wahre Leben.“ Nun ist es eine Sache, dies als Realität zu akzeptieren und eine andere, sich ihr tatenlos hinzugeben. Oft fühlt man sich wie vor vollendete Tatsachen gestellt – als würde es nur einen möglichen Weg ohne Zurück geben, wenn man sich für eine Richtung entschieden hat. Doch dieser Weg kann unter Umständen in eine Sackgasse führen. An einer solchen Sackgasse wusste ich, dass ich meinen inneren Entdecker wieder aufleben lassen musste. Ich wollte mich nicht mit nur einem Weg zufrieden geben, ich wollte erfinderisch werden und neue Möglichkeiten erforschen. Dabei fand ich unter anderem zu den Tätigkeiten zurück, die ich schon als Kind so sehr geliebt hatte und bemerkte, dass ich sie nicht aufgeben konnte, wenn ich mich selbst nicht belügen wollte.

Deshalb nimm deine kindlichen Wünsche ernst und überlege, was hinter ihnen steckt. Ich möchte damit nicht behaupten, dass wir nun alle den Beruf ergreifen müssen, den wir als Kind ergreifen wollten. Aber das, was zu uns passt, war schon als Kind in uns. Wir müssen es nur von Zwängen befreien und schauen, wie es mit der realen „Erwachsenen-Welt“ vereinbar ist. Das ist schwierig, aber es macht erfinderisch! Und wir werden wieder zu Entdeckern, die wir doch eigentlich schon früher waren. Ich persönlich habe noch keine endgültige Lösung für mich gefunden, aber allein schon der Entdecker-Prozess lässt mich glücklich werden.

Ich wünsche auch dir viel Freude beim Entdecken deines inneren Kindes!

Constanze

(photo by Rainer Maiores)