Veröffentlicht in Lifestyle, Persönlichkeit

Live like a Girl: Das Beste rausholen durch Wissen?

(Autorin: Anne von AhnertDesign)

Frau sein bedeutet, dass unser Körper anders funktioniert als der der Männer. Das zu negieren bringt uns an unsere Grenzen, was meint ihr? Und dass unser Körper anders tickt, wirkt sich auf unsere Psyche, Gefühle und unsere Art zu Denken etc. aus. Manchmal denke ich darüber nach, wie ein Mann wohl ohne die zyklische Lebensweise seine Stimmungen und Energie wahrnimmt und einsetzt. Aber dafür bin ich zu wenig Expertin auf diesem Gebiet. Was das Leben als Frau betrifft kenne ich mich dafür ein wenig aus.

Seit einer Weile folge ich auf Instagram der Bloggerin Phylicia Masonheimer. Sie erklärt dort nicht nur die Bibel auf fundierte und praktische Weise, sondern gibt auch Tipps für ein starkes Frausein, eine erfüllte Ehebeziehung ohne das perfekte Gegenüber und für hormonelle Ausgeglichenheit als Frau. Sie bezieht sich auf das Buch „Woman Code“ von Alisa Vitti (www.floliving.com). Diese wiederum gibt jede Menge Tipps für Frauen weiter, die ihren Zyklus, die sich wiederholenden vier bis fünf Wochen, besser verstehen und das Beste aus sich herausholen möchten. Dafür hat sie auch die App my flo entwickelt, die ganz günstig im AppStore erhältlich ist und die vier Zyklusphasen auf die spezifische Frau abstimmt. Ich mache dafür Werbung, unbezahlt, weil ich selbst sehr dankbar für die Erkenntnisse bin, die ich daraus gewinne. Bei Interesse schaut sie euch doch mal an!

Mich fasziniert im Prinzip vor allem, dass der Körper so wunderbar von Gott geschaffen und darauf ausgerichtet wurde, potentiell Kinder zu bekommen. Und dass das ganze Frausein durchwirkt ist von den jeweiligen Hormoncocktails, die bestimmte Symptome im Körper auslösen. Übt man zur richtigen Zeit eine bestimmte Sportart aus, ernährt sich entsprechend des spezifischen Nährstoffbedarfs und gibt sich Raum für soziale Kontakte oder Ruheinseln, dann kann frau bewusster in diesem Rhythmus leben und sich dabei womöglich auch recht wohl fühlen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der Körper nicht durch künstlich zugeführte Hormone wie durch die Pille durcheinander gebracht wird. Unter der Voraussetzung können wir nicht die natürlichen Vorgänge beobachten und beeinflussen.

Grundsätzlich gilt, dass jede Frau anders ist. Es gibt einen gewissen Prozentsatz an Frauen (20 – 40 %), der die prämenstruellen Symptome (PMS) wahrnimmt oder überhaupt darunter leidet. Wieder andere bemerken nur Rücken- oder Bauchschmerzen, wenn sie dann ihre Tage haben. Eine gewisse Leistungskurve ist vielleicht für alle Frauen über den Monat hinweg zu beobachten? Das muss jede für sich selbst beurteilen. Fakt ist, dass es so mancher Frau weiterhelfen kann, sich besser zu verstehen und ihr diffuses Unwohlsein einer Ursache zuzuschreiben. Und wenn sie das letzte Einhorn in ihrem Umfeld ist, das sich diesbezüglich schlecht fühlt.

Ich selbst habe schon Zeiten erlebt, da war ich ziemlich gebeutelt von Stimmungsschwankungen und habe mich darum gedrückt, zu manchen Zeiten des Monats auf Menschen zu treffen, von denen ich viel halte – weil Freundlichkeit dann nicht gerade zu meinen Stärken zählte. Ja, manche solcher Tage erlebe ich immer noch, aber jetzt weiß ich, dass es okay ist, mich zurückzuziehen, unsozial zu sein, meine Grenzen aufzuzeigen, diese Zeit zum Reflektieren des Status Quo zu verwenden und mich nicht ständig darüber fertig zu machen, dass mich unfreundliche Gedanken dominieren. Der Druck, bestenfalls ausgeglichen und fröhlich, aufgeschlossen, wohlwollend und geduldig sein zu müssen, auch wenn meine Hormone mir das gerade sehr erschweren, stimmt mich eindeutig missmutiger als wenn ich diese Phase als normal annehme. Ich brauche eine extra Portion Gnade und mein Mann oft ein besonders dickes Fell. Oft hilft es auch da, wenn ich ihm kurz mit den drei Buchstaben „PMS“ eine Erklärung anbiete. Was ich echt spannend und witzig finde: Die oben genannte App lässt sich sogar mit dem Partner synchronisieren, sodass er benachrichtigt wird, in welcher Phase sich seine Frau gerade befindet und wie er damit umgehen sollte.

Neben den negativen Effekten der Hormone, die man wohl nach und nach durch eine Umstellung des Lebensstils (Sport, wenig oder keinen Kaffee, genügend Schlaf, viel Gemüse, Supplementierung bestimmter Nährstoffe, …) auch lindern kann, sind sie vor allem in der ersten Zyklushälfte ein natürlicher Booster für vorwiegend den sozialen Umgang und die Beziehung zum Partner. Während frau zur PMS-Zeit vielleicht etwas grumpy unterwegs ist, ist sie hier anhänglich und flirty. Die beste Zeit auch, um Freunde zu treffen, neue Herausforderungen anzugehen, Bewerbungsgespräche zu führen etc. Was die Produktivität betrifft, kann man gar nicht so klar in dieses Schwarzweiß der Zyklushälften unterscheiden, denn laut der App gibt es viele verschiedene Stärken der jeweiligen Konzentration – von der Planung neuer Projekte, über die Abstimmung mit anderen, bis zum fokussierten Vervollständigen von Aufgaben und der Reflexion von Stärken und Schwächen. Sogar das Verhandeln von Gehaltserhöhungen u.ä. kann man einplanen. Da ist also bei einer gesunden Frau fast immer einiges an Produktivität vorhanden, wenn sie aus den jeweiligen Vollen schöpft und sich traut, vor sich und anderen zu ihren Grenzen zu stehen. Das ist nicht immer so leicht, wenn man angestellt ist (- ich bin selbstständig -), aber vielleicht könnt ihr das ja mal im privaten Rahmen testen – in der Hausarbeit, im Ehrenamt, der Gemeinde, Hobbys oder Aktivitäten mit den Kindern, eurem Partner oder Freunden …

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf ein paar zweifelnde Gedanken eingehen. Zum Einen: Dieses Denken soll keine Einschränkung sein, sondern Potential freilegen. Und als Christ denke ich auch, dass wenn wir uns unserer momentanen Schwächen bewusst sind, Gott in unserer Schwachheit stark sein wird, wenn wir ihn darum bitten.

Zum Anderen: Ich muss zugeben, mich hat das Prinzip von der App, die mir jeden Morgen sagt, worauf ich mich einstellen kann, immer mal an ein Horoskop – für Frauen – erinnert. Da ich von Horoskopen nichts halte und ich mich von ihrem Urteil nicht abhängig machen möchte, versuche ich die Aussagen der App meistens mit dem Halbsatz im Hinterkopf zu lesen „wenn Gott will“ oder auch „aber mit Gott“. Außerdem sehe ich es als eine Dokumentation der Vorgänge im weiblichen Körper und darf dabei den Schöpfer bewundern! Ähnlich wie bei einer App, die einer werdenden Mutter zeigt, wie sich das Kind in ihrem Bauch entwickelt, kann ich erahnen, was sich gerade in mir selbst verändert.

Vielleicht denkst du auch, dass es sinnlos ist, zu wissen, wie man gerade am besten funktioniert, ohne dass die anderen Leute es wissen, mit denen man zu tun hat. Ich denke aber, besonders mit dem Partner ist Kommunikation dann wichtig. Und was andere Menschen betrifft, mit denen der Umgang dann vielleicht schwieriger ist oder deren Erwartungen man nicht so gut wie sonst erfüllen kann – die müssen nicht immer eine Erklärung bekommen. Es reicht, wenn ich selbst weiß, dass ich gerade nicht gegen mein Frausein ankämpfen muss und wenn ich mehr Rückzug brauche, mehr zuhöre als rede, versuche mir das zu ermöglichen. Die eigenen Grenzen kann frau auch in Liebe aufzeigen, in respektvoller Freundlichkeit. Zumindest ist das ein Lernprozess. Und bei all der Selbstfindung bleibt es wichtig, dass wir uns nicht in uns selbst verlieren und nur noch egoistisch auf unsere eigenen Bedürfnisse schauen. Davon können mindestens die Mütter unter euch ein Lied singen, nicht wahr? Aber schaut mal, was es für einen Unterschied macht, wenn ihr mehr über eure natürlichen Gefühle und Reaktionen Bescheid wisst!

Danke, dass ihr bis zum Schluss dran geblieben seid und viel Spaß beim Entdecken –

Anne

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Herausforderung angenommen

Es ist Samstag um 5 Uhr am Morgen, ich sitze im geparkten Auto und bereite mich auf eine vierstündige Fahrt nach Augsburg zu einem Wochenendseminar meines Fernstudiums vor. Das Licht im Auto leuchtet, ich stecke das Navi in die Stromzufuhr und gebe meine Route ein. Klappt nicht. Ich versuche es mit einer Hausnummer daneben. Klappt. Warum auch immer. Ich sortiere CD’s auf dem Beifahrersitz: „Die 3 Fragezeichen“ und zwei Hörbücher von Thomas Mann. Das ist der Vorrat an Hörbüchern in CD-Format, den meine Familie zu bieten hat. Unser Auto hat keinen Handyanschluss. Plötzlich piept etwas, irgendein Kontrolllämpchen leuchtet und das Licht geht aus. ‚Scheiße‘, denke ich. ‚Das bedeutet jetzt nicht das, was ich denke, dass es bedeutet‘. Und ich habe eigentlich keine Ahnung von Autos! Ich versuche, den Motor anzulassen. Er geht nicht an. Ich könnte verzweifelt aufschreien. So ein bisschen tue ich es auch. Erst letzte Woche erzählte ich von den kleinen Herausforderungen des Alltags, den kleinen Pannen und Missgeschicken. An diesem Wochenende wurde mein Umgang mit solchen Situationen erneut auf die Probe gestellt.

