Veröffentlicht in Aus dem Alltag

Eine Ode an die frische Luft

Es gibt so einige merkwürdige Regeln für mein Leben (die ich mir selbst aufstelle, natürlich.) Eine von ihnen lautet: Ein Tag ohne frische Luft ist ein verlorener Tag. Das ich das hier so schreibe, ist bereits ein kleines Wunder, denn ich erinnere mich noch bestens an Tage in meiner Kindheit, in denen ich Spaziergänge langweilig fand. Doch umso älter ich wurde, umso mehr wurde mir bewusst, dass sie absolut meiner Natur entsprechen. Und meine selbsterstellte Regel ist eigentlich einfach, denn im Prinzip hält man sie im Alltag automatisch ein (außer man arbeitet ausschließlich von zu Hause aus – oder man geht durchs Haus in die Garage, steigt ins Auto, steigt in der Tiefgarage eines Bürokomplexes wieder aus, geht ins Büro und das Gleiche zurück).

Eine Runde um den Block

Nur an freien oder Home-Office-Tagen muss ich der Regel ein wenig Aufmerksamkeit widmen. Mein Mann macht sich gern einmal lustig über mich, wenn ich an einem Samstagnachmittag verzweifelt verkünde, dass wir heute noch gar nicht draußen waren. Dann erfinde ich etwas, das wir dringend noch einkaufen müssen. Oder einen Brief, der zur Post gebracht werden muss. Irgendetwas ist doch immer. Und so gut ich im Urlaub stundenlang lesend auf einer Couch verbringen kann, so müssen sich meine Beine doch mindestens einmal bewegen. Zu Hause reicht mir auch eine kleine „Runde um den Block“, wie wir Neubau-Bewohner das nennen. (Wahlweise auch zur Autobahnbrücke. Ich bin überzeugt, es ist ähnlich beruhigend auf eine Autobahn hinabzuschauen wie auf eine weite Wiese – na, fast jedenfalls.)

Danke, liebe Eltern, an dieser Stelle, denn im Prinzip wurde mir das Bedürfnis nach frischer Luft in die Wiege gelegt. Heute finde ich Wanderungen auch gar nicht mehr so schrecklich. Und während ich früher bei Familienfeiern nach dem überaus üppigen Mittaggessen zur Fraktion „Drin bleiben und faulenzen“ gehört habe, findet man mich heute immer häufiger in der Fraktion „Hier ist es eng und stickig, Leute, lasst uns mal rausgehen!“ wieder.

Kein falsches Wetter

Eine zweite, recht neue und dies ergänzende Regel lautet: Es gibt kein zu kaltes Wetter fürs Fahrrad fahren. Und ja, ich fühle mich dabei etwas mütterlich à la: Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Klamotten! Aber stimmt doch irgendwie, oder? Zumindest hier in unseren deutschen, meist moderaten Wetterverhältnissen. Und so habe ich es in den vergangen Wochen und Monaten als etwas unglaublich Befreiendes erlebt, mich Tag für Tag aufs Fahrrad zu schwingen und durch die Eiseskälte zu brausen. Eine gute Winterjacke ist natürlich Voraussetzung, passende Handschuhe, Thermo-Strumpfhose und so weiter. Besonders ich als Frostbeule übertreibe dabei lieber ein bisschen. Matschiger Schnee und Glätte hielt mich an ein paar Tagen dann doch auf, aber Kälte allein nicht. Ihr sagte ich den Kampf an.

