Veröffentlicht in Gedanken, Lifestyle

Müßiggang – vom Wiederentdecken eines altmodischen Wortes

Urlaubszeit ist Zeitschriftenzeit – zumindest bei mir. Natürlich haben wir noch eine Menge Zeit am Flughafen, bevor wir uns durch den Sicherheitscheck wagen und suchen somit den einzig vorhandenen Zeitschriften- und Buchladen auf. Und ja, trotz Handy bin ich da noch ganz altmodisch und lese Artikel gern auf Papier, wenigstens ein paar Mal im Jahr.

Ich suche allerdings nicht irgendeine Zeitschrift. Ich brauche natürlich eine schrecklich inspirative! Doch sie darf auch nicht ausschließlich Trend-Themen wie Minimalismus oder Achtsamkeit enthalten. Es muss der perfekte Mix aus Zeitgeist und neuem, unerwartetem Input sein. (Ganz recht. Ich liebe es, aus Kleinigkeiten eine Wissenschaft zu machen.) Die „flow“ ist immer mal wieder im Rennen, manchmal auch „Psychologie heute“, doch in letzter Zeit häufiger die „einfach.sein“. Ich blättere sie durch und die meisten Artikel sprechen mich auf Anhieb an. Im Flugzeug versinke ich in den Seiten und kann darüber gerade so vergessen, dass ich ziemlich Durst habe und es für ein Unding halte, sogar für Wasser bezahlen zu müssen. (Selbst Schuld, wenn ich mich nicht im Vorhinein über die Airline informiere.)

Ich stoße auf einen Artikel, in dem ich mich auf besondere Weise wiederfinde. Es geht darum weniger zu machen, um mehr zu erreichen. Es geht um Pausen, altmodisch ausgedrückt „Müßiggang“. Ich mag solche altmodischen Begriffe. Manchmal drücken sie viel besser aus, was wir eigentlich meinen. Das Wort „Pause“ ist meiner Meinung nach ein wenig verkommen. Damit drücken wir aus, dass wir uns mit einem überfüllten Teller Nudeln auf die Couch fläzen und Serien schauen oder stundenlang auf Instagram herumscrollen. Oder wir meinen eine kurze Essenspause auf Arbeit – schnell etwas hineinschieben, weiter geht’s.

Müßiggang ist etwas ganz anderes. Wikipedia sagt: Müßiggang (…) bezeichnet das Aufsuchen der Muße, das entspannte und von Pflichten freie Ausleben, nicht die Erholung von besonderen Stresssituationen oder körperlichen Belastungen.“ Oha! Beim Müßiggang geht es um das bewusste Entspannen und zwar nicht erst an einem Punkt, an dem Erholung nötig ist, sondern bereits davor. Nichts Produktives tun und Gedanken schweifen lassen, wenn der Energietank noch nicht leer sondern noch genügend Energie vorhanden ist, um diese Pause aktiv durchzuführen.

In dem Artikel geht es darum, dass wir diesem Müßiggang zu wenig Raum geben und wie sehr er gerade für kreative Menschen notwendig ist, um Inspiration für die Arbeit zu sammeln. Große Wissenschaftler und Künstler, wie zum Beispiel Leonardo da Vinci, sollen wohl lang nicht 40 Stunden pro Woche gearbeitet und stattdessen lieber ausgedehnte Spaziergänge oder Ähnliches gemacht haben. „Die größten Genies erreichen manches Mal mehr, wenn sie weniger arbeiten“, sagte da Vinci selbst. Die Schreiberin des Artikels geht darin über zu analysieren, ob das nicht sehr faul ist und kommt schnell zu dem Schluss, dass wir in unserer heutigen Beschleunigungs-Gesellschaft nur leider etwas völlig anderes eingetrichtert bekommen haben. Mich braucht sie überhaupt nicht überzeugen. Preach it, sister!, denke ich: „Muße ist die Voraussetzung für Einfallsreichtum. Denn während wir an nichts Bestimmtes denken, unsere Gedanken schweifen lassen, ist unser Gehirn hochaktiv. Im sogenannten Default Mode Network tüftelt es an Problemen weiter, beseitigt, was uns beim Denken behindert, und entwickelt neue Lösungen.“ (Isabel Adolf, einfach.sein, 2/2018, S. 90 f.) Gute Ideen bleiben im Unterbewusstsein, wenn wir keine (echten) Pausen einlegen. Und mal ehrlich: wer kommt auf eine zündende Idee, wenn bereits stundenlange Arbeit hinter einem liegt und nur noch zwanghaft bis zum Feierabend durchgehalten werden muss?