Ängste

Ich glaube, dass es zwei Formen von Angst gibt. Manche Dinge muss ich einfach tun, um die Angst vor ihnen zu verlieren und somit meine Möglichkeiten und Fähigkeiten zu erweitern: die erste Zugfahrt, vor vielen Leuten singen, von zu Hause ausziehen. Und dann gibt es Dinge, vor denen ich meiner Meinung nach immer Angst haben darf, zum Beispiel Spinnen. Mit dieser Angst kann ich gut leben. Hätte ich sie nicht mehr, würde sich mein Leben auch nicht ändern. Na ja, vielleicht fällt euch auch ein besseres Beispiel ein.

Zu dieser ersten Form von Angst gehörten für mich eine ganze Weile die verschiedensten Formen von „allein Reisen“. Auf meine ersten Zugfahrten und Flugreisen bereitete ich mich akribisch vor. Ich druckte Karten und Reisepläne aus, bildete mich im Vorhinein über den Nahverkehr am Ankunftsort und verinnerlichte jegliche Gleise und Gates. Ehrlich gesagt mache ich das heute noch ganz genauso. Es gibt mir Sicherheit und lässt mich ruhiger schlafen. Auf diese Art habe ich einen Weg gefunden, meine Angst zu überwinden. Was ich bisher jedoch noch nicht getan hatte, war, eine lange Strecke allein mit dem Auto zu fahren. An diesem Wochenende wollte ich es wagen. Ich bereitete mich wie immer gut vor und obwohl ich Angst hatte, wusste ich, dass mich deren Überwindung einen Schritt weiter bringen würde. Ich war guter Dinge.

Startschwierigkeiten und freundliche Helfer

An diesem Morgen um 5 Uhr musste mein Mann jedoch seine Eltern aufwecken, damit mein Schwiegerpapa mir Starthilfe geben konnte. Ich ärgerte mich so sehr. Aber mein Schwiegerpapa beruhigte mich und wir waren alle überzeugt: Ich müsste einfach eine Weile fahren und die Batterie wäre wieder aufgeladen! Ich fuhr los und hatte sogar noch eine Chance, pünktlich anzukommen, da ich (natürlich) großzügig Zeit eingeplant hatte. Nach zwei Stunden machte ich eine Pause und danach sprang das Auto auch wieder an. Puh. Ich besuchte das Seminar, fuhr am Abend zum Hotel und schaute eine Menge blödes Fernsehen. (Zu den neuen Erfahrungen des Wochenendes gesellte sich das erste mal „allein sein“ im Hotel. Ich finde es merkwürdig.) Am nächsten Morgen checkte ich aus, trat an die frische Luft und hielt inne – die Nacht war kalt gewesen. Unruhig stieg ich ins Auto und mein Verdacht bestätigte sich: Es sprang nicht an. Die nächste Verzweiflungswelle überkam mich. Mir blieb nichts anderes übrig als trotzdem erst einmal zum Ort des Seminars zu laufen, welcher zum Glück nicht weit entfernt war. Bevor der zweite Seminar-Tag losging fragte ich die anderen um Hilfe. So gern wollten sie mir helfen, aber niemand hatte Starthilfe-Kabel dabei. Mein Seminarleiter hatte jedoch bereits den netten Hausmeister der katholischen Kirchgemeinde, deren Räumlichkeiten wir nutzten, kennengelernt.

Dieser Hausmeister stellte sich als Engel heraus. Er roch nach Alkohol und Zigaretten, aber noch nie im Leben war mir das so egal. Von irgendwoher besorgte er Starthilfe-Kabel und fuhr mit mir zu meinem Auto am Hotel während die anderen systemische Aufstellungen übten. Sofort begann er, mir seine Sorgen über die Ergebnisse der bayrischen Wahlen, die genau an diesem Tag stattfanden, mitzuteilen. „Also ein bisschen Humanität muss doch wohl sein! Na ja, notfalls, da geh ich einfach nach Sizilien zurück!“ Da saß ich, mit einem italienischem Hausmeister, der sich im perfekten bayrisch über Politik ärgerte. Am Auto angekommen meinte er: „Also, Mädel, wenn’s was mit dem Anlasser ist, kann ich nichts machen. Dann musste schauen. Wenn’s mit der Starthilfe klappt, ist es die Batterie.“ In diesem Fall wollte er ein Aufladegerät besorgen, dieses den Tag über an mein Auto schließlich und am Nachmittag extra für mich noch einmal zur Kirchgemeinde kommen, um es wieder zu entfernen, wenn mein Seminar vorbei war. Alles einfach so! Immer, wenn ich mich tausendmal für seine Bemühungen bedankte, sagte er nur: „Wenn ich in deiner Lage wäre, Mädel, würde ich auch wollen, dass mir jemand hilft.“ Da wurde mir warm ums Herz.

Die Starthilfe funktionierte erneut. Wir fuhren zurück zur Kirchgemeinde, ich überließ ihm meinen Schlüssel und durfte zum Seminar zurückkehren, während er sich um das Aufladegerät kümmerte. In einer Pause kam er noch einmal zu mir: „Gib niemals einem italienischen Hausmeister deinen Autoschlüssel, das Auto ist jetzt weg!“, scherzte er, während ich ihn mit großen Augen anschaute. Daraufhin gab mir den Schlüssel und versicherte mir, dass die Batterie durch das Aufladegerät bis 17 Uhr doppelt und dreifach aufgeladen sein müsste. Und so trafen wir uns um 17 Uhr wieder und ich versuchte, das Auto zu starten. Es sprang nicht an.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Verzweiflungswellen nicht mehr ganz so hoch wie am Anfang. Langsam begann ich, mich meinem Schicksal zu fügen. Im Geiste sah ich mich schon den ADAC anrufen und Unsummen bezahlen, da ich kein ADAC-Mitglied bin. Auch der Hausmeister war bestürzt und konnte sich die Sache nicht erklären. Doch dann der Hoffnungsschimmer – das Aufladegerät hatte gar nicht funktioniert! Der Hausmeister entdeckte eine kaputte Sicherung. Das ärgerte uns natürlich, aber wir (ja, das war mittlerweile eine Gemeinschaftsprojekt) waren uns nun wieder sicher, dass sich das Problem auf die Batterie beschränkte und ich also lediglich noch einmal Starthilfe bräuchte und dann eine Weile durchfahren müsste, um die Batterie aufzuladen. Dafür musste dieses Mal mein Seminarleiter mit seinem Auto herhalten. Es funktionierte schnell und alle waren glücklich. Ich bereitete mich auf die Heimfahrt vor. Zum Glück war der Tank noch halb voll und ich war nicht gezwungen, bald eine Pause machen zu müssen. Ich legte mir Essen bereit und wollte das Navi einstellen.

„Die Route wird neu berechnet“

Das Navi funktionierte nicht. Ich ärgerte mich kaum noch und gab die Route stattdessen in mein Handy ein. Ich wusste, dass Google Maps auf meinem Handy nicht zuverlässig funktionierte, aber es würde schon irgendwie ausreichen. Es fand die Route und ich fuhr los. Nach kurzer Zeit begann allerdings das Wirr Warr. Google Maps fing immer wieder an, eine neue Route zu suchen und mich auf einmal darum zu bitten, in 100 Metern links oder rechts abzubiegen. Dann fand es plötzlich zur ursprünglichen Route zurück. Ich erkannte dieses Spielchen schnell und hielt eisern am eigentlichen Weg fest. Das bedeutete, dass ich mir diesen gut merken musste, falls auf einmal die Route wieder „neu berechnet“ werden sollte… Und so verbrachte ich die ersten zwei Stunden dieser Autofahrt damit, laut die richtigen Autobahnabfahrten und Richtungen vor mich hin zusprechen, um die falschen zu übertönen. Ein guter Orientierungssinn gehört leider nicht zu meinen Stärken. Ich habe keine innere Nadel. Ich merke mir einen Weg nicht, nachdem ich ihn einmal gefahren bin. Ich war also absolut unentspannt. Ich wollte auch keine Musik hören, aus Angst, zu viel Strom zu verbrauchen. Zwischendrin sang ich acapella ein paar Lobpreislieder und schaffte es sogar, mich über die von der Abendsonne wunderschön angestrahlten Herbstbäume am Wegesrand zu freuen. Ich konnte es nicht fassen, in was für ein Gold die Landschaft um mich herum getaucht war. Ja, das Leben konnte gleichzeitig so schön und so nervig sein. An dieser neu gefundenen Lebensweisheit hielt ich innerlich fest.

No Risk, No Fun

Nach etwa zwei Stunden hatte ich das Schwierigste geschafft. Ich befand mich auf der A9 und musste nur noch einmal die Autobahn wechseln. Doch nun kam die nächste Mission: tanken! In meinem Kopf ratterte es: ‚Kann ich es wirklich riskieren, den Motor auszumachen? Eigentlich müsste die Batterie jetzt voll sein, ich bin schon so weit gefahren…‘ Doch ich folgte meiner Intuition und beschloss, etwas Riskantes zu tun. Ich fuhr an die Zapfsäule, ließ den Motor laufen und tankte. Auch als ich bezahlen ging, ließ ich den Schlüssel stecken und der Motor lief weiter. Zusätzlich ließ ich die Fahrertür nur angelehnt, da sich unser Auto manchmal automatisch verriegelt. Jeder hätte sofort einstiegen und wegfahren können. Die Kasse war nur halbwegs im Blickfeld meines Autos und wie eine Paranoide hüpfte ich an der Schlange vor der Kasse hin und her, während ich darauf wartete, bezahlen zu können. Etwas zu überschwänglich wünschte ich dem Kassierer schließlich einen schönen Abend und eilte zurück. Ich stieg wieder ein und trat den Rest meiner Reise an. Der Motor lief und lief und ich würde alles tun, damit das auch dabei blieb. Keine weitere Pause!

Dankbar

Am Hermsdorfer Kreuz verfuhr ich mich dann doch noch, obwohl ich das richtige Navi nutzte, welches ab der Tankstelle beschlossen hatte, wieder zu funktionieren. Und so fuhr ich statt auf der Autobahn auf der dunklen Landstraße die letzten Kilometer zum Ziel. Kurz vor mir lief ein Fuchs über die Straße und mein Herz blieb fast stehen. Ich wollte einfach nur nach Hause. Unsicher durchquerte ich kleine Dörfer und versuchte, den Drängler hinter mir entspannt zu missachten.

