Veröffentlicht in Gedanken, Lifestyle, Persönlichkeit

Lebendig in einer lebendigen Stadt – von Arbeit, Berufung und Produktivität

Ich habe es wieder gemeistert: die Kunst, ohne Schwanken durch eine Straßenbahn zu laufen während diese gerade in eine Kurve fährt. Jetzt habe ich endgültig das Gefühl, wieder angekommen zu sein – angekommen in einer Stadt, die sich geradeso Großstadt nennen darf (wenn man allerdings die Anzahl der bekannten Gesichter zusammenzählt, die man täglich in der Innenstadt trifft, relativiert sich diese Bezeichnung wieder). Es ist meine Heimatstadt, in der ich nun nach anderthalb Jahren wieder lebe. Irgendwie fiel es mir gar nicht so leicht, mich so selbstverständlich wieder einzufügen wie ich angenommen hatte. Ja, ich fühlte mich ein wenig wie ein Dorfkind, dass in die große, weite Welt hinauszog – was absoluter Quatsch ist, wenn man bedenkt, dass ich lediglich von einer Kleinstadt in eine etwas größere Stadt 20 Minuten Autofahrt entfernt gezogen bin.

Doch bei mir funktioniert es so: Wenn ich irgendwo lebe, dann richtig. Und mit „richtig“ meine ich, dass ich das gesamte, alle Facetten umfassende Lebensgefühl aufsauge, dass sich um mich herum abspielt. Genau deswegen dauert es bei mir auch etwas länger, bis ich angekommen bin – aber wenn, dann eben ganz. Da ist es ganz egal, ob der Unterschied objektiv betrachtet nicht so groß ist: Es war nun mal eine andere Stadt, in der ich bis vor kurzem gelebt habe und somit auch ein anderes Lebensgefühl. In diesem Fall würde ich es als gemütlich, warm und künstlerisch bezeichnen. Ich mochte es! Aber ein Grund, warum mein Mann und ich uns so auf diesen Umzug gefreut hatten, war unter anderem das Wissen darüber, dass es es sich hier „lebendiger“ anfühlt, ja irgendwie aktiver und jünger (was übrigens nicht zwingend etwas mit dem eigentlichen Alter von Menschen zu tun hat). Denn das mögen wir auch! Und nun, nach etwa anderthalb Monaten, habe ich auch wieder das Gefühl, hier wirklich zu leben.

Aber was genau heißt das eigentlich? „Lebensgefühl“, „lebendig“ – das sind ja alles recht schwammige Begriffe. Ich möchte euch deshalb einen kleinen Einblick darin geben, was es momentan für mich bedeutet und mit welchen persönlichen Zielen es verbunden ist.

Mehr Selbstinitiative

Mit dem Umzug hat sich für mich nicht nur der Wohnort geändert, sondern so ziemlich mein gesamter Alltag inklusive beruflicher Veränderungen. Das ist für mich prinzipiell nichts Neues, doch zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich nun wieder das Gefühl, den Hauptteil meines Alltags mit Dingen verbringen zu können, von denen ich persönlich überzeugt bin. Darüber habe ich im letzten Jahr gefühlt in jedem zweiten Gespräch geredet, doch diese Erkenntnis war tatsächlich von schwerwiegender Bedeutung für mich: Erst wenn ich mich aktiv für eine Tätigkeit entscheide und sie selbst für wertvoll erachte, kann ich produktiv sein und – nicht zu vergessen – zufrieden. Ich habe darüber bereits im dritten Teil meiner „Was, wenn doch“-Reihe geschrieben, aber ich möchte noch einmal betonen, dass es mir nicht darum geht, nur „schöne“ oder „leichte“ Dinge zu tun. Manchmal ist es sogar genau das Gegenteil! Es geht darum, Wert in dem zu sehen, was ich tue. Und das ist bei mir sehr viel wahrscheinlicher, wenn ich selbst die Initiative ergreife.

Was ist Arbeit?

Doch hier kommt der entscheidende Knackpunkt für mich: Nicht allen Menschen fällt es leicht, diesen Wert in der klassischen Erwerbsarbeit zu finden – dort, wo wir einen Großteil unseres Lebens verbringen und wo es häufig erwartet wird, Sinn und Erfüllung zu empfinden.  Für manche mag das ganz selbstverständlich sein. Unser gesamtes Aufwachsen, unsere schulische Laufbahn dreht sich zu einem großen Teil darum, diesen Sinn in irgendeiner Form bezahlter Arbeit zu finden. Im letzten Jahr habe ich verstanden, dass es für mich so nicht funktioniert oder zumindest nicht so leicht. Für mich ist Arbeit mehr als die klassische Erwerbsarbeit.

Mehr Lebendigkeit

Seitdem wir umgezogen sind, habe ich wieder die Möglichkeit, dieser „untypischen“ Arbeit intensiver nachzugehen. Ich arbeite weniger Stunden in einem bezahlten Job und gehe mehr anderen Tätigkeiten nach. Und das führt mich zu dem lebendigen Lebensgefühl, von dem ich am Anfang geredet habe. Momentan kann ich mein Leben wieder aktiver, selbstbestimmter gestalten. Ich habe das Gefühl, mehr Dinge tun zu können, zu denen Gott mich berufen hat – die werden zwar nicht unbedingt bezahlt, aber sie fühlen sich wertvoll, gewinnbringend und produktiv an. Und somit sind sie für mich Arbeit. Dazu gehören für mich beispielsweise dieser Blog oder die Mitarbeit in meiner Gemeinde. Außerdem ist Weiterbildung für mich gerade ein wichtiger Punkt und ich gehe diesem auf verschiedene Weise nach. Das sind nur Beispiele – zentral für mich ist: Ich muss nicht zwingend morgens „auf Arbeit gehen“, um das Gefühl zu haben, zu arbeiten. Das hab ich jetzt sogar viel mehr! Und selten wird mir dabei langweilig. Manchmal bin ich lange Zeit zu Hause am Computer beschäftigt, manchmal düse ich von einem Termin zum nächsten, manchmal bin ich einige Stunden bei meiner „richtigen“ Arbeit und sitze danach noch in einem Cafe, um an einem Blog-Beitrag zu schreiben. Mein Alltag ist vielfältig geworden und dadurch fühle ich mich lebendig. Doch er ist nicht nur vielfältig um der „Vielfältigkeitswillen“, sondern weil es ganz natürlich meiner Persönlichkeit entspricht.