Das beste Beispiel: die Dusche! Ich bin sicherlich nicht die einzige, die unter der Dusche vor sich hin träumt und das ein oder andere Licht aufgehen sieht. Wie schade ist es, dass genau dieser Müßiggang, diese Aktivität des Unterbewusstseins lediglich auf Momente wie die Dusche oder die Fahrt im Auto beschränkt ist? Zeiten, die wir nicht bewusst wählen. Was würde passieren, wenn ich mir bewusste Pausen nehme? An einem Zeitpunkt, an dem es noch nicht „zu spät“ ist? An dem ich nicht schon halb einschlafe oder fast verhungre? (Zum bewussten und regelmäßigen Pause machen kann ich übrigens auch folgenden Blogpost von Sarah vom Blog „honigdusche“ empfehlen: „Wie wäre es mit einer Pause? // Routinen einer Rebellin“ Dort geht es darum, einmal in der Woche 24 Stunden lang nur Dinge zu tun, die Freude machen.)

Wenn ich genauer darüber nachdenke, so fallen mir ein paar Situationen ein, in denen ich mir ganz automatisch eine Pause für Müßiggang genommen habe. Wenn ich zum Beispiel einen „kreativen Flow“ habe und sich ein Blog-Beitrag wie von selbst schreibt gelange ich manchmal ganz plötzlich an den Punkt, an dem ich merke: Ich sollte genau jetzt eine Pause machen, auch wenn ich voll drin bin. Aufhören wenn es am schönsten ist, sozusagen. Dann stehe ich auf, laufe ein wenig durch die Wohnung, mache irgendetwas anderes. Mein Kopf hört auf, sich bewusst zu konzentrieren, lässt die Gedanken einfach schweifen und kann dennoch im Unterbewusstsein an der Sache weiterarbeiten, da vorher noch keine völlige Erschöpfung eingesetzt hat. Der Wiedereinstieg fällt dadurch leicht!

Ich glaube, dass genau darin dass Missverständnis unserer heutigen Zeit liegt: „Wenn ich eine Pause einlege, ist es vorbei und ich kann meine Konzentration nicht wie vorher wieder zurückerlangen. Deshalb lieber keine oder nur wenig kurze Pausen.“ Das trifft allerdings nur für die Pausen zu, die der konkreten Erholung dienen, wenn ich mich bereits überarbeitet habe. Denn ja, wenn ich völlig erschöpft eine Pause einlege, dann ist die Wahrscheinlichkeit, daraufhin wieder voll konzentriert zu arbeiten, recht gering. Dann brauche ich schon eher ein ganzes Wochenende oder sogar einen Urlaub zur Erholung. Der Gedanke, diese Überarbeitung gar nicht erst zuzulassen und Müßiggang mehr in den Alltag zu integrieren, fasziniert mich. Eine Pause einzulegen, wenn ich gerade in Schwung bin – das erfordert Mut und ist nicht faul. Ganz im Gegenteil: Es steigert die Produktivität. Lesen, spazieren gehen, Musik machen, beim Essen ein Hörbuch hören… Das sind Dinge, die ich persönlich als Müßiggang bezeichnen würde und für mich mehr sind als Erholung. Es sind die Dinge, die mich inspirieren. Aktivitäten, nach denen ich gern wieder meine (bezahlte oder unbezahlte) Arbeit aufnehme.

„Je regelmäßiger, desto besser“, steht im Artikel und verweist auf gesunde Routinen. Und dann folgt ein Satz, den ich dringend hören musste: „Auch neurologische Studien belegen, dass Routinen Kreativität fördert – wenn wir selbst entscheiden können, wie wir unseren Tag einteilen.“ Ich habe mich immer zu Routinen hingezogen gefühlt und war doch frustriert, wenn sie mir von Außen vorgegeben wurden – Schule, Arbeit, … Wenn ich selbst keinen Sinn in einer Routine sah, war sie zum Scheitern verurteilt. Daraus schloss ich zeitweise, dass Routinen völlig unnötig sind. Heut weiß ich, dass die selbstbestimmten Routinen mir den perfekten Rahmen geben, um meine Kreativität auszuleben. „Na toll“, wirst du jetzt vielleicht denken. „Leider kann ich auf Arbeit nicht einfach dann Pausen machen, wann ich will.“ Aber auch mit unserer Freizeit können wir selbstbestimmt umgehen. Wer vielen Hobbys nachgeht, sich um Haus und Hof kümmern muss oder ehrenamtlich tätigt ist kennt sicherlich das Gefühl, dass Freizeit eher unbezahlter Arbeit gleicht. (Hier kannst du mehr über meine persönliche Definition von Arbeit lesen.) In diesen Bereichen können wir anfangen, uns häufiger für Müßiggang statt Überforderung zu entscheiden.

So sitze ich also im Flugzeug und freue mich bereits jetzt wieder darauf, meine selbstausgesuchten Routinen umzusetzen und gnädiger mit mir zu sein, wenn ich keinen 8-Stunden-Tag habe und stattdessen ein bisschen mehr Muße. Der Artikel bestätigt mich in meinem Vorhaben, früh aufzustehen, um die ersten Stunden des Tages selbstbestimmt zu gestalten und am Abend frühzeitig den Kopf wieder abzuschalten. (Viele Schriftsteller halten wohl gerade die Morgenstunden für die kreativste Phase des Tages.) Ich freue mich darauf, den Sonntag wieder mehr zu einem Tag des Müßiggangs zu machen und statt Netflix einzuschalten öfter zum Buch zu greifen.