Zu Hause angekommen parkte ich seitlich am Straßenrand ein, stellte den Motor ab und begann zu weinen. So halb vor Glück wahrscheinlich. Mein Mann kam, um mir beim Hineintragen der Sachen zu helfen (oder besser: um mich hineinzutragen) und meinte, dass das Auto zu weit weg von der Bordsteinkante stehen würde. „Ich parke nicht noch einmal um! Heute definitiv kein Auto fahren mehr!“ Also setzte sich mein Mann ins Auto, drehte den Schlüssel und –

Es sprang nicht an. Und ich war einfach nur dankbar. Dankbar, dass ich an der Tankstelle meiner Intuition gefolgt war. Dass ich meiner Angst folgend etwas total Bescheuertes getan hatte, was mich im Endeffekt ohne weitere Starthilfe nach Hause gebracht hatte.

Was ich gelernt habe

Ob ich nun nie wieder eine Reise allein im Auto antreten werde, weil die erste so nervig war? Habe ich diese Angst also nicht überwunden und in die zweite Kategorie von Angst geschoben, die ich nicht überwinden möchte? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Es ist wohl nicht so schwarz-weiß. Ich kenne nun mögliche Komplikationen. Vielleicht kann ich beim nächsten Mal ein anderes, nicht so altes Auto nutzen, welches weniger Risiken bereit hält. Aber wahrscheinlich werde ich es weiterhin vermeiden, allein weite Strecken zu fahren. Es ist so viel schöner, ein menschliches Navi an der Seite zu haben und gemeinsam den Herausforderungen der Automechanik entgegenzutreten. Vielleicht habe ich einen Teil der Angst in Respekt umgewandelt. Ich glaube, damit lässt sich arbeiten.

Doch noch viel mehr habe ich etwas über Menschen gelernt. Heute hinterließ mir bei der Arbeit ein Kunde ein kleines Geschenk für meinen Kollegen. Ich erkannte den Kunden. Mein Kollege hatte ihm eine Kaffeemühle richtig eingestellt. Ich las den kurzen Gruß auf der Rückseite seiner Visitenkarte: „Weil nur dann Gutes in der Welt geschieht, wenn Menschen mehr tun als sie müssen – Vielen Dank.“ Ich musste schmunzeln und dachte an mein Wochenende. Da waren viele Menschen gewesen, die mehr getan hatten als sie müssten. Einerseits mein Mann und mein Schwiegerpapa, mein Seminarleiter und natürlich vor allem der Hausmeister. Menschen hatten mir geholfen, weil sie wussten, wie es ist, Hilfe zu brauchen. Sie wollten kein Geld, keine Gegenleistung. Sie wollten, dass es mir gut geht. Davon kann ich lernen. Das möchte ich weitergeben. Gott schenkte mir kleine Lichtblicke in den Herausforderungen meines Wochenendes. Das Entscheidende ist, diese auch wahrzunehmen. Denn wenn ich das Gute und Schöne wahrnehmen kann, gebe ich den Ängsten und schlechten Gedanken weniger Raum. Dann kann ich Herausforderungen besser durchstehen.

Mach die gewappnet, nächste Herausforderung! Du wirst mich sicherlich so richtig fertig machen, aber vielleicht sehe ich dabei einen schönen Sonnenuntergang oder begegne einem lieben Menschen. Das wird meine Probleme wohl nicht beheben, aber möglicherweise lässt es sich so ein wenig besser ertragen. Ich hoffe, dass ich auch dann wieder sagen kann: Herausforderung angenommen.

Constanze

(Photo by Karsten Würth)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Vom Pech verfolgt? Eine Frage der Perspektive…

Bevor ich mich heute früh gemütlich mit Kaffee in meinen Sessel setzen und Tagebuch schreiben konnte, geschah mir ein Malheur. Ich wollte ein wenig kuscheliges, indirektes Licht und klipste statt der Deckenlampe meine Schreibtischlampe an. Auf meinem Schreibtisch stand das Geburtstagsgeschenk für meinen Papa bereit: unter anderem eine gute Flasche Rotwein. Es kam wie es kommen musste. Mein Arm stieß gegen die Flasche und ich konnte ihr, zeitlupenartig natürlich, beim Fall gen Boden zuschauen. Sie zerbarst – komplett. Mein Schreibtisch war umgeben von einem wohlriechenden, roten See und ich war zum ersten Mal dankbar über meine billigen Möbel aus Studentenzeiten, die ich eigentlich gern ersetzen wollte. Auch der billige Boden machte mich auf einmal glücklich. Ein teures Parkett hätte sich sicherlich nicht so gut mit der Flüssigkeit vertragen. Und am dankbarsten war ich für meinen Mann. Der hätte nämlich verdientermaßen noch ein paar Stunden im Bett liegen bleiben können. Doch als ich ihn weckte und um Hilfe bat, stand er sofort auf, machte mir keine Vorwürfe und packte an.

Für gewöhnlich fahre ich seit etwa einem halben Jahr mit dem Fahrrad zur Arbeit. Mit Fahrrädern an sich kenne mich jedoch nicht besonders gut aus. Zum Beispiel habe ich nicht wirklich ein Gefühl dafür, wie fest die Reifen sein müssen und wann es mal wieder Zeit ist, sie aufzupumpen. Doch einer inneren Eingebung folgend, testete ich, bevor ich heute von der Arbeit nach Hause fahren wollte, den hinteren Reifen. Er war platt. Völlig platt. Ja, das konnte auch ich fühlen! Flickzeug hatte ich natürlich nicht dabei und selbst wenn ich es gehabt hätte, hätte es mich nicht weitergebracht. Mir blieb nichts weiter übrig als mit dem Fahrrad in die Straßenbahn zu steigen, ein Ticket je für mich und das Fahrrad zu kaufen und so nach Hause zu fahren. Mal wieder war ich dankbar für meinen Mann, der zu Hause Flickzeug hat und dies auch benutzen kann.

Heute war so ein Tag, den manche wohl als „vom Pech verfolgt“ beschreiben würden. Ich kenne solche Tage aus der Vergangenheit: Handy verloren. Ausgesperrt. Laptop kaputt. Eine unerwartete Nachzahlung. Irgendetwas geht zu Bruch, vorzugsweise aus Glas (das geschieht bei mir wirklich häufig und es ärgert mich wirklich sehr). Manche Menschen glauben tatsächlich, dass sie vom Pech verfolgt sind – dass es wie ein Fluch ist, der auf ihnen liegt und ihnen den Tag, die Woche, das Jahr, das Leben verderben will.

Auch mich können solche Tage zur Verzweiflung bringen. Ja, mir kamen sogar die Tränen, als ich heute früh die Weinflasche in Scherben am Boden liegen sah. Aber ehrlich gesagt musste ich beim nächsten Malheur des Tages innerlich bereits schmunzeln. ‚Was für ein Tag‘, dachte ich, ‚Wie im Film!‘ Es amüsierte mich ein klein wenig. Als ich vor ein paar Jahren mal einen schlechten Tag an der Uni hatte und dann zu allem Überfluss auch noch meinen Schlüssel verlor, regte ich mich richtig auf. Doch irgendwo in meinem Kopf war auch eine kleine Drama Queen, die es insgeheim ganz aufregend fand, hektisch und aufgeregt nach einem Schlüssel zu suchen. ‚Endlich mal Spannung im Leben!‘ Ja, ein bisschen schräg ist das schon.

Doch heute wurde mir bewusst, warum mich diese „Pech-Tage“ nicht wirklich emotional belasten: Ich weiß, wie es ist, ganz andere Probleme zu haben. Probleme, die tief gehen, die mein Inneres betreffen oder enge Freunde, die mit Trauer und Wut zusammenhängen, mit fehlendem Selbstbewusstsein oder Zweifeln. Das sind die Probleme, die mich nachts nicht einschlafen lassen, die mich langfristiger quälen. Und irgendwie bin ich bei solchen pecherfüllten Momenten eher dankbar darüber, dass es eben doch nur die Weinflasche ist. Doch nur der Fahrradschlauch. Materielle Dinge. Ja, die können ordentlich nerven. Doch wenn ich es aus einer anderen Perspektive betrachte, sind sie eher wie kleine Challenges in einem Computerspiel, die nacheinander abgearbeitet werden müssen. Wie mehrere kleine Endgegner, die früher oder später eben doch zu Fall gebracht werden. Die muss ich nicht emotional an mich heran lassen, sondern einfach nur erledigen. Und die restliche Energie spare ich mir lieber für wirklich wichtige Dinge.

Das Positive ist: wir sind uns nun ziemlich sicher, dass es ein guter Rotwein war, denn mein Zimmer roch außerordentlich gut. Ich werde also den gleichen noch einmal kaufen. Wenn er dann doch nicht schmeckt, bin ich aber wirklich sauer. Was für eine Geldverschwendung! Oder ich schmunzel einfach und schüttel innerlich den Kopf über die Probleme, die wir Menschen uns so machen…

Constanze

(photo by chuttersnap)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Glauben

Darf ich sauer sein? – Von Gefühlen, alten Zeiten und Rockmusik…

Heute war ich frustriert über etwas. Ich habe mich nicht direkt aufgeregt, ich war auch nicht furchtbar wütend. Einfach nur ein wenig frustriert, weil ein Projekt nicht so voran ging, wie ich mir das wünschte. So, dass man innerlich angespannt ist und denkt „Oooch mennooo“ oder „Hrmpf, das nervt“. Nach ein paar Bemühungen konnte ich erst einmal nichts daran ändern und beschloss, die Wäsche abzunehmen. Praktische Arbeit gleicht mich aus, wenn gedankliche Arbeit ins Stocken gerät. Einfach nur Wäsche abhängen gibt es bei mir jedoch eher selten – Musik musste her. Musik, die meinem Frust ein wenig Ausdruck verleihen würde. Instinktiv, als wären die letzten zehn Jahre niemals vergangen, gab ich Avril Lavigne in mein Handy ein. Die „alte“ Avril Lavigne natürlich, die mit „Let go“ und „Under your Skin“. Ein wenig rockig, hier und da leicht aggressiv und doch unglaublich gefühlvoll. (Ich vermisse solche Musik im Radio.) Während ich also aus voller Kehle mitsinge und die Wäsche abhänge, frage ich mich: Muss ich mich schlecht fühlen? Schlecht, weil ich meine Gefühle nicht einfach beiseiteschiebe und in tiefenentspanntes Vertrauen übergehe? Schlecht, weil ich weltliche Rockmusik eingelegt habe statt christliche Worship-Musik?