Keine Selbstverständlichkeit  

Es ist nicht selbstverständlich, dass ich mich in dieser Lebenssituation befinden darf. Ich bin unglaublich dankbar dafür, weniger Stunden bezahlter Erwerbsarbeit nachgehen zu können, um zusätzlich in die Arbeit zu investieren, die sich für mich außerhalb des Geld Verdienens abspielt. Mir ist auch bewusst, dass dies nicht unbedingt so bleiben muss oder ich es eventuell selbst irgendwann ändern möchte. Gerade deswegen ist es mir so wichtig, diese mir momentan anvertraute Zeit so gut wie möglich zu gestalten.

Und das fällt mir nun auch viel leichter! Vor einiger Zeit habe ich Anfragen, ob ich irgendwo helfen oder mitmachen kann, oft erst einmal als Belastung empfunden. Dies hatte nicht nur etwas mit meinem Zeitkontingent zu tun, sondern vor allem damit, dass mein (psychischer) Energielevel zu sehr damit beschäftigt war, eine Arbeit auszugleichen, die sich für mich nicht sonderlich produktiv angefühlt hat. Das zerrte an Körper und Geist. Nun ist es anders: Ich sehe mich viel mehr dazu in der Lage, realistisch einschätzen zu können, wo ich helfen kann und wo nicht und vor allem: Ich selbst habe Lust, Dinge aktiv ins Rollen zu bringen. Diese Energie möchte ich nutzen!

Neue Ziele

Wer diesen Blog schon eine Weile verfolgt, weiß, dass ich ein Freund von Organisation und Selbstdisziplin im Alltag bin. Es ist nicht so, dass ich perfekt darin wäre – aber immer, wenn es mir gut gelingt, bemerke ich die positiven Effekte: Ich bin produktiver, Vorhaben laufen leichter und Erholungsphasen sind auch wahre Erholungsphasen.

Außerdem mag ich Herausforderungen! Nachdem ich meine letzte Herausforderung zum Zucker- und Weißmehl-Verzicht beendet habe, möchte ich mich nun der nächsten stellen: früh aufstehen, obwohl es nicht zwingend nötig wäre.

Nun, für viele von euch ist es wahrscheinlich etwas ganz Gewöhnliches, für Schule oder Job das Bett frühzeitig zu verlassen. Ich persönlich habe das immer als etwas Fieses empfunden (wie meine Meinung dazu noch vor einem Jahr war, kannst du hier nachlesen). Ich war zwar nie ein Langschläfer, aber vor sieben Uhr fühlte ich mich auch nicht wirklich lebendig. Mittlerweile glaube ich zu wissen, woran das lag: Nach dem Aufstehen musste ich etwas tun, von dem ich lediglich „so halb“ überzeugt war – wenn’s gut lief. Es fehlte mir schlicht die Motivation. Wenn es dann am Wochenende die Gelegenheit gab, um auszuschlafen, habe ich sie gern genutzt, da ich glaubte im fehlenden Schlaf die Wurzel des Problems gefunden zu haben.

Sich also am früh Aufstehen zu erfreuen, wenn die Arbeit, der man nach dem Aufstehen nachgeht, tatsächlich keine Freude bereitet, ist aus meiner Sicht schwer umsetzbar. Doch da meine Arbeit (und all das, was ich eben als Arbeit bezeichne) mich momentan mit Sinn erfüllt, möchte ich diese Energie nutzen, um das Beste aus dem Tag herauszuholen. Da ich tendenziell sowieso ein Vormittags-Mensch bin, ist diese Herausforderung durchaus realistisch. Ich beginne mein Experiment mit der Uhrzeit 6:30 und passe dies je nach Verlauf an. Wie es sich anfühlt, ungezwungen und völlig freiwillig früh das wohlig-warme Bett zu verlassen, werde ich in etwa einer Woche in einem weiteren Blog-Beitrag auswerten.

Es ist jedoch nicht so, dass ich nur deswegen früher aufstehen möchte, um produktiver zu sein. Es geht mir auch nicht darum, meine To-do-Liste zu verlängern. Der viel essentiellere Grund ist, dass ich die Morgende genießen und mit Ruhe starten möchte. Dadurch verspreche ich mir mehr Produktivität und Gelassenheit in der Zeit, die ich auch vorher schon zur Verfügung hatte. Ich möchte in Ruhe meinen Kaffee trinken, wenn die Welt noch verschlafen ist und im Halbdunkel liegt. Ich möchte meinen Tag mit Gott starten – mehr als nur ein kurzes Pflichtgebet sprechen oder schnell ein Kapitel in der Bibel lesen, sondern wahrhaft Zeit in seiner Gegenwart verbringen. Ich möchte häufiger Frühsport treiben. Ich möchte in Ruhe ein Outfit für den Tag auswählen. Ich möchte das Küchenchaos des vergangenen Abends entfernen, bevor ich ein neues anrichte… Das muss nicht unbedingt alles an einem Morgen stattfinden, aber ich wünsche mir Freiraum für diese verschiedenen Optionen.

Ich gebe zu, dieser Blog-Beitrag war ein kleiner Rundumschlag zu vielen Gedanken, die mich gerade beschäftigen. Vielleicht werde ich mich mit einzelnen Themen noch intensiver beschäftigen. Gibt es etwas, worüber du gern mehr lesen würdest?

Wie geht es dir mit deiner aktuellen Arbeitssituation? Hast du das Gefühl, dass du etwas Sinnvolles, Produktives tust? Was ist deine Motivation, um früh aus dem Bett zu kommen? Hast du genügend Zeit, um gemütlich in den Tag zu starten? Arbeits- und Lebensstile sind unglaublich verschieden, weswegen ich gespannt auf deine (vielleicht komplett gegensätzliche) Meinung zu diesem Thema bin.

Constanze

(Photo by StockSnap)

Veröffentlicht in Gedanken, Lifestyle, Persönlichkeit

Wie ich das Motto „Less is more“ für mich entdeckte – Minimalismus #1

In den letzten Tagen ist es normal geworden, dass ich mit irgendeinem Gegenstand in der Hand am Schreibtisch meines Mannes auftauche und frage: „Also, Schatz, wenn du mal gaaaanz ehrlich zu dir selbst bist – das brauchst du doch nicht mehr, oder?“

Ja, das hat viel damit zu tun, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft wieder umziehen. Als Kind habe ich mir Umziehen immer sehr aufregend vorgestellt. Mittlerweile weiß ich, dass es nicht nur aufregend ist, sondern  vor allem Nerven aufreibend. Und doch bietet jeder Umzug etwas Positives, dass ich nicht missen möchte: einen Neuanfang. Bisher verbinde ich jedes WG-Zimmer oder jede Wohnung, in der ich gelebt habe, mit einem ganz bestimmten Lebensgefühl. Sie alle waren Teil verschiedener Phasen meines Lebens. Und so erhoffe ich mir auch von der nächsten Wohnung den Start in eine neue Phase und ein Stück weit in ein neues Lebensgefühl. Und das führt mich zurück zu meiner Ausgangssituation.