Ich glaube, ich bin wirklich der einzige Mensch, der bereits auf dem Hinweg in den Urlaub gern wieder an den Alltag zu Hause denkt.

Constanze

Veröffentlicht in Gedanken

Dieses Frühaufstehertum

Ich stehe nicht gern früh auf. Wer tut das schon? Aber seit geraumer Zeit muss ich es wieder tun, jeden Tag in der Woche.

Mir ist bewusst, dass es in Deutschland das Normalste auf der Welt ist, 6 Uhr das wohlig warme Bett zu verlassen, aber ich schätze mal, dass jeder Student diese Normalität für mindestens drei Jahre lang wieder vergisst – so auch ich. Das, was in der Schule eigentlich schon normal war, wird wieder „grausam“, „unmenschlich“ oder wie man eben sonst dieses normale „Frühaufstehertum“ auf völlig übertriebene Art und Weise in Frage stellen will.

Aber ist das überhaupt so normal? Vor wenigen Tagen las ich zwei verschiedene Artikel darüber, dass genau das eigentlich nicht der Fall ist. Deutschland steht angeblich generell zu früh auf und dies sei aus gesundheitlicher Sicht gar nicht mal so klug. Dass zum Beispiel Schulen bereits halb acht starten, täte wohl niemandem einen Gefallen.

Nun, ich habe mich mit empirischen Belegen dazu nicht weiter auseinandergesetzt. Ich habe mich nur weiter geärgert und gefragt, warum wir das denn dann trotzdem alle so machen. Bis ich festgestellt habe, dass mir das auch nichts bringt. Also habe ich beschlossen, das Beste aus meinem frühen Morgen zu  machen. Ich war überzeugt, dass es doch einen Weg geben müsste, den Morgen so zu gestalten, dass es mir zumindest ein bisschen Freude macht, zeitig aufzustehen.

Doch es gelang nicht wirklich. Ich wollte früh genug aufstehen, um noch zu lesen und in Ruhe zu frühstücken, doch die Motivation dafür war nach einigen Tagen nicht mehr vorhanden. Ich beschloss, doch einfach wieder länger zu schlafen und dann nur kurz das Nötigste zu machen, um danach hektisch los zu sprinten – doch das war auf die Dauer auch nicht zufriedenstellend. Ich stellte meinen Wecker wieder auf eine frühere Zeit, denn eigentlich war ich überzeugt, dass ein entspannter Morgen zu einem entspannten Gemüt und somit zu einem besseren Tag führen würde. Dieses Mal nahm ich mir vor, mich mit irgendeinem Motivationssprüchlein im Sinne von „Dass ich heute aufstehe, trägt dazu bei, dass ich meine Ziele im Leben erreiche“ aus dem Bett zu scheuchen. Am Abend zuvor hatte ich mir einen perfekten Spruch zurechtgelegt. Doch als der Wecker klingelte, konnte ich ihn nicht mehr ernst nehmen. Um ehrlich zu sein – verhaltenspsychologische Versuche an mir selbst sind noch nie wirklich auf Erfolg gestoßen.

Ich bemerkte, dass es nichts brachte, mir zwanghaft eine Routine anzutrainieren. Ich ließ es also zu, dass mein Morgen sich von nun an zunehmend unterschiedlich gestaltete: Manchmal schaute ich mir ein dummes YouTube-Video an, um mich aufzuheitern. Manchmal lauschte ich beim Zähneputzen der Sprachnachricht einer Freundin. Ich begann, fast täglich einen Kaffee zu trinken. Manchmal nur Wasser. Meistens betete ich. Manchmal schminkte ich mich, manchmal nicht.

Und so langsam fand ich mich mit dem Frühaufstehen ab. Und ein Vorhaben erwies sich dabei tatsächlich als sinnvoll: zeitig genug das Bett zu verlassen, um halbwegs entspannt in den Tag zu starten.

Wenn du früh aufstehen musst, dann tu etwas, was dir gut tut. Das kann immer mal etwas anderes sein oder jeden Tag das gleiche. Es gibt kein Rezept für den perfekten Morgen, aber wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir schon die erste Stunde des Tages gestresst beginnen. Nimm dir ein wenig Zeit, um zu starten und das nicht immer von 0 auf 100. Tu etwas, was dich motiviert. Drück nicht zu oft auf die „Snooze-Taste“. Aber sei auch nicht zu streng mit dir, wenn du dein Motivationssprüchlein nicht aufsagen kannst. Probier mal etwas Neues aus, wenn du von Kaffee am Morgen gelangweilt bist oder trink ihn voller Genuss jeden Tag, weil er dich eben doch ein bisschen glücklich macht. Denn glücklich sollten wir nicht erst am Feierabend sein.

Auf viele weitere müde, nervige erste Stunden am Tag, deren wertvolle Lebenszeit wir jedoch niemals aberkennen sollten.

Constanze

(photo by congerdesign)