Unwillkürlich muss ich noch einmal an die Zeit vor zehn Jahren denken. Damals war es eines meiner größten Hobbys, Lieder zu schreiben. Das mache ich heute immer noch gelegentlich, aber damals war das definitiv etwas anderes. Ich schrieb über jeden Herzschmerz, jede Trauer, jede Wut, jeden Jungen, in den ich nur ansatzweise verliebt war und jeden philosophischen Gedankengang. Und ich erinnere mich, wie einmal jemand zu mir sagte, dass meine Lieder häufig so verbittert klingen würden. Das stimmte mich nachdenklich. Ja, derjenige hatte nicht ganz Unrecht. Aber merkwürdigerweise empfand ich das überhaupt nicht als etwas Negatives. Ich empfand es als Ausdruck meiner Emotionen und als Verarbeitung von bestimmten Situationen. Dass man das Negative stärker verarbeiten muss als das Positive erschien mir nur logisch. Dass meine Texte manchmal ein wenig verbittert klangen hieß nicht, dass ich verbittert durchs Leben ging. Ich hatte nur einen gut ausgeprägten melancholischen Charakterzug…

Ich glaube, dass unter Christen manchmal das Missverständnis herrscht, dass wir keine negativen Emotionen zeigen dürfen. Wir sollen doch all unsere Sorgen auf Gott werfen! Wir dürfen ihn um Hilfe bitten! Und Gott wird genau das bewirken, was wir brauchen, auch wenn wir es auf den ersten Blick nicht erkennen! Ja. All das glaube ich von ganzem Herzen. Aber wo genau steht, dass ich all meine Gefühle herunterschlucken muss, sodass sie wie ein Kloß im Hals stecken bleiben?

Der durchaus berechtigte Gedanke hinter dieser Sorge ist wohl, dass es ungesund ist, dauerhaft mit Bitterkeit im Herzen zu leben. So, dass diese Bitterkeit an anderen Menschen ausgelassen wird und immer mehr die Liebe wegspült, mit der wir eigentlich ans Leben herangehen möchten. So, dass wir uns selbst im Weg stehen. Doch meiner Ansicht nach sind Gefühle erst einmal weder negativ noch positiv. Sollte ich nicht auch wütend und sauer über Ungerechtigkeit in der Welt sein? Die Frage ist viel mehr: Was mache ich mit den Emotionen? Schlucke ich sie herunter, lasse sie nicht zu und platze fast? – spätestens dann, wenn die tagesschau von der nächsten Katastrophe berichtet, ich den aktuellen Kontostand sehe, der Ehepartner etwas Unsensibles sagt oder die Kinder zu laut schreien… Oder verarbeite ich sie lieber gleich?

Nun, natürlich gibt es unterschiedliche Wege der Verarbeitung. Hätte ich die Jungs, die mir damals das Herz gebrochen haben, angeschrien und beleidigt, wäre das sicherlich nicht sonderlich hilfreich gewesen. Ein Lied über die Emotionen zu schreiben, die in mir vorgingen, war für mich der perfekte Weg, ohne Hass und Bitterkeit im Herzen loszulassen und weiterzugehen. Und da war auch eine andere Person, die zu mir sagte: „Das ist doch nicht komisch – die erfolgreichsten Lieder wurden über Herzschmerz geschrieben!“ Erfolgreich bin ich zwar nicht geworden, aber ermutigt hat es mich trotzdem. Meine Emotionen sind okay. Ich muss den Berg überwinden statt so zu tun, als wäre er nicht da. Und wenn ich dafür Lieder verwende, ist das gut.

Und so fühle ich mich auch heute nicht schlecht, als ich meinen Gefühlen mittels altmodischer Rockmusik Raum verleihe. Danach geht es mir besser und ich habe niemandem wehgetan, auch nicht mir selbst. Aus vollem Herzen kann ich Gott nun meine Situation anvertrauen. Zu ihm darf ich so kommen, wie ich bin. Und ich glaube weiterhin, dass er den roten Faden durch mein Leben spinnt – so wie immer.

Finde deinen Weg, um Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ist es ein Boxsack? Gedichte? Stundenlange Gespräche mit einer Freundin? Ein ausgedehnter Spaziergang?

In Erinnerung an Avril Lavigne läuft während ich dies schreibe übrigens ihr aktuelles Album im Hintergrund – ich war neugierig. Und mich beschleicht das Gefühl, dass auch die liebe Avril schon viele emotionale Zustände durchgemacht hat…

Constanze

(Photo by Haley Powers)

Veröffentlicht in Gedanken, Persönlichkeit

Kinder, Kinder – Verheiratet, und jetzt?

Ein bisschen aufgeregt bin ich, aber ich bin mir sicher, das Gefühl der Gewohnheit schleicht sich nach und nach wieder ein – an der Tastatur sitzt heute nämlich nicht Constanze, sondern Anne. Ich habe selbst ca. 7 Jahre gebloggt (Nov. 2010 – Jan. 2018) und meinen Blog nach meiner Studentenzeit dann immer mehr zurückgestellt. Jetzt ist www.anny-thing.de nicht mehr aktiv, aber meine Freude am Schreiben ist nach wie vor da und ich habe mich nach dieser Ausdrucksform echt ein bisschen gesehnt. Die Idee, in Constanzes Blog einzusteigen, kam mir vor Kurzem, denn ich mag ihre Art zu schreiben, ihre Themen beschäftigen mich auch, wir sind beide aus dem Osten Deutschlands, im selben Alter und haben uns bei der Leipziger Buchmesse dieses Jahr kennengelernt. Da habe ich auch erfahren, dass sie diesen Blog bereits mit einer Freundin gegründet hatte und so war die Hemmschwelle für mich nicht so hoch.

Was uns ebenfalls verbindet, sind drei Jahre Eheerfahrung – bisher ohne Nachwuchs. Mein Mann und ich waren vor unserer Hochzeit schon einige Jahre ein Paar, aber noch so junge Studenten, dass wir uns erst mal selbst finden mussten. Inzwischen haben wir viel erlebt und ein Zusammenleben etabliert, das sich für mich nach Zuhause anfühlt. Wir streiten immer noch über Kleinigkeiten, wie die Unordnung des anderen oder die Frage, ob es wirklich schon wieder Schokolade geben muss; wir diskutieren über gesellschaftliche Themen und ergänzen uns nicht nur charakterlich immer besser, sondern auch, was Planung, Haushalt und Arbeit betrifft. Wenn Sätze von meinem Mann fallen wie heute nach dem Kauf neuer Möbel: „Wir haben uns heute echt gut ergänzt!“, dann geht mir still und heimlich das Herz auf. Da hat sich etwas in den Ehejahren entwickelt, das ich nicht missen möchte. Und bis es zum Vorschein kam, haben wir anhand von vielen Lektionen einiges lernen dürfen.

Im Nachhinein klingt es in meinen Ohren immer recht amüsant, welche Pannen wir bereits zusammen erlebt oder welchen Frust wir geteilt haben, den uns der jeweils andere eingebrockt hat. Angefangen bei harmlosen Dingen wie dem Blitzer zur Standesamtlichen Hochzeit (ach ja, ein Rotblitzer …), dem Geschirrbruch beim Einzug meines Liebsten, dass wir beide unsere Masterarbeiten zeitlich ziemlich überzogen und uns in dieser Zeit mit Nebenjobs über Wasser hielten, unglücklich falsch gewaschenen Wäschestücken bis zum selbstverschuldeten Wasserschaden, Beerdigungen und einem Autounfall …

Die Beerdigungen der Großeltern waren natürlich nicht selbstverschuldet, aber sie haben uns noch einmal neu gezeigt, dass in und durch all das Alltagschaos, das sich langsam sortiert und zu einem geregelten Leben wird, es nun langsam an uns liegt diese unsere Welt zu gestalten. Jede dieser Herausforderungen – vielleicht ein paar in jedem Quartal – haben uns fast unbemerkt reicher an Erfahrungen, reifer im Umgang miteinander und dankbarer Gott gegenüber gemacht. Dankbar für die Erfindung der Ehebeziehung, die bildlich gesprochen so tiefe Wurzeln schlagen kann, stabiler wird und Frucht trägt, um auch anderen ein Segen zu sein. Wie wertvoll ist es, den Glauben nicht aufzugeben und geduldig zu sein, auch wenn man merkt, dass man eigentlich unterschiedlich tickt und sich Harmonie oft erkämpfen muss. Es lohnt sich, denn wir merken, was zu unserem Charakter gehört und wobei wir uns inzwischen auch aufeinander einspielen.

Oh, ihr heiratet! Kriegt ihr dann jetzt Kinder?

Gemeinschaft

Es gibt Paare, die heiraten, weil sie Kinder bekommen wollen. Oder weil sie Kinder haben. Oder obwohl sie noch keine bekommen möchten. Möglicherweise ist unsere Generation da inzwischen anders als die Christen vor uns, denn ich merke, dass es auch in Gemeinden immer wieder Paare gibt, die sich mit diesem Thema Zeit lassen. Und ehrlich gesagt merke ich bei mir, dass ich Kinder wunderbar finde, vor allem wenn ich sie persönlich kennenlerne. (Wunderbar und anstrengend, beides.) Dass die Vorstellung von einem eigenen Baby faszinierend ist und dass ich mich immer wieder vor YouTube-Geburtsberichten wiederfinde, die von Grusel- bis Traumgeschichten alles bieten. Ich schaue mir Familien-Vlogs an, sauge die Erfahrungen meiner Mama-Freundinnen auf, beschäftige mich mit Hormonen und arbeite daran, unnötigen Ballast (körperlich und seelisch) abzuarbeiten (frei nach dem Motto: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Johannes 3,30).

Das Umfeld hat einen immensen Einfluss – das habe ich gemerkt, als gleich mehrere Freundinnen ihre Schwangerschaft verkündeten und ich ihre Babys tragen durfte. Ein großes kleines Glück war das. Jetzt sehe ich die Kinder aufwachsen und staune über die unterschiedlichen Phasen, die jedes Kind durchläuft – und dass jede einzelne Phase für sich gesehen spannend ist. Und trotzdem sind wir noch damit beschäftigt, beruflich Fuß zu fassen, unsere Wohnung in dieser und jener Ecke auszusortieren, eine Meal Planning-Routine zu entwickeln und Sport in den Alltag zu integrieren. Wir versuchen die Bibel in 2 Jahren zu lesen, all den Büchern, die seit Jahren verstauben ebenfalls endlich Aufmerksamkeit zu schenken, Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen, Freundschaften mit Singles und Ehepaaren ohne Kinder zu pflegen. Letzteres ergibt sich ganz von selbst, denn Zeit wird zu einem so kostbaren Gut, wenn man entweder Vollzeit arbeiten geht oder Eltern wird.