Denn nein, ich möchte es nicht nur vermeiden, über die Jahre hinweg angesammelten Müll mit in die nächste Wohnung zu transportieren. Ich möchte mehr. Beziehungsweise weniger. Ich möchte mehr „weniger“. Verwirrt? Lass es mich erklären.

Mich hat es gepackt: der Gedanke des sogenannten „Minimalismus‘“. Ich weiß nicht, ob es eine einheitliche Definition vom Lebensstil „Minimalismus“ gibt. Ich habe auch noch kein Buch darüber gelesen. Aber nach meiner Recherche in Zeitschriften und Internet geht es um folgendes: Nur solche Dinge zu besitzen, die wirklich eine Bereicherung für das eigene Leben sind und einem Freude bereiten. Dies hat meist zur Folge, erst einmal ordentlich auszusortieren. Und demzufolge zukünftig auch nur noch solche Dinge anzuschaffen, die diesem Kriterium entsprechen. Es geht darum, einen bewussten Umgang mit allem zu pflegen: mit Klamotten, mit Essen, mit Möbeln, … mit dem Leben an sich. Weg von Konsum ohne Ende und hin zu bewusstem Auswählen. Weg von massenhafter Müllproduktion und hin zu nachhaltigen Anschaffungen. Weg von Reizüberflutung in der eigenen Wohnung und hin zu dem Gefühl, „wieder atmen“ zu können. Es ist ein Gedanke von Nachhaltigkeit und einem bewussten Leben, ganz nach dem Motto: Weniger ist mehr. Seit einem Monat etwa hat mich dieses Motto gefesselt und unser anstehender Umzug gibt mir die perfekte Möglichkeit, es praktisch umzusetzen.

Doch es geht nicht nur ums Ausmisten – dahinter steckt ein Lebenseinstellung, die mehr ist als nur ein Trend. Umso mehr ich mich mit der Thematik beschäftigte, umso mehr wurde mir bewusst, dass ich mit dieser Lebenseinstellung schon immer unbewusst sympathisiert hatte. Nur irgendwie war sie vom Lärm und Druck der Gesellschaft überlagert wurden…

Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, begann ich den für mich damals signifikanten „Schlabber-Look“, welcher lediglich aus einfarbigen „Schlabber-T-Shirts“ (und natürlich irgendeiner Hose) bestand. T-Shirts, die überhaupt nicht figurbetont waren und genau genommen auch etwas zu groß. T-Shirts, die es im Fünfer-Pack im Kaufland zu kaufen gab. Ich wollte wirklich, soweit es sich vermeiden ließ, nichts anderes tragen! Die große Frage ist: Warum? An meine genauen Beweggründe kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich glaube im Endeffekt ging es darum, dass ich bemerkte, dass ein Großteil meiner Umgebung anfing, mit irgendeiner Mode mitzugehen. Ich bemerkte, dass man theoretisch eine Riesenauswahl an Klamotten und Trends hatte. Und darauf hatte ich keine Lust. Warum sollte ich es mir schwer machen, wenn ich es auch leicht haben konnte? Einfach jeden Tag ein T-Shirt vom Stapel nehmen und wissen, woran man ist. Gar nicht erst anfangen, sich irgendwelche Gedanken über Mode zu machen, die sich sowieso immer wieder ändert.

Einige Jahre nach dieser Phase war es mir eher peinlich, dass ich mich in dieser Phase befunden hatte. Heute schau ich zurück und bin ein wenig stolz auf mich. Denn damals war es mir noch egal, was andere dachten. Ich wollte mir mein Leben nicht mit Klamotten verkomplizieren. Weniger war für mich mehr. Natürlich konnte auch ich als Teenager dem Druck der Mode nicht so ganz standhalten. Ich beendete meine Schlabber-Look-Zeit und versuchte irgendwie, hip auszusehen. Doch das gelang mir lange Zeit nicht wirklich und ich weiß noch, wie viele gedanklichen Kämpfe ich mit mir selbst darüber ausfocht, ob ich mit der Mode mitgehen wollte oder ob ich Shoppen „aus Spaß“ eigentlich komisch fand.

Als Jugendliche lebte ich nicht wirklich minimalistisch. Zwar bin ich nie massenhaft shoppen gegangen, besaß nie zwanzig verschiedene Labellos (ja, das war normal in meiner Jugendzeit) oder Unmengen an CD’s und DVD’s. Dennoch freute ich mich über alles, was dazukam und dachte unbewusst, dass jeder Gegenstand automatisch eine Bereicherung für mein Leben sein würde. Ganz nach dem Prinzip: Mehr ist besser. Das vermittelt unsere Gesellschaft uns schließlich, oder?

In den letzten Jahren veränderte sich einiges in meinem Leben. Neben offensichtlichen äußerlichen Veränderungen hinterfragte ich auch noch einmal ordentlich meine Persönlichkeit, meine Ziele, meine Herangehensweise ans Leben so an sich, meinen Glauben. Neben vielen anderen Erkenntnissen wurde mir immer bewusster, dass ich mich „reizüberflutet“ fühlte. Ich hatte das Gefühl, dass es zu viele verschiedene Bereiche in meinem Leben gab. Zu viele verschiedene Hobbys, denen ich mich nicht mit aller Kraft widmen konnte. Zu viele Freundschaften, in die ich nicht gleichermaßen investieren konnte. Zu viel What’s App, zu viele E-Mails. Zu viele Erwartungen anderer. Zu viel Gesellschaftsdruck. Zu viele Möglichkeiten. Zu viele Kisten auf meinem Kleiderschrank, von denen ich nicht wusste, was überhaupt darin war. Zu viel kitschbunter Schmuck, den ich nicht mehr trug. Einfach zu viel von allem. Ich erkannte: Mehr ist nicht zwingend besser. Jedenfalls nicht für mich. Ich wollte wieder weniger.

Die Lösung dafür fand ich nicht so schnell. Lange Zeit verbrachte ich nur damit, das Problem in verschiedenen Bereichen meines Lebens zu erkennen – und das war wichtig. Einer der Punkte, an dem ich wusste, dass ich definitiv etwas ändern musste, war die Rückkehr aus unserem diesjährigen Urlaub. Nachdem wir eine Woche in einem schlichten, schicken Hotel verbracht hatten, fühlte sich unsere Wohnung zu Hause einfach nur überfüllt und chaotisch an und ich konnte nicht schlafen, bis ich kurzerhand ein paar Dinge aus dem Schlafzimmer verbannte. Zum ersten mal bemerkte ich wirklich, wie viel unnütze Gegenstände ich besaß.