Früher hätte ich das als sehr anstrengend empfunden, aber ich stelle fest, dass es nur eine Frage der Gewöhnung und Routine ist. (Genauso übrigens wie mit der „Fahrrad-aus-dem-Keller-holen“-Sache, siehe hier.) Ich darf mich außerdem glücklich schätzen, dass ich nur selten in Kälte und Dunkelheit früh das Haus verlassen muss. Dennoch gab es ein paar Tage, an denen meine Finger- und Fußspitzen fast erfroren sind und ich die Klamottensituation noch einmal überdenken musste. Dann bin ich mit nur einer Hand am Lenker gefahren, während die andere sich in der Jackentasche aufwärmte, aller paar Minuten wechselnd. Und ja, natürlich war ich nicht immer hochmotiviert, mich spät am Abend noch aufs Fahrrad zu schwingen, um nach Hause zu kommen. Aber – und es ist mir egal, wenn ihr hierbei wie ein Fitness- und Gesundheitsguru klinge – ich blieb in Schwung! Ich fühlte mich fit und wach und gesund.

Sport für Introvertierte

Seit April vergangenes Jahres habe ich das Fahrrad fahren schätzen und lieben gelernt. Es ist nicht der Sportaspekt, der mich dabei primär motiviert. Es ist zum einen der Fakt, dass ich mich dabei selbst transportiere, wann ich will und wie schnell ich will, und zum anderen meine neue Liebe, die frische Luft. Nicht nur der Körper bleibt durch diese Form des Transports in Schwung, auch die Psyche wird jedes Mal ordentlich durchgepustet und erfrischt.

Mein introvertiertes Gehirn hat während einer durchschnittlichen Fahrt von 20-25 Minuten genügend Zeit, Probleme zu durchdenken, in Traumwelten zu versinken oder das Abendessen zu planen. Und all die Beobachtungen! Natur und Mensch, sie bleiben Phänomene für mich. Die Sportler, die ich mehrmals in der Woche bei Wind und Wetter ihre Bälle ins Tor schießen sehe und deren Durchhaltevermögen ich bewundere. Zwei Schwäne, die einsam und still auf der Saale entlangschwimmen bevor sie majestätisch abheben und hinter den Bäumen verschwinden. Senioren, die auf ihren E-Bikes verblüffend schnell an mir vorbeidüsen. (Neid? Bloß nicht!) Rennradfahrer, die mich eher als Hindernis statt als menschliches Wesen betrachten. Schüler, die erleichtert das Schulgebäude verlassen. Laut klingelnde Straßenbahnfahrer – ja, doch, ich bleibe an der roten Ampel stehen! Und mein ultimativer Tipp für steile Berge: Einfach ein paar Meter vorher ganz tief in Gedanken versinken, zum Beispiel hochkonzentriert über ein anstehendes Projekt nachdenken oder dir dein ideales Leben in fünf Jahren in allen Details ausmalen. Kaum hast du mit der Wimper gezuckt, schon bist du oben angekommen!

Frische Luft macht gesund?

Ich möchte glauben, dass es an der Bewegung und der frischen Luft liegt, dass ich im ganzen Winter bisher nicht krank geworden bin. Natürlich hängt die Gesundheit auch mit vielen anderen Faktoren zusammen, aber lasst es mich mir einfach einreden. Andere schwören auf Vitaminpräparate oder Yoga. Brauchen wir nicht alle unser persönliches Mittelchen, durch das wir uns fit und gut fühlen? Ich sage ja zur frischen Luft und Bewegung, auch im Winter. Und so sehr ich den Frühling liebe und die ersten Sonnenstrahlen in mir aufsauge, so sehr möchte ich auch aus den ungeliebten Jahreszeiten das Beste machen.

Es bleibt weiterhin ein Zwispalt – mein Bedürfnis nach frischer Luft und mein Hang zum Frieren im Winter. Gehörte ich doch früher auf jeden Fall zu dem Teil der Klasse, der lieber ersticken als erfrieren wollten, wenn ein Lehrer das Klassenzimmer betrat und sich über den Luftzustand im Raum entrüstete. Heute halte ich es aus, beiße die Zähne zusammen und lasse das Stoßlüften über mich ergehen.

Geh raus! Bleib in Bewegung! Zieh dich warm an! Denn vielleicht komme ich unerwartet um die Ecke gedüst, versunken in irgendeiner Traumwelt…

Constanze