Die regelmäßigen Treffen mit Mama-Freundinnen waren diesen Sommer vor allem durch eine feste Routine (alle zwei Wochen und mit Kind) möglich oder durch große Spontanität von beiden Seiten für zum Beispiel Spaziergänge in der Stadt. Aber Fakt ist, wer Kinder hat ist gefühlt mehr Familie als ein Paar ohne Kind – oder erlebt ihr das vielleicht anders? Je nach Familie bleibt man offen für Gemeinschaft mit anderen oder man zieht sich in die kostbare Drei-, Vier-, Fünfsamkeit zurück, weil man da etwas Neues geschaffen hat, das sich so schnelllebig verändert und Zeit und Aufmerksamkeit braucht. Singlefreunde und Paare ohne Kinder sind dann eine wertvolle Ergänzung der eigenen Paar-Familie. Denn wie ich heute in einem Podcast (Dear Daughters) gehört habe, ist ein Paar bereits eine vollwertige Familie. Ich mag diese Ansicht, denn so können wir schon eine Familienkultur schaffen, auch wenn wir uns noch nicht für Kinder bereit fühlen. Wir können den langsamen Prozess annehmen, den wir für Veränderung benötigen – nicht mit herumsitzen und abwarten, sondern mit echten Menschen, ihren Erfahrungen, mit Kindern, die wir mit Zeit und Liebe beschenken dürfen, mit Ideen, die wir anpacken, mit Wertesystemen und Routinen, die wir festigen.

Ich bin mir sicher, es gibt da draußen viele, viele Paare, die ungeplant wundervolle Kinder bekommen, die ihr Leben chaotisch machen und gleichzeitig unfassbar bereichern. Paare, die gerade daran wachsen und die herausfinden, wie viel in ihnen steckt, wie sehr Gott die schwere Arbeit übernimmt und ihnen die Kraft für jeden einzelnen Tag verleiht. Ich möchte euch ehren für die tolle Arbeit, die ihr macht! Und gleichzeitig möchte ich Paare wie uns und die ungewollt Kinderlosen stehenlassen, wie sie sind und nicht geringer schätzen, denn auch sie sind Familie und haben Aufgaben, sich entfaltendes Potential und Gemeinschaft. Und solltet ihr euch, als Familie mit oder ohne Kindern nach der Gemeindefamilie sehnen, weil ihr sie vermisst, dann schaut euch um nach den Menschen, die für euch ein Teil der Familie werden können und wollen. Nicht nur Kinder brauchen ein Dorf, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt, auch Erwachsene wünschen sich eine Heimat. Ergänzung, Fürsorge, Humor, Herausforderung und Ermutigung. Das ist ein Boden, der uns vorbereitet auf Menschen, die Gott durch uns neu ins Leben ruft, auf die Kinder der Zukunft und auf Projekte und Ideen, die die Welt oder unseren Ort ein bisschen verändern und Gottes Gegenwart auf die Erde bringen.

Vielleicht bis zum nächsten Mal, wenn ihr wollt –

Anne

Veröffentlicht in Glauben, Motivierendes

Lebe deinen Traum… Aber wie? (Buchempfehlung)

Ich muss gestehen, dass mein Interesse an Booten oder handwerklichen Arbeiten noch nie besonders groß war – Aber als ich vor kurzem die Möglichkeit bekam, Kerstin Hacks Buch „Leinen los“ über den Umbau eines alten Schiffs und ihren damit verbunden Traum zu lesen, war mein Interesse sofort geweckt. Die Kurzbeschreibung des Buches ließ erahnen: Hier geht es um mehr als ein großes handwerkliches Projekt, sondern um einen Lebenstraum. Es fasziniert mich, zu sehen oder darüber zu lesen, wie Menschen Schritt für Schritt auf solch einen Lebenstraum zugehen und dabei andere bereichern. Oft ist es mir erst einmal egal, was genau das in der Praxis bedeutet, denn im Kern geht es darum: Das zu tun, was dem eigenen Wesen entspricht und diese Sache der Welt (und wenn es nur ein paar Menschen in der Umgebung sind) zur Verfügung zu stellen. Das steckt an.

Kerstin Hack, Jahrgang 1967, ist Autorin, Coach und Speakerin und hat in ihrem eigens gegründeten Verlag „Down to Earth“ bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Sie lebt in Berlin auf einem umgebauten DDR – Marineschiff, welches ihr als Haus- und Seminarboot dient. Und um genau diesen Umbau geht es in ihrem neusten Buch „Leinen los“. Darin beschreibt sie, wie es zu ihrem Traum kam, den Prozess des Umbaus sowie jegliche Erfolge und Widrigkeiten, die damit zusammenhingen. Sie schreibt über Freunde, die ihr halfen, Herausforderungen, die sich ihr stets aufs Neue in den Weg stellten und immer wieder neu gefasstes Gottvertrauen.

Kerstins Schreibstil liest sich unglaublich leicht. Ihre Erzählungen sind reich gespickt mit Lebensweisheiten und Metaphern, sodass es durchweg spannend und lehrreich zugleich bleibt. Von den ersten Zeilen an war ich fasziniert von ihrem unkonventionellem, mutigen Leben. Nicht nur, dass sie als Coach und Schriftstellerin auf beruflicher Ebene für mich sehr interessant ist – schnell wird auch klar: Kerstin kennt ihre Lebensziele und sie geht mutig voran. Es ist ihr Traum, Menschen in schwierigen, herausfordernden Phasen zu begleiten und zu coachen und einen Wohn- und Seminarraum zu schaffen, in dem dies möglich ist. Dieser Traum hat sich über ihr Leben lang entwickelt. Er ist konkret. Sie weiß, was sie möchte, was ihrem Wesen entspricht und dies setzt sie in die Tat um. Wie genau diese Umsetzung aussieht, weiß sie im Vorhinein nicht vollständig – ursprünglich hatte sie auch nicht geplant, ein Boot umzubauen. Doch sie geht los, versucht etwas, und wenn es scheitert, schlägt sie einen neuen Weg an. Der Kerntraum bleibt erhalten.

Jedoch, und an dieser Stelle fasziniert mich ihre Geschichte am meisten, macht sie eine Sache nicht, die wohl die meisten als ultimative Voraussetzung für solch ein Projekt ansehen würden: warten, bis alle nötigen Ressourcen vorhanden sind, um einen Umbau dieser Dimension durchzuführen. Auf kreative Weise und durch die Unterstützung von Freunden und Bekannten sammelt sie Stück für Stück das Geld und Material, was sie für den nächsten Schritt braucht. Auch fehlendes handwerkliches Wissen hält sie nicht ab. Durch ihre Offenheit und einen wachsamen Umgang mit ihrer Umwelt trifft sie immer wieder auf Menschen, die ihr zur Hand gehen oder Wissen zur Verfügung stellen können. Sie vertraut darauf, dass Gott zum richtigen Zeitpunkt das Nötige bereitstellt und beginnt mit dem, was sie zur Verfügung hat. Dadurch kann sie voller Liebe vorangehen statt sich von Angst den Weg versperren zu lassen. Und sie macht deutlich: Jedem ist dies möglich. Jeder kann den ersten Schritt auf einen Traum zugehen.

„Manche Menschen denken, dass eine Umgebung oder auch ein Mensch perfekt und fertig sein muss, bevor sie oder er zum Wohl anderer Menschen eingesetzt werden kann. Wer sagt denn, dass etwas perfekt sein muss, um zu beginnen und Gutes zu bewirken?“ (S. 155, „Leinen los“, Kerstin Hack)

Bei all ihren mutigen Schritten bleibt sie ehrlich und authentisch und berichtet ebenso von zwischenmenschlichen Schwierigkeiten und gebrochenen Beziehungen in der Zeit des Umbaus. Von ungewisser Zukunft und Zeiten, in denen sich eine finanzielle Schwierigkeit an die nächste reihte. Ebenso ermutigt sie, Erfolge und gute Zeiten zu feiern und zu genießen. Spannend waren außerdem ihre Gedanken zum Thema Einfachheit, Aussortieren und Minimalismus sowie ihre Vorgehensweisen im Coaching. Auf ganz natürliche Weise gewährt sie Einblick in ihre verschiedenen Lebensbereiche und stellt dabei ihre Erfahrungen dem Leser zur Verfügung.

Am Ende des Buches zieht Kerstin ein Fazit zum Thema „Glück“ und inwieweit dieses von der Erfüllung eines Lebenstraums abhängig ist. Kann man erst glücklich sein, wenn ein Ziel erreicht ist? Ist sie nun glücklich, weil sie den Bootsumbau geschafft hat? Ein Traum ist erfüllt – und nun ist alles gut? Ich möchte euch ermutigen, das Buch selbst zu lesen, um Antworten auf solche und ähnliche Fragen zu bekommen.

Über folgenden Link gelangt ihr zu Kerstin Hacks Website (auf der es viel zum Stöbern gibt!) und ihrem Buch: https://kerstinhack.de/ Lasst euch inspirieren von ihren unverblümten, ehrlichen Worten, die vieles genau auf den Punkt bringen. Ich habe das Gefühl, dass für jeden eine wertvolle Lebenslektion in ihrer Geschichte zu finden ist.

Constanze

(photo by Debora Ruppert)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Lifestyle

Mein Problem mit Kundenkarten und anderen Rabattmöglichkeiten

Widerwillig fahre ich zur Tankstelle. Die Preise sind derzeit einfach unterirdisch, aber wer den Luxus des Autofahrens genießen möchte, muss eben die Zähne zusammen beißen. Also tanke ich wieder nur zehn Liter, nach wie vor in der Hoffnung, dass sich die Preise bald ändern. An der Kasse werde ich gefragt, ob ich die Kundenkarte der Tankstellen-Kette hätte. „Ne“, antworte ich wie immer knapp und hoffe, dass ich nun schnell bezahlen und weiterfahren kann. Meist klappt das ganz gut. Aber heute ist mal wieder einer der Tage, an denen ich gefragt werde, ob ich denn gern eine hätte. „Dann bekommen Sie Rabatte… Diese und jene Vorteile…“ „Nein danke, ich bin auch gar nicht so oft hier“, antworte ich und das ist nicht einmal gelogen. Ich bezahle meine Benzinkosten. Bevor sie mir den Kassenzettel überreicht, wirft sie einen Blick darauf und meint: „Schauen Sie, hier hätten Sie jetzt zum Beispiel diesen Rabatt bekommen…“ Ich lächle nur freundlich und gehe. Ist es nicht paradox? Einerseits jammer ich über die teuren Benzinpreise, andrerseits kann ich nicht einmal dankbar eine kostenlose Kundenkarte annehmen, die mir Punkte und Rabatte bescheren würde. Ich weiß, dass es ihr Job ist, aber bei mir stoßen die Verkäufer auf taube Ohren.