Versteht mich nicht falsch: Minimalismus ist nicht die ultimative Antwort auf meine Probleme. Es ist nicht der eine Lebensstil, der mir alles leichter machen wird. Doch es ist ein Ansatz, der mir hilft, fokussiert zu bleiben und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dies soll der erste Beitrag einer Blog-Reihe zum Thema Minimalismus sein. In den kommen Beiträgen wirst du etwas mehr über meine praktische Herangehensweise erfahren und ich werde ein paar Tipps zum Aussortieren teilen. Doch mehr als das möchte ich dich ermutigen, dich für ein bewussteres Leben zu entscheiden. Hier folgen deshalb abschließend noch einmal zusammengefasst vier Aspekte, die mich von einem minimalistischen Lebensstil überzeugen:

  • Die Welt redet uns ein, dass wir viel besitzen müssen. Dass wir viel konsumieren müssen. Dass wir nur glücklich sein können, wenn wir viel besitzen. Und das ist kein Wunder – Firmen verdienen daran. Doch werde ich dadurch wirklich nachhaltig glücklich? Und will ich wirklich jeder Firma mein Geld hinterherwerfen? Jeder Firma, die ihre Angestellten schlecht bezahlt und ihre Produkte billig, ungesund oder umweltverschmutzend produziert? Nein, ich möchte bewusst gute Produkte auswählen. Und ja, Gutes hat seinen Preis. Demzufolge kann ich nicht mehr so viel kaufen, aber das brauche ich auch nicht, weil Gutes meist länger hält. Bewusst auszuwählen bedeutet, bewusst Gutes zu unterstützen. Weniger zu besitzen bedeutet, in dieses Wenige besser investieren zu können.
  • Ich persönlich kann mich nicht konzentrieren, wenn mein Zimmer voller Dinge ist, zu denen ich keine „Beziehung“ habe. Oft sind sie nur da, weil ich ein schlechtes Gewissen haben würde, wenn ich sie wegschmeißen oder verschenken würde. Doch will ich mir wirklich von Gegenständen ein schlechtes Gewissen einreden lassen? Also weg damit!
  • Weniger zu besitzen bedeutet für mich, mich besser auf die (nicht-gegenständlichen) Dinge konzentrieren zu können, die wirklich Wert haben. Ich erwähnte bereits, dass ich mich in vielen verschiedenen Bereichen reizüberflutet gefühlt habe, wie zum Beispiel bei Hobbys und in Beziehungen. In solchen Bereichen ist es nicht immer so leicht, Überforderungen vorzubeugen. Warum also nicht wenigstens dort reduzieren, wo Überforderung leicht reduziert werden kann?
  • Und letztendlich noch einmal ganz praktisch gedacht: Weniger zu besitzen bedeutet mehr Platz! Mehr Platz auf dem Schreibtisch, mehr Platz im Küchenschrank, mehr Platz im Regal… Irgendeiner dieser Orte platzt bestimmt auch bei dir aus allen Nähten. Und falls du dich auch in so einer Phase deines Lebens befindest, in der du immer mal wieder umziehen musst, erleichtert dich das Aussortieren eventuell um ein paar Kisten.

Was hältst du von einem minimalistischen Lebensstil? In welchen Bereichen fällt es dir persönlich schwer, dich von Gegenständen zu trennen? Schreib mir gern deine Gedanken dazu in die Kommentare!

Constanze

(Photo by Khai Sze Ong on Unsplash)

Veröffentlicht in Gedanken, Motivierendes, Persönlichkeit

Absagen erlaubt! – Wie Grenzen aktiv gestaltet werden können

Manchmal reiht sich alles aneinander: Erst sage ich einer Gruppe Freundinnen für eine gemütliche Mädelsrunde ab, dann cancel ich eine Geburtstagsfeier, lasse einen Kinobesuch ausfallen… Ich bin scheinbar nur dabei, Absagen zu erteilen und nach und nach scheint mir das jeder übel zu nehmen. Aber irgendwie ist es einfach zu viel… Treffen mit Freunden, Projekte in meiner Gemeinde, spontane Besuche, Partys, usw. Es gibt Zeiten, in denen soziale Aktivitäten kein Ende zu nehmen scheinen und aus der Sicht der anderen tun meine Absagen dies gleichermaßen, obwohl ich selbst das Gefühl habe, dauerhaft auf Achse zu sein. Kennst du das?

Geläufigerweise werden Freundes- und Bekanntenkreise doch gern in folgende zwei Kategorien eingeteilt: auf der einen Seite die, die überall mitmischen und auf der anderen die, die nie Zeit zu haben scheinen. Das sind natürlich die Blöden! Die Spaßverderber, Langweiler, Spießer. Da gehör ich jetzt also auch dazu? Komisch, so fühl ich mich aber eigentlich gar nicht.

Und ich behaupte, das liegt daran, dass bei dieser Thematik eine Menge Vorurteile und Missverständnisse im Spiel sind. Vielleicht geht es dir so wie mir und dir ist einfach nicht ständig nach Action. Ein Abend auf der Coach scheint dir heute eben viel verlockender als eine Party, die erst um Mitternacht so richtig losgeht. Vielleicht stehst du aber auch auf der anderen Seite – ganz nach dem Motto „Man lebt nur einmal!“ nimmst du jedes soziale Event mit und engagierst dich nebenbei am besten in drei Projekten auf einmal.

Ich glaube, dass diese verschiedenen Lebenseinstellungen mit unseren ganz persönlichen Grenzen zu tun haben. Inspiriert dazu wurde ich unter anderem durch das Buch „Bis hierher und nicht weiter – Wie Sie sich zentrieren, Grenzen setzen und gut für sich sorgen“ von Rolf Sellin, in dem ich vor kurzem bei einer Freundin gestöbert habe (noch nicht komplett gelesen!). Doch bevor ich näher auf diese Grenzen-Sache zu sprechen komme, möchte ich erst einmal diese Missverständnisse aus meinem Eingangsbeispiel näher betrachten:

Missverständnis Nr. 1 – die Verwechslung von Zeit und Energie

„Sorry, ich kann heute leider nicht mehr vorbeikommen – ich muss lernen, und eigentlich auch endlich mal wieder putzen, das Geschirr abwaschen… Ich hab einfach keine Zeit.“ Wer hört das schon gern? Putzen, das ist doch nun wirklich nicht lebenswichtig! Und solange die Klausur nicht zwei Tage entfernt ist, ist Lernen doch auch nicht so dringend, oder?