Als Jugendliche hatte ich noch die ein oder andere Kundenkarte – und gleichzeitig ein riesen Chaos im Portemonnaie. Entweder dachte ich gar nicht an die Karte oder ich fand sie nicht. Ich weiß nicht, ob ich jemals einen guten Deal abstaubte. Es schien mir zu reichen, die Möglichkeit auf Rabatte zu haben. Theoretisch wäre es sicher möglich gewesen, mehr daraus zu machen. Theoretisch würde mir wohl auch eine Kundenkarte bei der Tankstelle meines Vertrauens etwas nützen…

Ja, theoretisch. Wenn ich darin Zeit und Gedanken investieren würde. Doch vor einiger Zeit bemerkte ich, dass es genau die Zeit und Menge an Gedanken ist, die ich nicht übrig habe. Damals versuchte ich, die Kundenkarte einer großen Drogerie-Kette mal wieder bewusst zu nutzen. Ich sammelte Punkte und wollte sie schließlich einlösen. Dafür war es nötig, die Postleitzahl einzugeben. Puh! Ich war in den letzten Jahren mehrfach umgezogen und wusste nicht mehr, welche Postleitzahl dem aktuellen Stand dieser Karte entsprach. Ich probierte alle Möglichkeiten aus, nichts funktionierte. Ich fragte an der Kasse nach, doch es fand sich keine Lösung. Online könnte ich irgendetwas versuchen, erklärte man mir, doch ich hatte bereits keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen. Da hatte ich schon fleißig Punkte gesammelt und nun war die Einlösung so kompliziert! Halbherzig nahm ich mir vor, das Problem zu lösen, aber das geschah nie. Wenige Jahre später heiratete ich und mein Mann schaffte sich besagte Kundenkarte an. Dazu gab es eine Partnerkarte, sodass wir gemeinsam Punkte sammeln konnten. Okay – ein letzter Versuch! Er hatte ja recht, wir nutzten häufig die entsprechenden Läden. Wir könnten wirklich eine Menge Punkte sammeln, dachte ich. Doch auch diese Karte verschwand irgendwo, ich dachte nur jedes dritte Mal daran, und ach, so groß war der Vorteil auch wieder nicht…

Es waren genau diese vielen kleinen, sich ansammelnden Umständlichkeiten die mich irgendwann einen Cut machen ließen: Schluss mit Kundenkarten! Und nicht nur das. Auf einmal war ich immun gegen vieles, das „Rabatt!“ schrie und mit „10%-auf-den-nächsten-Einkauf“ versehen war. Immun gegen Werbezettel im Briefkasten und Gutscheinheftchen, die sie dir an der Kasse mitgeben. Dieser Cut geschah nicht bewusst. Doch das alles war mir zu viel und ich vermied es von nun an automatisch. Heute verstehe ich ein bisschen besser, warum ich auch kürzlich bei der Tankstelle wieder eine Kundenkarte ausgeschlagen habe:

Reizüberflutung!

Wir realisieren es nicht, aber wir treffen den Tag über tausend kleine Entscheidungen. Im Zeitalter von Social Media kommen zu Reizen der Kategorie Klamotten- und Frühstücksauswahl, dem Stress auf Arbeit und Streit in der Familie auch noch der fortwährende Input über Smartphone, Laptop und Co. hinzu. Wir nehmen auf, wir wählen aus. Ständig. Das ist okay, wenn wir uns entsprechende Auszeiten schaffen und für guten Ausgleich sorgen. Doch wenn ich dann auch noch Unmengen an Coupons in den Tiefen meiner Handtasche finde und deren Gültigkeit überprüfen muss, sich in meinem Portemonnaie die Kundenkarten stapeln und ich bloß nicht den Tag verpassen darf, an dem das Putenfleisch im Angebot ist… dann bringt das mein Reiz-Fass zum überlaufen. Für den ein oder anderen mag es übertrieben klingen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade die kleinen Dinge sind, die in der Summe Einfluss auf mich haben. Deswegen bin ich guten Gewissens Möchtegern-Minimalist. Und ich befördere ohne zu Zögern den Flyer mit Angeboten vom Lieferservice direkt in den Müll, statt ihn, wie vor ein paar Jahren noch, mittels Magnet am Kühlschrank zu befestigen, wo er gemeinsam mit seinen Artgenossen langsam aber sicher zur zweiten Haut des Kühlschranks wird.

Die Angst, etwas zu verpassen

Hin und wieder beschleicht mich das Gefühl, dass Kundenkarten und Rabattangebote uns Angst machen wollen, etwas zu verpassen, wenn wir sie nicht in Anspruch nehmen. Ja, das ist wohl nicht nur mein Gefühl, sondern ganz bewusste Werbestrategie. Werbung will uns das Gefühl von Dummheit vermitteln, wenn wir uns ein unschlagbares Angebot durch die Lappen gehen lassen. ‚Das kriegst du niemals günstiger! Wenn du jetzt nicht zuschlägst, wann dann!‘ Aber möchte ich mich wirklich von Angst motivieren lassen? Von der Angst, etwas zu verpassen? Meist sind Entscheidungen, die ich aus Angst treffe nicht die klügsten und die Chancen stehen gut, dass ich sie später bereue.

Stattdessen versuche ich als völlig eigenmächtiger Mensch einkaufen zu gehen. Ich kaufe das, was ich brauche und/oder mir wirklich Freude bereitet und sonst nichts. Die Entscheidung ist also nicht von Angst abhängig, sondern von meiner Überzeugtheit von einem Produkt. Ich bin bereit, den tatsächlichen Wert eines Produktes zu bezahlen. Wenn das, was ich brauche im Angebot ist: super. Doch wenn stattdessen etwas reduziert ist, was ich normalerweise nicht kaufen würde, entscheide ich mich nicht um. Vielleicht würde ich ein paar Euro sparen – aber wiegen die das Gefühl auf – zu Hause erst einmal angekommen – mit dem Gekauften eigentlich nichts anfangen zu können? Durch diese Vorgehensweise vermeide ich schlicht unnötige Spontaneinkäufe. (und spare vielleicht sogar doch?)

Vor kurzem gab es einen Ausverkauf in der Drogerie. Ich schlenderte durch die Reihen und hatte bereits meine zwei Produkte in der Hand, die ich kaufen wollte. Dann traf ich auf dieses halbleere Schmink-Regal einer Marke, die aufgelöst werden sollte. Alles zum halben Preis! Das ist ja der Hammer, dachte ich und trat näher. Dann kam ich ins Grübeln: Was brauche ich eigentlich? Schminke auf Vorrat zu kaufen kann ja nicht schaden… Doch umso länger ich darüber nachdachte und die mir unbekannten Produkte ansah, umso mehr bemerkte ich: Eigentlich brauche ich nichts. Klar, meine aktuelle Mascara wird früher oder später leer werden, aber dann kaufe ich lieber wieder die, die ich kenne und mag. Und ich mag es sowieso nicht, wenn sich die Schminkprodukte im Badregal stapeln. Also ging ich und fühlte mich mit dieser Entscheidung viel besser.

Alles in allem: Stress

Ich empfinde es als Stress, bei jedem Einkauf nach einer Karte gefragt zu werden und ehrlich gesagt tun mir auch die Verkäufer Leid, die jeden nach dieser Karte fragen müssen. Und dann habe ich gleich noch einmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich nein sage. Natürlich interessiert die Verkäufer das nicht, aber sie haben sicherlich eine Auflage, gelegentlich ein „Nein“ mit „Möchten Sie gern eine haben?“ zu beantworten. Außerdem stresst es mich, daran zu denken, die Punkte einzulösen. Mich stresst der Umgang mit dem Automaten und die Broschüren, die ich mitnehmen muss, damit ich zehnfach Punkte auf meinen Einkauf bekomme. Die ich ja dann eh vergesse.

Natürlich verstehe ich es, wenn jemand, der knapp bei Kasse ist, sich über das Sammeln von Punkten ein paar Rabatte einstreichen möchte. Sicherlich gibt es Leute, die das gewissenhaft tun, sich mit der technischen Vorgehensweise auskennen, ihre Karte stets dabei haben und somit tatsächlich sparen. Doch solange es geht, lebe ich gern mit ein paar Euros weniger und dafür mit einem klareren Kopf. Natürlich freue ich mich, wenn Zucchinis im Angebot sind – weil ich gern mit Zucchinis koche. Aber ich werde weiterhin nicht die reduzierten Pfifferlinge kaufen, denn mit denen kann ich nichts anfangen.

P.S.: Gerade wollte ich diesen Blog-Artikel veröffentlichen, als mir plötzlich einfällt, dass ich doch eine Kundenkarte besitze – nämlich die eines schwedischen Möbelgeschäfts. Der Grund: kostenloser Kaffee. Ich glaube, dass kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren…

Constanze

(photo by itkannan4u)

Veröffentlicht in Gedanken, Lifestyle

Müßiggang – vom Wiederentdecken eines altmodischen Wortes

Urlaubszeit ist Zeitschriftenzeit – zumindest bei mir. Natürlich haben wir noch eine Menge Zeit am Flughafen, bevor wir uns durch den Sicherheitscheck wagen und suchen somit den einzig vorhandenen Zeitschriften- und Buchladen auf. Und ja, trotz Handy bin ich da noch ganz altmodisch und lese Artikel gern auf Papier, wenigstens ein paar Mal im Jahr.

Ich suche allerdings nicht irgendeine Zeitschrift. Ich brauche natürlich eine schrecklich inspirative! Doch sie darf auch nicht ausschließlich Trend-Themen wie Minimalismus oder Achtsamkeit enthalten. Es muss der perfekte Mix aus Zeitgeist und neuem, unerwartetem Input sein. (Ganz recht. Ich liebe es, aus Kleinigkeiten eine Wissenschaft zu machen.) Die „flow“ ist immer mal wieder im Rennen, manchmal auch „Psychologie heute“, doch in letzter Zeit häufiger die „einfach.sein“. Ich blättere sie durch und die meisten Artikel sprechen mich auf Anhieb an. Im Flugzeug versinke ich in den Seiten und kann darüber gerade so vergessen, dass ich ziemlich Durst habe und es für ein Unding halte, sogar für Wasser bezahlen zu müssen. (Selbst Schuld, wenn ich mich nicht im Vorhinein über die Airline informiere.)

Ich stoße auf einen Artikel, in dem ich mich auf besondere Weise wiederfinde. Es geht darum weniger zu machen, um mehr zu erreichen. Es geht um Pausen, altmodisch ausgedrückt „Müßiggang“. Ich mag solche altmodischen Begriffe. Manchmal drücken sie viel besser aus, was wir eigentlich meinen. Das Wort „Pause“ ist meiner Meinung nach ein wenig verkommen. Damit drücken wir aus, dass wir uns mit einem überfüllten Teller Nudeln auf die Couch fläzen und Serien schauen oder stundenlang auf Instagram herumscrollen. Oder wir meinen eine kurze Essenspause auf Arbeit – schnell etwas hineinschieben, weiter geht’s.

Müßiggang ist etwas ganz anderes. Wikipedia sagt: Müßiggang (…) bezeichnet das Aufsuchen der Muße, das entspannte und von Pflichten freie Ausleben, nicht die Erholung von besonderen Stresssituationen oder körperlichen Belastungen.“ Oha! Beim Müßiggang geht es um das bewusste Entspannen und zwar nicht erst an einem Punkt, an dem Erholung nötig ist, sondern bereits davor. Nichts Produktives tun und Gedanken schweifen lassen, wenn der Energietank noch nicht leer sondern noch genügend Energie vorhanden ist, um diese Pause aktiv durchzuführen.

In dem Artikel geht es darum, dass wir diesem Müßiggang zu wenig Raum geben und wie sehr er gerade für kreative Menschen notwendig ist, um Inspiration für die Arbeit zu sammeln. Große Wissenschaftler und Künstler, wie zum Beispiel Leonardo da Vinci, sollen wohl lang nicht 40 Stunden pro Woche gearbeitet und stattdessen lieber ausgedehnte Spaziergänge oder Ähnliches gemacht haben. „Die größten Genies erreichen manches Mal mehr, wenn sie weniger arbeiten“, sagte da Vinci selbst. Die Schreiberin des Artikels geht darin über zu analysieren, ob das nicht sehr faul ist und kommt schnell zu dem Schluss, dass wir in unserer heutigen Beschleunigungs-Gesellschaft nur leider etwas völlig anderes eingetrichtert bekommen haben. Mich braucht sie überhaupt nicht überzeugen. Preach it, sister!, denke ich: „Muße ist die Voraussetzung für Einfallsreichtum. Denn während wir an nichts Bestimmtes denken, unsere Gedanken schweifen lassen, ist unser Gehirn hochaktiv. Im sogenannten Default Mode Network tüftelt es an Problemen weiter, beseitigt, was uns beim Denken behindert, und entwickelt neue Lösungen.“ (Isabel Adolf, einfach.sein, 2/2018, S. 90 f.) Gute Ideen bleiben im Unterbewusstsein, wenn wir keine (echten) Pausen einlegen. Und mal ehrlich: wer kommt auf eine zündende Idee, wenn bereits stundenlange Arbeit hinter einem liegt und nur noch zwanghaft bis zum Feierabend durchgehalten werden muss?

Das beste Beispiel: die Dusche! Ich bin sicherlich nicht die einzige, die unter der Dusche vor sich hin träumt und das ein oder andere Licht aufgehen sieht. Wie schade ist es, dass genau dieser Müßiggang, diese Aktivität des Unterbewusstseins lediglich auf Momente wie die Dusche oder die Fahrt im Auto beschränkt ist? Zeiten, die wir nicht bewusst wählen. Was würde passieren, wenn ich mir bewusste Pausen nehme? An einem Zeitpunkt, an dem es noch nicht „zu spät“ ist? An dem ich nicht schon halb einschlafe oder fast verhungre? (Zum bewussten und regelmäßigen Pause machen kann ich übrigens auch folgenden Blogpost von Sarah vom Blog „honigdusche“ empfehlen: „Wie wäre es mit einer Pause? // Routinen einer Rebellin“ Dort geht es darum, einmal in der Woche 24 Stunden lang nur Dinge zu tun, die Freude machen.)

Wenn ich genauer darüber nachdenke, so fallen mir ein paar Situationen ein, in denen ich mir ganz automatisch eine Pause für Müßiggang genommen habe. Wenn ich zum Beispiel einen „kreativen Flow“ habe und sich ein Blog-Beitrag wie von selbst schreibt gelange ich manchmal ganz plötzlich an den Punkt, an dem ich merke: Ich sollte genau jetzt eine Pause machen, auch wenn ich voll drin bin. Aufhören wenn es am schönsten ist, sozusagen. Dann stehe ich auf, laufe ein wenig durch die Wohnung, mache irgendetwas anderes. Mein Kopf hört auf, sich bewusst zu konzentrieren, lässt die Gedanken einfach schweifen und kann dennoch im Unterbewusstsein an der Sache weiterarbeiten, da vorher noch keine völlige Erschöpfung eingesetzt hat. Der Wiedereinstieg fällt dadurch leicht!

Ich glaube, dass genau darin dass Missverständnis unserer heutigen Zeit liegt: „Wenn ich eine Pause einlege, ist es vorbei und ich kann meine Konzentration nicht wie vorher wieder zurückerlangen. Deshalb lieber keine oder nur wenig kurze Pausen.“ Das trifft allerdings nur für die Pausen zu, die der konkreten Erholung dienen, wenn ich mich bereits überarbeitet habe. Denn ja, wenn ich völlig erschöpft eine Pause einlege, dann ist die Wahrscheinlichkeit, daraufhin wieder voll konzentriert zu arbeiten, recht gering. Dann brauche ich schon eher ein ganzes Wochenende oder sogar einen Urlaub zur Erholung. Der Gedanke, diese Überarbeitung gar nicht erst zuzulassen und Müßiggang mehr in den Alltag zu integrieren, fasziniert mich. Eine Pause einzulegen, wenn ich gerade in Schwung bin – das erfordert Mut und ist nicht faul. Ganz im Gegenteil: Es steigert die Produktivität. Lesen, spazieren gehen, Musik machen, beim Essen ein Hörbuch hören… Das sind Dinge, die ich persönlich als Müßiggang bezeichnen würde und für mich mehr sind als Erholung. Es sind die Dinge, die mich inspirieren. Aktivitäten, nach denen ich gern wieder meine (bezahlte oder unbezahlte) Arbeit aufnehme.

„Je regelmäßiger, desto besser“, steht im Artikel und verweist auf gesunde Routinen. Und dann folgt ein Satz, den ich dringend hören musste: „Auch neurologische Studien belegen, dass Routinen Kreativität fördert – wenn wir selbst entscheiden können, wie wir unseren Tag einteilen.“ Ich habe mich immer zu Routinen hingezogen gefühlt und war doch frustriert, wenn sie mir von Außen vorgegeben wurden – Schule, Arbeit, … Wenn ich selbst keinen Sinn in einer Routine sah, war sie zum Scheitern verurteilt. Daraus schloss ich zeitweise, dass Routinen völlig unnötig sind. Heut weiß ich, dass die selbstbestimmten Routinen mir den perfekten Rahmen geben, um meine Kreativität auszuleben. „Na toll“, wirst du jetzt vielleicht denken. „Leider kann ich auf Arbeit nicht einfach dann Pausen machen, wann ich will.“ Aber auch mit unserer Freizeit können wir selbstbestimmt umgehen. Wer vielen Hobbys nachgeht, sich um Haus und Hof kümmern muss oder ehrenamtlich tätigt ist kennt sicherlich das Gefühl, dass Freizeit eher unbezahlter Arbeit gleicht. (Hier kannst du mehr über meine persönliche Definition von Arbeit lesen.) In diesen Bereichen können wir anfangen, uns häufiger für Müßiggang statt Überforderung zu entscheiden.

So sitze ich also im Flugzeug und freue mich bereits jetzt wieder darauf, meine selbstausgesuchten Routinen umzusetzen und gnädiger mit mir zu sein, wenn ich keinen 8-Stunden-Tag habe und stattdessen ein bisschen mehr Muße. Der Artikel bestätigt mich in meinem Vorhaben, früh aufzustehen, um die ersten Stunden des Tages selbstbestimmt zu gestalten und am Abend frühzeitig den Kopf wieder abzuschalten. (Viele Schriftsteller halten wohl gerade die Morgenstunden für die kreativste Phase des Tages.) Ich freue mich darauf, den Sonntag wieder mehr zu einem Tag des Müßiggangs zu machen und statt Netflix einzuschalten öfter zum Buch zu greifen.

Ich glaube, ich bin wirklich der einzige Mensch, der bereits auf dem Hinweg in den Urlaub gern wieder an den Alltag zu Hause denkt.

Constanze

Veröffentlicht in Glauben

Warum ich Gemeinde liebe

Es ist Freitagabend, der erste Abend unserer Gemeindefreizeit. Meine Schwester hat ein großes Spiel für die ganze Gemeinde geplant und ich helfe ihr bei der Vorbereitung. Ich liebe große Spiele. „Darf ich mir die Gruppe selbst aussuchen? Kommen wir in Bewegung? Kann ich mich so richtig hineinsteigern?“ Ja, das könne man schon, wenn mal will. Die Tröten und Deutschlandfahnen in der Mitte jeder Stuhlgruppe geben einen Hinweis darauf. Die Gruppe darf ich mir natürlich nicht selbst aussuchen. Immer diese strategisch geplante Durchmischung, damit man sich besser kennenlernt! Doch ich gestehe, es funktioniert.

Und auf einmal verwandelt sich meine Gemeinde in acht bunt zusammengewürfelte wetteifernde Gruppen von A bis H, von Russland bis Kolumbien. Es geht damit los, dass wir alte Gemeindelieder in eine Hymne umtexten dürfen, um den Teamgeist zu stärken. Nachdem sich meine Gruppe nach kurzer Diskussion über einen tiefgründigen Text doch für einen sinnfreien entscheidet, kommen noch ein paar „Hu’s“ und „Ha’s“ im Island-Stil hinzu und das Ding steht. Im Weiteren dürfen wir sowohl Bibel- als auch Flaggen-Wissen auskramen und im Staffellauf ein Gruppenmitglied verarzten sowie mit Motivationssprüchlein versorgen. Ich habe meine Gemeinde noch nie so hektisch in Bewegung gesehen! Jung und Alt sind beieinander. Und auch wenn die Älteren mal nicht verstehen, was vor sich geht, so habe ich doch das Gefühl, dass sie den Spaß der anderen und die Gemeinschaft genießen. Das Ergebnis: Senegal gewinnt – das Spiel und natürlich auch die WM. Ist doch klar! Gemeinde ist für mich ein Ort, an dem Spaß kein Fremdwort ist und an dem die Bedeutung des Wortes „feiern“ eine ganz neue, übergenerationale Bedeutung erfährt.