Meine These ist, dass solche und ähnliche Aussagen meist jedoch gar nicht so viel mit fehlender Zeit zu tun haben, obwohl das die Wortwahl der Betreffenden vermuten lässt. Häufig ist der wahre Grund für diese Absagen etwas, das ein wenig schwerer greifbar ist: Energie – und in diesem Fall: fehlende. Hast du schon einmal jemanden sagen hören: „Sorry, ich kann heute Abend leider nicht kommen, ich habe nicht genügend Energie“? Aus meiner Erfahrung liegt die Seltenheit solcher Aussagen darin begründet, dass fehlende Energie einfach kein allgemein anerkannter Grund für eine Absage ist. Denn Aussagen wie „Ich bin schon ziemlich müde“ oder „Ich hatte einen langen Tag und muss erst einmal ausruhen“, welche auf fehlende Energie hinweisen, werden schnell abgestempelt als Spaßverderberei oder gar fehlendes Interesse. Wir trauen uns also nicht, so etwas zu sagen und gerade als junger Mensch ist es manchmal schwer, sich in solch einem Fall zu rechtfertigen. Der lahme Spruch „Schlafen kannst du, wenn du tot bist“ wird beispielsweise gern als Totschlagargument in der Kneipe gebraucht, wenn man kurz davor ist, sich vom Acker zu machen. Stattdessen sagen wir also lieber, dass wir keine Zeit haben, in der Hoffnung, dass dies keine Vorwürfe zur Folge hat – denn gegen fehlende Zeit kann man schließlich nichts machen, oder? Nach meiner Erfahrung durchblicken die meisten jedoch, dass es sich dabei um Ausreden handelt. Und dann geht das Spekulieren los: „Der hat doch einfach keine Lust auf uns!“ Wäre ehrlich sein also vielleicht doch besser?

Es ist unglaublich wichtig, dass wir endlich anerkennen, dass fehlende Energie durchaus ein berechtigter Grund ist, um eine Absage zu erteilen. Wenn wir uns ausgelaugt fühlen – und sei es nur geistig! – sind wir weniger in der Lage, gute Unterhaltungen zu führen und sozial zu interagieren. Und hier kommt der Clou: Diesen Zustand erreicht jeder Mensch unterschiedlich schnell. Jeder hat seine ganz eigene Grenze, bis zu der er soziale Interaktionen genießen kann, bevor er innerlich auslaugt ist. Nur weil ich nach einem langen Arbeitstag keine Lust mehr auf einen Kneipenabend habe, muss das für einen anderen nicht genauso sein. Eine völlig falsche Interpretation wäre es jedoch, zu behaupten, dass mir meine Freunde demzufolge weniger wichtig wären. In den meisten Fällen liegt es lediglich an meinem leeren Energie-Tank. Und das führt mich zu…

Missverständnis Nr. 2 – Extrovertiert vs. Introvertiert

Dieses Thema habe ich schon einmal in meinem ersten Blog-Beitrag thematisiert. Seitdem ich mich genauer damit beschäftigt habe, was Extro- und Introvertiertheit bedeutet, wurden meine Augen entscheidend für ganz alltägliche Missverständnisse geöffnet, die häufig darauf zurückzuführen sind, dass Menschen ihre Unterschiedlichkeit in diesem Bereich nicht anerkennen.

Viele glauben, dass Extrovertierte per se sozialere, redegewandtere, „lautere“ Menschen sind – Introvertierte dagegen die Schüchternen, Ruhigen, weniger sozial Kompetenten. Dies stimmt so nicht! Extro- und Introvertiertheit sagt nämlich lediglich etwas darüber aus, wo und wie wir Energie auftanken, wodurch wir uns also wieder belebt, aktiv und gut fühlen. Und dies ist der entscheidende, zu selten berücksichtigte Unterschied: Extrovertierte tanken Energie durch das Zusammensein mit anderen Menschen und Introvertierte durch Zeiten mit sich selbst. Sicherlich geht das häufig damit einher, dass Extrovertierte selbstbewusster auftreten und Introvertierte eher schüchtern wirken. Oft ist das jedoch nur der äußere Schein!

Ich erfahre dieses Klischee-Denken häufig selbst. In manchen Kreisen trete ich sehr ruhig und zurückhaltend auf, woraus geschlussfolgert wird, dass ich schüchtern bin oder einfach nicht so viel zu sagen habe. Vielmehr hat es jedoch damit zu tun, dass ich gern erst einmal beobachte und mir eine Meinung bilde. Menschen, die mich gut kennen und Kreise, in denen ich mich wohl fühle, erleben mich dagegen ganz anders: denen fällt es eher schwer zu glauben, dass ich introvertiert bin. Denn ehrliche, offene soziale Interaktion macht mir unglaublich viel Spaß! Und dennoch – ich tanke Energie in der Einsamkeit. Nach einer langen Feier bin ich ausgelaugt und habe viele Eindrücke zu verarbeiten. Dafür muss ich allein sein. Extrovertierte Menschen sind dagegen umso energiegeladener, nachdem sie gute Gespräche geführt und das Zusammensein mit Freunden genossen haben. Sie können dann häufig umso motivierter die nächste Herausforderung anpacken.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch in eine der beiden Richtungen tendiert. Und selbst, wenn du dich in verschiedenen Bereichen unterschiedlich erlebst – wünschst du dir nicht, dass andere Menschen deine persönliche Art und Weise, Energie zu tanken, anerkennen? Es ist wichtig, zu erkennen dass Verschiedenheit manchmal nicht so schnell und einfach nachzuvollziehen und dennoch okay ist, ja sogar bereichernd. Und manchmal liegt sie eben auch in etwas so negativ Klingendem wie „Grenzen“.

Was sind deine persönlichen Grenzen?

Das Bedürfnis abzusagen, und es doch nicht zu tun, ein leerer Energietank, ein zu langer Kneipenabend… Das sind nur Beispiele dafür, dass wir manchmal Schwierigkeiten haben, uns erfolgreich von anderen abzugrenzen und zu uns selbst zu stehen. Denn leider nehmen wir es häufig als etwas Negatives war, auch einmal „nein“ zu anderen zu sagen.

Versuch einmal, dir folgende oder ähnliche Fragen zu stellen: Wie viel Zeit kannst du mit anderen Menschen verbringen, bevor es dir zu viel wird? Wie oft willst du allein sein? Wie durchgehend möchtest du erreichbar sein? Bleibst du manchmal länger bei einer Feier, als dir lieb ist, nur um nicht als Spaßverderber da zustehen oder den Gastgeber zu kränken?