Über unserer Gemeindefreizeit steht das große Thema „Heilung/Heiligung“. Es geht um Ankommen bei Gott, Frieden erfahren, Verletzungen heilen. Manche teilen ihre Geschichte, berichten von schweren Zeiten. Wir nehmen uns Zeit für Gebet und dürfen uns segnen lassen. Erneut merke ich: wie viel ermutigender ist es, wenn Christen ehrlich zu ihren Sorgen und ihrer Trauer stehen, statt perfekt sein zu wollen. Vielleicht machen wir es nicht bewusst, aber häufig sind wir doch sehr bemüht, ein gutes Image zu wahren. Doch wenn jemand seine Unsicherheiten mit mir teilt, weiß ich: Ich bin nicht allein und es ist okay, Gott nicht immer zu verstehen. Gemeinde ist für mich deshalb ein Ort, an dem wir Menschlichkeit teilen. An dem wir manchmal andere ermutigen und uns manchmal ermutigen lassen.

Am nächsten Abend sitzen wir am Lagerfeuer. Rotwein wird in kleinen Gläschen verteilt. Es beginnen die üblichen Diskussionen über die perfekte Zubereitung des Knüppelteigs. Ich gehöre da zugegebenermaßen zu den Besserwissern. Oberste Regel: den Stock nur dünn umwickeln! Dauerhaft drehen, am besten seitlich zur Glut, sodass nicht nur die Spitze schwarz wird. Meine Spitze wird trotzdem schwarz. Und nach langem Gejammer, dass das Stockbrot einfach nicht fertig wird, wird es eben doch halbroh gegessen. So wie immer. Zufrieden ist man trotzdem.

Ich unterhalte mich mit den verschiedensten Menschen. Manche sind enge Freunde, mit anderen habe ich nur ab und zu über die Gemeinde Kontakt. Es fasziniert mich, dass das egal zu sein scheint. Gemeinde ist für mich ein Ort, an dem ich eine Unterhaltung nicht zwanghaft mit typischen Small-Talk-Fragen beginnen muss. Ich kann mich über tiefgründige Themen unterhalten, auch wenn ich nicht weiß, in welchem Job sich mein Gesprächspartner befindet oder was sein Familienstand ist. Ich sitze viel länger als geplant und ich bin müde. Doch manchmal gehen gute Gespräche einfach über Schlaf (am nächsten Morgen bereue ich das nur ein wenig).

An diesem Wochenende gibt es viele, die ihre Talente und Fähigkeiten für die Gruppe einsetzen. Ob Dekoration, Musik, Organisation im Hintergrund oder Geländespiel. Ich liebe Gemeinde, weil es ein Ort ist, an dem Fähigkeiten zum Einsatz kommen, gesehen und weiterentwickelt werden. Und doch sind da auch die, die sich einfach mal zurücklehnen und genießen können. Oh, wie wichtig das ist! Gemeinde ist für mich ein Ort des Gebens und Nehmens und die Seite darf gern immer einmal gewechselt werden.

Am Montag nach diesem Wochenende liege ich krank im Bett. Habe ich mich bei jemandem angesteckt? Möglicherweise. Habe ich zu wenig geschlafen? Bestimmt. Zu wenig Wasser getrunken und Vitamin C aufgenommen? Vielleicht. Aber dieses Mal nehme ich ein paar Tage Grippe gern in Kauf.

Constanze

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Lifestyle

Privileg Putzen

Ich bin froh, dass ich mich momentan in einer Lebenssituation befinde, in der ich es schaffe, regelmäßig zu putzen.

Nein, ich bin nicht gerade ein Sauberkeitsfanatiker und in meinen Schränken sieht es meist eher kunterbunt aus. Wenn ich bei jemandem zu Besuch bin, ist es mir egal wie ordentlich es ist oder ob das Geschirr schon ein wenig länger neben der Spüle steht. Dennoch mag ich bei mir selbst eine gewisse, zumindest oberflächliche, Ordnung – weil es mir hilft, mich innerlich geordnet zu fühlen. Dies war auch einer der Gründe, warum ich mich mit der Thematik Minimalismus auseinandergesetzt oder mich mit Dingen wie „Reizüberflutung“ beschäftigt habe. Äußere und innere Ordnung hängen für mich zusammen.

In Zeiten, in denen ich weniger zu Hause war, habe ich den Haushalt schleifen gelassen. Entspannen und Auftanken war dann wichtiger, da habe ich klare Prioritäten. Und doch ließ mich die Unordnung zunehmend unzufrieden werden. Ich fühlte mich unsortiert und durcheinander. Dass ich es nun meist schaffe, einmal in der Woche zu saugen, das Bad zu putzen und die Küche halbwegs in Ordnung zu bringen ist für mich persönlich deshalb ein Gewinn. Doch ich muss zugeben: oft genug läuft diese wöchentliche Putzaktion sehr hektisch ab. Ich weiß, dass ich sie für ein gutes Gefühl brauche und doch quetsche ich sie in ein straffes Zeitfenster und erwarte von mir selbst Höchstleistungen, die mich ganz schön ins Schwitzen bringen können. Ich möchte Sauberkeit eben doch nicht zu wichtig nehmen. Es bleibt eine Notwendigkeit, die schnell erledigt sein soll. Es soll ordentlich aussehen, ja, aber die ein oder anderen Staubkörner dürfen ruhig auch einmal länger verweilen…

Am vergangenen Samstag lag allerdings mal wieder ein terminloser Tag mit lediglich zwei Vorhaben vor mir: Putzen und Fernstudium. Ich hätte sicherlich wieder einen Putzsprint einlegen können, um dafür mehr Freizeit zu haben. Stattdessen entschied ich mich, die Sache einmal anders anzugehen und mir bewusst Zeit für unsere Wohnung zu nehmen. Kennt ihr diese Dinge, die merkwürdigerweise immer liegen bleiben? Der Tischläufer, der zwar schon längst gewaschen ist, aber immer noch nicht gebügelt. Die Besteckfächer, in denen sich die Krümel bereits häuslich fühlen. Der Wasserkocher, der mal wieder entkalkt werden müsste. Diese kleinen Dinge, die einfach nicht wichtig genug erscheinen, um sie im alltäglichen Stress unterzubringen. Doch manchmal mache ich mir sogar dann Stress, wenn ich eigentlich gar keinen haben müsste. Lege einen Putzsprint ein, obwohl mich niemand antreibt. Gehe an diesen liegengebliebenen Aufgaben vorbei, nur weil irgendeine Stimme in meinem Kopf sagt, dass etwas anderes immer wichtiger ist. Klar, wenn ich mir mehr Zeit fürs Aufräumen nehme habe ich weniger Zeit für andere Aktivitäten. Aber ob ich diese Zeit sinnvoll nutzen würde? Ob ich mich nicht vielleicht sogar entspannter fühle, wenn ich ungeliebte Aufgaben etwas weniger hektisch angehe?

Dieses mal ging ich also entspannt durch die Wohnung und erledigte nacheinander die Baustellen, die mir ins Auge fielen und die ich sonst gern beiseite schob. Ich wischte zum Beispiel nicht nur über das Badregal, sondern warf auch einen Blick in die Behälter, die sich in diesem Regal befinden. Leere Zahnpastatuben, angefangene Schminke, die ich eh nicht benutze – Warum nicht einfach weg damit? Da bemerkte ich wieder, was mich so sehr am Minimalismus-Gedanken begeisterte. Was für ein befreiendes Gefühl war es, nach kurzer Entmüllungs-Aktion, diese halbleeren Behälter zu sehen, in denen nun nur Sachen enthalten sind, die ich auch verwenden kann! Wie schön ist es, zu einer Zahnpastatube zu greifen und zu wissen, dass aus ihr auch etwas herauskommt. Es sind diese wenigen Handgriffe weniger, diese kleinen positiven Veränderungen, die in der Masse einen Unterschied machen. Ein Wasserkocher, der entkalkt ist? Da fühlt sich das Tee zubereiten doch viel schöner an. Ein sauberer Küchenschrank? Da schau ich viel lieber hinein.

Ich habe bei Weitem nicht alles sauber gemacht, was sauber gemacht werden müsste. Doch ich habe ein paar dieser Dinge erledigt, die mich unbewusst die ganze Zeit gestört haben. Meist erscheinen sie mir so klein und unbedeutend. Und doch belastet es, wenn ich jedes Mal beim Öffnen der Besteckschublade denke: „Mensch, diese Krümel! Die müssten eigentlich auch mal weg!“ (Apropos… Wo kommen die eigentlich her?)

Ich habe erkannt, dass es ein Privileg ist, sich Zeit zu nehmen. Eben auch fürs Putzen. Dieses Privileg werde ich vielleicht nicht immer haben und es wird wieder Phasen geben, in denen die Besteckkrümel das Unwichtigste auf der Welt sein werden. Aber wenn ich heute die Zeit geschenkt bekomme, meinen Kopf durch Aufräumen zu entlasten, damit er freier für anderes sein kann – warum dann nicht aufräumen?

Denn im Endeffekt geht es gar nicht darum, wie wichtig Putzen ist oder welche Priorität wir der Ordnung in unserer Wohnung einräumen. Es geht darum, angemessen auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Manchmal bedeutet es, dass Ordnung eine hohe Priorität hat, manchmal weniger (In Zeiten von Umzügen beispielsweise muss ich meine Ansprüche diesbezüglich deutlich herunterschrauben und meine Auftank-Oasen lieber außerhalb der Wohnung suchen). Doch wenn du etwas tun kannst, um dir mehr Freiheit im Kopf zu verschaffen, dann mach es! Sich Zeit für scheinbar Banales zu nehmen zahlt sich in Lebensbereichen aus, die wiederum höchste Konzentration verlangen. Sich Zeit zu nehmen für Dinge, die unwichtig erscheinen – das ist Luxus. Es entspannt, entschleunigt und gibt als Bonus auch noch Raum zum Nachdenken.

Nachdem ich meine Ordnungs-Aktion beendet hatte, setzte ich mich entspannt vor meine Studiums-Materialien. Hätte ich mir weniger Zeit für meine Wohnung genommen hätte ich womöglich nur mehr Youtube-Videos geschaut oder auf Instagram herumgescrollt statt produktiv etwas anderes zu machen. Nun war ich entspannt und produktiv zugleich gewesen. Und das nur, weil ich erkannt habe, dass auch „Unwichtiges“ mal wichtig sein darf und dass ich mich, so oft es geht, nicht selbst zur Hektik antreiben sollte.

Constanze

(Photo by Caroline Attwood on Unsplash)

Wenn du diesen oder einen anderen Beitrag kommentieren möchtest, schreib mir gern bei facebook (Life Untangled) oder Instagram (life_untangled) oder sende mir eine E-Mail an untangledforyou@gmail.com.