Für mich waren solche Fragen sehr wertvoll, um zu erkennen, dass ich manchmal überhaupt nicht auf meine persönlichen Grenzen achte. Oft weiß ich zwar, was ich will und was mir gut tut, setze es jedoch nicht um. Und was sind die Folgen davon? Wenn ich irgendwo hingehe, obwohl ich gar keine Energie mehr habe oder irgendwo länger bleibe, obwohl ich fast einschlafe, hat das meist nur negative Auswirkungen. Ich bekomme nach und nach schlechte Laune, fühle mich ausgelaugt und überhaupt nicht mehr gesellig – und Geselligkeit sollte doch eigentlich der Sinn der Sache sein. Es nützt also niemandem etwas, wenn wir unsere eigenen Grenzen nicht respektieren.

Andersherum geht es jedoch auch nicht darum, die eigenen Grenzen lediglich abzustecken und sich dann im sicheren Umfeld zu isolieren. Vielmehr hilft es, die eigenen Grenzen ganz bewusst gestalten.

Was es bedeutet, Grenzen aktiv zu gestalten

Zuerst einmal sollten wir nicht davon ausgehen, dass andere Menschen automatisch verstehen, wo unsere Grenzen liegen. Es kann beispielsweise nicht jeder sofort sehen, ob du extro- oder introvertiert bist. Deswegen müssen wir klar kommunizieren, wenn eine Grenze überschritten wird. In meinem oben genannten Beispiel der Absagen würde das also bedeuten, dass wir bewusst zu unserer fehlenden Energie stehen (natürlich auch zu unserer fehlenden Zeit, wenn das tatsächlich der Fall ist). Es ist okay, wenn wir sagen: „Ich hätte zwar theoretisch Zeit, aber ich brauche mal wieder ein wenig Zeit nur für mich.“ Sicherlich, viele werden erst einmal verdutzt sein, wenn du so etwas sagst und nicht einmal versuchst, dich zu rechtfertigen. Aber du wirst dadurch automatisch greifbarer für andere! Vielleicht verstehen deine Freunde es nicht beim ersten Mal, aber nach und nach werden sie begreifen, wie du tickst und können besser mit deinen persönlichen Grenzen umgehen. Außerdem steigerst du dadurch dein Selbstbewusstsein und wirst höchstwahrscheinlich auch als selbstbewusster wahrgenommen.

Doch es geht nicht nur darum, immer „nein“ zu sagen (obwohl es manchmal auch nötig sein kann, erst einmal in diese Richtung zu „trainieren“, um ein Gefühl für dieses Wort zu bekommen). Wenn wir in der Lage sind, zu erkennen, wann uns etwas zu weit geht und wissen, wo unsere Grenzen liegen, können wir auch den Spielraum innerhalb dieser Grenzen besser ausnutzen und sogar erweitern! Dies müssen wir jedoch selbst aktiv tun. Wenn wir unsere Grenzen nämlich nur passiv von anderen einrennen lassen, verlieren wir nach und nach das Gefühl der Selbstwirksamkeit und werden im schlimmsten Fall schlecht gelaunt und aggressiv.

Rolf Sellin zeigt in seinem Buch auf, dass wir dann am erfolgreichsten unsere Grenzen erweitern können, wenn wir uns kurz vor deren Überschreitung bewegen, wenn wir also bis „an unsere Grenzen“ gehen. Stell dir beispielsweise vor, du hast einen Freund, der sich ständig mit dir treffen möchte. Du hast jedoch oft keine Lust, weil du weißt, dass dieser Freund zwar sehr nett, aber eine ziemliche Plappertasche ist und du bist dagegen eher der ruhige Typ. Ein Treffen mit ihm raubt dir immer sehr viel Energie, weswegen du dir Ausreden einfallen lässt, um ihn abzusagen. Auf Dauer wird das jedoch sehr frustrierend, weil du die ganze Zeit das Gefühl hast, dass dir jemand deine Grenzen einrennt. Auch dein Freund wird wahrscheinlich irgendwann traurig sein, weil er früher oder später durchschaut, dass du nur Ausreden parat hast. Was könntest du stattdessen tun?

Wenn du wirklich keine Kraft für ein Treffen mit deinem Freund hast, dann sag ihm ab und sei ehrlich. Doch es wird sicherlich auch wieder eine Zeit kommen, in der du Energie übrig hast. Und dann nutze diese Zeit! Auch wenn du weißt, dass es anstrengend sein könnte, lade deinen Freund ganz bewusst dann ein, wenn du dich energiegeladen genug fühlst, dich auf das Treffen einzulassen – wann auch immer das für dich ist. Vielleicht wird es dich an deine Grenzen bringen, aber du hast im Vorhinein selbst einen Zeitpunkt gewählt, an dem dich diese Grenzerfahrung nicht „ausknockt“. Du hast sie selbst bewusst gestaltet und konntest dich so besser auf deinen Freund einlassen. Vielleicht wird es dadurch beim nächsten Mal schon viel leichter, weil du ihm ohne verdeckte Frustration begegnen konntest. Und vielleicht auch ein wenig mehr plappern konntest?

Grenzen zu ziehen ist für viele, und ich bin darin absolut eingeschlossen, jedoch keine leichte Sache. Oft ist es nämlich schon schwer genug, erst einmal selbst zu erkennen, wo das persönliche „bis hierher und nicht weiter“ überhaupt liegt und zu akzeptieren, dass das nicht komisch ist, auch wenn viele anders ticken.

Kennst du solche Grenzerfahrungen? Fühlst du dich auch manchmal im Freundeskreis unverstanden – oder werden deine Grenzen eher in anderen Bereichen überschritten? Dies ist ein sehr weites, komplexes Thema und ich würde mich freuen, von deinen Erfahrungen zu lesen!

Constanze

 

Veröffentlicht in Persönlichkeit

Wer sagt mir, wie ich bin?

Kennt du das: diese Situationen, in denen andere Leute behaupten, dich besser zu kennen als du dich selbst? Oder zumindest scheint es so. Dieser Moment, wenn jemand etwas über dich sagt – einfach so, aus dem nichts: „Du bist ja so ruhig!“ oder „Du bist wohl immer so aufgedreht?“ oder „Du bist ganz schön frech“ oder…

Ich habe viele Erinnerungen an solche Gespräche und Situationen, in denen Menschen versucht haben, mich einzuschätzen. Interessanterweise sind diese Erinnerungen ziemlich lebendig. Ich glaube zu wissen, warum. Ich bin lange Zeit ein wenig verwirrt gewesen, wenn es darum ging, die Frage „Wer bin ich?“ zu beantworten oder genauer zu beschreiben, woraus sich meine Persönlichkeit zusammensetzt. Wo liegen meine Stärken und meine Schwächen? Was macht mich grundsätzlich aus? Es war interessant und oft erstaunlicher, zu hören, wie andere mich einschätzten:

Ich dachte eigentlich immer, dass ich ziemlich brav bin – bis jemand sagte, ich sei frech. Ich dachte, dass ich zurückhaltend bin – bis jemand sagte, ich sei direkt. Ich glaubte, dass ich schlecht einzuschätzen bin – bis jemand behauptete, ich sei durchschaubar. Also wer bin ich jetzt eigentlich?

Zurzeit befasse ich mich gern mit persönlichkeitspsychologischen Themen und bin dabei in einer Zeitschrift (PSYCHOLOGIE HEUTE compact, Heft 48) auf folgende Aussage in einem Artikel von Heiko Ernst gestoßen: „Wir leiten und lesen aus unserem Verhalten ab, welche Eigenschaften wir haben: Ich bin das, was ich tue, und ich bin so, wie ich es tue.“ Genau das hatte ich immer versucht. Doch wenn unser Verhalten nicht immer so gleich ist, kann uns das durcheinander bringen. So erklärt der Artikel auch weiter: „Diese Theorien sind nicht falsch, aber unvollständig.“ Es reicht also nicht aus, lediglich das eigene Verhalten zu betrachten. Da kommen noch die anderen ins Spiel. Denn oft  ziehen wir nicht nur durch unsere eigene Einschätzung Rückschlüsse über uns selbst. „Wir beobachten, wie andere auf uns reagieren – und schließen daraus, wie wir sind.“ Doch die anderen reagieren nicht nur. Sie ziehen auch Rückschlüsse über uns.

Nach Heiko Ernst gibt es vier Zugänge, aus denen sich unser Selbstbild zusammensetzt: Es gibt die offensichtlichen Dinge – die, die jeder sieht. Wir sind zum Beispiel ängstlich oder lebhaft, haben Meinungen und Vorlieben, die wir offen zu Schau tragen und die uns bewusst sind. Dann gibt es Dinge, die nur wir selbst über uns wissen – Gefühle und Gedanken, die nur uns zugänglich sind. Dies ist also unser Innenleben. Außerdem besitzen wir Eigenschaften, die andere an uns sehen, wir jedoch nicht erkennen, wie zum Beispiel Geschwätzigkeit. Und letztendlich sind da noch Impulse und Motive unserer Persönlichkeit, die weder uns selbst noch anderen bewusst sind.

So viel zur Theorie. Was bringt uns das ganz praktisch? Mir persönlich hat es ein wenig dabei geholfen, zu verstehen, wie ich all die Jahre an die Frage „Wer bin ich?“ herangegangen bin. Es hat mir deutlich gemacht, dass ich mich ziemlich lange in einem Ungleichgewicht zwischen diesen vier Zugängen befunden habe und einige gar nicht als entscheidende Wege, mich selbst zu verstehen, erkannt habe. Lange Zeit habe ich nämlich dem Offensichtlichen – dem, was andere Leute sehen konnten – zu viel Bedeutung beigemessen. Ich habe lediglich mein Verhalten und wie ich auf andere wirke beobachtet. Doch das allein hat mich in die ein oder andere Sackgasse geführt. Wenn ich zum Beispiel in einer Gruppe eher schüchtern auftrat und dementsprechend weniger wahrgenommen wurde, dadurch also eher nicht zu den “Coolen” gehörte, zog ich die Schlussfolgerung, dass das eine Tatsache war. “Cool” war also etwas, was ich niemals sein würde. Dabei vergaß ich jedoch, dass es bestimmte Eigenschaften an mir gibt, die für die Außenwelt schwerer zu sehen sind.

Und doch erklärt Heiko Ernst, dass so mancher durchschaubarer sein kann als ein anderer. Dies liegt an verschiedenen Eigenschaften, die schlicht schneller hervorstechen. So sind es “vor allem extravertierte, emotional stabile, warmherzige und in ihrem Verhalten konsistente Charaktere”, die durchschaubarer sind. Diese Merkmale würden als eine Art Verstärker dienen, da sie andere Persönlichkeitsmerkmale sichtbarer machen.

Es ist wichtig zu erkennen, dass andere Menschen uns meist nicht zu Genüge einschätzen können und wir somit von diesen Wertungen nicht abhängig sind. Jedoch kann es auch naiv sein, dieses Fremdbild völlig zu ignorieren, nur weil es mit dem Selbstbild nicht zusammenpasst. Die Erklärung “Der kennt mich einfach nicht gut genug!” liegt nahe. Aber was, wenn diese Fremdeinschätzung etwas über uns sagt, was wir selbst noch nicht wussten (dritter Zugang)? Wir sollten nicht zu schnell sein, diese Einschätzungen abzutun. So sagt Ernst zum Beispiel, dass Ehepartner die genauen Grade an Angst, Ärger, Dominanzstreben, Selbstisolation und Rückzug viel genauer einschätzen können als Betroffene selbst. Sie seien dadurch sogar eher geeignet, ein Herzinfaktrisiko vorherzusagen!

Nachdem ich den Artikel von Heiko Ernst komplett gelesen habe, frage ich mich, was er nun konkret für mein Leben bedeutet. Mir persönlich wird deutlich, dass ich mich weniger stressen muss, um die Frage “Wer bin ich?” zu beantworten. Denn wenn andere mich falsch einschätzen, kann ich entspannt wissen, dass ich es selbst oft besser weiß. Und doch kann ich mir Feedback bei meinen Mitmenschen einholen, wenn ich mir selbst unsicher bin, wie ich auf andere wirke. Denn wir können eben doch manchmal überraschend anders sein, als wir selbst denken. Die Frage “Wer bin ich?” wird dadurch für mich eher zu einem “Wie bin ich?” – denn meine Persönlichkeit ist wandelbar und muss gar nicht immer so gleich sein. Letztendlich definiert sie mich nie endgültig. Und um noch einmal Heiko Ernst zu zitieren: “Wir vergessen nämlich, dass jeder selbst Schauspieler auf einer Bühne und viel zu sehr mit der eigenen performance beschäftigt ist.” Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir uns ständig gegenseitig genauestens beobachten und einschätzen, denn wir konzentrieren uns meist viel zu sehr darauf, wie wir selbst rüberkommen. Da komme ich nicht umhin, mein “Ich” ein wenig zu belächeln. Als Schauspieler sollten wir uns vielleicht nicht immer all zu ernst nehmen.

Constanze

(photo by TeroVesalainen)

Veröffentlicht in Motivierendes, Persönlichkeit

Wie viel Anpassung ist zu viel Anpassung?

In meinen letzten Blog-Beiträgen habe ich viel darüber geschrieben, begeistert von etwas zu sein. Ich habe geschrieben, dass ich begeistert von der Begeisterung bin – von Menschen, die eine Leidenschaft für etwas haben und sich wagen, zu träumen. Und dass ich selbst wieder angefangen habe, zu träumen.

Dabei habe ich jedoch sorgfältig verschwiegen, wie schwer es mir fällt, dies nach außen zu tragen und tatsächlich auch zu zeigen. Sogar meine beste Freundin war erstaunt, als ich ihr offenbarte, dass ich innerlich vor Begeisterung für etwas manchmal fast platze. Als ich bemerkte, dass nicht einmal ihr – die mich doch sonst so gut kennt – diese Seite an mir bewusst war, wusste ich, dass irgendwo ein Stückchen meiner Authentizität verloren gegangen war.

Ich dachte darüber nach, wieso so viele Menschen meine Begeisterung für etwas nicht sehen können und kam relativ schnell zu einer plausiblen Antwort: Ich passe mich an. Egal, wo ich bin und welche Menschen mich umgeben, bin ich ganz gut in der Lage, mich in das Umfeld einzufügen. Ich erkenne, was die Menschen um mich herum beschäftigt und kann mich gedanklich dann in diese Themen hineinbegeben. Das habe ich bisher als Stärke betrachtet und das ist es sicherlich auch. Anpassung ist wichtig. Doch nun sehe ich, dass es ein wirklich schmaler Pfad zwischen Empathie und zu viel Anpassung ist. Wie viel Anpassung ist also zu viel?

Manchmal blicke ich auf meine Schulzeit zurück und frage mich, was da geschehen ist. Viele können entweder sagen, dass sie generell gern zur Schule gegangen sind oder überhaupt nicht. Für mich ist es keines von beidem. Aber eines weiß ich: Am Tag der Abiturzeugnis-Übergabe habe ich mich tatsächlich ganz klischeehaft frei gefühlt und war froh, diesen Abschnitt hinter mich gebracht zu haben. In der Gesamtheit bewertete ich die Schulzeit deswegen oft nicht so gut – aber das ist schade, denn es gab auch wirklich schöne Erlebnisse.

Deswegen habe ich eine neue Theorie aufgestellt: Die Schulzeit war für mich eine Zeit der Anpassung und deshalb war es so anstrengend – und so befreiend, als es vorbei war. Denn aus meiner Sicht gehörte ich weder zu den „Coolen“ noch zu den „Uncoolen“, ich war nicht klar einsortierbar als „langweilig“, „Party-Girl“, „Streber“ oder ähnliches (okay, vielleicht ein bisschen „Streber“). Ich bewegte mich zwischen den Extremen und schwankte immer mal wieder von einer zur anderen Seite. Was war das für ein Balance-Akt! Es war der verzweifelte Versuch, nirgendwo ausgestoßen zu werden. Heute weiß ich, dass diese Anpassung zu weit ging. Sicherlich war mein „wahres Ich“ immer mal wieder zu sehen, aber ich habe nicht konsequent zu meinen Einstellungen, Interessen und Werten gestanden. Besonders Lehrer hatten oft ein völlig falsches Bild von mir, weil ich in ihrem Unterricht verschiedene Rollen annahm, um mein Inneres abzugrenzen. Ich war zum Beispiel die „Zurückhaltende, Emotionslose“, wenn ich wusste, dass man mich eh nicht verstehen würde oder die „Aufmüpfige, Freche“, wenn man mich unterschwellig provozierte. Es waren Schutzmechanismen und es gab leider wenige Lehrer, die diese durchbrechen konnten.

Was bewirkte diese Abgrenzung – dieser scheinbare Schutzmechanismus? Denn der Schutz-Effekt war rein oberflächlich. Er ließ mich etwas aushalten, aber er brachte mich nicht weiter. Er ließ mich vergessen, wo meine wahren Interessen lagen und wofür ich mich wirklich begeisterte. Fächer, die ich von der Sache her eigentlich mochte, wurden dadurch zu einem „Augen zu und durch“.

Ich musste also noch ganz schön viel zum Thema „Ich selbst sein“ lernen, als ich die Schule verließ. Es ist sehr schade, dass ich meine Begeisterung für verschiedene Themen nicht zeigte, nur weil ich Angst hatte, dass andere davon gar nicht begeistert sein oder kein Interesse zeigen könnten. Denn mittlerweile weiß ich, dass Begeisterung davon lebt, dass man sie teilt. Nicht, weil andere Menschen sich für dasselbe begeistern müssen, aber weil es uns lebendig werden lässt und nicht zuletzt, weil wir dadurch für andere greifbar werden. Wenn wir nicht zeigen, was uns begeistert (und was nicht), dann wissen unsere Mitmenschen nicht, woran sie an uns sind. Eine meiner wichtigsten Lebenslektionen ist deshalb: Es ist besser, wenn Menschen wissen, wovon du überzeugt bist und dem nicht zustimmen, als dass sie nichts wissen. In meinem Fall gilt dies sowohl für meinen Glauben als auch für meine Interessen, Hobbys und beruflichen Vorstellungen. In der Schule wussten viele im Grunde nichts über mich und wussten deswegen auch nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. Meine jetzige Erfahrung zeigt: Die meisten werden dich nicht wegstoßen, wenn du ehrlich zu dir stehst. Und die, die es tun, müssen nicht unbedingt zu deinen Freunden werden.

Nachdem ich meinen Mann heute mit den Details dieser Erkenntnis wasserfallmäßig zugetextet hatte, sagte er zu mir „Manchmal ist es einfach faszinierend, dir zuzuhören, wenn du so begeistert und schnell von etwas redest.“ In dem Moment wurde mir bewusst, dass es genau das ist, was ich nicht aufgeben darf. Diese Begeisterung, die es aus mir sprudeln lässt. Bei meinem Mann habe ich keine Angst, dass er mich wegstößt und das ist gut so. Aber ich sollte nicht nur zu Hause ich selbst sein können.

Deine Überzeugungen, deine Ideen und deine Begeisterung machen dich interessant. Deshalb versteck sie nicht – deine Mitmenschen können dich besser verstehen, wenn du sie zeigst und manche wirst du sogar anstecken und inspirieren. Und es nutzt nicht nur anderen, sondern vor allem dir selbst. Wir sind viel motivierter, etwas in die Tat umzusetzen, wenn wir es aussprechen und mit anderen teilen.

Anpassung ist also dann zu viel Anpassung, wenn wir gar nicht mehr so genau wissen, wer wir sind und was uns ausmacht. Zeige anderen, wer du bist! Dann wirst du es auch selbst nicht vergessen.

Constanze

(photo bei José Martín)